Ich habe vor ein paar Wochen hier einen Artikel über die verschiedenen Adaptionen von Alexandre Dumas‘ Der Graf von Monte Christo geschrieben. Ein besonderes Augenmerk habe ich dabei auf Wildhorns Musical gelegt und auf die Veränderung, Albert de Morcerf zum unehelichen Sohn des Grafen selbst umzudeklarieren (eine Wendung, die wie die meisten eher unerfreulichen Züge des Musicals von der Filmversion von 2002 übernommen wurde). Dass ich das für eine so unüberlegte wie törichte Idee halte, habe ich schon gesagt, aber hier möchte ich erklären, warum diese Veränderung für mich so direkt eine der Grundbotschaften des Romans pervertiert.

Das Buch Der Graf von Monte Christo hat bei all seiner Komplexität eine sehr direkte Grundstruktur. Drei Männer waren es, die Edmond Dantes zu ihrem jeweiligen Vorteil verraten haben (dazu Caderousse, der zwar eine Mitschuld trägt, aber nicht zu den Hauptverantwortlichen gehört), und alle drei erhalten am Ende durch den Grafen ihre lang verdiente Strafe. Wie es in der Kurzserie mit Gerard Depardieu so prägnant ausgedrückt wird: Morcerf giert nach seinem Ruhm, Danglars am Geld und Villefort an der Macht, die er als Staatsanwalt innehat. Diese Triebe waren der Grund, der die Drei einst zu ihrem Verrat gebracht hat – für Morcerf ging es um die schöne Frau, für Danglars um die Position als Kapitän und für Villefort um seine gehobene Stellung – und auch nach ihrem jeweiligen Aufstieg in Paris sind dies die Schwächen, die die drei Männer ausmachen.
Und auch wenn die Sünden der Vergangenheit wohl ausgereicht hätten, um den Rachedurst des Grafen anzutreiben, so ist es nicht das alleine: Alle drei haben in der Zwischenzeit wieder gefehlt, Morcerf als Kriegsverräter, Danglars als Spekulant und Villefort als versuchter Mörder, nur um ihren Schwächen weiter zu frönen. Nach menschlicher wie nach göttlicher Logik ist die Bestrafung der Drei durchaus begründet; sie hat einen geradezu fatalistischen Klang. Doch es gibt dabei noch einen interessanten Zusatzaspekt: Alle drei haben Kinder, die alt genug sind, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen.

Der Graf von Monte Christo übt Gerechtigkeit, doch dabei schert er sich die meiste Zeit wenig um Kollateralschäden; er manipuliert die Pariser Börse und nimmt die verschiedenen Tode im Hause Villefort billigend in Kauf. Und anfangs sieht es für die Kinder seiner Feinde nicht anders aus: Im Zuge der verschiedenen Intrigen wird Albert de Morcerfs Heirat hintertrieben und sein Ruf ruiniert, Eugenie de Danglars‘ Vermögen verschwindet mit dem ihres Vaters, und Valentine de Villefort gerät in tödliche Gefahr.
Doch mit der Zeit wird dem Leser klar, die Kinder haben diese Bestrafung nicht verdient; sie alle drei sind unschuldig, und gerade mit den Schwächen ihrer Väter haben sie nichts zu tun. Und auf eine Weise, die ganz wie göttliche Fügung erscheint, ist es schließlich genau das, wodurch die Drei gerettet um zum Teil sogar belohnt werden.
Albert de Morcerf ist ehrenvoll und teilt die Ruhmessucht seines Vaters nicht, und alleine deshalb entgeht er dem sicheren Tod im Duell. Eugenie de Danglars schert sich nicht um den Reichtum und wünscht nur die Freiheit, mit ihrer Geliebten zusammen zu sein – gerade das, was sie durch den Ruin ihres Vaters erhält. Und Valentine de Villefort gelangt an Liebe und Vermögen, gerade weil es ein einfacher Reedereiinhaber ist, den sie sich zum Gatten wünscht.

Für mich wird Der Graf von Monte Christo als Geschichte absoluter Gerechtigkeit erst durch diesen Zusatz vollkommen. So hart und unbeugsam sich das Schicksal in Gestalt des Grafen den Sündern zeigt, so wahrhaft gerecht verläuft es doch für deren unschuldige Kinder. Und gerade deswegen halte ich die Änderung von Alberts Herkunft im Musical für eine solche Perversion. Wenn man aus diesem Machwerk nun noch irgendeine Aussage ziehen will, so nur die, dass ein guter Mensch zwingend auch das Kind ebenso guter Eltern sein muss – eine wohl mehr als zweifelhafte Moral.
Das Buch dagegen zeigt sich nicht nur in seiner Geschichte, sondern gerade im Aufbau der Figuren gerecht, wenn selbst der schlimmste Schurke einen ehrenhaften Sohn hervorbringen kann. Und nicht zuletzt deshalb bleibt Der Graf von Monte Christo für mich unbestritten Dumas‘ großer Geniestreich.