Wir alle leben in Einteilungen und Klassifizierungen; das ist für uns Menschen die natürliche Art, unsere Welt zu begreifen. Wir modellieren unsere Umwelt für unseren Geist nach – und wie alle Modelle ist das Ergebnis generell hilfreich, aber falsch. Denn natürlich ist die menschliche Einteilung in den meisten Fällen zu simpel gehalten. Das führt zu vereinfachten Kategorien, zu Vorurteilen und schlimmstenfalls Diskriminierung. Und was in der Gesellschaft ein Problem darstellt, ist im Bereich der Kunst um keinen Deut besser.

Ganz allgemein lassen sich die vielen verschiedenen Arten von Geschichten, die wir in Filmen und Büchern erleben, in verschiedene Genres unterteilen. Es sind einfache Labels, die helfen sollen, einen ersten Eindruck zu vermitteln, die es einfacher machen, über verschiedene Filme zu reden, und die schlicht ein gewisses Ordnungssystem im Dschungel der Kunst darstellen. Wenn ich höre, dass ein bestimmter Film eine „Komödie“ ist, so weiß ich direkt, auf welche Stimmung ich mich einzustellen habe, und ich kann einschätzen, ob ich gerade Lust auf diese Art Film habe.
Das Problem an diesem Prinzip ist, dass Genreeinteilungen nicht nur aus ihrer Definition heraus stark vereinfachend funktionieren, sondern dass sie auch in ihrer Unterteilung mehr als uneindeutig und schlichtweg missdeutend sind. Das fängt ja schon damit an, dass die Genres sich in verschiedene Kategorien einteilen lassen, die alles andere als vergleichbar sind: Da gibt es die Zeit-Genres wie „Historischendrama“ oder „Science-Fiction“, die Ort- oder Epochen-Genres wie „Western“ oder „Mantel-und-Degen-Film“, die Themen-Genres  wie „Liebesromanze“ oder „Krimi“, oder auch Genres, die nur Medium oder Erzählweise definieren wie „Zeichentrick“ oder „Musical“. Und diese Punkte sind nicht nur frei miteinander kombinierbar, selbst innerhalb der einzelnen Kategorie ist die Bezeichnung oft alles andere als eindeutig.
Gleichzeitig ist es in bestimmten Fällen wiederum so, dass eine „klassische“ Einteilung dem Film selbst nicht gerecht werden würde. Wer würde Die Tribute von Panem geradlinig als Science-Fiction definieren? Wer würde Pocahontas als Western darstellen, oder Tim Burtons Alice im Wunderland als klassischen Animationsfilm?
Nein, die Genreeinteilung ist nicht dazu da, penibel nur die Eigenschaften eines Werkes abzuhaken. Stattdessen geht es dabei mehr als alles andere um das Feeling eines Werkes: Wenn ich das Genre eines Filmes höre, soll ich einen reinen Eindruck davon bekommen, was mich in diesem Film erwarten wird. Diese Hilfestellung ist der eigentliche Sinn von Genres, und diese Sache machen sie im Allgemeinen ganz gut – eben gerade gut genug, um die Wahl an der Kinokasse oder die Kaufentscheidung in der Buchhandlung kurzfristig zu vereinfachen.

Wo also liegt das Problem an der ganzen Sache? Nun, ein Problem gibt es schlicht da, wo die offensichtliche Genreeinteilung nicht mit Stimmung und Inhalt eines Werkes übereinstimmt.
Zeichentrickfilme gelten allgemein als Kinderfilme und finden dementsprechend meist nur ein sehr gezieltes Publikum. Dass dieser Zusammenhang nicht verallgemeinerbar ist, ist eigentlich klar genug, und trotzdem verliert durch diese Assoziation ein gesamtes Medium den direkten Anschluss zu den anderen Genres.
Wann wurde Ein Königreich für ein Lama je als Buddy-Komödie gehandelt? Wann wurde Die Schöne und das Biest als Liebesdrama verkauft, oder Der Schatzplanet als visionäres Steampunk-Abenteuer?

Durch solch simple Genreeinteilungen werden immer wieder ganze Publikumsgruppen implizit von den Filmen ausgeschlossen, und das nur, weil die oberflächliche Einteilung nicht ausreicht, die wirkliche Stimmung des Werkes adäquat zu vertreten. In seiner absurdesten Ausprägung sorgt dieses Problem dann für Stilblüten wie die historisch gewachsene Golden-Globe-Einteilung von „Musical oder Komödie“.
Und eine Folge dieses Schubladendenkens ist natürlich, dass die Filme selbst immer wieder in dieselben Kerben schlagen. Wenn ein Western eben so-und-so auszusehen hat, wenn das-und-das von einem Science-Fiction-Film erwartet wird, dann müssen sich die neu geschaffenen Filme eben dieser Erwartungshaltung anpassen. Schließlich beugen sich die Kunstwerke den feststehenden Schubladen, anstatt dass sich die Unterteilungen der bestehenden Kunst anpassen. Diese Verfahrensweise führt zu einem immer stärkeren Festfahren der Genres, und damit zu immer weniger Innovation und neuen Denkansätzen.

Natürlich gibt es dabei immer Ausnahmen. Quentin Tarantino hat es geschafft, Inglourious Basterds allgemein als Western zu definieren statt als Kriegsdrama – eine Einteilung, die ebenso faktisch falsch wie intuitiv eindeutig richtig erscheint. Den Pixar-Studios gelingt es regelmäßig, ihre Filme im Marketing weniger als Animationsfilme darzustellen, sondern als das, was sie wirklich sind: Buddy-Komödie, Familiendrama, Superheldenfilm.
Und doch ist gerade bei Pixar wieder zu bemerken, dass ihre Filme (zusammen mit den entsprechenden Dreamworks-Werken) mit der Zeit nur zu einem neuen festgefahrenen Genre geführt haben: die lustigen Animations-Actionabenteuer für Kinder, mit genug Erwachsenen-Humor, um jedem Alter zu genügen. Es ist ein Stereotyp, der bis zu den letzten Disney-Erfolgen in sich wieder absolut festgelaufen schien.
Das Prinzip, das sich bei dieser Betrachtung herausschält, scheint klar. Es braucht gewaltige Anstrengung und eine Menge guten Willens des Publikums, um die festen Muster aufzubrechen – und beinahe noch größere Anstrengung, um das neue Prinzip nicht wieder zu einem festen Muster werden zu lassen.

Was man gegen diese Art von Schubladendenken unternehmen kann? Ich weiß es nicht. Unser Gehirn arbeitet schlicht in festen Strukturen und in Mustererkennung, und so werden wir immer versuchen, die vorhandenen Werke so einfach wie möglich in entsprechenden Kategorien zu verstauen.
Es mag helfen, wenn wir versuchen, neue Filme eben nicht entsprechend der althergebrachten Systeme zu unterteilen. Wenn wir sie auf sinnvolle Weise beschreiben und bewerben, und wenn wir selbst versuchen, so unbefangen wie möglich an neue Werke zu gehen. Und es bleibt der Trost, dass selbst Hollywood es immer wieder einmal wagt, auch trotz seiner festen Genreeinteilung einen neuen Pfad einzuschlagen. Diese Art Pioniertum zahlt sich schließlich auch für sie oft genug über die Maßen aus.