Ich persönlich halte Chocolat für einen charmanten, wundervollen Film, der auf einem äußerst unangenehmen Roman basiert. Ich habe mit Chocolat und Feuervolk zwei sehr unterschiedliche Werke von Joanne Harris gelesen, die mich gemeinsam zu der Meinung gebracht haben, dass ich die hasserfüllten, antireligiös-hetzenden Bücher der britischen Autorin schlicht nicht leiden kann.
Der Film hingegen nimmt nun dieses düstere Buch, entfernt einen Gutteil der negativen Propaganda und lässt nur die Botschaft von Toleranz und Nächstenliebe zurück. Unnötig zu sagen, dass die Autorin selbst von diesen Veränderungen alles andere als begeistert war; sie verglich den Unterschied zwischen Verfilmung und Original mit dem zwischen braver Milchschokolade und echtem, ursprünglichem Zartbitter. Nun, ich bin wohl allgemein die Erste, die dunkle Töne und eine düstere Stimmung in einem Werk zu schätzen weiß – aber was die Romanversion von Chocolat ausmacht, ist nicht Düsternis, sondern die direkte Hetze. Das Buch will in dem „Kampf“ zwischen fundamentalistischer Religion und Toleranz schlicht die eine Seite verkünden, indem es die andere verteufelt.
Wenn der Film dagegen die Geschichte „vernettet“, so geschieht es dadurch, dass er keinen wirklich Bösewicht mehr übrig lässt und die verschiedenen Figuren stattdessen als mehrdimensionale Wesen zeichnet. So macht er aus einem düsteren Kindermärchen mit einer typischen Schwarzweiß-Ideologie eine bezaubernde Erwachsenenparabel mit einer wirklichen Aussage.

Aber was mich hier interessiert sind gar nicht die moralischen Aussagen von Buch und Film – diese sind in beiden Werken offensichtlich genug. Die Geschichte der Schokoladenverkäuferin Vivianne Rocher, die die verkrampft-demutsvolle Stimmung einer kleinen französischen Stadt aufzubrechen vermag und schließlich sogar den bigotten Bürgermeister in einen fastenzeitlichen Schokoladentaumel stürzt, wirkt als Parabel deutlich genug. Was ich jedoch hier beleuchten möchte, ist die Rolle des Mystischen in der Geschichte, und die Parallelen, die sich zu einer ganz anderen Romanverfilmung ziehen lassen.

In der gesamten Erzählung ist Vivianne wie guter ein Geist, der über die kleine französische Stadt kommt. Sie wird geradewegs vom Nordwind gebracht, um der Gemeinde zu helfen, und so erweckt sie schließlich die gesamte Stadt, und ändert die alteingesessene, verkrampfte (aber nicht böse!) Geisteshaltung. Was wichtig ist: Sie schafft eine Veränderung, die bleibend ist – auch wenn im Film immer wieder betont wird, dass sie selbst wohl nicht bleiben wird. Mit dem Nordwind sind sie und ihre Tochter gekommen, mit dem Nordwind müssen sie am Ende weiterziehen, so heißt es immer wieder.
Und es wird gezeigt, dass diese Entwicklung in sich stimmig ist!
Auch wenn sich das Ende des Films schließlich „brav“ gibt und Vivianne ein Happy End verschafft, so ist doch klar, dass diese Unterbrechung des Kreises nicht nötig wäre. Es ist eine starke Kraft, die hier in der Stadt zugange ist – eher die Kraft des Nordwindes selbst, der für eine begrenzte Zeit in ihr wirken kann. Eine Kraft, die Familien richtet, die Meinungen verändert und Lebensanschauen berührt.
Und dass diese Kraft, dass der unaufhaltsame Nordwind schließlich weiterziehen muss, ist dabei kein Problem – er hat seine Arbeit geleistet.

Damit steht Vivianne ganz auf einer Linie mit einer noch weit berühmteren Roman- und Filmfigur, die wie sie vom unnachgiebigen Wind gezogen und geleitet wird. Für Mary Poppins ist es allerdings nicht der Nord-, sondern der Ostwind, der sie zu Anfang des Disneyfilmes mit sich nach London führt.
Und auch wenn die Motive des fliegenden Kindermädchens noch weit undurchsichtiger sind als die der fahrenden Schokoladenverkäuferin, so teilen sie doch die gleiche Unwillkürlichkeit in ihren Handlungen. Wie Vivianne, so landet auch Mary Poppins ganz unerwartet in einer festeingesessenen Gemeinschaft, in einem Haushalt, in dem sie zwar eher unerwünscht ist, gleichzeitig aber umso mehr gebraucht wird. Und auch sie übt Veränderungen in den Menschen, so subtil, dass die Familienmitglieder es erst bemerken, wenn die Stifterin beinahe schon wieder verschwunden ist.
Alleine mit ihrer Einstellung, und mit ihrer Fähigkeit, die Einstellungen anderer zu beeinflussen, kann sie schließlich die Familie heilen.

Gerade einer der auffälligsten, und dabei wohl aussagekräftigsten Tricks ist bei beiden Frauen gleich: Ob es um Viviannes Schokolade geht oder um die Medizin, die Mary Poppins den Kindern wunschgemäß einzuschenken weiß, beide haben ein unwahrscheinliches Geschick darin, zu erkennen, was andere Menschen wünschen, oder – sehr viel wichtiger – was sie brauchen.
Und wenn Vivianne auch keine direkte Magie wirkt, so kommen ihre Talente für ganz besondere Schokolade daran doch nahe genug.

Dass Mary Poppins in ihrem Film dabei um einiges unnahbarer, unerklärter herüberkommt als Vivianne, liegt vor allem an der Sichtweise der beiden Filme. Schließlich ist Mary Poppins ganz aus Sicht der erstaunten Kinder geschildert, während Chocolat Viviannes eigenes Gefühlsleben schildert. Doch wer kann sagen, wenn man sich das so unnahbare Kindermädchen anschaut, ob sie nicht innerlich genauso unsicher, von einem fremden Schicksal getrieben ist wie ihre windgepeitschte Genossin?
Vielleicht wäre auch Mary Poppins glücklicher, wenn sie ein dauerhaftes Heim fände. Wenn sie auch keine direkte Romanze hat, so hat sie mit Bert doch genug an Freund und Halt, dass die Sehnsucht nach einem festen Platz auch für sie stets vorhanden sein muss.

Wenn Mary Poppins am Ende des Films sagt, „Was würde aus mir, wenn ich alle Kinder liebte, von denen ich mich verabschiede?“, so ist klar, dass die harten Worte nicht aufrichtig kommen. Aber auch sie, das magisches Kindermädchen, das mit dem Wind reisen kann, braucht wohl hin und wieder eine kleine Lüge, um die eigene Existenz zu ertragen. Denn das ist in mancher Hinsicht wohl der größte Unterschied zwischen Mary Poppins und Vivianne: Mary Poppins hat keine Tochter, keine Begleitung, die ihr auf ihrer einsamen Wanderung beisteht.
Am Ende nimmt Mary Poppins sprechender Regenschirm vielleicht eine nicht gar so unterschiedliche Rolle ein, wie Pantoufle, das eingebildete Känguru und der einzige Freund der kleinen Anouk.