Zu dem weitreichenden Kosmos von L. Frank Baums Zauberland Oz, das sich neben den vierzehn von ihm selbst geschriebenen Büchern noch aus ungezählten Adaptionen anderer Künstler und nicht zuletzt dem Filmklassiker Der Zauberer von Oz von 1939 zusammenfügt, ist eine neue Bearbeitung hinzugekommen: Die fantastische Welt von Oz
Das neue Fantasy-Spektakel aus dem Hause Disney erzählt, wie der Zauberer von Oz in dem nach ihm benannten Lande ankommt und zu dem wird, was er ist – oder besser gesagt, was er vorgibt, zu sein. Doch neben dieser Entwicklung von „Oz, dem Großen und Mächtigen“ selbst, ist es vor allem die Geschichte von Glinda, Theodora und Evanora, der drei Hexen von Oz und ihrer ambivalenten Beziehung zueinander.

Schon durch die Wahl der Postermotive steht klar, auf welcher Hexe die Betonung des Filmes liegt: Natürlich ist es die ikonischste aller Bewohner von Oz, die Böse Hexe des Westens in ihrer seit 1939 fest definierten Erscheinung mit grüner Haut und qualmendem Besen, der neben dem Zauberer selbst das emotionale Hauptaugenmerk zuteilwird.
Und dabei nutzt der Film nicht einmal die Spannung der Frage, welche der Frauen, die sich zu Beginn des Filmes noch jeweils selbst als „gute Hexe“ bezeichnen, schließlich zum grünen Schreckgespenst werden wird – jeder Zuschauer, der dieser Information im Vorhinein noch entgangen sein sollte, wird spätestens im Vorspann des Filmes auf atmosphärische Art auf die Wandlung vorbereitet. In der Tat kann der Film das Wissen um diesen „Twist“ weit effektiver nutzen, als es ein Überraschungsmoment gekonnt hätte, denn die Rolle der bösen Hexe ist stark genug angelegt, um die Wirkung der schleichenden, doch unaufhaltsamen Tragödie für eine anfangs positive Figur voll zu nutzen.

Spätestens durch diese Herangehensweise an die Figur der Hexe des Westens wird klar, dass es nicht nur die Liebhaber des Zauberer von Oz sind, an die sich Disney mit seinem Prequel wendet. Wenigstens genauso stark richtet sich der Film an die riesige Fangemeinde von Wicked, Gregory Maguires Neuinterpretation des Oz-Stoffes, die sich voll und ganz auf die Sichtweise von Elphaba, der ach so „bösen“ Hexe konzentriert. Maguires Buch und das darauf basierende Musical stellen die einzige Bearbeitung des Zauberer von Oz dar, die in ihrer Popularität auch nur annähernd an den Filmklassiker heranreicht, und somit scheint es nur logisch, dass Disney sich dieses große potentielle Zielpublikum nicht entgehen lassen wollte – auch wenn dies für den neuen Film zwangsläufig zu einer schwierigen Frage führt: Wie kann sich Die fantastische Welt von Oz vornehmen, zwei stilistisch derart unterschiedlichen Vorbildern wie dem Filmmusical von 1939 und dem dystopischen Roman über die böse Hexe gleichzeitig nahezukommen?

Der Hauptunterschied zwischen Die fantastische Welt von Oz und Wicked ist offensichtlich: Der Disneyfilm macht kein Hehl daraus, dass er ein direktes Prequel zu dem Film Der Zauberer von Oz darstellen will. Von den Figurenkonstellationen über die Designentscheidungen bis zu den künstlerischen Mitteln stellt sich Die fantastische Welt von Oz offen als Teil desselben Kanons dar, und die geringfügigen Einschränkungen, die Disney sich aufgrund fehlender Rechte auferlegen musste, werden die Zuschauer ohne das entsprechende Vorwissen wohl kaum zur Kenntnis nehmen.
Wicked dagegen behauptet nie auch nur für einen Moment, sich an die Regeln des Originals halten zu müssen, und benutzt die Bekanntheit des Filmes nur dazu, der eigenen freien Neuinterpretation mehr Gewicht zu verleihen.
Aber dennoch sind die Herangehensweisen der zwei großen Bearbeitungen eindeutig vergleichbar; beide Werke beziehen sich in Inhalt und speziell in ihrer Optik bewusst auf den alten Klassiker, um gleichzeitig ihre eigene Vorgeschichte der magischen Rahmenfiguren zu präsentieren; des Zauberers und der drei Hexen, wie sie im Film 1939 definiert wurden.
Selbst die Ausprägung eben dieser Hexen ist bemerkenswert parallel verlaufen: Hier wie dort wird Glindas Status als gute Hexe nur leicht angetastet, ebenso wie die Natur der Bösen Hexe des Ostens. Es ist die Böse Hexe des Westens, die große Spukgestalt des Originals, die in beiden Adaptionen am meisten in den Scheinwerfer rückt und wenn auch keine volle Entschuldigung, so doch zumindest eine gut nachvollziehbare Erklärung für ihre Entwicklung erhält. Und es ist deutlich, dass beide Werke sich bemühen, ihre Geschichte ernsthaft zu präsentieren, und statt der simplen Märchenlogik des Originals auch Schattenseiten und moralische Zwiespalte darstellen wollen.

Doch gerade aus dieser Bemühung um Bedeutsamkeit entspringt der große Unterschied zwischen Wicked und Die fantastische Welt von Oz: Beide Werke nehmen sich ernst, doch nur Wicked verfügt über die Möglichkeit, diesen Ansatz bis zum Anschlag auszuführen.
Die Wicked-Bücher von Maguire bieten ein neues Universum, das Baums originale Welt erweitert und oft genug negiert, um sie zu einer realen, erwachsenen Umgebung zu verwandeln. Die fantastische Welt von Oz dagegen will sich ja bewusst an den alten Film halten, und kann statt „anders“ nur „mehr“ bieten, um dieses vorgefertigte Universum auszubauen – die Folge ist ein Mischmasch aus verschiedenen Stilen, der sich konsequent durch den gesamten Film zieht.
Diese Mischung aus Märchen, Fantasywelt und Drama ist nicht per se zu verurteilen, vor allem da klar wird, dass es sich nicht um einen Unfall, sondern um eine bewusste Stilentscheidung handelt. Es gibt große Gefühle, Liebesdramen und Tragödien, die den Zuschauer einladen, die fantastische Welt wirklich ernst nehmen zu dürfen und die böse Hexe als tragische Gestalt zu akzeptieren, doch auf der anderen Seite sorgen kindgerechte Komik, kuschelige Tiere und eine typische Märchenlogik dafür, dass die Verbindung nicht nur zum jüngeren Publikum, sondern vor allem zum Originalfilm stets gehalten wird.
Aber auch wenn diese Brüche konsequent und bewusst durchgezogen sind, kommen die verschiedenen Ebenen, die durcheinander angesprochen werden, nicht umhin, sich immer wieder gegenseitig den Atem zu nehmen. Immer wieder gibt es Stellen, die man als Zuschauer nur mühsam so ernst nehmen kann, wie man es gerne wollte: Die Wandlung der vom Grundsatz her „guten“ Frau zur bösen Hexe wird zwar als realistisches Drama erzählt, doch dieses Drama bleibt allzu offensichtlich auf der simplen Logik einer Kindergeschichte aufgebaut.
Ähnlich sieht das Problem umgekehrt bei der Charakterisierung der guten Hexe aus. Dadurch, dass Glinda nun in diesem größeren Rahmen einer nicht eindeutig bösen Gegnerin gegenübergestellt wird, ist ihr Status als durch und durch „gute Fee“ nicht mehr rein selbstverständlich und sie muss sich in ihrer Rolle auch abseits des Märchenschemas behaupten – was ihr bei genauerer Hinterfragung nicht immer ganz gelingt.

Insgesamt wird überdeutlich, dass der Film von seinen Ambitionen und seiner Qualität her über das Potential verfügt hätte, sich als ernsthaftes, großes Drama auf das Niveau von Wicked zu erheben – nicht zuletzt, da er sich auch so stark an dasselbe Klientel wenden will. Es ist schließlich kein Zufall, dass gerade die Figur der Hexe des Westens die gequälte Seele darstellt, und auch das Bild der brennenden Tränen war zu stark, als dass es nicht in beiden Werken auf kraftvolle Weise genutzt worden ist.
Aber natürlich war es eine sehr bewusste Entscheidung, dass Die fantastische Welt von Oz nicht diesen Pfad eingeschritten ist. Es war ja gerade das Ziel, einen – wenn auch inoffiziellen – Vorgängerfilm zum Zauberer von Oz zu schaffen, und dafür war es unumgänglich, auch die Perspektive dieses knallbunten Märchenfilmes mit hineinzunehmen. Selbst die aufwändige 3D-Technik scheint direkt von dem geistigen Vorbild inspiriert zu sein; wie der seinerzeit die Mittel des Farbfilmes nutzte, so zögert auch Die fantastische Welt von Oz nicht, die Mittel der modernen Filmkunst voll und ganz auszuschöpfen, um eine so spektakuläre Fantasiewelt zu schaffen, wie es nur irgend möglich erscheint.

Doch auch wenn nicht zu übersehen ist, auf welch rational durchgeplantem Boden die Zutaten für den neuen Film gewachsen sind, fügen sich diese Teile zu einem, wenn nicht sprunglosen, so doch kohärenten Ganzen zusammen. Die fantastische Welt von Oz schafft es, sowohl als guter, eigener Film zu funktionieren, als auch seiner Intention als Prequel gerecht zu werden. Und wenn auch die Frage bleibt, ob ein anderer Ansatz dem Film noch weit besser hätte tun können, so steht doch außer Frage, dass das Endprodukt seine Ziele gut erfüllt.