Man könnte Alexandre Dumas‘ Klassiker Der Graf von Monte Christo wohl als die ultimative Vergeltungs-Geschichte bezeichnen: Ein junger Seemann wird von seinen Freunden verraten und verbringt 14 Jahre unschuldig im Kerker, ehe er schließlich fliehen kann und als reicher Graf zurückkehrt, um sich an seinen Peinigern grausam zu rächen. Abgesehen von den eigenen Adaptionen hat das Buch auch ganz allgemein einen großen Einfluss auf die heutige Zeit ausgeübt, ob es nun als Inspirationsquelle dient, wie für Sondheims Sweeney Todd, oder ob das Werk wie in V wie Vendetta ganz offen referenziert wird.
Dabei stellt sich mir aber gerade bei Letzterem die Frage, warum es speziell die Verfilmung von 1934 ist, die V Evey im Film zeigt. Gerade diese Adaption der Geschichte endet nicht nur wenig originalgetreu, sondern geradezu schmerzhaft kitschig, so dass Eveys Bemerkung, dass die Rache dem Grafen wichtiger war als seine Liebe, hier kaum zuzutreffen scheint – auch wenn es zugegebenermaßen wenige Verfilmungen gibt, in denen dieser Punkt des Buches wirklich deutlich wird.

Es ist das Schicksal aller großen Werke, dass sie wieder und wieder adaptiert werden und dabei verschiedensten Veränderungen unterliegen, und doch empfinde ich das Schicksal des Grafen von Monte Christo in gewisser Weise als Spezialfall. Vielleicht sind die Verweichlichungen hier spürbarer, weil der Charakter der Vorlage wirklich außergewöhnlich hart erscheint, und das für heutige Leser womöglich noch mehr als damals. Gerade in unserer Zeit gilt Selbstjustiz allgemein als ein schwieriges Thema, das nur behandelt werden kann, solange die Handlungsweise negativ dargestellt wird – oder aber über die Maßen positiv und verständlich. Edmond Dantès, der Graf von Monte Christo, zeigt sich im Buch als kalter Mann, der seine Suche nach Gerechtigkeit verfolgt, vollkommen egal, was der Leser davon denken mag. Anders dagegen in den verschiedenen Adaptionen, die ihn im Allgemeinen mit so viel Menschlichkeit ausstatten, dass all sein Handeln sympathisch und vollkommen nachvollziehbar erscheint.
Ein eng damit verketteter Punkt ist die Frage der Liebesgeschichte zwischen Dantès und Mércèdes, eine Liebe, deren Feuer sich im Original gelegt hat, lange bevor der eigentliche Rachefeldzug beginnt. Für ein heutiges Publikum ist dieser Aspekt allerdings wohl viel zu wichtig, als dass man ihn derart „vernachlässigen“ könnte; um Dantès sympathisch zu machen, muss er mehr aus Liebe denn aus Rache handeln und somit ist eine verfälscht-zuckrige Wiedervereinigung im Allgemeinen vorprogrammiert. In diesem Sinne kenne ich mit der Richard-Chamberlain-Verfilmung von 1974 auch nur eine Adaption, die das bittersüße Ende des Buches übernimmt. 

Generell scheint es ein guter Indikator für die Qualität einer Verfilmung zu sein, welche Betonung sie auf die Zeit vor Dantès‘ Verhaftung legt, und ganz allgemein auf die Liebesgeschichte selbst. Die französische Miniserie mit Gerard Depardieu beginnt trotz ihrer sechsstündigen Laufzeit bereits im Château d‘If und nimmt sich dafür Zeit, ausführlich auf den Rachefeldzug des Grafen einzugehen – allerdings auch genauso auf sein Innenleben, seine tieferen Gefühle und, natürlich, auf seine nie erloschene Liebe zu Mércèdes. Und das, obwohl die so oft übersehene Haydée in dieser Fassung sogar vorkommen darf.
Eine andere Fassung, die genug Zeit für die politischen Ränkespiele der Geschichte aufwendet, ist der Anime Gankutsuou – Le Comte de Monte-Cristo. Diese emotional wohl härteste Adaption des Buches beginnt sogar erst mit dem Aufeinandertreffen von Albert de Morcerf und Monte Christo, und da sie größtenteils aus Alberts Sicht erzählt ist, bleibt dem Grafen die ihm gebührende Kälte und Undurchschaubarkeit erhalten. Doch trotz dieses guten Ansatzes und eines durchgängig packenden Stils schafft es die Serie nicht, im entsprechenden Moment abzubremsen und den richtigen Tonfall für das Ende zu finden: Statt seinen langersehnten Seelenfrieden zusammen mit Haydée genießen zu dürfen, muss Dantès hier schließlich mit dem Tod für sein hasserfülltes Handeln bezahlen.
Menschliche Wärme oder bis ins Extrem gehende, zornige Rachsucht, das scheinen die möglichen Wege zu sein, die eine Bearbeitung des Stoffes dem Grafen aufzeigt – der geradezu mathematischen Gefühlskälte des Originals weicht man in jeder Adaption eilig aus. Wenn ich nun sagen sollte, was genau eine geglückte Verfilmung des Stoffes für mich ausmachen würde, so breche ich den gesamten Roman auf eine Komponente herunter: Es ist der Charakter des Grafen, in all seinen Facetten und Wandlungen, den ich sehen will, und der offensichtlich so schwer für ein heutiges Publikum darzustellen ist.

Gerade habe ich Wilhorns Musical-Adaption des Grafen von Monte Christo bei den Freilichtspielen Tecklenburg besucht, und ich kann sagen, gerade diese Version macht praktisch alles falsch, was sie nur falsch machen kann.
Es ist klar, dass ein Musical die Handlung eines Romans (und gerade eines Wälzers wie dieses) in gewissem Maße zusammenfassen muss – allerdings gelingt es auch der Adaption von Les Misérables, ihre Vorlage würdig darzustellen, und Elisabeth zeigt, welch komplexe Handlung im Musiktheater problemlos in zwei Stunden dargestellt werden kann. Die Musical-Version des Grafen von Monte Christo dagegen zeigt sich geradezu schmerzhaft simpel und trotz des extrem hohen Anteils von gesprochenem Text (meiner Meinung nach generell ein gutes Indiz für die fehlende Komplexität eines Musicals) hat man sich nicht die Mühe gemacht, die Winkelzüge des Buches auch nur ansatzweise unterzubringen.
Nun könnte man anführen, dass auch in den diversen Verfilmungen die verschiedenen Ränkespiele und politischen Machenschaften teilweise stark gekürzt wurden, und gerade bei einem Musical sollte die Stärke wohl vor allem in der Darstellung der Emotionen liegen. Und gerade darin versagt Wildhorn Werk auf ganzer Linie.
Wenn es das Vergehen der Filme ist, den Roman auf seine romantische Seite zu reduzieren, so ist die Geschichte in dem Musical nur noch kitschig. Wirklich jede zweite Arie des Stücks ist ein Liebeslied – und das, obwohl die doch generell alles andere als eine Stärke des Komponisten darstellen (sprich, größtenteils zum Sterben langweilig sind). Dazu ist es auffällig, wie sehr die Handlung des ersten Aktes gedehnt ist und alleine auf Verlobung, Abschied und Kerkerhaft jeweils zwei ganze Lieder entfallen, während am Ende der Rachezug des Grafen – also die eigentliche Handlung des Romans – mit einem einzigen schnellen Lied abgehandelt wird.

Der Aufbau des Musicals ist platt, die Gefühle sind eindimensional und von der Geschichte selbst bleibt kaum mehr als ein einfach gestricktes Eifersuchtsdrama zwischen Edmond Dantès, Mércèdes und Fernand Mondego (der Namenswechsel schien für die Besucher wohl zu kompliziert). Und als wäre diese höchst einseitige Dreiecksgeschichte nicht plakativ genug, so wurde Albert nun in der Tecklenburger Inszenierung auch noch kurzfristig zu Dantès‘ Sohn umerklärt. Natürlich schafft das enorme Logiklöcher, wie die Entscheidung, ob Mércèdes nun eine absolute Schlampe oder Mondego des Zählens nicht mächtig ist, das Wunder von Dantès Bart, der offensichtlich in wenigen Monaten bis auf die Brust gewachsen ist, und die Frage, warum um alles in der Welt Mércèdes diese Information nicht anführt, um ihren Sohn vor dem tödlichen Duell zu bewahren. Doch abgesehen von alledem ist die Aussage, die damit getan wird, so unbedacht wie beleidigend; steht doch im Buch gerade fest, dass die Kinder der Übeltäter nichts für die Sünden ihrer Eltern können und somit schließlich auch keine Vergeltungsschläge zu befürchten haben.
Dass das Ende des Stücks schließlich in Sachen Verfälschung und Verkitschung neue Maßstäbe setzt, muss nach alledem wirklich kaum noch erwähnt werden.

Die gesamte Show hat für mich genau einen Lichtblick: Carsten Lepper, der nun in Tecklenburg, wie schon 2009 in St. Gallen, einen wundervollen Mondego abgibt und dieser höchst einseitig dargestellten Figur immerhin einen außergewöhnlichen Unterhaltungswert zu geben vermag. Gerade im Finale, wo er in der Reprise von „Hölle auf Erden“ seinen großen Auftritt hat, ist wahrhaft gänsehauterzeugend und steigt spürbar über das allgemeine Niveau des Stückes hinaus.
Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum keine zwei Zeilen später Monte Christo selbst einsetzen muss und mit seinem Text ein neues Tief erreicht. Sätze wie „Vergeltung, Fernand, führt dich nicht ans Ziel“ und „Man schneidet sich ins eig‘ne Fleisch, wenn man nicht vergibt“ zeigen überdeutlich, worum es in dieser Adaption geht: Politische Korrektheit, Biedermeier-Moral und eine stumpfe Pädagogik, die Heinrich Hoffmann stolz machen würde, ersetzen den sardonischen Gerechtigkeitswahn von Dumas‘ Helden. Ich denke, es ist nicht übertrieben, in dieser Hinsicht von einer umfassenden Perversion der gesamten Geschichte zu reden.

Generell könnte man das Problem all dieser Adaptionen wohl auf einen entscheidenden Punkt herunterbrechen: Jede Bearbeitung des Stoffes für ein modernes Publikum scheint gerade auf das Gegenteil des eigentlichen Themas hinauszuwollen. Im Buch geht es im Grunde nicht um Rache, sondern um die Glorifizierung der reinen Gerechtigkeit. Dumas‘ Graf ist mittlerweile viel zu hart, um noch so etwas Profanes wie simple Vergeltung zu wollen, mit Rache, so wie mit Liebe hat er abgeschlossen – er will nur noch reine, klare Gerechtigkeit.
Gerade diese Kälte ist wohl menschlich sehr schwer verständlich, und so sind es eigentlich erst die Adaptionen, die durch ihre Vermenschlichung der Hauptfigur aus dem Roman eine wirkliche Rache-Saga machen, in der sich ein verletzter Mann für vergangenes Unrecht rächt. Natürlich ist dieser Ansatz eingängiger; es ist eben verständlicher, Rache üben zu wollen als Gerechtigkeit. Und für den Zuschauer ist es sicherlich angenehmer, einfach auf der Seite des Guten zu sein, mit ihm zu jubeln und über die ach so einseitigen Bösen zu triumphieren – angenehmer, als Monte Christos unheimlicher Gerechtigkeit bei der Vollstreckung zuzuschauen.

Es ist vielleicht eine interessante Nebenbemerkung, dass Sweeney Todd sowohl als Bühnenstück als auch als Verfilmung erfolgreicher ist als all die eigentlichen Adaptionen des Buches – Sondheim ist der Einzige, der die Härte von Dumas‘ Roman am Leben hält. Denn schließlich; dass ein verwässerterer Ansatz für den Zuschauer angenehmer ist, heißt beileibe nicht, dass das Ergebnis dadurch in irgendeiner Weise gewinnt ….