Drei Menschen, die durch ihre eigene Schuld ums Leben kommen, drei Seelen, die in Luzifers Karneval erwachen, drei Prüflinge, die ihre eigenen Fehler wieder und wieder durchleben müssen. Auf der Grundlage der Äsop-Fabeln „Der Hund und sein Spiegelbild“, „Skorpion und Frosch“ und „Trauer und sein Tribut“ werden die Gier der Diebin Miss Merrywood, die Leichtgläubigkeit der jungen Tamara und die Trauer von John, der seinen Sohn verloren hat, in in einem bizarren Zirkus zur Grundlage nächtlicher Attraktionen.

The Devil‘s Carnival von Terrance Zdunich und Darren Lynn Bousman kann man am ehesten als einen geistigen Nachfolger von Repo! The Genetic Opera, dem unerwarteten Kulterfolg von 2008, beschreiben. Der Film wurde von denselben Leuten geschaffen, und zumindest in den Nebenrollen ist ein Großteil der Repo!-Besetzung zu sehen – so man sie denn unter ihrer alles andere als dezenten Schminke erkennen kann. Nur die drei „Stars“ von Repo!, Anthony Stewart Head, Sarah Brightman und Paris Hilton, fehlen, dafür hat (neben anderen neuen Gesichtern) auch Emilie Autumn hier einen durch und durch beeindruckenden Auftritt.
Generell erinnert das Verhältnis der beiden Filme etwas an Shock Treatment, der 1981 als eine Art Fortsetzung der Rocky Horror Picture Show erschien und einen Großteil der Darsteller (in anderen Rollen) wieder zusammenbrachte. Doch im Gegensatz zu Shock Treatment, der zwar grob dieselbe Geschichte weitererzählte, doch dafür ein stilistisch absolut anderes Umfeld bot, hat The Devil‘s Carnival inhaltlich nichts mit Repo! zu tun; nur in der Bildästhetik und der Richtung, die die Musik einschlägt ist das Vorbild des Vorgängers oft deutlich zu erkennen.

Mit knapp einer Stunde hat der Film eine auffallend kurze Laufzeit, und lässt bewusst Raum für eine Fortsetzung. In der Tat war es von Anfang an Teil des Konzeptes, dass das Fan-finanzierte Projekt bei Erfolg eine von mehreren etwa jährlich erscheinenden Episoden darstellen soll, wobei der Trailer für das Sequel schon veröffentlicht wurde. Vielleicht ist dies mit ein Grund dafür, dass der Zugang zu The Devil‘s Carnival um einiges schwieriger erscheint als bei Repo! The Genetic Opera; der Film macht auf seine Art von Anfang an klar, dass er eine andere Art der Seherfahrung bietet. Trotz aller Ungewöhnlichkeit ist Repo! doch eine konventionell erzählte Geschichte, und auch wenn The Devil‘s Carnival bei weitem weniger brutal daherkommt, macht er es dem Zuschauer doch auf andere Weise schwieriger, einen allerersten Zugang zu finden.
Diese Problematik ist teilweise sicher auch der Musik geschuldet, die gerade während der ersten Lieder sehr „anders“ daherkommt und nicht die hypnotisierende Qualität der Repo!-Stücke besitzt – auch wenn sie im Laufe des Filmes eindeutig immer besser werden, bis der Soundtrack mit „In All My Dreams I Drown“ im Abspann schließlich meinen persönlichen Höhepunkt findet.

Diese Szene, die eigentlich einen Platz relativ weit am Anfang des Filmes haben sollte, wurde aus strukturellen Gründen neben die Endcredits verbannt, und insgesamt hat die Handlung des Filmes dadurch wohl gewonnen. Nur um der künstlerischen Struktur der Musik willen finde ich die Veränderung schade, denn meiner Meinung nach ist es gerade die Art Lied, die in den ersten zehn Minuten des Filmes fehlt, um den Zuschauer musikalisch zu packen und für den Rest des Filmes zu begeistern.

Aber auch und gerade stilistisch hebt sich The Devil‘s Carnival stark von Repo! und jedem anderen vergleichbaren Werk ab. Schon während der frühen Konzeptphase stand die Idee im Raum, dass die Wirkung des Filmes an eine der klassischen Disneyland-Bahnen wie Haunted Mansion oder Pirates of the Caribbean erinnern sollte, und in der Tat trifft dieser Vergleich genau ins Schwarze. Es handelt sich um eine Mischung aus Zirkusvorführung, verstörendem Seherlebnis und irgendwo auch einem klassischen Film, doch The Devil‘s Carnival verlangt vom Zuschauer eindeutig, sich auf seine assoziationsbegründete Höllen- beziehungsweise Fegefeuerlogik einzulassen. Gerade die Musik bietet keine typischen Arien mit innerem Monolog, sondern eher eine Ansammlung von Zirkuseinlagen. So verglich Komponist Terrance Zdunich den musikalischen Stil einiger Lieder wie „666“ mit der Musik aus Haunted Mansion und Nightmare before Christmas, oder im Falle von „Off to Hell We Go“ mit den Bahnen eines „gewissen“ Vergnügungsparks. Ähnlichkeiten mit etwaigen Disney-Texten sind sicherlich reiner Zufall …
Generell tauchen in den Liedtexten absichtlich jede Menge an Referenzen zu klassischen Fabeln und Kinderreimen auf, wie etwa das im Finale allgegenwärtige „Cross Your Heart and Hope to Die“. Damit wird das Thema der zugrundeliegenden Äsop-Fabeln in jedem einzelnen Lied unterschwellig aufgegriffen und perfekt untermalt. Auch andere kulturelle Anspielungen lassen sich bei näherer Betrachtung finden; wenn der Vater John(!) meint, sein verlorenes Kind in Armen zu halten, das sich aber als hämisch lachender Zwerg herausstellt, ist die Parallele zu „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ wohl zu groß, um Zufall zu sein.

Aber am meisten dauerhaften Stoff zum Nachdenken bietet der hinter allem stehende moralische Kontrast zwischen Luzifer und Gott, der dem Zuschauer nicht aufgedrängt, aber doch höchst geschickt in die Darstellung eingeflochten wird. Gleich in der ersten Szene wird Gott als altmodischer Puppenbauer gezeigt, der eine durch seine eigene Schuld leicht missratene Puppe ohne großes Federlesen in die Kiste mit den Abfällen wirft – die Kiste, deren Inhalt den Rest des Filmes ausmachen soll.
Und Luzifer selbst spricht die Problematik noch um einiges deutlicher an, wenn er zu John sagt: „Watch your tongue! I‘m not in the business of murdering innocent children. That‘s God‘s jurisdiction!“
Am Ende ist es ein unerwarteter Wandel in John, der schließlich Luzifer selbst zum Nachdenken bringt und eine neue Entwicklung einzuläuten droht: in dem atemberaubenden Finale-Lied „Grace For Sale“, dargestellt von Terrance Zdunich selbst, das den Zuschauer gleichzeitig befriedigt und voll großer Erwartungen an die zweite Episode im nächsten Jahr zurücklässt.