Es gibt immer wieder besondere Filme, die trotz ihrer Qualität und des großen Lobes, dass sie ernten, nicht den Sprung über ihre Landesgrenzen hinaus schaffen, und oft ist es in unserer Zeit nur dem Internet zu verdanken, wenn der interessierte Suchende schließlich doch auf ein solches Meisterwerk stoßen kann. Einer dieser Filme, der es mehr als Wert ist, entdeckt zu werden ist der französische Animationsfilm Les Contes de la Nuit (Die Nachtgeschichten). Basierend auf der Fernsehserie Dragons et Princesses (Drachen und Prinzessinnen), stellt der Film eine Ansammlung von sechs als Schattenspiel dargestellten Märchen dar, die in einer losen Randgeschichte aneinandergehängt sind: Drei Menschen in einem verlassenen Kino verbringen den Abend damit, Geschichten aus aller Welt für sich alleine nachzuspielen. Die Geschichten selbst sind wunderbar stimmungsvoll erzählt, in einer Optik, die schlicht zum Niederknien ist.

Der Werwolf handelt von einem jungen Brautpaar, bei dem die Braut am Hochzeitsabend erfahren muss, dass ihr Geliebter ein friedlicher Werwolf ist – und er erfährt, dass ihre Schwester wohl die bessere Wahl für ihn wäre.
Tijean und die Schöne Unbekannte erzählt von der Wanderung des jungen Tijean ins Reich der Toten, wo er die Tochter des Königs freien will, doch dafür zuerst drei unmöglich erscheinende Aufgaben lösen muss.
Die Auserwählte der goldenen Stadt ist eine alte Aztekenlegende von der Goldenen Stadt, in der jedes Jahr eine Jungfrau dem Drachen geopfert wird – bis eines Tages ein Held erscheint, der sie retten will.
Der Trommlerjunge handelt von einem Jungem, der das Trommeln nicht lassen kann und einem Dorf, das schließlich erfährt, wie kraftvoll sein Spielen wirklich ist.
In Der Junge, der niemals log geht es um die Freundschaft zwischen einem aufrechten Knaben und seinem sprechenden Pferd, dass er den Bitten einer intriganten Jungfer opfern soll.
Und Das Hirschkuh-Mädchen und der Sohn des Architekten erzählt schließlich von der verbotenen Liebe zwischen dem Architektensohn und dem Mündel eines bösen Zauberers, der sie in eine Hirschkuh verwandelt, um sie vor ihrem Geliebten zu verbergen.

Auch wenn die Geschichten alle eine gemeinsame, einfache Märchenstimmung aufweisen, bieten sie doch durch ihren unterschiedlichen Schauplatz und Tonfall jede eine ganz individuelle Charakteristik. Das Wichtigste ist aber zweifellos die Optik: Die Bilder sind wunderbar, teilweise schlicht und teilweise visuell berauschend, ganz wie es dem Segment gebührt. Jede Geschichte bietet ein eigenes Farbspektrum, das ihrem jeweiligen Schauplatz entspricht, und eine ganz eigene Stimmung, die den Zuschauer vollkommen vergessen lässt, dass es sich eigentlich nur um schlichte Schattenwürfe handelt. Auch die Figuren sind mit solcher Feinheit animiert, dass Haltung, Profil und Augen vollkommen ausreichen, um jede Stimmungsnuance darzustellen.
Der Film ist auch in 3D erhältlich, und wie der Rest, so ist auch diese Komponente von schlichter Eleganz geprägt. Die zusätzliche Tiefe bietet keine großen Schauwerte, sondern dient nur als sanfte Erweiterung der Bilder, wobei die einzige Ausnahme vielleicht letzte Geschichte ist. Dieses Märchen, das im Gegensatz zu den anderen neu für den Film geschaffen wurde, nutzt den dreidimensionalen Vorteil von dem gotischen Schloss des Zauberers, bis zum abschließenden Feenzauber wirklich aus. Aber neben dieser „herkömmlichen“ 3D-Verwendung bietet das Stück noch etwas anderes, dass zumindest für mich eine ganz neue Verwendung der Technik darstellt: In einer Szene ist der magische Blitz des Zauberers so animiert, dass seine Form zwischen beiden Augen schwarz und weiß flackert. Das Ergebnis des Effektes ist beeindruckend und beinahe verstörend – und zugegebenermaßen so ablenkend, dass ich zurückspulen musste, um die nächsten gesprochenen Worte verstehen zu können.

Insgesamt kann man zweifellos sagen, dass dieser Film für jeden Animationsfan ein Muss ist, wie auch für jedermann, der einfach Freude an der Ästhetik hat und an dem Spiel mit Märchen und Schönheit. Leider bieten die französische Bluray und DVD keine deutschen oder englischen Untertitel, aber dieses Werk ist das Anschauen definitiv auch ohne Französisch-Kenntnisse wert. Den eher simplen Inhalt kann man im Großen und Ganzen wohl auch so mitverfolgen, und alleine wegen der Bilder lohnt sich das Anschauen auf jeden Fall.