Die Karriere von Joss Whedon als Musical-Komponist hat eine bemerkenswerte Historie. Als seine Erfolgsserie Buffy – im Bann der Dämonen bereits in der sechsten Staffel war, beschloss der Mann ohne nennenswerten musikalischen Hintergrund, nun eine Musical-Episode einzuflechten, und das mit Liedern aus seiner eigenen Feder. Wie er selbst im Audiokommentar beschreibt, erfuhr er von dem Prinzip des Kontrapunkts etwa erst, als man ihn darauf hinwies, dass er selbigen im Duett zwischen Giles und Tara gerade verwendet habe.
Once more, with Feeling war nicht nur sofort ein Riesenhit; die Folge ebnete auch den Weg für die Tradition von Musical-Folgen, die sich seitdem in praktisch allen länger laufenden Serien ungeachtet des Genres finden, bis hin zur Erfolgsserie Glee, die dieses Prinzip schließlich zum Thema der Serie macht.

Also, was macht dieser Regisseur und Drehbuchautor, wenn ganz Hollywood 2007 durch den Autorenstreik eine Saison lang lahmgelegt wird? Nun, er ruft ein paar gute Freunde an und fängt an, aus eigener Tasche ein 40-minütiges Musical zu produzieren, um es dann im Internet zu veröffentlichen. Das Ergebnis war ein sofortiger Internet-Hit, der seine Kosten in kürzester Zeit wieder eingebracht hatte.
Das Werk heißt Dr. Horrible’s Sing-Along Blog, und anders als der Titel suggeriert ist es kein reiner VLog, sondern ein regulärer (wenn auch vergleichsweise kurzer) Film mit kleineren Blog-Einschüben. Der Film wurde in drei Teilen oder Folgen gesendet, jetzt ist er in vollständiger Länge auf Youtube problemlos verfügbar – wenn auch der gesungene(!) Kommentar den Kauf der DVD mehr als rechtfertigt.

In der titelgebenden Hauptrolle des Films tobt sich Neil Patrick Harris aus. Der Schauspieler, der vordergründig vor allem für sein Comedy-Talent bekannt ist, trifft hier perfekt den richtigen Ton zwischen Witz und Dramatik und gibt seiner Figur in einer übersteigert-absurden Umgebung immer den festen Halt, den die Rolle braucht, um ernstgenommen zu werden. Zu den musikalischen Talenten des Schauspielers muss nicht viel gesagt werden; spätestens seit der Batman-Folge Der Music-Meister ist sein Gesangstalent auch dem Serienpublikum ein Begriff. Ihm gegenüber steht Nathan Filion, der mit dieser Rolle seine dritte Whedon-Figur verkörpert – und dabei sämtliche Voreinschätzungen in den Wind schlägt.
Der Inhalt des Filmes ist vergleichsweise simpel und bewusst überzeichnet, so wie es für das musikalische Medium und die Kürze des Films ideal ist. Billy – oder Dr. Horrible, wie er sich vor seinen VLog-Zuschauern nennt – ist ein nerdiger Möchtegern-Schurke, dessen Herzensziel es eigentlich ist, Penny, das Mädchen aus dem Waschsalon, endlich anzusprechen. Doch in einer ungünstigen Fügung gelingt es dem stadteigenen Superhelden Captain Hammer, Penny vor Dr. Horrible „zu retten“, und so verliebt sie sich in den selbstverliebten und arroganten Helden.
Dieser Entwicklung ist der letzte Schlag, der Billy nun wirklich zum Schurken werden lässt; er stellt sich Hammer gegenüber und es gelingt ihm, den Superhelden zu besiegen – doch das um den Preis von Penny, die bei der Auseinandersetzung tödlich verwundet wird. Billy hat gewonnen, die Tür zur Bösen Liga des Bösen steht ihm offen, doch auf dem Weg dahin hat er die Einzige verloren, die ihm wirklich etwas bedeutet hat.
Es ist ein so hartes wie abruptes Ende – wie man es von einem Whedon-Werk wohl erwarten kann. Gerade die letzte Note, nicht von Dr. Horrible, sondern von dem verlorenen Billy gesungen, steht kommentarlos dar und lässt den Zuschauer in seiner Interpretation vollkommen alleine zurück.

Es ist offensichtlich, dass sich alle Beteiligten in diesem Musical voll und ganz ausgetobt haben. Hier haben sich eine Handvoll erstklassiger Schauspieler und Sänger unter einem inspirierten Regisseur zusammengefunden; die besten Voraussetzungen, herauszufinden, was gute Künstler mit geringen Mitteln anstellen können. Und das Ergebnis ist beeindruckend. Der gesamte Film fühlt sich auf seltsame Weise neu und frisch an, außerhalb der gewöhnlichen ausgetretenen Pfade.
Der erste, vielleicht interessanteste Punkt ist dabei wohl die Frage nach der Musik. Aufs erste Hören hin fühlen sich die meisten Lieder leicht sonderbar an, ungewohnt und nicht unbedingt zueinander gehörig. Aber schnell entwickelt sich der Soundtrack zu einem absoluten Ohrwurm, und Whedons Zuneigung zu der Musik von Stephen Sondheim wird offensichtlich.
Ich finde den Stil dieser Kompositionen gerade im Vergleich zu Whedons erstem Werk, der Buffy-Folge Once more, with Feeling sehr interessant. Bei Buffy hatte Whedon eine langandauernde Erfolgsserie mit entsprechendem Studio-Druck unter den Händen. Die Folge musste sich in die Gesamtserie hineinfinden, und dabei waren nicht allzu viele Risiken möglich.
Bei Dr. Horrible‘s Sing-Along Blog kann und will sich die Musik dagegen voll austoben, und klassisch-romantische Balladen wie „Freeze Ray“ wechseln sich übergangslos mit den absurden „Bad Horse“-Einschüben ab. Das Ergebnis ist eine extrem frische, unverbrauchte Mischung, die altbekannte Prinzipien nutzt, und dabei auf ganz neue Art in Szene setzt.
Ein wunderbares Beispiel dafür ist „My Eyes“, das emotionale und gleichzeitig erstaunlich stille Duett, das Billy und Penny gegeneinander singen. Es ist ein klassisches Konfrontations-Stück, bei dem die beiden Rollen ganz unabhängig voneinander singen und sich nur in ihrer Musik überschneiden. Doch die Art der Umsetzung, wie eine einzige Melodie genutzt wird, zwei höchst unterschiedliche Stimmungen auszudrücken, ist meisterhaft. Die gleiche Musik, und zu einem großen Teil der gleiche Text, mit dem Billy seinen steigenden Weltverdruss zum Ausdruck bringt, wird von Penny verwendet, um ihre aufkeimende Hoffnung zu besingen.
„Brand New Day“ dagegen klingt zu Beginn wie ein klassischer, rockiger Selbstentfaltungssong – bis auf den Text, der jede musikalische und textliche Erwartung regelmäßig sprengt.
Und dann ist da natürlich „Everything you Ever“, ein leiser Trauermarsch mit unbestimmter Stimmung, der die Bilder von Billys – oder eher Dr. Horribles – düsterem Triumphzug musikalisch unterminiert. Es ist nicht zuletzt diesem sehr zwiespältigem Schlusslied zu verdanken, dass das Ende des Films kein depressives Downer-Ende ist, sondern eher ein nachdenklicher, zwiegespaltener Ausblick.

Die ganze Geschichte zeigt sich gleichzeitig vorhersehbar und doch immer wieder unerwartet. Es werden an sich lauter bekannte Tropes verarbeitet, aber der Einsatz ist immer wieder neu und unerwartet. Außerdem sorgt alleine die Tatsache, dass Whedon viele Ideen bewusst ins Extreme ausreizt, dafür, dass das Ergebnis am Ende wieder angenehm ungewohnt erscheint. Dabei sind gerade die Lieder und eben die kurze Laufzeit des Films von großem Nutzen: Ein solch bewusst knappes, „unfertiges“ Werk kann es sich leisten, ins Absolute, geradezu Groteske abzugleiten.
Diese ganze Kombination aus frischen Ideen, ungewöhnlicher Musik und altvertrauten, doch übersteigerten Prinzipien wirkt auf den ersten Blick sehr sonderbar und geradezu ziellos. Doch gerade nachdem man die Musik ein paar Male alleine gehört hat und sich dann den gesamten Film noch einmal vornimmt, erweist er sich als die Perle, die er eigentlich ist. Es ist ein Werk, das man auskosten muss, das umso besser wird, je mehr man sich damit beschäftigen will.
Insgesamt habe ich das Gefühl, das ich alles in allem vergleichsweise wenig zu dieser Ausnahmeproduktion sagen kann. Es hilft schließlich nur, ihn sich anzuschauen – ob nun zum ersten, oder gerne auch zum zehnten Mal. Bei jedem weiteren Anschauen entwickelt sich Whedons Rohdiamant weiter und weiter zu dem Edelstein, der er eigentlich ist.