Die Harry-Potter-Bücher von Joanne K. Rowling bewegen sich längst in einer vollkommen eigenen Liga, in ihrem Erfolg kaum vergleichbar mit irgendeiner anderen Art Literatur. Dieses Phänomen zu hinterfragen oder gar erklären zu wollen haben bislang genug Menschen versucht – generell mit eher mäßigem Ergebnis.
Ich selbst würde gar nicht versuchen, zu ergründen, was genau nun gerade Harry Potter so einmalig macht. Mit Sicherheit verfügt Rowling über einen fantastischen Schreibstil, mit dem sie ihre Leser mitzureißen vermag, und der diese ganze, quirlige Fantasywelt erst wirklich zum Leben erweckt.
So weit, dass man darüber gerne vergisst, die Welt in und um Hogwarts wirklich mit strengen Augen zu durchleuchten.
Denn seien wir ehrlich: Eigentlich weist das Harry-Potter-Universum einige nicht unerhebliche logische Probleme auf, die bei genauerer Durchleuchtung nur zu offensichtlich werden. Das fängt mit dem regelmäßigen Deus ex Machina pro Band an, oder mit simplen faktischen Fehlern wie der Klassengröße Hogwarts verglichen mit der dazugehörigen Schüler- und Lehrerzahl. Dann sind da die praktisch allmächtigen Zauber wie der Zeitumkehrer, der Glückstrank Felix Felicis und der Unbrechbare Schwur, die praktischerweise außerhalb ihrer eigentlichen Storyfunktion nie mehr erwähnt werden. Als ob Voldemort mit einem derart praktischen Schwur nicht längst sämtliche Todesser auf absolute Loyalität verschworen hätte.
Und dann gibt es noch die eine oder andere magische Regel, die an sich klar definiert ist, aber am Ende doch enttäuschend beliebig eingesetzt wird.

Die vier Häuser von Hogwarts sind heutzutage wohl nahezu jedem ein Begriff. Gryffindor ist der Hort für die mutigen und starken Schüler, Slytherin für die schlauen und gerissenen, Ravenclaw für die klugen und kreativen und Hufflepuff ist das Haus für die braven und treuen – oder je nach Stimmung des Sprechenden Hutes einfach für den Rest. Es ist an sich eine kluge, diverse Einteilung. Es handelt sich jeweils um charakterlich passende Bereiche, die klar genug voneinander abgeteilt sind und keine prinzipiellen Vorurteile erzeugen sollten.
Aber allzu schnell wir klar, dass diese Häuseraufteilung in den Büchern einem sehr viel platteren Schema folgt. Nach Gryffindor kommen ganz allgemein die „Guten“, die potenziellen Hauptpersonen und Helden, und das scheinbar ganz unabhängig von ihrem jeweiligen Charakter. In Slytherin findet sich schlicht alles Böse, was die Zaubererwelt zu bieten hat. Und Ravenclaw und Hufflepuff sind reine Staffage, um Statisten zu liefern.
Natürlich wird diese Einteilung gerade in den späteren Büchern etwas differenzierter. Auch Ravenclaw und Hufflepuff haben schließlich erst Nebenfiguren und dann auch Hauptfiguren zu bieten. Cedric Diggory und Luna Lovegood beweisen, dass auch diese beiden Häuser mutige und fähige Schüler beherbergen, und ganz allgemein werden die Häuserunterteilungen zunehmend differenzierter. Und schließlich lernen wir mit Horace Slughorn sogar einen positiv besetzten Slytherin-Abgänger kennen – den ersten und einzigen in sieben Jahren! Dabei ist zu bemerken, dass Slughorn zwar allgemein zu den „Guten“ gehört, doch dass er, gerade in seiner Rolle als Lehrer, ganz klar unangenehm und negativ besetzt bleibt. Es ist und bleibt also das wesentliche Merkmal der Slytherins, dass ihr Charakter in einem schlechten Licht gezeichnet wird.

Dabei stellt sich doch die Frage: wieso?
Wenn es doch eine so klare Einteilung der Häuser, eine so prinzipiell wertneutrale Abtrennung gibt, wieso folgt Rowling dann bis zuletzt für Slytherin-Figuren einem einzigen Konzept, nämlich sie grundlegend negativ zu besetzen?
Für die Fans stand eine lange Zeit die Frage im Raum, welchem Haus wohl Dolores Umbridge angehören könnte. Die Abgesandte des Ministeriums, die Schreckensgestalt des fünften Bandes, die zeitweise sogar Dumbledore als Direktorin ablöst – und dabei eine herausstechende Vorliebe für Kätzchen und rosa Rüschen an den Tag legt. Endlich hat Rowling in einem Interview das Rätsel gelöst und offiziell erklärt, dass Umbridge – man höre und staune – eine Slytherin ist.
Warum?
Es ist nicht nur ihr Äußeres, ihre kleine, niedliche, rosafarbene Erscheinung, die so gar nicht zu dem Image von Slytherin zu passen scheint, Umbridge trägt auch keine Wesenszüge des düsteren Hauses. Sie ist freundlich, karieserzeugend süß mit einer Stimmung, die nur zu sehr an Hufflepuff erinnert. Und auch ihr Charakter erinnert eher an dieses allgemein als freundlich geltende Haus: Ihre Loyalität zu Fudge und zum Ministerium, ihre Vorliebe für absolute Regeltreue und ihre Gewissenhaftigkeit scheinen lehrbuchhaft auf Hufflepuff zuzutreffen.
Ich will hier sicherlich nicht in ein übliches Hufflepuff-Niedergemache einstimmen – im Gegenteil. Das arme Haus hat als Hort von Inkompetenz und Langeweile schon genug an schlechtem Ruf vereint. Ich will vielmehr sagen, dass auch Hufflepuffs in mehr als eine Richtung ausschlagen können. Auch dieses Haus kann Macht hervorbringen, Größe – und ja, auch Grausamkeit.
Ja, Umbridge ist grausam und sadistisch, so weit, dass sie ihre Schüler zur Strafe buchstäblich foltert – aber das ist eben genau nicht das Prinzip, nicht der eigentliche Wesenszug von Slytherin!
Wieso also ist Rowling so versessen darauf, ihre Charaktere nach reinen Sympathiewerten auf die Häuser aufzuteilen? Wieso darf Umbridge nicht in Hufflepuff sein? Wieso ist Slughorn ein Slytherin, nur weil er Harry unangenehm und anbiedernd vorkommt – eigentlich auch keine klassischen Slytherin-Attribute? Und wieso war es so wichtig für Sirius, dass er nach Gryffindor kommt? Weshalb diese ungewöhnliche Entscheidung bei einem elfjährigen Jungen? Denn auch Sirius trägt doch eigentlich alle Wesenszüge vom Haus seiner Familie. Um wie viel stärker wäre es doch erschienen, wenn die Freundschaft zwischen James und Sirius über die Grenzen der Häuser hinweg Bestand gehabt hätte!
Und: Wieso eigentlich hat keiner der Schüler Slytherins am Ende des letzten Bandes das Verlangen, für seine Schule zu kämpfen? Nach allem, was immer wieder über Zusammenhalt und Loyalität gesagt wurde, nach allem, was wir über Snape wissen – wieso darf sich dieses Haus am Ende nicht ein einziges, letztes Mal rehabilitieren?
Denn ja, am Ende ist Snape wirklich die einzig differenziertere Slytherin-Gestalt. Er ist der Einzige mit einem größeren, weitreichenderen Hintergrund.
Was den Rest der Zaubererwelt angeht, sollte es eigentlich eine effektive Herangehensweise sein, ein Viertel der Zaubererschaft schon bei Schulantritt auszusondern und in Quarantäne zu stecken. Denn etwas Gutes kann man von Slytherin-Abkömmlingen ganz offensichtlich nicht mehr erwarten.

Wie gesagt, die Harry-Potter-Bücher haben so viele Stärken und so wenige Schwächen, dass letztere dem Leser eigentlich getrost egal sein können. Aber ich muss zugeben, das Prinzip der vier Häuser ärgert mich. Es ist eigentlich ein guter Gedanke, eine elegante Aufteilung der Kinder – wieso wurde diese Aufteilung durch einen faulen Schreibstil nur derart zu einem Werkzeug der zweidimensionalen Figurenzeichnung, ja, der Abschiebung degradiert?

Und zum Abschluss noch eine kleine Bonus-Frage: Wie kommt es, dass Fred und George auf der Karte der Rumtreiber niemals bemerkt haben, dass ihr Bruder Ron sein Bett allnächtlich mit einem gewissen Peter Pettigrew teilt?