Die Disney-Studios sind nicht nur berühmt für ihre Trickfilme, nein, der Name Disney an sich ist weltweit untrennbar mit dem Medium Zeichentrick verbunden. Und doch wurde diese Allianz schon vor vielen Jahren zum ersten Mal offiziell gebrochen; 2004 sollte ausgerechnet Die Kühe sind los das letzte Zeichentrick-Meisterwerk des Studios werden.
Es gab seinerzeit einen Aufschrei, der das gesamte Internet zum Erbeben brachte, nicht zuletzt auch deshalb, weil Disney zu diesem Zeitpunkt alles andere als vertraut mit dem Medium der Computeranimation war – wie der erste Disney-CGI-Film Himmel und Huhn lebhaft bewies. Ich selbst habe damals nicht in den allgemeinen Protest mit eingestimmt, zu abwegig kam mir die Vorstellung vor, dass diese Abwärtsspirale wirklich den zukünftigen Weg des Studios markieren sollte.
Und wirklich: Nachdem einige Jahre vergangen waren, in denen Disney sich stolpernd in der Computeranimation versuchte, kam endlich die gute Nachricht: Disney würde wieder Zeichentrickfilme produzieren, und als erstes Meisterwerk würde eine moderne Adaption des Froschkönig umgesetzt werden. Man war sich so überzeugt, dass dies eine dauerhafte Wiederbelebung der Zeichentrickstudios bedeutete, dass auch gleich der nächste Film in Auftrag gegeben wurde; es sollte, passend zu der herrschenden Rückbesinnungs-Stimmung, ein neuer, dem Original würdiger Winnie-Puuh-Film werden.

Nun, heute wissen wir, dass diese großangelegte Wiederaufnahme nicht so funktionierte wie gedacht.
Die Froschprinzessin (dessen offiziellen Namen ich mich immer noch weigere zu nennen) gilt generell als guter Film, und das Einspielergebnis war auch nicht katastrophal – der Film spielte um einiges mehr ein, als seinerzeit Arielle, wenn das auch ein schwacher Vergleich sein mag. Aber im Vergleich zu dem CGI-Nachfolger Rapunzel sahen die Zahlen alles andere als grandios aus, und so wurde Die Froschprinzessin Disney-intern klar als Misserfolg gewertet. Zwei Jahre später musste Winnie Puuh gegen den finalen Harry-Potter-Film antreten, und was nun die Hintergründe dieses Starttages gewesen sein mochten, auf jeden Fall hat niemand ernsthaft mit einem großen Erfolg des Zeichentrickfilms rechnen können.
Bei beiden Filmen gibt es genügend Erklärungen für ihre suboptimalen Einspielergebnisse. Ob man bei der Froschprinzessin die sehr konservative Werbung nimmt, den mädchenlastigen Originaltitel des Films, seine sicherlich vorhandenen Storyprobleme, oder natürlich die latent vorhandene Rassismusfrage des amerikanischen Publikums – Gründe für den „Misserfolg“ sind genug vorhanden. Doch die Disney-interne Erklärung für das Problem scheint klar: Es ist das Medium Zeichentrick, das bei einem modernen Publikum einfach nicht mehr so gut ankommt wie noch vor zwanzig Jahren.
Und wer weiß, ob diese These nicht wahr ist? Zeichentrick kann für Fans eine noch so wundervolle, schützenswerte Kunstrichtung sein, aber wenn das Publikum eben jetzt gerade keine Lust auf dieses Medium hat, so kann man den nötigen Erfolg der Filme nicht mit Gewalt erzwingen.

Wie dem auch sei, die Disney-Studios haben sich fürs Erste wieder einmal vollständig der Computeranimation zugewandt. Und dabei hat jeder Film eine andere Erklärung für diese Wahl parat: Bei Rapunzel hieß es, die Haarmenge sei mit Zeichentrick nicht interessant zu animieren, bei Ralph reicht’s lag der Grund im Setting der Videospiel-Welt und bei der Eiskönigin meinte man, die eisige Kulisse, in der der Film spielt, sähe in einem Zeichentrickfilm schlicht weiß in weiß aus.
Ich kann jede dieser Entschuldigungen nachvollziehen – und doch sind sie am Ende genau das, Entschuldigungen. Man hätte bei der verwunschenen Unterwasserwelt von Arielle sicherlich das Gleiche sagen können, von ihrem wogenden roten Haarschopf ganz zu schweigen. Man hätte erklären können, dass komplexe formbare Wesen wie der Dschinnie oder der Teppich es nötig machen, Aladdin als CGI-Film realisiert werden müsste – und wir wissen, wie wunderbar diese Filme als Zeichentrickfilme aussehen.
Dass die Welt von Ralph reicht’s sich für die Computeranimation anbietet, mag wahr sein, aber gleichzeitig würde das bedeuten, dass die Comic-Welt von Baymax ideal für eine Zeichentrickumsetzung geeignet wäre. Der Gedanke scheint absurd; so fest hat sich CGI heute als das Medium für wilde, lustige Actionspektakel durchgesetzt – und dabei nimmt es den Disney-Studios keiner ab, dass die Entscheidung für CGI Film für Film rein künstlerisch getroffen wird.
Dass nicht einfach Flagge bekannt und die Wirtschaftlichkeit von computeranimierten Filmen als der wahre Grund genannt wird, hängt wiederum mit dem Ruf der Disney-Studios und ihrer Vergangenheit zusammen. So sehr, wie Disney mit dem Zeichentrick verwachsen ist, kann man kaum offen zugeben, dass das Medium um des reinen Profits willen dauerhaft aufgegeben wurde.

Nun, wie sieht meine Meinung zu der ganzen Thematik aus?
Ich habe in die allgemeine Panik zum Untergang des Zeichentricks nie mit eingestimmt. Zu den Zeiten, als das Medium zum ersten Mal für tot erklärt wurde, lief es bei Disney alles andere als glänzend – bei einem Debakel wie Die Kühe sind los oder Himmel und Huhn ist der Animationsstil so etwa das Letzte, worum ich mir Sorgen mache. Und dass Disney wirklich dauerhaft aufhören könnte, Zeichentrickfilme zu produzieren, habe ich sowieso nie ernsthaft geglaubt. Meiner Meinung nach soll das Publikum sich ruhig einige Jahre an den computergenerierten Bildern sattsehen; früher oder später wird die Sehnsucht nach klassischer Zeichentrickanimation schon wieder erwachen.
Ein anderer wichtiger Punkt für mich ist die Tatsache, dass die alten Filme ja allesamt nicht aus der Welt sind. Anders als früher sind wir heute nicht auf seltene Kino-Wiederaufführungen angewiesen, um die Klassiker wieder zu erleben. Solange ich alle Disney-Meisterwerke ordentlich in meinem Regal stehen habe, gibt es eigentlich keinen Grund, sich zu beschweren – sollen sich die Studios bei den Neuproduktionen ruhig austoben, und neue Dinge ausprobieren.
Und schließlich ist es ja genau das, was Disney gerade tut. Mit Rapunzel und der Eiskönigin ist es ihnen gelungen, das Medium der Computeranimation auf eine ganz neue Ebene zu heben, die mit den ersten Pixar-Filmen nur noch wenig gemein hat. Und wenn Disney seine Kurzfilme nutzt, um ständig neue Hybridwege zwischen den Animationsstilen auszutesten, so sind diese Bemühungen hoch zu loben!
Ich denke, schlimmstenfalls wird es dem Zeichentrick ergehen wie der Stop-Motion-Animation: In regelmäßigen Abständen werden neue Glanzstücke an Filmen auf den Markt gebracht, die die selten gewordene Technik doch jedes Mal weiter ausbauen und verfeinern.

Aber auf der anderen Seite muss ich zugeben: In der Froschprinzessin zum ersten Mal seit langer Zeit wieder großartige neue Disney-Animation zu erleben, war schon eine grandiose Erfahrung. Es ist wirklich schade, dass der Film die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen konnte; es wäre schön gewesen, wäre dadurch eine neue Ära des Zeichentricks eingeläutet worden.
Ironischerweise liegt der große Kritikpunkt des Films für mich persönlich gerade darin, dass er zu wenig klassische Animation bietet. Der gesamte Anfang der Froschprinzessin ist grandios und zelebriert die Zeichentrickkunst in höchstem Maße – aber sobald Tiana in einen Frosch verwandelt wird, verliere ich regelmäßig das Interesse an dem Film. In diesem Moment wandelt sich das Ganze optisch wie stilistisch zu einer albernen Cartoon-Welt, die für mich gerade den Zauber entbehrt, weswegen ich die Disney-Märchen so schätze.
Das Ende des Films ist dann wieder wunderbar und vereint in sich alles, was ich mir von diesem Film nur wünschen konnte. Und ja, natürlich würde ich mich wahnsinnig freuen, gerade von dieser Art des Zeichentrickzaubers mehr zu bekommen!

Immer wieder tauchen im Internet Videos und Skizzen auf, die zeigen, dass auch für die aktuellen CGI-Filme durchaus Zeichentrick-Studien gemacht wurden. Und ja, diese Tests lassen mir jedes Mal wieder das Wasser im Munde zusammenlaufen. Gerade in den letzten Tagen sind auf ScurviesDisneyBlog mehrere Posts erschienen, die Zeichentrick-Skizzen von Anna und vor allem von Elsa zeigen – Skizzen, bei denen ich in meiner bemüht rationalen Haltung durchaus schwach werden könnte.
Gerade wenn ich mir die Zeichnungen von Elsa anschaue, muss ich klar sagen: Es ist ein anderer Stil, eine ganz andere Bildästhetik, die sich in diesen Bildern ausdrückt. Die filigrane Bleistiftführung, die künstlerischen Freiheiten, die sich in jedem Bild abzeichnen – diese Zeichnungen hängen ganz offensichtlich nicht sklavisch an einem festgelegten Computermodell.
Natürlich ist die computererzeugte Schnee- und Eiswelt der Eiskönigin grandios, und Lass jetzt los hätte mit Zeichentrickmitteln wahrscheinlich lange nicht so perfekt realisiert werden können. Aber ich bin mir sicher, die Szene hätte trotzdem großartig gewirkt.

Ich will nicht einstimmen in die allgemeine Untergangsstimmung zum Thema Zeichentrick; alles in mir wehrt sich dagegen, jetzt mit dem Jammern anzufangen. Die Eiskönigin ist ein grandioser Film, und gerade dieser Film hat ja gezeigt, wozu Computeranimation mittlerweile in der Lage ist. Und doch – mit den Mitteln des Zeichentricks ist so viel möglich; solch eine ganz eigene Schönheit und Bildästhetik.
Nein, ich werde nicht sagen, dass ich mir Die Eiskönigin anders gewünscht hätte; dafür ist der Film zu gut. Aber ich freue mich mit ganzem Herzen auf den nächsten Disney-Zeichentrickfilm. Es wird nicht Moana sein und auch nicht Giants, wahrscheinlich werden bis dahin noch einige Jahre ins Land gehen müssen. Aber der nächste Film wird kommen, und ich freue mich jetzt schon darauf, wenn ich den klassischen Zeichentrick-Disneyzauber wieder neu erleben darf.