Getagged: Philosophie

Die Elenden: „Ich stahl doch nur ein Brot!“

Victor Hugos 1862 geschriebener Roman Les Misérables oder auf Deutsch auch Die Elenden ist ohne Zweifel eines der großen Werke der Weltliteratur – womöglich das größte überhaupt. Das Buch ist nicht nur den Seiten nach ausnehmend lang, es ist vor allem von seinem Inhalt her wahrlich ausufernd. Hugo hat es geschafft, in diesem Meilenstein der französischen Literatur in unwahrscheinlich viele verschiedene Gebiete einzusteigen, nicht nur, was den Inhalt und den Erzählungsrahmen angelangt, sondern vor allem auch von den philosophischen Themen des Romans her. Er geht ins Absolute, und das für so viele verschiedene Facetten des menschlichen Wesens und des Lebens an sich, dass der Leser am Ende nur sprachlos zurückgelassen wird. Die verschiedensten Themen werden behandelt, übersteigert bis ins Grenzenlose, ohne dabei doch je den realistischen Rahmen zu verlassen, der durch die ganz reellen menschlichen Leidenschaften aufgespannt wird. Das Ergebnis ist groß, ja gewaltig, und es funktioniert – auf philosophischer ebenso wie auf der reinen Handlungsebene.
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Der Wert der Unaufrichtigkeit

Anders zu sein ist schätzenswert. Und es eine Menge großartiger Lieder zu diesem Thema. Viele davon gehören zu meinen absoluten Lieblingsliedern – mit so unterschiedlichen Schwerpunkten wie Mulans „Wer bin ich“, Guidos „Guido’s Song“ oder Elphabas „Frei und Schwerelos“. Am Ende kann sich fast jeder mit diesen Liedern identifizieren, denn auf die eine oder andere Weise fühlt sich ja jeder Mensch irgendwie alleine und eben anders.
Aber immer mal stoße ich dann auf ein solches Lied, das mir partout nicht gefällt. Es passt vielleicht auf den ersten Blick ins Schema – aber dennoch, irgendetwas passt da absolut nicht. Und genau solch ein Fall ist Eric Fishs Ballade „Anders sein“.
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Silberschellen und Klatschmohn – der kleine Prinz, Anna und Mister Gott

Die beiden Werke Der kleine Prinz und Hallo Mister Gott, hier spricht Anna gehören für mich unbestreitbar zu den großen Klassikern der Weltliteratur. Diese beiden Bücher, in denen zwei einmalige, überlebensgroße Kindergestalten verewigt worden sind, scheinen mir auf geradezu sonderbare Weise verwachsen. Weswegen das so ist, lässt sich in einem Satz kaum sagen, aber ein Beispiel mag der Vergleich der berühmtesten Zitate der beiden Bücher sein – zwei Zitate, die eine wenn auch nicht ähnliche, so doch auf seltsame Art verwandte Aussage bieten:
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
und
„Der Unnerschied von einen Mensch und einen Engel ist leicht. Das meiste von ein Engel ist innen, und das meiste von ein Mensch ist außen.“
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Elisabeth – die Demystifizierung einer Legende

Als Michael Kunze und Sylvester Levay 1992 das Musical Elisabeth nach Wien brachten, löste die unerwartete Darstellung unter Kritikern wie Zuschauern einen kleinen Sturm aus. Das Stück zeigt das Leben der österreichischen Kaiserin Elisabeth fern von Kitsch und idyllischer Sissi-Mentalität; Elisabeth wird als starke, aber auch depressive Frau dargestellt, deren Leben aus einem ständigen Kampf gegen die Welt besteht.
Dabei liegt das Hauptaugenmerk nicht etwa auf der Beziehung zwischen Elisabeth und Franz Joseph, sondern im Vordergrund steht eine ganz andere Liebesgeschichte: Elisabeths ewige Anziehung zum Tod, der hier in personifizierter Form als ihr junger Geliebter dargestellt wird. Der Tod steht ihr gesamtes Leben lang an Elisabeths Seite und verführt sie in einer ständigen Hass-Liebe, die sie fortdauernd am Rand ihrer selbst balancieren lässt.
In dieser halb mystischen, halb psychologischen Darstellung wird schnell klar, dass Elisabeth für den Tod selbst eine besondere Rolle einnimmt – wie es der Geisterchor sagt, „Alle tanzten mit dem Tod, doch niemand wie Elisabeth“ – und das wegen ihrer eigenen Einstellung zum Leben und zu den Menschen. Der Tod bleibt eine unwirkliche Gestalt, auf den Elisabeths Mischung aus Lebenswillen und Todessehnsucht eine besondere Faszination ausübt, doch er verliert nie seinen Status als unaufhaltsame Naturgewalt.

Wien, 1992

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La Esmeralda: Heldin der falschen Geschichte

Der Glöckner von Notre-Dame, Victor Hugos großer historischer Roman, bildet seit beinahe zweihundert Jahren den Inbegriff einer allumfassenden Tragödie. Auch wenn die Disneyverfilmung längst nicht die einzige Adaption ist, die die Geschichte bedeutend weniger grausig enden lässt – im Original nimmt wirklich jede einzelne Figur ein tragisches Ende – so hat doch keine der Bearbeitungen irgendetwas an diesem Status zu ändern vermocht.
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Über unsinkbare Schiffe und unsterbliche Legenden

Die menschliche Geschichte ist erfüllt von einer Unmenge grandioser Katastrophen – eine Tatsache, die wohl in der Natur des Lebens liegt. Aber dennoch scheint es oft eine ganz bestimmte Art Unglück zu sein, die sich im allgemeinen Gedächtnis festzubrennen vermag; ob nun der Untergang eines großen Reiches, die Zerstörung einer prächtigen Stadt oder das schlimme Ende einer bedeutenden Persönlichkeit.
Im Musical Elisabeth bietet der Attentäter Luigi Lucheni für diese Schwerpunktlegung eine Erklärung: „Das rührt doch jedes Herz, da schaudert man und denkt voll Sympathie: Die Großen trifft es auch! Gott sei Dank sind wir nicht reich und mächtig und erhöht wie die.“
Aber auch wenn diese Einschätzung wohl so zynisch wie wahr ist, gibt es denke ich einen größeren Rahmen, in dem die Faszination für gefallene Größen betrachtet werden sollte. Es hat etwas Mythisches, wenn Menschen versuchen, über sich selbst hinauszuwachsen und sich gegen jede höhere Macht zu stellen – und ob nun im Falle von Prometheus oder bei dem Turmbau zu Babel, in jeder der alten Religionen sind es schließlich die Gottheiten, die den Menschen für seine Hybris zur Rechenschaft rufen.

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Die Wege des Leibhaftigen in Der Meister und Margarita

Eine der interessantesten Teufelsdarstellungen unserer Zeit bietet Mikhail Bulgakov in seinem 1940 fertiggestellten Roman Der Meister und Margarita. Das Buch erzählt, wie der Leibhaftige unter dem Namen Professor Woland mit seinem Gefolge nach Moskau reist, um dort seinen jährlichen Frühlingsball abzuhalten und es berichtet von den allgemeinen Verwirrungen, die diese Reise bei jedem hinterlässt, der der der Schar auf die eine oder andere Weise über den Weg läuft.
Dabei unterscheidet sich Woland die gesamte erste Hälfte des Buches über kaum von der typischen Teufels-Inkarnation. Praktisch jedes Mitglied der Moskauer Gesellschaft, das ihm begegnet, stellt sich als arrogant, gierig oder schlichtweg dumm heraus, und sie alle werden von ihm oder seinen Dienern auf die eine oder andere Weise abgestraft. Auf diese Weise bietet Bulgakov in seinem Roman eine so sarkastische wie trockene Kritik an der russischen Gesellschaft und dem Staatssystem, die dafür sorgte, dass Der Meister und Margarita mehrere Jahrzehnte auf seine Veröffentlichung warten musste.
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Hoffnung, Schindlers Liste und der Heilige Abend

Schindlers Liste ist sicherlich kein leicht verdaulicher Film. Doch es gibt eine bestimmte Szene, die den Zuschauer auf ganz besondere Weise mitnimmt – und das, obwohl sie sich relativ weit am Ende des Filmes befindet. Nun, was kann den Zuschauer nach all dem Grauen, nach all dem Sterben und dem Leid noch mitnehmen?
Es ist die Grausamkeit enttäuschter Hoffnung.

Wenn der Zug mit den Jüdinnen, die in Schindlers Fabrik gebracht werden sollten, durch ein reines Versehen nach Auschwitz fährt und den Frauen klar wird, wo sie sich befinden, ist dies unerträglich, eine Erkenntnis schlimmer als jedes andere Leiden. Das liegt nicht etwa an der Verbundenheit des Zuschauers mit diesen Frauen, die man bis dahin kaum kennengelernt hat. Alles was man weiß, ist, dass sie darauf vertraut hatten, zu Schindler zu kommen, und diese Enttäuschung erscheint einfach unerträglich.
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Schönheit und Tod in Venedig

Venedig ist sicherlich eine der faszinierendsten und sonderbarsten Städte überhaupt. Vollkommen auf dem Wasser erbaut, bietet jedes Bild der Lagunenstadt einmalige und unverwechselbare Aussichten auf alte Kirchen, schmale Kanäle und pittoreske Gehwege. Und die Fotos der Lagunen und der goldenen Paläste mit ihrem Prunk sind ohne Zweifel weltbekannt. Aber eine andere, sehr viel interessantere Seite der Stadt liegt zur gleichen Zeit eher versteckt – um sie zu finden muss man wirklich dort hinreisen, und einen Tag nur damit verbringen, durch unerforschte Gassen zu streifen; am besten ohne Stadtplan, Zeitlimit und vor allem ohne Ziel.

Das Venedig, das dann zum Vorschein kommt, lässt sich für mich am besten so beschreiben: Was geschähe, wenn ein wahnsinniger Multimilliardär Tim Burton die Mittel zur Verfügung stellen würde, eine ganze Stadt nach eigenem künstlerischen Gutdenken zu entwerfen und aufzubauen? Ich rede hier nicht von Spiralen und schwarz-weißen Streifenmustern, sondern von dem morbiden Stil, der so viel von Burtons Werk auf ausschlaggebende Weise durchzieht. Der Künstler, der seine Freude daran hat, Flickenpuppen und halb verweste Leichen als zarte Schönheiten darzustellen, könnte keine morbidere Stadt erschaffen, als das Venedig, das sich hinter der hauchdünnen Touristenfassade verbirgt.
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