Getagged: Philosophie

Herr der Fliegen, Peter Pan und die Unschuld der Kinder

William Goldings Meisterwerk Herr der Fliegen ist ein grausames Buch. Es ist eine Erzählung von der Brutalität der Kinder, von Verrohung und Entmenschlichung und von dem Verlust der Unschuld.
Herr der Fliegen zeichnet ein Bild der Menschheit anhand einer Gruppe Kinder, die auf einer einsamen Insel gestrandet sind. Während die sechs bis zwölfjährigen Jungen zu Beginn noch fest vorhaben, eine geordnete Gesellschaft aufrechtzuerhalten, kippt das mühsam erhaltene Gefüge allzu bald ab: Die Kinder wenden sich gegeneinander, die kulturelle Erziehung fällt Stück für Stück zusammen und bald herrschen auf der Insel nur noch Gewalt und das Gesetz des Stärkeren.
vlcsnap-2015-09-24-10h11m46s221 Diese Geschichte könnte wohl alleine durch die dargestellte Grausamkeit wirken, doch die Genialität von Herr der Fliegen liegt darin, dass das Buch bei weitem mehr tut. Wenn es dem Buch heute noch genauso wie vor fünfzig Jahren gelingt, seine Leser zu schockieren und fassungslos zurückschrecken zulassen, so liegt das nicht an der Gewalt, die die jungen Hauptfiguren wirklich auswirken. Es ist viel mehr der Bruch zum Anfang des Buchs, als alle Jungen noch gemeinsam dabei sind, eine funktionierende Gesellschaft aufzubauen und zusammenzuarbeiten, und die Darstellung dessen, wie diese anfängliche Zusammenarbeit mehr und mehr auseinandergerissen wird. Die Kinder werden vom Herrn der Fliegen, von ihrer eigenen inneren Bestie, immer weiter zerrissen und korrumpiert. Es ist eine Geschichte von Zivilisation und Ordnung, und davon, wie zerbrechlich diese kulturellen Konstrukte wirklich sind.

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Alles steht Kopf: Pixars neuster Geniestreich

Bei Kunstwerken, die als für alle Altersklassen geeignet gelten, unterscheide ich meist in zwei Kategorien: Es gibt an Erwachsene gerichtete Werke, die so allgemeingültig erzählt sind, dass sie auch Kinder ansprechen, und Kinderwerke, die so grandios sind, dass sie auch Erwachsenen gefallen. Ersteres sind für mich die hochphilosophischen Romane von Michael Ende, zweiteres die farbenprächtigen Zauberwelten von Astrid Lindgren.
Was Pixars neuestes Werk angeht, so findet sich Alles steht Kopf ganz klar in der zweiten Gruppe wieder. Es ist ein Kinderfilm durch und durch, und dabei ist er so perfekt, dass er ohne Probleme ein universelles Publikum anspricht.

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Die Eiskönigin und Elisabeth – zwischen Loslassen und Aufgeben

Es sind nun anderthalb Jahre vergangen, seit Die Eiskönigin für einen Überraschungserfolg in den Kinosälen sorgte, und bislang ist kein Nachlassen in der Beliebtheit des Films zu spüren. Im Gegenteil: Diese Woche erst hat in Disneyland Paris die Bühnenshow zum Film gestartet, und ein offizielles Musical und eine Fortsetzung des Filmes sind gerade erst in Planung.
Dabei ist denke ich nach wie vor klar, der riesige, unerwartete Erfolg des Films hängt alleine an einer Szene: Lass jetzt los, das ursprünglich als starker Bösewicht-Moment geplante Lied, das zu einer noch viel stärkerer Freiheits-Ballade umgedeutet wurde.

So großartig Elsas große Nummer mit Sicherheit ist, so kann ich das Lied doch nicht hören, ohne daran zu denken, wie gerne der Text im allgemeinen Bewusstsein uminterpretiert wird. In einem anderen Artikel habe ich mich bereits darüber ausgelassen, dass Lass jetzt los bei genauerer Betrachtung immer noch ein klassisches Bösewicht-Lied darstellt. Aber auch wenn man die Szene im bestmöglichen Sinne liest, als Moment der lange ersehnten Befreiung, so zeigen sich Inhalt und Aussage des Liedes gerade im Zusammenhang des Films doch mehr als fragwürdig. Insbesondere, wenn man anfängt, Elsa mit einer anderen starken, freiheitssuchenden Eisprinzessin zu vergleichen: Elisabeth.
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Ultron, Pinocchio und die Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz oder KI ist praktisch seit jeher ein wichtiges Thema im Bereich Science-Fiction. Ganz gleich ob es sich nun um ein alternatives Universum handelt wie in Star Wars, um eine betont realistisch gehaltene Zukunftsvision wie Interstellar oder um ein reines Comedy-Werk wie Per Anhalter durch die Galaxis: Kaum eine klassische Science-Fiction-Welt kommt ohne die Hilfe freundlich gestimmter, menschenähnlicher Roboter aus.
R2D2-C3PO_EP4-KEY-63_R_8x10 Bemerkenswert dabei ist, dass eine starke KI von den „großen“ Science-Fiction-Tropes wohl die realistischste und naheliegendste Vorstellung ist – und gleichzeitig wäre eine KI, wie sie in den meisten Werken dargestellt wird, aller Voraussicht nach ein äußerst unwahrscheinlicher Dauerzustand. Wenn es einmal eine „richtige“ KI gäbe, so ist es wahrscheinlich, dass sie die Rolle des freundlichen, menschenähnlichen Begleiters im Nu hinter sich lassen würde. Ob nun gutartig gestimmt oder nicht, eine hochentwickelte KI würde sich wohl in kürzester Zeit über den Stand des Menschen hinwegentwickeln und damit quasi auf eine höhere, uns weit überlegene Stufe aufsteigen.
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Spielt The Zero Theorem in derselben Liga wie Brazil?

Das offensichtliche Erkennungsmerkmal aller Filme von Terry Gilliam ist, dass sie alles in allem äußerst seltsam sind. Was würde man sonst auch von dem Mann erwarten, der zu seinen Monty-Python-Zeiten für die surrealen Zeichentricksegmente der Serie verantwortlich war? Es gibt nur einen einzigen Film von Gilliam, der mir beim ersten Mal ansehen gleich gefallen hat, und das ist ausgerechnet Tideland, eine verstörende Traumfantasie, die man wohl am besten als Kombination aus Alice im Wunderland und Psycho beschreiben kann. In allen anderen Filmen hatte ich (zumindest bei der Erstsichtung) immer das irritierende Gefühl, der Regisseur hätte sich zu wenige, oder aber mit Abstand zu viele Gedanken über das Thema des Films gemacht.
Es lässt sich nicht verleugnen, dass Gilliams Filme durch die Reihe starke, faszinierende Kunstwerke darstellen, die gerade in ihrer Einmaligkeit beeindrucken. Gerade Brazil, Gilliams absurde Quasi-Adaption von Orwells 1984, stellt sicherlich ein besonderes Meisterwerk dar. Der Film wurde seinerzeit von seinem Studio verächtlich unter den Teppich gekehrt, nur um dann durch Mund-zu-Mund-Propaganda einen umso beeindruckenderen Erfolg zu feiern. Und ich muss zugeben, dass meine Wertung zu Beginn genauso geschwankt hat: Bei meiner Erstsichtung konnte ich nicht viel mit dem überladenen Machwerk anfangen, und erst von Mal zu Mal hat sich mir der Film als der Geniestreich eröffnet, der er sicherlich ist.

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Fluchtliteratur – von hässlichen Entlein, roten Rentieren und der Seeräuber-Jenny

Es gibt immer wieder den allgemeinen Vorwurf, jede fiktive Literatur sei eine Form von Eskapismus. Und je nachdem, wie man diesen Begriff definieren will, könnte man es sicherlich so ausdrücken. Jede Art Fiktion, ob nun in Buch oder Film, ja, jede Art von Kunst ist schließlich dazu geschaffen, den Rezipienten fortzutragen und ihm ein Erlebnis zu bieten, das jenseits der direkten, erfahrbaren Realität liegt.
Natürlich gibt es bei genauerer Betrachtung dann doch die unterschiedlichsten Impulse, die zum Schaffen von Kunst führen. Es gibt Kunst, deren Zweck es weniger ist, die Menschen aus der realen Welt fortzuführen, als vielmehr, sie dazuzubringen, nachzudenken, und ihre eigene Welt neu zu erfahren. Gerade im Bereich von Buch und Film genügen sich viele Werke auch darin, den Zuschauern eine simple Moral in hübscher Verpackung vorzustellen; einen Leitfaden, den man so oder so ähnlich auf das eigene Leben anwenden könne.
Aber unter all den Formen, die gerade moralisch angehauchte Kunst haben kann, gibt es dann doch immer wieder einen Bereich, der nicht anleiten oder gängeln will, sondern der sich darin genügt, seinen Zuschauern ein schönes, angenehm-gemütliches Bild zu bieten von einer Welt, in der am Ende schon alles gut werden wird. Eine Welt mit der einfachen Aussage: „Wenn es dir heute auch dreckig geht, morgen sieht sicher alles wieder besser aus.“

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Frank’N’Furter, Lisle von Rhoman und der Finger Gottes

Wenn man sich eine bildliche Darstellung Gottes vor Augen rufen will, so wird man wohl unweigerlich auf Die Erschaffung des Adam von Michelangelo stoßen, den zentralen Teil des Deckenfreskos der Sixtinische Kapelle. Das Bild ist so ikonisch wie kaum ein religiöses Gemälde sonst, und als die Darstellung der Erschaffung des Menschen an sich hat es sich längst im allgemeinen Bewusstsein verewigt.

Von daher ist dieses Gemälde ideal für jede Art von übertragener Nutzung oder auch symbolischer Verwendung, gerade auch in abgewandelter Form. Ob es nun um eine „offizielle“ Darstellung des Spaghettimonsters oder um ganz simple Parodien oder Hommagen an den christlichen Glauben geht, Michelangelos Bild ist stets ein Garant für einen allumfassenden Wiedererkennungswert des Originals.
Unter den endlosen Wiederverwendungen und Verfremdungen des Gemäldes habe ich persönlich zwei ganz klare Favoriten, nämlich die Nutzung der Erschaffung des Adam in der Rocky Horror Picture Show und in dem (sicherlich von ersterem inspirierten) Der Tod steht ihr gut – zwei filmische Werke, die Michelangelos Meisterwerk auf nahezu identische Weise einsetzen.
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Charlie Hebdo und die Verarbeitung in der Kunst – eine Überlegung

Die grauenvollen Ereignisse der letzten Woche haben mich ebenso sehr wie jeden anderen zutiefst erschüttert und, mehr noch, zum Nachdenken gebracht. Es ist nicht nur der Fanatismus und die reine zerstörerische Kraft hinter dem blutigen Anschlag, die mich bewegt, es ist vielmehr das Drama, dass eine kleine Gruppe Wahnsinniger es sich anmaßen kann, eine gesamte Glaubensrichtung zu vertreten, und dass es diesen Fundamentalisten gelingt, all ihre Glaubensbrüder durch ihrer Tat zu beschmutzen. Am Ende hat der Anschlag fanatischen Islamisten und Islamhassern ja gleichermaßen geholfen, und es wird eine grauenvolle Bilanz sein, wenn sich die fehlgeleiteten Demonstranten am Montag vervielfacht haben.

Doch ich bin nicht gut darin, über das Zeitgeschehen zu reden; die aktuelle Politik ist schlichtweg nicht mein Metier. Mich selbst hat der folgenschwere Anschlag viel mehr zum Nachdenken auf einer ganz anderen Ebene gebracht: Die Ereignisse haben in mir den Wunsch geweckt, meine Gefühle und meinen inneren Aufruhr auf schriftstellerische Weise zu verarbeiten.
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Dogville, Seeräuber-Jenny und die Alte Dame

Lars von Triers Dogville ist ein seltsamer Film, egal, welche Definition man ansetzen will. Und ich will hier gar nicht anfangen, über den eigentlichen Stil zu reden; über die auf den Boden gezeichneten Kulissen, die (ganz im Sinne Brechts) selbst für eine Theateraufführung bemerkenswert minimalistisch wären. Nein, mich interessiert hier vor allem die Handlung des Films und die Vermischung verschiedener Vorlagen – diese Herkunftsgeschichte ist an sich schon sonderbar genug.
Dogville erzählt die Geschichte eines winzigen Bergdorfes, dessen Bewohner unverhofft mit der Aufgabe konfrontiert werden, einer jungen, vor der Mafia flüchtenden Frau Unterschlupf zu gewähren. Nach anfänglichem Zögern entschließt sich die Dorfgemeinde schnell, Grace in ihrer Mitte aufzunehmen und der Einsamen die Möglichkeit zu geben, ein neues Leben anzufangen. Doch mit der Zeit kehrt sich die schützende Stimmung der Dorfbewohner immer weiter ins Gegenteil, sie beginnen, Grace physisch und sexuell auszunutzen, bis sie schließlich, an ein Wagenrad gekettet, als Sklavin des gesamten Dorfes ihr Leben fristen muss. Als selbst das nicht mehr ausreicht, wird endlich der Entschluss gefasst, das Mädchen doch noch an den Mafiaboss zu verkaufen – der sich allerdings als Graces Vater herausstellt, und auf den Befehl seiner Tochter hin blutige Rache an dem gesamten Dorf verübt.

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Der Besuch der Alten Dame: unterschiedliche Blickwinkel von Theaterstück und Musical

Über die Musical-Fassung von Dürrenmatts Der Besuch der Alten Dame habe ich seinerzeit schon einen Artikel geschrieben. Ich war von der Adaption nicht allzu begeistert, dafür weist sie durchgehend zu viele Schwächen auf, aber ich muss zugeben, dass ich mich dennoch nicht von dem Musical lösen kann.
Zum einen liegt das vielleicht daran, dass ich es als eine schmerzhaft verpasste Gelegenheit ansehe. Das Musical hätte wirklich genial werden können; selbst in seiner jetzigen Form hat es stilistische Ähnlichkeiten mit Drama-Größen wie Elisabeth oder Rebecca. Doch das vielversprechende Grundmaterial und die durchaus interessante Musik werden schließlich verwässert durch Texte und Inhaltsänderungen, die einer Seifenoper entsprungen scheinen und durch eigentlich gute Schauspieler, die hier entschlossen scheinen, die schmalzigste Performance ihrer Karriere abzugeben. Wie gesagt, es ist ein Jammer.
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