Tim Burton – zweifellos eine Klasse für sich. Der Regisseur, der uns Jack Skellington, Edward mit den Scherenhänden und die schärfste Catwoman von allen geschenkt hat, ist seit langem eines der absoluten Glanzlichter Hollywoods – wenn es sich auch wohl eher um einen Dunklen Stern handelt. Seit ich zum begeisterten Anhänger Burtons und vor allem seiner wiederholten Kollaboration mit Johnny Depp und Helena Bonham Carter geworden bin, warte ich darauf, endlich einen richtigen Vampirfilm vom Meister der Schwarzen Tragikomödie vorgesetzt zu bekommen.
Natürlich ist dieses Jahr mit Dark Shadows dieses seit langem überfällige Projekt schließlich entstanden, doch das Ergebnis ist auch bei bestem Willen eher mittelmäßig zu nennen. Weder Barnabas Collins, noch die karikierten Blutsauger in Nightmare before Christmas halten schließlich das, was man sich von einem wahren Burton‘schen Kind der Nacht – ganz im Stil der klassischen Horrorgeschichten – wünschen würde. Aber Moment, da gab es doch vor ein paar Jahren einen Burton-Film mit Mord und Totschlag (das heißt, noch mehr als üblich), jeder Menge Blut und eindeutigem Kannibalismus – was ist eigentlich damit?
Meine Behauptung lautet: Sweeney Todd ist nicht nur ein exzellenter Vampirfilm von Burton, es ist auch die erste und bislang einzige „reale“ Darstellung eines Vampirs überhaupt – und das, ohne die Mystik der klassischen Legende anzugreifen.

Schon im Prolog wird das eindeutige Thema des Films herausgestellt; es geht um Tod, um Blut und darum, was man daraus mit genügend Lebensverachtung machen kann.
Bereits im ersten Moment, in dem der Zuschauer Sweeney Todd im düsteren Nebel erblickt, erscheint er durch und durch leblos, eher ein Leichnam als ein Mensch. Jede Faser des Verdammten drückt aus, was er wenige Minuten später selbst ausspricht: „That man is dead.“ In Wahrheit ist sein früheres Ich Benjamin Barker vor langer Zeit gestorben und die neue Identität, die er sich zugelegt hat, ist kaum mehr als eine Maske für den Untoten, um zurückzukehren und blutige Rache zu nehmen.
Das Thema der Rache ist zweifellos ein zentraler Punkt im Film, aber gerade im späteren Verlauf erweist es sich als noch weit bedeutender als anfangs erwartet. Wenn Sweeney Todd bereits tot ist, so sind es alleine die blutigen Morde, die ihn am Leben erhalten und ihn mit neuer Kraft versorgen; Morde, die nur allzu genau an das vampirische Bluttrinken gemahnen können. Die Rache ist für Todd keineswegs Mittel zum Zweck, sie ist der alleinige Lebensgrund, der ihm geblieben ist – und das, obwohl in Wahrheit sowohl die Tochter als auch seine Frau nur darauf warten, dass er sie entdeckt und rettet. Aber der Durst nach Blut ist stärker als alle anderen Bande und im Finale ist er schließlich – wenn auch ohne es zu wissen – sofort bereit, seine Lucy für die ultimative Rache an Richter Turpin zu opfern.

Der wichtigste Konterpunkt zu Sweeney Todd ist sicherlich Mrs. Lovett, die schon alleine äußerlich jederzeit als Vampir oder auch als klassische Hexe durchgehen würde. Auch sie scheint zu Beginn des Films eine geradezu versteinerte Existenz zu führen und man könnte sich fragen, wodurch es ihr überhaupt gelingt, ihren Lebensunterhalt zu fristen. Erst durch Todds Rückkehr und die gemeinsamen Untaten kehrt sie wieder in die Welt der Lebenden zurück – nun als vollkommen skrupellose Kannibalin, die sich buchstäblich von Blut und Fleisch ihrer Opfer ernährt.
Es scheint passend, dass Mrs. Lovett die einzige Figur im Film ist, die nicht durch einen Kehlschnitt stirbt, sondern in ihrem eigenen Ofen zugrunde geht; in einem geradezu höllischen Feuer, das sowohl an die klassische Hexenverbrennung gemahnt, als auch an das reinigende Sonnenlicht, das der Todfeind aller Vampire ist.

Gemeinsam sind Sweeney Todd und Mrs. Lovett durchaus zu Fröhlichkeit und schwärzestem Galgenhumor fähig. Die beiden stellen ein tödliches Duo dar, das aber nur mehr in der gemeinsamen Infernalität existieren kann. Sieht man sich die Kollaboration an, so scheint Mrs. Lovett definitiv noch lebendiger zu sein als ihr brütender Untermieter; sie ist noch fähig zu der Liebe, die sie für Sweeney Todd fühlt und zur Fürsorge für den Waisenjungen Toby und auch Todds Tochter Johanna. Gleichzeitig ist sie aber noch eher als er bereit, auch andere zu ihresgleichen zu machen, wie wenn sie Toby notgedrungen in die Backkammer schickt, um nicht nur sein Leben, sondern vor allem seine Unschuld unrettbar zu zerstören.
Sweeney Todd dagegen erscheint den gesamten Film hindurch bereits vollkommen tot, im Gegensatz zu seiner Komplizin hat er sich schon zu weit von der Welt der Lebenden entfernt, um noch etwas anderes als Schmerz und Rache zu fühlen. Doch genau darum ist Mrs. Lovett eindeutig die grausamere Figur des Films, denn sie kann all diese Taten begehen, obwohl in ihr noch Leben ist – Todd selbst ist in seinem Blutdurst lange jenseits von Gut und Böse. Am deutlichsten ist Mrs. Lovetts immer noch vorhandener Lebenswille in der Traumszenerie von By the Sea zu erkennen, wenn sie es tatsächlich wagt, an ein anderes, reales Leben zu glauben. Passenderweise stellt dieses Lied auch die einzige wirklich farbige Szene des Films dar.
Im Rest der Lieder ist die Farbgebung dagegen recht einseitig: Wenn man – mit Ausnahme des Blutes – alle Farbe aus dem Film entfernen würde, so würde sich das Resultat von der jetzigen Version wohl nur unwesentlich unterscheiden.
Burton sagte einmal zu Sondheims Musical, es käme ihm vor wie ein Stummfilm mit Musik – genauso könnte man nun von seiner Verfilmung sagen, sie sei ein Schwarzweißfilm mit Blut. In der Tat bietet der Film jede Menge des Besond’ren Saftes, doch dieses Blutbad stellt sich nie als Gemetzel um seiner selbst willen dar, sondern ist in jeder Szene wichtig, um Handlung und Emotionen der Hauptfiguren zu unterstreichen.
Es ist auffällig, dass die Stärke, in der das Blut bei jedem der zahlreichen Morde vergossen wird, immer genau mit Sweeney Todds entsprechenden Emotionen korreliert – von den spritzenden Fontänen aus Pirellis und Richter Turpins Kehlen bis zum langsamen Verrinnen von Lucys Blut, das nur aus einer momentanen Notwendigkeit heraus vergossen wird und schließlich Sweeney Todd selber, dessen langsames Ausbluten eher an die Tränen eines Verdammten als an die letzte Anstrengung eines noch schlagenden Herzens gemahnt.

Neben dem allgegenwärtigen Blut lassen sich auch viele der anderen typischen Vampir-Assoziationen in der einen oder anderen Form wiederfinden:
Dass Sweeney Todd den Sonnenschein meidet, erklärt sich in diesem Film von selbst, da es in Burtons viktorianischem London praktisch kein natürliches Tageslicht gibt. Todds Spiegelbild ist zwar in mehreren Szenen sichtbar, aber es zeigt sich immer nur verzerrt oder geborsten – ein anschauliches Bild seiner eigenen Seele. Dem klassischen Vampirbild entspricht es auch, dass die unschuldige Lucy die Einzige ist, die den Unheiligen Gestank, Mrs. Lovetts „Stink of Evil“ erkennt und sie als Hexe und Weib des Teufels bezeichnet – wobei letzteres wieder mehr auf Sweeney Todd selbst abzuzielen scheint.
Und nicht zuletzt erinnern Todds Rasiermesser, seine „Freunde“, die er als Teil seines Körpers betrachtet, nicht nur in ihrer Form an die Reißzähne eines Raubtieres. Die Betonung, dass die Messer aus Silber sind, lässt dagegen wieder an alte Vampir-Mythen denken, in denen neben Holz auch Silber ein für Vampire tödlicher Stoff ist – so wie Todds Messer am Ende ihm selbst den Gnadenstich gewährt.

Das Ende des Films bietet für Sweeney Todd mehr Erlösung als Strafe; auch das ganz im Sinne klassischer Ungeheuerdarstellungen wie dem Phantom der Oper oder Dracula. Wenn der monströse, und doch seltsam sympathische Protagonist im Finale stirbt, lässt das Endbild den Zuschauer in genau der richtigen Mischung aus Befriedigung und Melancholie zurück, um der Geschichte einen perfekt-bittersüßen Schlusspunkt zu setzen.