Ob in Buchform oder auf der Leinwand, Katniss Everdeen hat in kürzester Zeit eine gesamte Generation für sich gewonnen. Die Tribute von Panem sind ein wunderbares Beispiel für Jugendliteratur, die sich zurecht auch unter Erwachsenen durchsetzen konnte, und seit Jennifer Lawrence in Hunger Games der jungen Kämpferin Gesicht und Stimme geliehen hat, ist Katniss und ihr Spottvogel-Ruf längst im allgemeinen Kultur-Gedächtnis verankert. So sehr, dass sich bei den jüngsten Aufständen in Thailand der Panem-Salut als allgemeines Freiheits-Symbol durchgesetzt hat.

In dem dritten und vorerst jüngsten Teil der Filmreihe, Mockingjay Part 1, ist nun ein neues Symbol für die durch Katniss repräsentierte Rebellion gegen die Unterdrückung auch auf der Leinwand erschienen: Das Lied vom Henkersbaum, eine alte Volksweise, die Katniss von ihrem Vater als Kind gelernt hat, ohne sie damals ganz zu verstehen. Das Lied, (das mit seinem Text schon im entsprechenden Band der Buchreihe vorkommt,) stammt aus den Zeiten der letzten Aufstände und wurde damals schon als Symbol für die Widerstandsbewegung genutzt. Der Inhalt, ein angeblicher Mörder, der gehängt wird, doch gemeinsam mit seiner Liebsten im Tode Freiheit findet, ist nicht aufrührerisch an sich, aber die rebellischen Untertöne und der antiautoritäre, gegen das Kapitol gerichtete Tonfall, sind unüberhörbar.

Are you, are you
Coming to the tree
Where they strung up a man they say who murdered three.
Strange things did happen here
No stranger would it be
If we met at midnight in the hanging tree.

So ist es nicht verwunderlich, dass seit Erscheinen der Bücher verschiedenste Versuche gestartet wurden, dem hypnotisierenden Liedtext eine würdige Form zu geben. Eine besonders gelungene Version des Liedes findet sich hier:

Es handelt sich nicht nur um eine sehr stimmungsvolle Vertonung, sie trifft meiner Meinung auch den angedachten Charakter des überlieferten Volksliedes perfekt. Genauso könnte ein altes, von Vater zu Kind weitergetragenes Revolutionslied aussehen, das sich nur vordergründig hinter einer unscheinbaren Kinderlieder-Maske versteckt.

In der deutschen Version des Buches stellte sich nun natürlich die Frage, wie man das Lied gebührend übersetzen sollte. Allgemein gibt es für Versmaß-Poesie bei Übersetzungen zwei Ansätze; man kann versuchen, den Text originalgetreu in die andere Sprache zu übersetzen, oder man kann sich an Versmaß und Reimschema halten, um das Gedicht so passend wie möglich zu „übertragen“.
Beim Lied vom Henkersbaum handelt es sich nun um einen rhythmisch komplexen Fall. Die einzelnen Zeilen sind kurz, das Reimschema fest und der Inhalt für die kurzen Strophen ungewöhnlich vielschichtig.So ist es nicht verwunderlich, dass sich der Übersetzer entschied, das ursprüngliche Versmaß außer Acht zu lassen, um dafür den Wortlaut des Liedes so gut wie möglich zu bewahren.

Kommst du, kommst du,
Kommst du zu dem Baum,
Wo sie hängten den Mann, der drei getötet haben soll?
Seltsames trug sich hier zu.
Nicht seltsamer wäre es,
Träfen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.

Das Ergebnis ist ganz klar nicht auf seine Singbarkeit optimiert. Nur durch die Tatsache, dass sich in allen Strophen nur die dritte Zeile ändert, erhält die Übersetzung überhaupt noch einen liedähnlichen Charakter. Und der Versuch, diese Übersetzung für das Hörbuch wirklich zu singen, zeigt sich äußerst bemüht:

Jennifer Lawrences Synchronsprecherin gibt sich sichtlich alle Mühe, den Volkslied-Charakter des Stückes auch hier aufrechtzuerhalten, doch umsonst. Zu holperig ist der Takt, zu bemüht die daraufgepresste Melodie, die dazu noch ganz ohne Reime auskommen muss. Diese Version des Henkersbaums gehört gelesen, nicht gesungen, um ihre eine Stärke – die Textgenauigkeit – wirklich auszunutzen.

Nun ist aber der neue Film erschienen, und hierfür wurde das Lied mit einer neuen, „definitiven“ Melodie unterlegt, die einen nicht unbedeutenden Teil des Filmsoundtracks ausmacht.
Im Film hat das Lied nun eine erzählerisch andere Aufgabe als im Buch. War es dort noch darauf angelegt, Melancholie zu verbreiten und Hintergrundwissen über Katniss’ und Prims Kindheit zu veranschaulichen, so soll das Lied im Film Emotionen wecken. Von den ersten, leisen Tönen, mit denen Katniss die Melodie anstimmt, über den dumpfen Chorgesang der Aufständischen, bis hin zur schmetternden Fanfare der Rebellion erhebt sich das Stück, und so wurde bewusst eine Melodie gewählt, die diesen Marschgedanken entsprechend unterstützt.

Es ist eine drückende, geradezu manisch aufputschende Melodie, die den Zuschauer mitreißt – und ihn so verstehen lässt, wie der unbeholfene Gesang eines jungen Mädchens helfen kann, ein Land zur Revolution zu treiben.
Wenn Jennifer Lawrence auch noch so sehr beteuert, dass sie die Aufnahme dieses Liedes gehasst hat, so ändert das nichts an der Qualität ihrer Darbietung. Im Gegenteil; die unwillige Überwindung der Schauspielerin hilft nur noch mehr, Katniss’ eigenes Zögern lebendiger zu machen.

Nicht weniger tapfer hat sich die deutsche Synchronsprecherin geschlagen, als es darum ging, das Lied für den Film ins Deutsche zu übertragen. Gab es für das Buch noch gute Gründe, Takt und Versmaß zu ignorieren, so war das nun nicht mehr möglich. Um das Lied zu übersetzen, musste eine singbare Version geschrieben werden, die ohne weiteres auf den originalen Soundtrack passt.

Seh’ ich, dich heut’,
Nacht am alten Pfad,
Dort hängten sie den Mann, der drei getötet hat.
Seltsames trug sich zu und seltsam wär’s wenn wir,
Uns seh’n, am Baum, wo er gehangen hat.

Das Ergebnis ist den Umständen entsprechend gut gelungen. Gerade die ersten beiden Zeilen wirken etwas holperig, doch damit ist bei der harten englischen Vorgabe zu rechnen. Auch bei dem Inhalt mussten wie erwartet Kompromisse geschlossen werden, wenn die Schuld des Verurteilten nun klar erwiesen scheint – im Original bleibt hier weit mehr Raum für Spekulationen. Außerdem schaffen die letzten beiden Zeilen in dieser Version zwischen dem Gehängten und „Wir“ einen klaren Kontrast, der im Original so nicht da ist. Doch wie gesagt: Es ist kaum möglich, Inhalt und Form bei einer Übersetzung gleichermaßen zu bewahren, und für die Ansprüche des Films zeigt sich diese Version mehr als genügend.

Ein interessanter Aspekt, unter dem gerade die Übersetzungen zu betrachten sind, liegt nun in der letzten Strophe. Vergleicht man die englische Version des Liedes aus dem Film und die Soundtrack-Version, so macht sich ein kleiner, aber grundlegender Unterschied bemerkbar: Singt Katniss im Film in der letzten Strophe noch „Wear a necklace of rope, side by side with me“, so wird daraus auf der CD ein sehr viel hoffnungsvolleres „necklace of hope“. Dieser Unterschied ist sehr bewusst gewählt. Schon im Buch hat Plutarch angeregt, das Ende des Liedes ins Positive zu verändern, um so die mitreißende Kraft des Liedes zu verstärken.
Für das Buch stellte diese Feinheit natürlich keine Schwierigkeit dar. In der letzten Strophe heißt es dort „Ein Seil als Kette, Seite an Seite mit mir“, eine so getreue wie einfach abzuwandelnde Übersetzung.
Schwieriger wurde es im Film. Schwer genug, die inhaltsreiche Zeile im Deutschen überhaupt in wenigen Silben zu übertragen; nun auch noch den Kontrast zwischen „Seil“ und „Hoffnung“ einfließen zu lassen wäre kaum möglich. Stattdessen wurde die Zeile hier mit „Wir geh’n hoffnungsvoll, auf einem schmalen Grat“ eher poetisch denn originalgetreu übersetzt, in einem Bild, das dem Original zwar nicht entspricht, doch eine höchst passende Stimmung zu erwecken weiß.
Das Ergebnis sind zwei deutsche Übersetzungen der Zeile, die auf den ersten Blick rein gar nichts miteinander zu tun haben, aber die ihre eigentliche Aufgabe doch beide bestmöglich erfüllen.

Ich finde, dass das Lied vom Henkersbaum seit seinem Entstehen einen äußerst faszinierenden Weg hinter sich gebracht hat. Das Lied hat trotz seiner kurzen Lebenszeit bereits eine Menge an Transformationen und Interpretationen hinter sich gebracht, von denen jede einen anderen Aspekt des ursprünglichen Textes beleuchtet.
Ich tue mich sehr schwer, mich für eine Lieblingsversion dieses Liedes zu entscheiden; zu bedeutsam scheint mir jede der Bearbeitungen in sich zu sein. Fest steht für mich nur, dass dieses Lied ein neues, starkes Symbol darstellt, nicht nur für Panem, sondern für die Ideen von Rebellion und Freiheit, die dieser Buch- und Filmreihe erst eine tiefere, weitreichende Bedeutung bis in unsere Welt hinein verleihen. Und ich bin gespannt, welchen realpolitischen Weg die simplen Verse in den nächsten Monaten und Jahren noch gehen mögen.