Das offensichtliche Erkennungsmerkmal aller Filme von Terry Gilliam ist, dass sie alles in allem äußerst seltsam sind. Was würde man sonst auch von dem Mann erwarten, der zu seinen Monty-Python-Zeiten für die surrealen Zeichentricksegmente der Serie verantwortlich war? Es gibt nur einen einzigen Film von Gilliam, der mir beim ersten Mal ansehen gleich gefallen hat, und das ist ausgerechnet Tideland, eine verstörende Traumfantasie, die man wohl am besten als Kombination aus Alice im Wunderland und Psycho beschreiben kann. In allen anderen Filmen hatte ich (zumindest bei der Erstsichtung) immer das irritierende Gefühl, der Regisseur hätte sich zu wenige, oder aber mit Abstand zu viele Gedanken über das Thema des Films gemacht.
Es lässt sich nicht verleugnen, dass Gilliams Filme durch die Reihe starke, faszinierende Kunstwerke darstellen, die gerade in ihrer Einmaligkeit beeindrucken. Gerade Brazil, Gilliams absurde Quasi-Adaption von Orwells 1984, stellt sicherlich ein besonderes Meisterwerk dar. Der Film wurde seinerzeit von seinem Studio verächtlich unter den Teppich gekehrt, nur um dann durch Mund-zu-Mund-Propaganda einen umso beeindruckenderen Erfolg zu feiern. Und ich muss zugeben, dass meine Wertung zu Beginn genauso geschwankt hat: Bei meiner Erstsichtung konnte ich nicht viel mit dem überladenen Machwerk anfangen, und erst von Mal zu Mal hat sich mir der Film als der Geniestreich eröffnet, der er sicherlich ist.

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Nun ist Gilliams neustes Werk The Zero Theorem in Deutschland endlich auf DVD erschienen, nach einer Veröffentlichungsgeschichte, die sich alles in allem zwei Jahre lang hingezogen hat. Ich muss zugeben, hätte ich mich nicht speziell auf die Darbietung von Hauptdarsteller Christoph Waltz gefreut, so hätte ich den Film in dieser Zeit längst aus den Augen verloren.
Und das Gefühl, das mich nach dem ersten Mal sehen beschleicht, ist nur allzu vertraut: Ich kann mit dem Film wenig anfangen, die Optik ist nett, aber der Inhalt ist allzu konfus, die Handlung scheint nach einem netten Aufbau schnell ins Leere zu laufen. Und schaut man sich die Kritiken zu dem Film an, so scheint ein Großteil der Zuschauerschaft ähnliche Reaktionen zu zeigen.
Aber gut, diese Eigenreaktion bin ich auf Gilliam-Filme mittlerweile gewohnt. Die Frage ist, wie sich der Film bei näherer Beleuchtung halten kann. Wie steht The Zero Theorem da, wenn man ihn mit Brazil vergleicht?

brazil_screenshot__lofty_dreams_by_monsieurbubbles-d6s7qkhDieser Vergleich ist alles andere als willkürlich, denn die Parallelen zwischen den beiden Filmen sind überdeutlich. Es handelt sich bei beidem um eine Zukunftsfantasie, in ihrem Charakter weniger dystopisch als rein abstrus. Die dargestellte Welt liegt nahe genug an unserer, um sich in ihr wiederzufinden, und doch weit genug entfernt, um Distanz zu schaffen. Sie ist bunter, aufgetakelter und wirkt auf eine sehr spezielle Art und Weise anders – nicht unbedingt hässlicher, aber doch seltsam unangenehm. Wobei gerade der unangenehme Charakter der Welt in Brazil noch um einiges drückender erscheint als in The Zero Theorem.
The Zero Theorem 2013 2_zps5mssuqjc Wieder ist in The Zero Theorem die Hauptfigur ein sozial abgeschlossener Außenseiter, ein Mensch, der in dieser aufgetakelten Scheinwelt leben muss, und der sich doch nicht damit abfinden kann. Aber wo sich nun die Erzählung in Brazil nach außen wendet und mit der Struktur der Welt um Sam Lowry herum beschäftigt, da zeigt sich The Zero Theorem nach innen gerichtet, ganz auf den Charakter und auf das Innere von Qohen Leth, der sich selbst mit „wir“ bezeichnet, fokussiert. Brazil handelt von dem Kampf des Individuums mit der Außenwelt, The Zero Theorem von dem Kampf mit sich selbst, den eigenen Ängsten und Fokussierungen.

Das Thema von The Zero Theorem ist von Anfang an klar definiert; es geht um nicht mehr und nicht weniger als den Sinn des Lebens (ein Thema, dem Gilliam schon zu Monty-Python-Zeiten einen Film gewidmet hat). Und bei einem so großen, so weitläufigen Ansatz könnte man sagen, dass das Ergebnis eher enttäuschend simpel geraten ist. Auch wenn man nicht erwartet, das Gilliam auf die uralte Frage eine zufriedenstellende Antwort gibt, so bietet das Thema selbst doch so vieles an Möglichkeiten und an Spielwiese, dass man zumindest mit einigen spannenden Fragen und Überlegungen rechnen würde.
Von all diesem Potenzial wird im Film jedoch nur wenig genutzt; es werden eher Plattitüden und Selbstverständlichkeiten geboten, als dass der Zuschauer mit neuen Ideen und Denkanstößen entlassen würde.

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Also, hat der Film sein (ehrgeiziges) Thema verfehlt? Ich denke, das hat er ebenso wenig wie seinerzeit Monty Pythons Der Sinn des Lebens.
Im Film geht es ja nie wirklich darum, das Zero Theorem zu lösen, genauso wenig wie darum, es auch nur zu erklären. Wie auch Qohen selbst, kann auch der Zuschauer nur hier und da an den sonderbaren Strukturen arbeiten, ohne die eigentliche Lösung doch je zu erreichen.
Es geht nicht um die Lösung der uralten Frage; der Film beschäftigt sich nicht mit tieferer Philosophie oder Transzendenz. Es wird schlicht gezeigt, wie ein einzelnes Individuum mit der übermächtigen Fragestellung umgehen könnte. Und in dieser Hinsicht zeigt sich Qohen sehr viel durchschnittlicher, als man auf den ersten Blick erwarten könnte.
Der ganze Film konzentriert sich, ebenso wie Qohens gesamtes Leben, auf die Frage nach dem geheimnisvollen Anruf. Er ist das Herzstück des Films, das entscheidende Element im Leben der Hauptfigur. Qohen kesselt sich ein, er vergräbt sich in seine Arbeit, alles, um auch nur ja den einen Anruf nicht zu verpassen, der ihm den Sinn seines Lebens verkünden soll. Alles was er tut, sein gesamtes Leben, befindet sich im Spannungsfeld seiner Sehnsucht nach mehr Bedeutung und seinem offenen Widerwillen gegen die reale Außenwelt, die ihn umgibt.

zero-silde1Diese Spannung, dieser offene Widerstreit zwischen Sehnsucht und Realität ist der entscheidende Faktor, der Qohens Lebens bestimmt. Er findet gegen jede Wahrscheinlichkeit eine Freundin und ist glücklich, solange er sich mit ihr eine eigene, künstliche Welt schaffen kann, fern von aller Realität – dabei gerade dieser allzu künstliche Cybersex ja gerade der Inbegriff der bedeutungslosen Zero-Realität, vor der Qohen eine geradezu existenzielle Angst hat. Doch sobald seine Freundin ihn bittet, mit ihr in die reale Welt zu gehen und wirklich zu leben, wehrt Qohen ihre Bitte panisch ab und verkriecht sich aufs Neue – der potenzielle, irreale Anruf ist ihm wichtiger.

The Zero Theorem 2013 17_zpsoavizlonThe Zero Theorem zeichnet eine plakative Geschichte. Es ist die Erzählung eines Einzelgängers, der das Leben nicht an sich heranlassen will, der zerfressen ist von seiner Suche nach Bedeutung und Einmaligkeit, und der gerade dadurch selbst bedeutungslos wird. Qohen führt einen allwährenden Kampf mit sich selbst und seiner Umgebung, bis er am Ende eine absolute Falschwelt glücklich akzeptiert – quasi in einer ironischen Verkehrung des tragischen und doch positiven Endes von Brazil.
Ich denke, es ist keine Frage, dass der Film eine starke Atmosphäre schafft, dass Gilliam seine Geschichte in kräftigen Bildern und Gedanken erzählt. Es gelingt ihm nicht, neue Ideen oder Sichtweisen zu dem Thema zu eröffnen – andererseits scheint der Film das auch gar nicht zu versuchen, und so tue ich mich schwer damit, dieses Versäumnis als Niederlage zu sehen.
The Zero Theorem präsentiert seine schwerwiegenden Themen scheinbar ganz unbeteiligt, wie nebenher. Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird auf den kleinsten Nenner herabgebrochen – aber ist das für den Zweck des Filmes nicht vielleicht auf seine Art ausreichend?

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Ich weiß nicht ob The Zero Theorem ein guter Film ist – ich hätte es auch bei Brazil lange nicht entscheiden können. Ob Gilliams neuster Streich einmal auf vergleichbare Weise zum Klassiker erklärt werden wird, kann ich nicht sagen, doch ich könnte es mir gut vorstellen.
Am Ende ist es Gilliam mit The Zero Theorem gelungen, mich zum Nachdenken zu bewegen, und wenn ich dabei nur nach dem Sinn des Filmes gesucht habe.