Die beiden Werke Der kleine Prinz und Hallo Mister Gott, hier spricht Anna gehören für mich unbestreitbar zu den großen Klassikern der Weltliteratur. Diese beiden Bücher, in denen zwei einmalige, überlebensgroße Kindergestalten verewigt worden sind, scheinen mir auf geradezu sonderbare Weise verwachsen. Weswegen das so ist, lässt sich in einem Satz kaum sagen, aber ein Beispiel mag der Vergleich der berühmtesten Zitate der beiden Bücher sein – zwei Zitate, die eine wenn auch nicht ähnliche, so doch auf seltsame Art verwandte Aussage bieten:
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
und
„Der Unnerschied von einen Mensch und einen Engel ist leicht. Das meiste von ein Engel ist innen, und das meiste von ein Mensch ist außen.“

Und wenn die Autoren der Bücher auch nicht allzu viel miteinander gemein haben – Antoine de Saint-Exupéry durfte seinerzeit große Anerkennung sowohl als Pilot als auch als Schriftsteller genießen und ist heute im Panthéon verewigt, während sich hinter dem Pseudonym „Fynn“ wahrscheinlich der Mathematiker Sydney George Hopkins verbirgt, der nach seiner Begegnung mit Anna einen guten Teil seines Lebens in psychiatrischer Behandlung verbrachte – so gleicht sich ihre Geschichte doch darin, wie es zum Entstehen der beiden Bücher kam: Beide Autoren erzählen ihr Buch als eine wahre, sie selbst persönlich betreffende Geschichte, eine prägende Begegnung mit einem einmaligen Kind. In beiden Fällen handelt es sich zudem um belegterweise wahre Rahmenbedingungen, die eine wichtige Zeit im Leben der Männer ausmachten, auch wenn von beiden Kindern bis auf das Wort der Autoren keine Dokumentation verblieben ist. Und nicht zuletzt enden beiden Bücher mit dem unzeitigen Tod ihrer kindlichen Hauptfigur – dem Erzähler bleibt nur übrig, sich mit dem Erlebten zu arrangieren und anderen von seiner Begegnung zu berichten.
Auch in ihrem Stil sind sich die beiden Bücher sicherlich nicht unähnlich. Beide Werke geben sich stilistisch simpel und gelten daher heute vor allem als Kinderbücher, auch wenn es sich eher um hochphilosophische Fabeln handelt, bei denen sich auch der erwachsene Leser nichts vergibt.

Alles in allem ist es leicht, zwischen den beiden Büchern Parallelen zu ziehen, doch viel interessanter sind für mich die Unterschiede – besonders die Unterscheidungen, die Fynn, der Autor des jüngeren Buches, bewusst gezogen haben mag. Und das fängt schon direkt am Anfang an. Bereits in der ersten Begegnung mit Anna beschreibt Fynn ihr Lachen: „Es klang nicht wie Silberglöckchen; es war eine Mischung aus Hundegebell, Motorrad und Fahrradluftpumpe.“
So stellt er von Anfang an eine bewusste Assoziation von Anna zum kleinen Prinzen dar, nur um sie im gleichen Moment wieder zu brechen. Denn die Silberschellen haben in Saint-Exupérys Der kleine Prinz einen hohen Stellenwert: Sein Lachen, dass im Buch jedes Mal mit dem Klang von Silberschellen verglichen wird, dieses Lachen ist es, das dem Erzähler am Ende von ihm verbleibt. Die Silberschellen stehen für den kleinen Prinzen selbst, und in ihrem ätherischen Klang sind sie ein Symbol für seine eigene Anderweltlichkeit. Der kleine Prinz ist sublim, perfekt, buchstäblich nicht von dieser Welt.

Anna ist anders.
Hundegebell, Motorrad und Fahrradluftpumpe, so wird Annas Lachen beschrieben und eine gewöhnlichere Mischung kann man sich kaum vorstellen. Es ist klar, dass eine gewisse Verbindung zum kleinen Prinzen besteht, die Fynn auch bewusst erwecken will, aber genauso klar sind schon auf den ersten Blick die Unterschiede zwischen den beiden Kindern. An Anna ist nichts Außerweltliches. Möglich, dass sie einem Engel mehr gleicht als einem Menschen, möglich, dass sie ein wahrhaft einzigartiges Kind gewesen ist – aber trotz alledem ist das Besondere an ihr ja gerade, dass sie fest in dieser Welt verwurzelt ist. Anna ist sicherlich keine Fieberfantasie, die einem verirrten Pilot erscheinen mag, um nach seiner Rettung spurlos zu verschwinden – sie ist real.

Dieses Zitat stellt wohl die eindeutigste Verbindung zwischen den beiden Büchern dar. Doch es gibt noch einen anderen Punkt, einen Punkt den ich womöglich gnadenlos überinterpretiere, aber der mir dennoch so schön und wichtig erscheint, dass ich ihn nicht außer Acht lassen will. Es ist das Symbol der roten Blume, das in beiden Werken auf sehr unterschiedliche Art und Weise vorkommt.
Was den kleinen Prinz angeht, so ist klar, dass die Rose dort eine wichtige Rolle spielt. Sie ist als „seine Rose“ eine der Hauptfiguren; sie ist es, die die Geschichte antreibt und durch ihr Verhalten wird der kleine Prinz erst dazu gebracht, seinen Planeten zu verlassen. Und sie ist es, nach der er sich sehnt, und wegen der er schließlich auch die Erde wieder verlassen und zurückkehren muss. Auf gewisse Weise handelt das ganze Buch ja nur von diesem Widerstreit des kleinen Prinzen, der hin und hergerissen ist zwischen der Liebe zu seiner Rose und dem Schmerz über ihre Schroffheit. Dabei ist der Grund für die Liebe des Prinzen denkbar simpel: Immer wieder wird klargemacht, dass es das Aussehen der Rose ist, ihre perfekte Schönheit und die Verletzlichkeit eben dieser Schönheit, die den kleinen Prinzen in ihren Bann zieht. „Wie schön Sie sind!“ ist das Erste, womit der kleine Prinz sie begrüßt, doch die Koketterie der Rose beginnt noch früher, bereits vor ihrem Erblühen: „Sie wählte ihre Farben mit Sorgfalt, sie zog sich langsam an, sie ordnete ihre Blütenblätter eins nach dem anderen. Sie wollte nicht wie die Mohnblüten ganz zerknittert herauskommen.“
Der Vergleich zum Klatschmohn ist eine erste Distanzierung zu allen anderen „gemeinen“ Blumen.

In Hallo Mister Gott, hier spricht Anna kommen keine Rosen vor. Annas Welt ist dafür zu dreckig; zu einfach und vollgestopft ist die Straße, die Welt, in der das Mädchen aufgewachsen ist. Aber im Buch gibt es dennoch eine Erwähnung von roten Blumen: Der Titel des allerletzten Kapitels lautet Roter Mohn.
Das letzte Kapitel des Buches beginnt so grauenvoll, ist insgesamt so herzzerreißend, wie das Ende wundervoll ist. Ohne jeden tieferen Sinn und Zweck ist Anna vom Baum gefallen und hat sich dabei tödlich verletzt. Sie wird auf einem kleinen Stückchen Erde begraben, kaum von einem Kreuz markiert, und Fynn kann nicht mehr tun, als noch eine Handvoll alter Samen auf ihr Grab zu werfen.
Erst Jahre später entschließt er sich, das Grab wieder zu besuchen – und stößt auf ein Feld voll tiefroten Mohn. Niemand hatte sich um diese Blumen gekümmert, und ganz sicher hat sie nie jemand unter einen Schirm gestellt wie die Rose des kleinen Prinzen. Doch da stehen sie; ein Grab voll von Klatschmohn, vielleicht die einfachste Blume überhaupt – und vielleicht die stärkste.

Die Blume, die im kleinen Prinz gerade als Gegensatz zur Schönheit der Rose genutzt wird, nimmt hier eine ganz besondere Rolle ein, ein direktes Symbol für Anna selbst. Und es ist in seiner Unauffälligkeit ein sehr passendes Symbol. Fynn sieht die Schönheit und das Wunder dieses Mohnfeldes, der Leser sieht es durch seine Augen mit – doch wer würde sie sonst überhaupt bemerken? Wie viele Vorbeilaufende würden Annas Grab schlicht für eine überwucherte Wildnis handeln?
Gerade im letzten Kapitel wird noch einmal eine frühere Episode des Buches herausgegriffen, als Anna traurig feststellt, dass niemand außer ihr die Schönheit eines gebrochenen Eisenstückes erkennt; ihre eigene Wunde wird mit der kristallinen Bruchstelle verglichen.
Natürlich, auch im kleinen Prinz wird betont, dass die äußere Schönheit nicht der entscheidende Punkt ist. Als er einen Garten voller Rosen sieht, die in ihrer Schönheit allesamt seiner Rose gleichen, ist er verzweifelt – bis er erkennt, dass der besondere Wert seiner Rose eben darin liegt, dass sie die seine ist. Ihre Schönheit hat erst dadurch Wert, dass er selbst sich um sie gekümmert und sie bewundert hat.
In Hallo Mister Gott, hier spricht Anna dagegen wird die unscheinbare Mohnblume zum allerwichtigsten Bild, nur weil Fynn auf sie achtet und sie bemerkt.

Der kleine Prinz und Hallo Mister Gott, hier spricht Anna sind zwei faszinierende Bücher, und ich möchte ihre Aussagen und Bilder nicht gegeneinander abwerten. Gerade ja weil die beiden Werke am Ende doch so unterschiedlich sind, scheinen sie kaum direkt vergleichbar – ganz davon abgesehen, dass ich in keines der beiden eine simple Grundaussage hineinquetschen könnte.
Aber dennoch: Bei den Ideen, die diese beiden Bücher verbinden, ist es für mich immer das Bild des tiefroten Klatschmohns, das heraussteht. Und ich finde es bemerkenswert, welche so unterschiedliche Rolle diese Blume in den beiden Werken einnehmen kann.