Es gibt eine Menge Filme, die sich mit dem Thema Kunst und insbesondere dem Leben einzelner Künstler beschäftigen. Es ist sicherlich ein dankbares Thema; richtig erzählt kommt dabei regelmäßig eine unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte mit inspirierendem Charakter heraus. Da sich kaum jemand mit vergessenen oder dauerhaft erfolglosen Künstlern beschäftigt, bieten solche Werke am Ende fast immer das Motiv eines Einzelkämpfers, der durch harte Arbeit schließlich die verdienten Erfolge feiern darf.
Ein anderer Grund für die Beliebtheit der Kunst als Literatur- oder Filmthema ist sicherlich die Nähe, die die Autoren und Filmemacher selbst zu den verschiedenen künstlerischen Berufen fühlen. Ob es nun um Schriftsteller geht, um Schauspieler oder Sänger: All diese Professionen sind ja selbst Teil der Filmbranche und finden somit gerade während des Erschaffungsprozesses als Filmthema reges Interesse. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass es sehr viel mehr Filme über Schriftsteller oder Tänzer gibt, als beispielsweise über Bildhauer.

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Im Allgemeinen zeichnen diese Filme ein Gesamtbild über einen bestimmten Künstler oder zumindest über einen Lebensabschnitt; sie zeigen seinen Werdegang und seinen harten Weg zum Erfolg. Der Aufhänger für die Geschichte ist oft ein einzelnes, bestimmtes Werk, meist das Magnus Opus, anhand dessen man das Bild des Schöpfers gut nachzeichnen kann. Wenn Träume fliegen lernen beispielsweise ist ein hervorragendes Modell dieses Typus‘, das die Realität schnell zugunsten einer gut erzählbaren und inspirierenden Geschichte fallen lässt.
Aber auch wenn ein bestimmtes Werk im Mittelpunkt steht, so geht es in den meisten Filmen doch hauptsächlich um den Künstler selbst; das Werk ist quasi die Kulisse, anhand derer man den Menschen besser verstehen kann.
vlcsnap-2015-03-26-09h43m02s94 Es ist sehr viel seltener, dass der Fokus eines Buchs oder Films auf einem einzelnen Kunstwerk an sich liegt, so dass dieses Werk selbst die eigentliche Hauptrolle in der Geschichte einnimmt. Man könnte meinen, Shakespeare in Love sei ein klassischer Fall, bei dem das Leben des Schriftstellers anhand eines spezifischen Moments dargestellt wird, nämlich der Entstehung von Romeo und Julia, seines wohl bekanntesten Stückes. Aber ich denke, bei diesem Film sieht die Lage in Wirklichkeit etwas anders aus.
Es ist ja eine fiktive Romanze zwischen William und Viola, die als Inspiration für das Stück gezeichnet wird. Bei diesem Film geht es erklärtermaßen nicht darum, Shakespeares reelles Leben (von dem sowieso herzlich wenig bekannt ist) zu zeichnen, sondern eine Liebesgeschichte darzustellen, die Romeo und Julia so nahe wie möglich widerspiegelt. Es ist also nicht das Stück, anhand dessen Shakespeares Leben dargestellt werden soll, sondern es ist die fiktive Liebesgeschichte, die dazu da ist, die Handlung des Stückes zu unterstreichen. Damit ist die eigentliche Hauptfigur des Filmes das Theaterstück Romeo und Julia selbst.

vlcsnap-2015-03-26-09h49m56s119Bei genauerer Betrachtung spiegelt ja der gesamte Film Shakespeares Stücke im Allgemeinen und Romeo und Julia im Speziellen wider. Das fängt mit so offensichtlichen Dingen an wie der verbotenen Liebesgeschichte und geht über klassische Shakespeare-Werkzeuge wie die unerkannt als Mann verkleidete Frau, über den überbordend eloquenten Charakter gerade kleinerer Randfiguren bis hin zu der allmächtigen Deus-ex-Machina-Gestalt der Königin, die in letzter Sekunde einschreitet. Ob es nun Figuren wie die der Amme sind, ob Szenen wie die Balkon- oder die letzte Liebesszene oder die Unmenge eingestreuter Zitate: All das sind direkte Übertragungen aus Romeo und Julia, als „Inspirationen“ in die Geschichte eingestreut, die das Herz des Filmes ausmachen.
Ich bin mehrfach auf die Kritik gestoßen, dass das Ende von Shakespeare in Love und insbesondere der Abschied von Viola und Will dem Stück nicht würdig sei. Wieso halten die beiden nicht zusammen; wieso trotzen sie nicht gemeinsam allen Widrigkeiten, so wie es ihre Gegenparts Julia und Romeo doch auch bis ans Ende tun?
Der Grund ist eben der, dass die Romanze zwischen Will und Viola keine eigenständige Geschichte darstellt; sie ist und bleibt ein reines Abziehbild der Geschehnisse im Theater. Deshalb dürfen die beiden schließlich noch ihre große gemeinsame Szene auf der Bühne erleben; vor vollbesetztem Publikum feiern sie ihren Abschied und gehen gemeinsam in den Tod – aber eben nur in den Bühnentod. Und deshalb gibt es nach Beendigung des Stückes auch für ihre Beziehung keine Zukunft mehr. Die Romanze zerplatzt, wie die Illusion des Theaters nach dem letzten Vorhangsfall.

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Es ist eine seltsame Art von falscher Realität, auf der dieser Film aufbaut. Hier ist die Fiktion, die Welt des Theaters das Einzige, was am Ende wahr bleibt. Die gesamte restliche Filmhandlung ist nur Schminke, eine Larve, hinter der sich die wahre Geschichte neu darstellt.
Was in diesem Film passiert, ist nicht vergleichbar mit einer Adaption oder Neufassung von Romeo und Julia. Das hier ist eine reine Liebeserklärung an das Stück, an die Form des künstlichen Theaterstücks an sich.
Ich kenne wenige Werke, die so sehr davon leben, dass sie sich auf ein anderes Kunstwerk beziehen. Der einzige Vergleich, der mir zum Aufbau von Shakespeare in Love einfallen würde, wäre ausgerechnet Black Swan – ein Film, der von Stil und Stimmung her absolut nicht auf einer Linie mit der leichtherzigen Liebeskomödie zu liegen scheint.

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Black Swan ist ein genialer Film, und an anderer Stelle habe ich mich bereits ausgiebig über die Qualitäten dieses Films ausgelassen. Im Gegensatz zu den klassischen „Künstler-Geschichten“, die ich oben angeführt habe, befasst sich dieser Film nicht mit der Komposition und Entstehung von Schwanensee, sondern mit einer einzigen, ganz bestimmten Inszenierung. Ebenso, wie sich ja auch Shakespeare in Love sehr viel mehr mit der Inszenierung von Romeo und Julia beschäftigt, als mit dem schriftstellerischen Entstehungsprozess.
Zu Beginn von Black Swan wird vom Regisseur Leroy betont, dass es sich um eine mutige Neuinszenierung des Balletts handeln würde. Diese Ansage mag nun verwirren, denn alles was wir auf der Bühne sehen, sieht nach einer allzu klassischen Interpretation von Schwanensee aus. Die Erklärung ist einfach: Es ist nicht das inszenierte Stück auf der Bühne, sondern der Film Black Swan selbst, der als neue, außergewöhnliche Version von Schwanensee dem Zuschauer dargeboten wird.
vlcsnap-2015-03-26-14h53m18s165 Die Überlappung von Balletthandlung und reeller Handlung des Films geht so weit, dass die Figuren im Abspann sowohl mit ihren realen, als auch mit den Schwanensee-Rollen benannt sind. Doch diese Abspann-Titulierungen sind ein wenig missleitend, schließlich ist es nicht der Regisseur, hinter dem die junge Schwanenprinzessin Nina her ist. Sie ist verliebt in die Traumrolle des weißen Schwans, in die Inszenierung von Schwanensee, die Leroy („Le Roi“, der mächtige König) alleine ihr gewähren kann.
vlcsnap-2015-03-26-14h54m40s204 Es ist diese Rolle, um die sie mit ihrer Konkurrentin, dem sie widerspiegelnden schwarzen Schwan kämpfen muss – bis Nina erkennt dass, wie auch auf der Bühne, der schwarze und der weiße Schwan am Ende von derselben Tänzerin verkörpert werden muss. Nur durch diese Verwandlung, die Nina selbst zum schwarzem – und wieder zum weißen! – Schwan werden lässt, kann sie ihre Rolle, ihren geliebten Prinzen haben – wenn auch nur für einen einzigen Augenblick.
Denn Ninas Unglück ist, dass Leroy als Franzose selbstverständlich das tragische Ende der Geschichte inszeniert. Damit bleibt auch ihre eigene Rolle eine tragische; stirbt an ebendem Stück, an der Rolle, die sie doch so sehr liebt. Es ist der Pfeil ihres Prinzen, der sie in die Brust getroffen hat.

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Das Prinzip von Spiel und Realität geht hier noch um einiges weiter als Shakespeare in Love; Black Swan ist in seinem Handlungsaufbau, in seiner Spiegelung des Balletts um einiges tragischer und weiterreichend als die Shakespear’sche Farce. Romeo und Julia selbst mag insgesamt eine Tragödie sein, doch von seinem Aufbau her trägt das Stück bis hin zum letzten Akt viel mehr den Charakter einer leichtherzigen Liebeskomödie. Und so ist es nur passend, dass auch Shakespeare in Love eine leichte Komödie mit wenigen tragischen Elementen bietet, während Black Swan als durchdachtes, schwermütiges Kunstdrama wirkt – eben gerade wie es auch ihre jeweiligen Vorbilder tun.
Beide Filme zeichnen ein Bild ihrer jeweiligen Bühnenwerke, nicht indem sie das Stück einfach in eine neue Interpretation verpacken, sondern indem sie den Erschaffungsprozess selbst zu einem eigenen Werk werden lassen. Der Schöpfungsprozess, aus dem die Kunst hervorgeht, wird zum Abbild der Kunst selbst. Damit erhebt sich der Film über die Inszenierung hinweg selbst zum würdigsten Stammhalter eines Stückes, das doch in der Handlung des Filmes erst geschaffen wird.