Wenn heute Abend im Stuttgarter Palladium-Theater der Vorhang aufgeht, wird Mrs Danvers auf Manderley zum letzten Mal ihre tote Herrin beschwören.

Schon nach sechs Jahren Spielzeit kann man Rebecca zweifelsfrei als eines der großen deutschen Drama-Musicals bezeichnen. Das Stück von Michael Kunze und Sylvester Levay nimmt die Handlung von Daphne du Mauriers Roman, den schon Hitchcock erfolgreich verfilmt hat, und schafft es problemlos, die gesamte Bandbreite von Liebesdrama, mystischem Thriller und Kriminalroman musikalisch und inszenatorisch packend umzusetzen.
Es ist die Geschichte einer junge Frau und ihrer Liebe zu dem reichen Maxim de Winter, unüberwindbar überschattet von dem Gedenken an ihre verstorbene Vorgängerin Rebecca, die ihr Mann nicht vergessen kann. Doch neben dem zentralen Liebespaar geht die eigentliche Hauptrolle an Mrs Danvers, die Haushälterin auf Manderley und ehemalige Vertraute von Rebecca. Sie ist es, die immer wieder das beschwörende Titellied anstimmt; sie ist es, die dem Zuschauer unauslöschlich in Erinnerung bleibt.

Wien

 
Das Musical, das 2006 seine Premiere in Wien feierte, wurde in kürzester Zeit ein weltweiter Erfolg: Zu den Exportländern zählten unter anderem Japan, Finnland, Russland und Ungarn, ehe man schließlich in weitere deutschsprachige Gefilde zurückkehrte, nämlich Ende 2011 in die Schweiz und nach Deutschland. Ich hatte die Ehre, Rebecca bislang in drei verschiedenen Ländern zu sehen, wobei Mrs Danvers jedes Mal von einer der Größen des deutschen Musical-Gesanges interpretiert wurde (die ironischerweise alle Niederländerinnen sind): Susan Rigvava-Dumas, die die Rolle im Wiener Original mitschuf, Maya Hakvoort in St. Gallen und Pia Douwes, die heute Abend in Stuttgart ihre Derniere feiert.

Stuttgart

Natürlich sind auch die anderen Rollen interessant, wie die Interpretation der unbenannten jungen Hauptfigur, die gerade von Wietske van Tongeren und Lucy Scherer sehr unterschiedlich angelegt werden. Während sie in Wien wirklich als „unscheinbare graue Maus“ gespielt wurde, die durchgehend bemitleidet werden kann, zeigt die Figur in Stuttgart um einiges mehr Esprit. So kann man ihr ihren Triumph in „Mrs de Winter bin ich“ mehr gönnen, wenn er auch etwas weniger unerwartet kommt.

Wien

Auch die Rolle des aufbrausenden Maxim de Winter wurde von Uwe Kröger in Wien und Jan Ammann in Stuttgart äußerst unterschiedlich angelegt. Beide Darsteller meistern den rollenbedingten Sprung zwischen Weltgewandtheit und Verzweiflung wunderbar, und doch ist bei beiden jeweils eine eindeutige Handschrift erkennbar: Gerade in den cholerischeren Stellen zeigt Uwe Kröger das übliches Overacting, das durch sein ungeheures Charisma wie immer wunderbar ausgeglichen wird und seltsamerweise in jeder seiner Rollen funktioniert. Er steht als Theaterschauspieler auf der Bühne und jede Emotion – Wut, Liebe oder Verzweiflung – ist ins Äußerste gesteigert und voll ausgespielt. Jan Ammann geht in dieser Rolle in eine ganz andere Richtung; wie die ganze Stuttgarter Inszenierung gibt er sich eher real und bodenverhafteter als sein Wiener Vorbild. Sein Maxim zeigt nicht zerreißende Verzweiflung wie Uwe Krögers, doch dafür spielt er weit realistischere Gefühle und wirklich beängstigende Wutausbrüche, die sein Inneres deutlich machen.

Stuttgart

 
Aber wer mich am meisten interessiert, ist eindeutig die dunkle Figur des Musicals: Mrs Danvers, Statthalterin für die unsichtbare Namensträgerin des Stückes. Hier bieten sich interessanterweise gleich drei völlig unterschiedliche Ansätze – und das, obwohl die Rolle auf den ersten Blick eher zweidimensional und recht eindeutig zu spielen erscheint. Mrs Danvers‘ Funktion ist vom Stück (wie auch vom Buch) her vor allen die eines reinen Bösewichts, und es braucht etwas Gespür, um hinter dieser so eindeutigen Fassade mehr zu entdecken.
Gerade am Anfang scheint Mrs Danvers‘ Rolle nur daraus zu bestehen, der unerfahrenen Hauptfigur das Leben schwer zu machen. Die Haushälterin personifiziert die verstorbene Vorgängerin und zeigt damit sämtliche gestellten Erwartungen und alle Unsicherheiten der jungen Frau überdeutlich auf. Es wird schnell klar, dass Mrs Danvers Rebecca abgöttisch verehrt hat, doch erst im zweiten Akt zeigt diese Liebe ein menschliches Gesicht: Erst als Maxims neue Frau sich in „Mrs de Winter bin ich“ emanzipiert, wird Mrs Danvers ansatzweise menschlich und ermöglicht es, auch mit ihr mitzufühlen und eventuell sogar Mitleid zu haben.

Wien

Diese Wandlung wurde besonders stark durch die erste Erstbesetzung, Susan Rigvava-Dumas hervorgehoben. Sie spielt ihre Rolle den ganzen Anfang hindurch so hart und unnahbar, dass der Zuschauer bald vergessen kann, dass er mit menschlichem Wesen zu tun hat. Wie einer kalten Naturgewalt gelingt es ihr, die junge Frau einzuschüchtern und mit wenigen Worten auf ihren Platz zu verweisen: den als wertlosen Ersatz. Ihre Interpretation von „Sie ergibt sich nicht“ ist voll schneidender Zuversicht und das Titellied „Rebecca“ gibt sie trotz aller Kraft beängstigend unemotional; es ist die vertrauensvolle Anrufung einer längst verstorbenen Gottheit.
Auch in „Mrs de Winter bin ich“ bleibt sie hart, ohne ein offensichtliches Eingeständnis von Schwäche – aber gerade dadurch wird ihre (vorübergehende) Niederlage umso herzzerreißender. Wenn Mrs Danvers mit ansehen muss, wie alles, was ihr wichtig ist, in den Schmutz getreten wird, und dabei trotz allem keine Miene verzieht und so überzeugt wie zuvor weitersingt, dann liegen zumindest meine Sympathien in diesem Moment vollkommen auf ihrer Seite.

St. Gallen

Maya Hakvoort verfolgt in ihrer Interpretation der Rolle in St Gallen einen vollkommen anderen Ansatz. Wie in ihren meisten Rollen legt sie die Figur sehr viel emotionaler und gefühlvoller an; ihre Mrs Danvers ist leidend und nicht bereit, ihren anhaltenden Schmerz zu überwinden – und gerade darum umso erbarmungsloser gegenüber dem neuem Eindringling. Mit jeder Faser sehnt sie der Verstorbenen hinterher und wirkt eher wie ein trauernder Rachegeist als wie ein Mensch. Folglich ist hier auch „Mrs de Winter bin ich“ um ein Vielfaches emotionaler; hier schreit Mrs Danvers in Spiel und Gesang mit jeder Faser ihres Körpers nach Rache für die angetane Schmach.

Bei Pia Douwes ist ihre Geschichte zu der Rolle etwas ungewöhnlich: Obwohl sie von den Dreien die letzte war, die Mrs Danvers auf der Bühne präsentieren durfte, hat sie eigentlich das älteste Anrecht auf die Figur.
Als noch vor der Uraufführung eine erste unveröffentlichte Promo-CD für den englischsprachigen Markt erschien, war sie es, die neben Uwe Kröger und Maike Boerdam die Rolle der Mrs Danvers als Allererste interpretieren durfte. Während ihr Gesang auf der CD um einiges anders ist als die schließliche reale Darstellung von Susan Rigvava-Dumas muss man zugeben, dass es sich um einen unfairen Vergleich handelt. Nicht nur gönnt ihr diese englische Testaufnahme keine richtige Orchesterbegleitung, sondern vor allem hatte Pia Douwes wohl kaum eine Chance, sich alleine vor dem Mikrophon völlig in ihre Rolle hineinzufinden – umso mehr, als es zu dieser Zeit wohl noch keinerlei Referenzmaterial zur eigentlichen Inszenierung des Stückes gab. Folglich ist diese erste Darstellung etwas ungriffig und hat sich offensichtlich noch nicht ganz gefunden; das Augenmerk liegt weit mehr auf dem Lied als auf der gesamten Rolle. Aber unabhängig davon ist klar, dass Pia Douwes‘ Interpretation auf dieser CD vollkommen anders ist als Susan Rigvava-Dumas‘; sie spielt mit weniger Druck und Überzeugung, sondern gibt den Liedern einen eher zärtlichen, teilweise beinahe sanften Anstrich.

Stuttgart

Wenn man Pia Douwes jetzt in Stuttgart auf der Bühne sieht, ist ihr Gesang ein völlig anderer und es besteht kein Zweifel, dass sie nun ihre eigene Interpretation der Rolle gefunden hat. Nach wie vor ist sie zärtlicher als ihre Vorgängerinnen und gerade „Rebecca“ klingt immer wieder fast wie ein Liebeslied, aber generell ist ihre hervorstechende Qualität ein lebendiger Realismus, der sich von den stilisierteren Performances in Wien und St. Gallen abhebt. Hier ist Mrs Danvers wirklich ein Mensch mit echten Gefühlen – vorherrschend ein verzehrender Hass der jungen Herrin und auch dem Rebecca „untreu“ gewordenen Maxim gegenüber. Ihr Versuch in „Spring!“, die neue Ehefrau in den Abgrund zu treiben ist hier so gefährlich wie sonst kaum, eben weil hier die kaum verhohlene Abscheu aus jedem Wort spricht. Generell ist ihre Bindung zu Rebecca eben nicht eine rein fanatische Verehrung, sondern eher eine menschliche, mütterlich-freundschaftliche Verbindung.
Dazu kommt, dass die leichten Änderungen am Stück nicht bei den zwei neuen Liedern halt gemacht haben. Seit Neuestem hat sich auch Mrs Danvers Text in der letzten Reprise von „Rebecca“ geändert, und dadurch bekommt die gesamte Endszene nun eine völlig andere Betonung. In der jetzigen Version wird zwanghaft klargemacht, dass Mrs Danvers schließlich selbst enttäuscht ist von ihrer Herrin und dementsprechend handelt – auch die Urversion konnte man vielleicht so interpretieren, aber es scheint mir schade, dass diese Sichtweise nun erzwungen wurde.
Allerdings ist diese Veränderung perfekt auf Pia Douwes‘ Interpretation der Rolle abgestimmt, denn diese finale Enttäuschung von Mrs Danvers führt erneut zu einer größeren „Realität“ und Menschlichkeit der Rolle. Ob einem dieser Ansatz nun gefällt, ist Geschmackssache, aber wie erwartet hat Pia Douwes es problemlos geschafft, mit ihrer einmaligen Bühnenpräsenz eine völlig eigene Nische in einer Rolle zu finden, die bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht eher wenig Interpretationsspielraum zu lassen scheint. Und dafür gebührt ihr mein größter Respekt.

Eine spezielle Erwähnung geht an Kerstin Ibald, die nun, nach vier Vorstellungen in drei Ländern für mich definitiv die einzig wahre Beatrice ist – ich könnte mir wirklich keine andere Darstellerin vorstellen. Ich bin überzeugt, dass Kerstin Ibald auch als Mrs Danvers brilliert, die sie immerhin jedes Mal als Zweitbesetzung darstellte, aber trotzdem bin ich froh, dass ich diese verwirrende Rollenverschiebung nicht selbst gesehen habe …

Wien

 
Damit wird sich Rebecca heute Abend aus Deutschland und Ende des Frühjahres fürs Erste auch vollkommen aus dem deutschsprachigen Raum verabschieden – eine Schande, denn das lässt das Land bis auf weiteres völlig ohne größere Drama-Musicals zurück. Es bleibt die Hoffnung, dass dieses Verschwinden nur vorübergehend ist, und Manderley bald in einem anderen Teil des Landes einen neuen Standort findet. Und um die Riege der begabten Niederländerinnen weiterzuführen, könnte dann vielleicht Willemijn Verkaik als Mrs Danvers auftreten? Dafür würde ich mir das Stück ohne zu zögern noch einmal ansehen.