Für Politiker war und ist es immer schwer, ihr Privatleben von ihrer öffentlichen Position zu trennen. Gerade in der letzten Zeit haben diverse Skandale immer wieder dafür gesorgt, dass verschiedenste, oft längst verjährte Vergehen unserer Staatsmänner und -frauen in die Öffentlichkeit gezerrt wurden und die entsprechenden Personen regelmäßig Position und Ansehen kosteten. Man kann lange darüber diskutieren, ob eine derartige, eindeutig politisch motivierte Hexenjagd sinnvoll ist – am Ende hat wohl jeder Politiker, der in irgendeiner Weise auch Mensch ist, sich einmal etwas zuschulden kommen lassen, und in den meisten Fällen sagen die entsprechenden Fehltritte herzlich wenig über die wirklichen Qualifikationen der jeweiligen Sünder aus.
Doch natürlich muss man zugeben, dass es sich bei solchen Skandalen im Allgemeinen immer auf die eine oder andere Weise um wirkliche Vergehen handelte; Dinge, die ein scheinbar integrer Mensch und Politiker sich vorwerfen lassen muss. Unser aller liebstes Informationsmedium, die Zeitschrift Bild, hat jetzt allerdings (wieder einmal) einen neuen Tiefpunkt erreicht: FDP-Politiker sucht im Internet nach Sex-Sklavin

Dabei handelt es sich nicht etwa um eine Meldung über illegalen Sklavenhandel. Diese hetzerische Überschrift ist schlicht die Art von Bild, die Leser darüber zu informieren, dass ein gesunder, glücklich verheirateter Mann in seinem Privatleben auf BDSM steht und sich (welch Skandal!) zumindest halböffentlich dazu bekennt. Man versucht dabei sogar, der einfachen Beschreibung „im weißen Hemd und schwarzer Hose“ einen anzüglichen, geradezu obszönen Klang zu geben.
Ist das wirklich die Kultur, die wir in unserer Gesellschaft erreichen wollen? Hier werden Fakten über ein Intimleben, das niemanden zu interessieren braucht, plakativ ins Rampenlicht gezerrt – und nicht nur das, die sexuelle Ausrichtung von Hans Müller wird offen gewertet und als kompromittierend dargestellt. Sollte so etwas ein Grund sein, nach dem sich Wähler richten?!
Es wäre heutzutage nicht mehr möglich, einen ähnlich abwertenden Artikel über einen Mann zu schreiben, der als schwul geoutet wurde; zumindest darüber ist unsere Gesellschaft wohl hinausgewachsen. Aber ganz offensichtlich gibt es noch genügend andere Sexual-Tabus, genügend pikante Ausrichtungen, die naserümpfend angeprangert werden können. Dabei dürften selbst konservativeren Menschen zugeben müssen, dass eine sexuell erfüllte Beziehung keinen Grund zur moralischen Beanstandung liefern sollte.

BDSM-Anhänger, die ihre Neigungen offen zur Schau stellen, werden öfters gefragt, warum diese Selbstdarstellung, dieses „Plakatieren“ denn nötig ist. Die Antwort ist simpel: Genau Aktionen wie diese sind es schließlich, die zeigen, wie nötig es in unserer Gesellschaft noch ist, einen toleranteren Umgang untereinander zu propagieren. Solange das reine Aufzeigen von speziellen sexuellen Neigungen bei uns einer öffentlichen Bloßstellung gleichkommt, gibt es noch gehöriges Änderungspotenzial, und ein großer Schritt dazu besteht darin, BDSM im täglichen Leben als selbstverständlich zu akzeptierende Beziehungsart zu etablieren.
Als Teufels Advokat könnte man nun vielleicht sagen, der oben genannte Artikel sei als reine Aufklärungsarbeit zu verstehen; die Bild habe hier einfach ein interessantes Detail entdeckt, über das sie die Wählerschaft nun völlig wertungsfrei (höhö) informieren wolle. Dagegen spricht allerdings eindeutig, was die Frau von Hans Müller auf ihrer Seite offenlegt: Offensichtlich wird der Politiker auch weiter von Journalisten bedrängt und gefragt, warum er sein Profil noch nicht geschlossen habe (wenn auch sein Foto mittlerweile entfernt wurde).
Es ist also ganz eindeutig so, dass die entsprechende Neigung nicht als reine Information gehandelt wird – nach Meinung der Bild handelt es sich ganz klar um einen Skandal. Der Politiker hat sich mit der Offenlegung seiner sexuellen Neigungen eines klaren Vergehens schuldig gemacht, und nun sollte er dafür einstehen und den Fehler beheben. Diese Einstellung sollte man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen …

Am Ende können sich nur alle Männer und Frauen glücklich schätzen, die beruflich und sozial nicht dem Zwang unterliegen, sich selbst und ihr Wesen vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Und umso wichtiger ist es für alle Betroffenen, genau das auch niemals zu tun.