Unter all den Projekten, die im Laufe der Zeit im Bannkreis von Andrew Lloyd Webbers Phantom der Oper entstanden sind, ist Phantasia für Fans und Liebhaber wohl eines der eindrucksvollsten. Die offizielle Suite zu dem Musical erschien 2005 noch im Fahrwasser des berüchtigten Films und gerade rechtzeitig, um mit der zusätzlichen The Woman in White Suite noch Werbung für Webbers damals aktuelle Show zu machen.


Auch wenn die Suite nicht von Webber selbst arrangiert wurde sondern von Geoffrey Alexander, so hat es sich doch trotzdem wohl um ein Herzensprojekt des Komponisten gehandelt. Schließlich entstand Phantasia zu einem großen Teil speziell für seinen Bruder, Julian Webber, der mit dem Cello eine der beiden Hauptpartien übernahm – die „männliche“ kann man wohl sagen, während Sarah Chang mit der Geige gekonnt den „weiblichen“ Teil verkörpert. Denn die Suite bemüht sich sehr wohl, nicht nur die einzelnen Melodien des Musicals in einem angenehmen Potpourri zusammenzufassen, sondern auch die Geschichte selbst neu zu erzählen, auf rein musikalische, wenn auch von den schon bekannten Liedern getragene Weise.
Als Purist könnte man wohl trauern, dass es nicht die Geige, das „Markeninstrument“ des Phantoms ist, das ihn selbst in dieser Version verkörpert, doch vom künstlerischen Standpunkt aus macht es durchaus Sinn, das zartere Streichinstrument Christine zuzuteilen. Gerade das Zusammenspiel der beiden Streicher, dunkel und hell, ist schließlich ideal geeignet, das Aufeinandertreffen der beiden Figuren, immerhin das Kernstück der gesamten Geschichte, akkustisch darzustellen.

Webber scheint in seinem Werken generell nicht abgeneigt, klassische Konzepte wiederaufzuwecken und auf seine Weise zu verwenden – ob das nun das Requiem ist, das er zum Tode seines Vaters schrieb, in Jesus Christ Superstar die Komposition einer Rockoper mit Oratoriumscharakter, oder hier eben das Prinzip einer klassischen Suite. Er benutzt die Musikform (ursprünglich eine lose Abfolge von Liedern) so wie es Ende des 19. Jahrhunderts zu Zeiten der Nussknacker-Suite gebräuchlich war: als musikalische Zusammenfassung eines größeren Werkes, dessen beste (oder beliebteste) Melodien in einem kürzeren und rein musikalischen Kontext zusammengefasst werden.
Und welches moderne musikalische Werk könnte dafür besser geeignet sein als Das Phantom der Oper? Es ist immerhin ein Stück, dessen erklärtes Thema vom Titel an die Musik ist, dessen beide Hauptfiguren ihre Emotionen vor allem musikalisch darstellen können, und wo selbst im Theater regelmäßig mit der Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühne gespielt wird. Und ganz folgerichtig gingen die Ambitionen hier weit über das simple Zusammenfassen der größten Schlager hinaus: Worum es geht, ist eine wirkliche Neuschöpfung, eine Neuerzählung der Geschichte, die alleine durch die Musik geschieht – wenn auch auf durchaus unterschiedliche Weise.

Die erste Hälfte von Phantasia spielt sich wohl am ehesten ab, wie man es erwarten würde: Die altvertrauten Melodien werden gespielt, verbunden meist durch kunstvolle Übergänge und Zwischenstücke. Doch dabei handelt es sich nicht um eine bloße Aneinanderreihung, die Lieder stellen nicht Selbstzweck dar, sondern sind erzählerisches Mittel, um die Geschichte voranzubringen. Ähnliche musikalische Themen bzw. Reprisen (wie der Maskenball und das Spieluhr-Thema) werden geschickt kombiniert und assoziative Übergänge geschaffen, die dem Werk zusätzliche Tiefe geben.
Die ganze Suite ist ohne Frage ein Fest für Liebhaber des Musicals und eines der elegantesten Werke, die seit langem aus dem Hause Webber kamen. Und ein Grund dafür ist sicher, das das Stück bewusst klassisch gehalten wurde – sowohl im historischen Sinne, als auch ganz direkt. Im Gegensatz zu manchen anderen Versuchen, das Musical zunehmend cooler zu gestalten und dem Zeitgeist anzupassen, konzentriert sich Phantasia auf die eigentlichen Stärken des großen Werkes. Die Suite hätte gut und gerne auch zwanzig Jahre früher, kurz nach Erscheinen des Musicals so komponiert werden können – bis auf ein kleines aber hervorstechendes Detail.
Es gibt eine Melodie in dem Stück, die damals noch nicht zum offiziellen „Kanon“ gehörte: das neukomponierte Lied „Dein Weg ist einsam“, das Webber für den Film neu schrieb, in der vergebenen Hoffnung, damit noch einmal einen Oscarerfolg zu feiern.

Nun muss ich sagen, dass ich dieses Lied wirklich wunderschön und in seiner Funktion als Abspannlied sehr passend finde, In der Tat ist es für mich der einzige Lichtblick einer anstonsten in jeder Hinsicht verschenkten Gelegenheit. Aber es besteht keine Frage, dass diese einfache Melodie es musikalisch nicht mit dem Rest des Musicals aufnehmen kann – sie funktioniert als letztes, isoliertes Lied, quasi eine Zugabe oder ein einfacher aber guter Nachtisch nach dem exquisiten Hauptmahl.
Schon im Film wusste Webber nicht recht, was er mit der Melodie anfangen sollte. Anfangs versuchte er, das Lied als sentimentale Ballade „No One Would Listen“ („Niemand wollte zuhören“) in die Geschichte selbst zu integrieren, wohl in der Meinung, dass er Eriks Charakter ansonsten noch nicht genug verballhornt habe. Das Lied wurde schließlich in den Abspann gebracht, doch wie um die Melodie selbst noch auf Biegen und Brechen in den eigentlichen Film zu bringen, ertönt sie nun ohne jeden Kontext als Brücke in „Was erschreckt Sie so, Messieurs?“, in einer kurzen Szene, die wohl zusätzliche Tiefe geben sollte, doch ohne weitere Erklärung musikalisch verloren scheint.
Und schließlich hat die Melodie zu „Dein Weg ist einsam“ es auch in Phantasia geschafft, eine Entscheidung, die die Suite seinerzeit musikalisch aktueller machte – und aus heutiger Zeit geradezu veraltet. 

Es ist sicher kein Drama für die Suite, dass diese Melodie nun „offiziell“ mit dazugehört. Schließlich handelt es sich wirklich um ein schönes Lied, das auch und gerade durch seinen Text wirklich etwas zur Stimmung der Geschichte beizutragen vermag. Sonderbar erscheint nur, dass das Stück nun wiederum an einer völlig neuen Stelle in der Geschichte auftaucht, direkt im Anschluss an die Friedhofszene – eine Szene, die weder großen Bezug zum Text des Liedes bietet, noch etwas mit der Filmszene zu tun hat, in der die Melodie eingefügt wurde. Es scheint ein eher willkürlicher Ort für ein Lied, das Webber in dieser Suite eben irgendwo eingefügt sehen wollte.
Auf der anderen Seite ist zu sagen, dass die Melodie an dieser Stelle wirklich großartig eingearbeitet ist. Von der langsamen Ballade des „Könntest du nur wieder bei mir sein“ bildet sich ein wunderschöner Übergang zu „Dein Weg ist einsam“, das Cello verwandelt den Refrain in einen tiefen Seufzer – der dann ganz unerwartet Thema und Tonart wechselt, um mit „Der letzte Schritt“ das schicksalsschwere Finale der Geschichte einzuläuten.
Dieser so unvorhergesehene wie unmittelbare Übergang scheint in seiner Auswirkung wahrlich genial, fasst er doch das gesamte Gefühlsleben des Phantoms mit wenigen Tönen unzweifelhaft zusammen; Trauer, Schmerz, Wut, die abrupt in Zorn umschlagen und in die entgültige Entscheidung Eriks, sein Schicksal nun ohne jede Rücksicht ganz in die eigene Hand zu nehmen.

Dieser schicksalsschwere Moment stellt auch einen Wendepunkt für die gesamte Suite dar. Ist der gesamte Anfang musikalisch sehr direkt gehalten, mit einzelnen Melodien, die sich zwar verweben, aber generell doch brav hintereinander die Geschichte erzählen, so ändert sich dieses Prinzip nun vollkommen. Das eher einfach Potpourri wird geadelt von einem sehr viel abstrakteren – und auch inspirierteren – Finale, das die Musik nunmehr für sich selbst sprechen lässt. Die Melodien bekommen nun eigenen Charakter; sie stehen nicht mehr für Texte und somit Handlung, sondern für die drei Hauptfiguren selbst, die sich nun in einer letzten emotionalen Verklammerung gegenüberstehen. Und wenn Christine nun wählen muss, für wen sie sich entscheidet, Kindheitsliebe oder dunklen Engel, so sind es die Melodien selbst, die um ihre Aufmerksamkeit kämpfen. „Die Musik der Dunkelheit“ und „Mehr will ich nicht von dir“ wechseln sich ab im unsteten Gedränge des Cellos, während die Geige hilflos von einem zum anderen wankt – und sich endlich im strahlenden Orchesterklang ergibt.
Ist dieser Augenblick im Musical auf seine Weise überwältigend, so steht er in der Suite um keinen Schritt zurück. Und das eben gerade weil nicht der „einfache“ Weg gewählt wurde und schlicht das entsprechende Musicallied angespielt wird, sondern weil dieser innere wie äußere Kampf in der Suite mit ihren eigenen Mitteln und Möglichkeiten dargestellt wird. Die Perfektion dieser Szene eröffnet die Frage, wie die Suite aussähe, wenn man sich ganz auf einen solchen künstlerisch-assoziativen Ansatz gestützt hätte – gut möglich, dass Phantasia seinen großen Bruder auf künstlerische Weise weit hinter sich gelassen hätte.

Doch ich will mich nicht beschweren. Welche Möglichkeiten auch immer noch in der Suite geschlummert haben, das Ergebnis kann sich insgesamt in jeder Hinsicht sehen lassen. Phantasia ist ein wunderbares Musikstück und eine würdige Neuinterpretation des großen Musicals, die sich neben den verschiedenen Einspielungen und Aufnahmen sicherlich als mindestens gleichwertige Bearbeitung sehen lassen kann.
Eine geniale Umsetzung eines großen Themas – was mehr kann man sich wünschen?