Big Eyes: Tim Burton auf Abwegen

Die Filme von Tim Burton tragen im Allgemeinen eine höchst eigene, eindeutige Handschrift, mit einem extrem hohen Wiedererkennungswert. Wem der morbide Stil, die düsteren Bilder und die allgegenwärtigen Streifenmuster nicht genügen, die Arbeit des Regisseurs zu erkennen, der mag nach ganz speziellen Rahmenbedingungen Ausschau halten, wie den ätherischen Klängen Danny Elfmans oder der Zusammenarbeit von Johnny Depp und Helena Bonham Carter. Es gibt nur wenige Burton-Streifen, die diese Gesetzmäßigkeiten durchbrechen; ob nun das Superhelden-Franchise Batman oder der Kinderbuchklassiker Charlie und die Schokoladenfabrik, Burton hat es geschafft, den verschiedensten Ausgangswerken seinen höchsteigenen Stempel aufzudrücken.

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Burtons neuester Wurf Big Eyes dagegen ist nun – anders. Es handelt sich um ein traditionelles Biopic, das Schicksal der jahrelang von ihrem Mann unterjochten Malerin und Zeichnerin Margaret Keane. Und anders als Ed Wood, Burtons früheres Werk, das ebenfalls die reale Lebensgeschichte eines von ihm verehrten Künstlers erzählt, fühlt sich Big Eyes erstaunlich normal an. Es ist eine ernsthafte Schicksalsbeschreibung, mit einem Hang zum Tragikomischen, die doch weder an Burtons sonstige morbide Note heranreicht, noch seinem Hang zum Grotesken Rechnung zu tragen scheint. Am ehesten ließe sich Big Eyes vielleicht mit Big Fish vergleichen, wobei jener Film doch zumindest auf verschmitzt-wunderlicher Ebene ganz im Geist seines Schöpfers verankert schien.
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Mary Poppins – Buch, Film und Musical

Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, dass auch der Disney-Klassiker Mary Poppins seinen Weg auf die Musical-Bühne finden würde. Seit Der König der Löwen 1997 als Bühnenshow unerwartete Erfolge zeichnete sind die Musical-Adaptionen der großen Disneyfilme zu einem nicht unerheblichen Standbein der Studios geworden – auch wenn seither keine Produktion an die Kreativität und die künstlerischen Ambitionen der aufwendig konstruierten Löwen-Puppen heranreichen konnte.
Gerade im Vergleich zu Zauberei- und Effekt-lastigen Filmen wie Die Schöne und das Biest oder Arielle, die Meerjungfrau muss Mary Poppins als ideale Vorlage für eine Bühnen-Adaption erscheinen. Seit nunmehr fünfzig Jahren einer der ganz großen Disney-Klassiker gilt der Film nicht nur als musikalischer Geniestreich, es handelt sich auch um einen Spielfilm, der in seiner bunten, aufwändigen Darbietung geradezu danach verlangt, für eine Live-Performance umgewandelt zu werden. Es wäre wirklich ein Leichtes gewesen, den Film so wie er ist zu nehmen, und in Stil und Handlung eins zu eins für die Bühne zu adaptieren – doch so einfach haben die Disney-Studios es sich nicht gemacht.

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Spielt The Zero Theorem in derselben Liga wie Brazil?

Das offensichtliche Erkennungsmerkmal aller Filme von Terry Gilliam ist, dass sie alles in allem äußerst seltsam sind. Was würde man sonst auch von dem Mann erwarten, der zu seinen Monty-Python-Zeiten für die surrealen Zeichentricksegmente der Serie verantwortlich war? Es gibt nur einen einzigen Film von Gilliam, der mir beim ersten Mal ansehen gleich gefallen hat, und das ist ausgerechnet Tideland, eine verstörende Traumfantasie, die man wohl am besten als Kombination aus Alice im Wunderland und Psycho beschreiben kann. In allen anderen Filmen hatte ich (zumindest bei der Erstsichtung) immer das irritierende Gefühl, der Regisseur hätte sich zu wenige, oder aber mit Abstand zu viele Gedanken über das Thema des Films gemacht.
Es lässt sich nicht verleugnen, dass Gilliams Filme durch die Reihe starke, faszinierende Kunstwerke darstellen, die gerade in ihrer Einmaligkeit beeindrucken. Gerade Brazil, Gilliams absurde Quasi-Adaption von Orwells 1984, stellt sicherlich ein besonderes Meisterwerk dar. Der Film wurde seinerzeit von seinem Studio verächtlich unter den Teppich gekehrt, nur um dann durch Mund-zu-Mund-Propaganda einen umso beeindruckenderen Erfolg zu feiern. Und ich muss zugeben, dass meine Wertung zu Beginn genauso geschwankt hat: Bei meiner Erstsichtung konnte ich nicht viel mit dem überladenen Machwerk anfangen, und erst von Mal zu Mal hat sich mir der Film als der Geniestreich eröffnet, der er sicherlich ist.

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Fluchtliteratur – von hässlichen Entlein, roten Rentieren und der Seeräuber-Jenny

Es gibt immer wieder den allgemeinen Vorwurf, jede fiktive Literatur sei eine Form von Eskapismus. Und je nachdem, wie man diesen Begriff definieren will, könnte man es sicherlich so ausdrücken. Jede Art Fiktion, ob nun in Buch oder Film, ja, jede Art von Kunst ist schließlich dazu geschaffen, den Rezipienten fortzutragen und ihm ein Erlebnis zu bieten, das jenseits der direkten, erfahrbaren Realität liegt.
Natürlich gibt es bei genauerer Betrachtung dann doch die unterschiedlichsten Impulse, die zum Schaffen von Kunst führen. Es gibt Kunst, deren Zweck es weniger ist, die Menschen aus der realen Welt fortzuführen, als vielmehr, sie dazuzubringen, nachzudenken, und ihre eigene Welt neu zu erfahren. Gerade im Bereich von Buch und Film genügen sich viele Werke auch darin, den Zuschauern eine simple Moral in hübscher Verpackung vorzustellen; einen Leitfaden, den man so oder so ähnlich auf das eigene Leben anwenden könne.
Aber unter all den Formen, die gerade moralisch angehauchte Kunst haben kann, gibt es dann doch immer wieder einen Bereich, der nicht anleiten oder gängeln will, sondern der sich darin genügt, seinen Zuschauern ein schönes, angenehm-gemütliches Bild zu bieten von einer Welt, in der am Ende schon alles gut werden wird. Eine Welt mit der einfachen Aussage: „Wenn es dir heute auch dreckig geht, morgen sieht sicher alles wieder besser aus.“

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Shakespeare in Love und Black Swan: Die Kunst im Schöpfen von Kunst

Es gibt eine Menge Filme, die sich mit dem Thema Kunst und insbesondere dem Leben einzelner Künstler beschäftigen. Es ist sicherlich ein dankbares Thema; richtig erzählt kommt dabei regelmäßig eine unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte mit inspirierendem Charakter heraus. Da sich kaum jemand mit vergessenen oder dauerhaft erfolglosen Künstlern beschäftigt, bieten solche Werke am Ende fast immer das Motiv eines Einzelkämpfers, der durch harte Arbeit schließlich die verdienten Erfolge feiern darf.
Ein anderer Grund für die Beliebtheit der Kunst als Literatur- oder Filmthema ist sicherlich die Nähe, die die Autoren und Filmemacher selbst zu den verschiedenen künstlerischen Berufen fühlen. Ob es nun um Schriftsteller geht, um Schauspieler oder Sänger: All diese Professionen sind ja selbst Teil der Filmbranche und finden somit gerade während des Erschaffungsprozesses als Filmthema reges Interesse. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass es sehr viel mehr Filme über Schriftsteller oder Tänzer gibt, als beispielsweise über Bildhauer.

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Cabaret und Chicago – zwei Stücke von Dekadenz und Laster

Bei Cabaret und Chicago handelt es sich um zwei Musicals, die in Handlungsaufbau und Stimmung ungemein spannend zu vergleichen sind. Die Ähnlichkeiten der beiden Bühnenstücke sind auf den ersten Blick offensichtlich: Es handelt sich um dieselben Autoren, die Stücke zeigen einen ähnlichen Stil und scheinen sich auch inhaltlich stark zu gleichen.
Beide Musicals spielen in der goldenen Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, in der bunten Flitterwelt der 20er beziehungsweise Anfang der 30 Jahre. Es ist eine zündende Zeit, in der die Vorahnung des kommenden Krieges für eine einmalige Stimmung der Lebenslust und Dekadenz sorgt, einer Dekadenz, der auch die verschiedenen Figuren beider Werke zur Gänze verfallen scheinen. Gerade die Hauptfiguren, Sally Bowles und Roxie Hart, sind beide Varieté-Sängerinnen mit großen Ambitionen, und damit auf ihre Weise geradezu der Inbegriff für ein Leben von Laster und zweifelhafter Moral.

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Der Widerspenstigen Zähmung – ein Klassiker der BDSM-Literatur?

Es ist kein Geheimnis, dass das Prinzip des BDSM kein rein modernes Phänomen ist. Lange bevor Fifty Shades of Grey der sexuellen Spielrichtung zu einem neuen Hype verhalf, sorgte schon Die Geschichte der O für große Skandale, und der Namensgeber des Sadismus‘ selbst, Marquis de Sade, verfasste bereits im 18. Jahrhundert seine Werke, die quasi jede mögliche Spielrichtung von Sadismus und Lustschmerz offen darlegten.
Doch es gibt auch einen ganz anderen Typus von klassischen Geschichten, die sich mit dem Thema beschäftigen. Es ist schließlich gar nicht nötig, den Begriff BDSM offen zu propagieren, um ein entsprechendes Beziehungsgerüst zu beschreiben, und so gibt es über die Jahrhunderte hinweg genügend großartige Liebesgeschichten, die eine zumindest BDSM-inspirierte Beziehung darstellen, ohne offen darüber reden zu müssen. Eines der bekanntesten und eindeutigsten Beispiele dafür ist sicherlich Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung.

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Ähnlich wie beim Kaufmann von Venedig muss sich Der Widerspenstigen Zähmung regelmäßig die Frage gefallen lassen, in welche Richtung sich das Stück nun eigentlich interpretieren lassen will. Ist die Geschichte der feurigen Katharina, der von ihrem Ehemann der „Stachel gezogen“ werden soll, nun lehrreich, frauenverachtend oder gar emanzipatorisch? Die Frage ist in der Tat nicht einfach zu beantworten.
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