Beschäftigt man sich mit Tim Burtons Nightmare before Christmas, so ist eine der ersten Feststellungen notgedrungen, dass man es hier gleich mit zwei Festtagsfilmen auf einmal zu tun hat – eine Tatsache, die disneyintern besonders praktisch ist, da man so die Haunted-Mansion-Feiertagsverzierung von Halloween bis Weihnachten an Ort und Stelle lassen kann.
In der Tat ist es ja gerade der Kontrast der beiden Feste, der Tim Burton erst zu seinem schaurig-festlichen Werk inspiriert hat. Er sah mit an, wie in einem Schaufenster nahtlos von Halloween- zu Weihnachtsschmuck gewechselt wurde, und gerade dieses absurde Zusammenspiel der beiden wohl unterschiedlichsten amerikanischen Feiertage fließt direkt in die Seele von Nightmare before Christmas hinein. Es ist der Kontrast zwischen düster, grausam, schaurig auf der einen Seite und besinnlich, fröhlich, leuchtend auf der anderen – oder kurz gesagt, der Kontrast zwischen Tod und Leben.
Das ist der eigentliche Punkt, um den es im Film geht. Wir sehen die düstersten Horror-Gestalten, die sich bemühen, etwas „Fröhliches“ machen – so gut sie es eben vermögen. Auf schreckliche Weise feiern diese Albtraumgestalten Weihnachten, weil sie es eben nicht besser können. Und nirgends manifestiert sich die unwahrscheinliche Tragik, die in dieser Absurdität liegt besser, als in der Gestalt eines allzu wohlmeinenden Skelettes im Nikolaus-Kostüm.

Aber die Szene, die mich nun ganz direkt beschäftigt, ist das Lied „Uns‘re Weihnacht“. In dieser Szene, in der sich Halloween- wie Weihnachtsgestalten gleichermaßen auf das Fest der Liebe vorbereiten, wird der direkte Unterschied zwischen Wichteln und Monstern ganz klar gezeigt. Wir sehen verschiedene Weihnachtsvorbereitungen, echte wie monströse, und dabei wird gerade der Kontrast zwischen Wunschvorstellung und pervertierter Ausführung offensichtlich. Es ist die vielleicht düsterste, weil hoffnungsloseste Szene des gesamten Films.
Und gerade diesen Punkt hat der Komponist Danny Elfman musikalisch auf geniale Weise unterstrichen, wenn die Melodie des Liedes verschiedene Einflüsse aufgreift und verwebt.

Zum einen wäre da „Carol of the Bells“ (oder „Lied der Glocken“), ein klassisches Weihnachts-Chorstück, dass sich gerade in Amerika großer Beliebtheit erfreut. Es besteht gerade wie „Uns‘re Weihnacht“ aus denselben, immer wieder wiederholten vier Tönen, nur dass diese hier rhythmisch leicht verschoben sind.
„Carol of the Bells“ hat je nach Interpretation sowieso einen leicht unheimlichen Unterton, und es ist sicher kein Zufall, dass das Lied immer wieder für dunkle Weihnachtsthemen verwendet wird, wie beispielsweise in der ersten Szene der Addams Family. Einen ganz direkten Burton-Bezug und eine beeindruckend morbide Version des Liedes findet man, wenn man sich das frühere Thema des Haunted-Mansion-Holiday-Ballsaales anhört.
Ich denke, es ist offensichtlich, dass diese Klangassoziation keinen Zufall darstellt; zu perfekt passen Charakter und Bedeutung der beiden Lieder zusammen.

Aber gleichzeitig gibt es ein anderes Lied, noch älter, noch ikonischer, das dem Thema von „Uns‘re Weihnacht“ zumindest in seinem Anfang noch näherkommt. Die ewig gleichen vier Töne des Elfman-Liedes stellen nämlich genau die Anfangstöne des gregorianischen „Dies Irae“ („Tag des Zornes“) dar. Dieser uralte Teil der christlichen Totenmesse ist in „Uns‘re Weihnacht“ offen verborgen, genauso wie das Loblied der Glocken auf Weihnachten.
Nun kann man darüber natürlich denken, was man will, aber ich zumindest bin überzeugt, dass es sich um keinen Zufall handelt. Hier, in diesem Lied, in dieser doppelt geliehenen Melodie ist der Kontrast des gesamten Filmes perfekt eingewoben: der Kontrast zwischen dem Fest des Lebens und der Feier des Todes, zwischen Halloween und Weihnachten. Es ist für mich eine neue Unterstreichung der Genialität von Tim Burtons Meisterstück.