Seit einigen Jahren schon hat sich in der internationalen Musical-Szene ein neuer Trend breitgemacht: das Erfolgskonzept der aus bekannten Hit-Songs zusammengesetzten Jukebox-Musicals. Es ist ein Konzept, das gleichermaßen intuitiv wie ermüdend erscheint. Natürlich werden die Zusammenschnitte der großen Klassiker einer Band immer ein gewisses Publikum finden; diese zu 80% auf reiner Nostalgie aufgebaute Idee scheint ganz klar ein sicherer Geldmacher zu sein. Aber während gegen ein entsprechendes Best-Of-Konzert sicher nichts zu sagen wäre, ist das Ergebnis der entsprechenden Best-Of-Musicals im besten Fall bemüht.
vlcsnap-2015-08-06-08h14m12s0 Realistisch gesehen ist es nun einmal kaum möglich, aus ein paar beliebigen, willkürlich vordefinierten Band-Hits ein kohärentes, storytechnisch qualitatives Musical zusammenzuschustern. Per Definition haben die Texte der Lieder selten irgendetwas miteinander zu tun und stellen ausschließlich einzelne Solo-Nummern dar, so dass damit in einem größeren Werk sowieso nur die Arien abgedeckt werden können – für Rezitative ist schlicht kein Material vorhanden. Und da diese einzelnen Arien auf irgendeine Weise aufeinander abgestimmt werden müssen, bleiben meist auch alle Lieder auf der Strecke, die irgendeine Art von spezifischerem Inhalt haben. So bleibt gerade für die besten und beliebtesten Songs vieler Bands nur ein Platz als Zugabe übrig – an storytragender Stelle lassen sich Lieder wie „Bohemian Rhapsody“ oder „Fernando“ eben nicht ohne weiteres hineinquetschen. Es ist eine simple Rechnung: Je einfacher und nichtssagender der Inhalt eines Klassikers, desto einfacher lässt sich ein Platz im neuen Handlungsverlauf des Jukebox-Musicals finden.
vlcsnap-2015-08-06-08h20m51s151Ein anderes Problem, dass sich ganz direkt auf den Inszenierungsstil des Musicals auswirkt, liegt direkt im Aufbau der einzelnen Lieder. Die großen Hits einer Band sind nun einmal vor allem starke, überbordende Solonummern; die großen Showstopper, die vor Leidenschaft strotzen und ihr Publikum zu Tränen rühren. Das ist nun für ein Musical kein Problem per se – die Schwierigkeit ergibt sich erst in der Masse der emotionalen Höhepunkte. Wie viele „Frei und Schwerelos“ oder „Ich gehör nur mir“ kann ein Musical verkraften, ohne sich selbst zu sabotieren? Wie oft kann es versuchen, das Publikum zu Tränen zu rühren, bis die Zuschauer nur noch mit den Schultern zucken?
Dieses Problem ist meiner Meinung nach sehr gut an den zwei Musical-Filmen ersichtlich, die sich als einzige Jukebox-Musicals in meine Sammlung geschlichen haben: Mamma Mia! und Moulin Rouge. Während beide Filme gleichermaßen meist als überkitschte Machwerke und Guilty-Pleasure-Material angesehen werden, so waren sie beide doch an den Kinokassen höchst erfolgreich und haben es geschafft, ihr spezifisches Publikum durchaus zufriedenzustellen. Und beide Filme gehen mit dem Problem der überhöhten Gefühls-Arien auf jeweils sehr unterschiedliche Weise um.

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Bei Moulin Rouge handelt es sich um kein „klassisches“ Jukebox-Musical; es ist keine Zusammenstellung der Lieder einer spezifischen Band und es hat auch nicht als Bühnenshow den Weg ins Leben gefunden. Doch auch wenn das Musical den Luxus hatte, sich aus Liedern der gesamten Popkultur der letzten zwei Jahrhunderte zu bedienen, so bleibt das Prinzip doch das gleich: Man hat sich (vielleicht intuitiverweise) auf die großen Showstopper konzentriert, auf die Powerballaden und Mega-Hits, so das für leisere Töne und Zwischenstücke quasi keinerlei Raum mehr bleibt.  Man stelle sich nur vor, wie stark und einzigartig „El Tango de Roxanne“ erscheinen würde, wäre der Zuschauer nicht schon viel zu überfüttert von großen Gefühlen, um die grandiose Tango-Nummer wirklich gebührend aufnehmen zu können.
vlcsnap-2015-08-06-08h19m17s242Das Ergebnis ist ein Film, so überbordend, so laut und rasend, dass er nur noch mit einem zweistündigen, überwältigenden Drogentrip verglichen werden kann. Jede Szene ist gigantisch und wird auf eine Weise inszeniert, die sie – und sie alleine – voll und ganz ins Rampenlicht schubst, und das Ergebnis ist so viel Rampenlicht, dass der Zuschauer vollkommen geblendet zurückbleibt. Was in den einzelnen Songs eigentlich große Gefühle waren, einmalige, heftige emotionale Ausbrüche, wird nun zu einer nicht endenwollenden Ansammlung von Pseudo-Leidenschaftlichkeit. Die Masse der großen Gefühle, die alle Lieder und damit das ganze Musical überstrahlt, verkommt zu reiner aufgebauschter Melodramatik.

vlcsnap-2015-08-06-08h15m26s229Der Film Mamma Mia! hat in seiner Präsentation der Hit-Songs dagegen einen völlig anderen Weg gewählt. Die großen ABBA-Hits handeln praktisch allesamt von großen Gefühlen, von Trennungsschmerz, Hoffnung und überbordender Liebe. Wie kann man ein Musical mit einer Ansammlung dieser hingebungsvollen Arien anfüllen, ohne dabei vollkommen im zähen Kitsch zu versinken?
Die Antwort, die der Film gewählt hat, ist einfach: Die Macher haben schlicht beschlossen, sich selbst und ihr Werk nicht allzu ernst zu nehmen. Wenn also das junge Liebespaar sich am griechischen Strand zu einer völlig unverhältnismäßigen Liebesballade anschmachtet, was ist dann geeigneter, die überkünstelten Gefühlsbezeugungen zu brechen, als eine Horde herumhüpfender und balletttanzender Halbstarker mit Taucherflossen? Wenn die pseudo-tragische Herzleid-Nummer „S.O.S.“ sowieso nicht auf überzeugende Weise inszeniert werden könnte, wieso die Nummer dann durch Gesang und Choreographie nicht gleich ins Absurd-Komische übersteigern?
vlcsnap-2015-08-06-08h12m13s88 Es gibt wenige Momente in Mamma Mia!, die sich selbst wirklich ernstnehmen, und wenn, dann sind das eher die leiseren, intimeren Lieder wie „Our Last Summer“ und „Slipping Through My Fingers“. An großen, wirklich ernstzunehmenden Arien gibt es, wenn überhaupt, nur „The Winner Takes It All“, und diese eine Nummer kann es sich dann auch leisten, emotional voll aufzudrehen, ohne sich dabei selbst zu boykottieren.
Das Ergebnis ist ein Film, der Spaß macht, nicht mehr und nicht weniger – etwa auf der gleichen Linie, wie es wohl ein ABBA-Konzert zu Glanzzeiten der Band auch getan hat.

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Ich muss zugeben, auch wenn mich weder Mamma Mia! noch Moulin Rouge als Filme oder Musicals wirklich überzeugen können, so habe ich für beide Werke doch etwas übrig und kann sie – in gewissen Abständen – immer wieder gerne schauen. Doch wenn ich mich entscheiden sollte, welcher der beiden Filme das kohärentere Musical und das ehrlichere Kunstwerk ist, dann würde ich mich doch jederzeit für das selbstdeklarierte „Gute-Laune-Musical“ Mamma Mia! entscheiden. Bei all den Vorwürfen, die man dem treuherzigen, anspruchslosen ABBA-Geisteskind machen kann, so bleibt Mamma Mia! doch ein zutiefst ehrliches Werk, ein Musical, das weiß, was es ist, und das seinen eigentlichen Charakter voll ausspielt. Lieber gefühlsgeladene Lieder, die sich selbst nicht wirklich ernstnehmen, als eine Kanonade von Leidenschaft und Emotionalität, die der Zuschauer nicht ernstnehmen kann.