Ich habe nun schon mehrfach über die Disney’sche Verfilmung von Mary Poppins geschrieben, aber aus irgendeinem Grund komme ich doch immer wieder auf dieses filmische Meisterwerk zurück. Einer der spannenden Punkte des Films liegt für mich darin, wie die charakterlich und stimmungsmäßig so unterschiedlichen Teile des Films sich am Ende zu einem kohärenten und zusammengehörigen Ganzen verbinden. Da gibt es die großen Showstopper, „Ein Löffelchen voll Zucker“ und „Supercalifragilisticexpialigetisch“, die dem Publikum als bunte, fetzige Tanznummern fest im Gedächtnis bleiben. Für so manchen Gelegenheits-Zuschauer werden sie auch den allgemeinen Charakter des Films definieren – Mary Poppins, das große Disney-Spektakel über die fröhliche Zauber-Nanny.
mary-poppins-disneyscreencaps.com-9852 Aber diese Stilrichtung alleine hätte den Film sicher nicht in die zeitlose Klassiker-Riege gehoben, in der er sich heute befindet. Und auch bei den bekannten, „großen“ Mary-Poppins-Liedern finden sich „Chim Chim Cheree“ und „Füttert die Vögel“, zwei schwermütige, moll-lastige Melodien, die als Liedfetzen beziehungsweise als Hintergrundmusik den gesamten Film durchziehen. Gerade diese schweren, durchaus melancholischen Teile des Films sind es, die den fröhlichen Tanznummern erst Inhalt und Rückgrat verleihen, und die dem Zuschauer das Gefühl geben, nicht nur ein reines „lustiges Disney-Musical“ vor sich zu haben, sondern einen vollwertiges, ernstzunehmendes Stück Filmkunst.
Und dann gibt es da noch die anderen Lieder, seltsame Einwürfe, die weder zur Handlung beitragen, noch einen klaren eigenen Charakter zu besitzen scheinen. Es ist kaum verwunderlich, dass Lieder wie „Schwester Suffragette“ oder „Willst du zwei Penny sparen“ im allgemeinen Bewusstsein in der Versenkung verschwunden sind, auch wenn sie an sich gesehen hübsche Szenen darstellen, die sich durchaus ihre Daseinsberechtigung im Film verdienen.

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Eines dieser eher vergessenen Lieder aber sticht für mich immer ganz besonders heraus, nicht nur aus der Riege der unbekannteren Lieder, sondern auch aus dem gesamten Film an sich. Es ist „Schritt und Tritt“, der Dachfirsttanz, den Mary Poppins und die Kinder hoch über den Dächern von London von Bert und seinen Schornsteinfeger-Freunden präsentiert bekommen.
Diese lange ausufernde Tanznummer, die außer dem initialen Absurditäts-Faktor kaum etwas zur Handlung dazugibt, wäre in manch anderem Disney-Spielfilm dieser Zeit für den deutschen Markt schlichtweg geschnitten worden. Insgesamt verdankt Mary Poppins seine internationale Unversehrtheit nur Walt Disneys persönlicher Protektion, so dass, während Elliot, das Schmunzelmonster oder Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett bei uns nur in zweifelhaften Best-Of-Versionen zu erleben sind, Mary Poppins alleine bei jeglicher Verwertung in der originalen Vollfassung ausgestrahlt wird.

Aber zurück zum Lied. Der Dachfirsttanz ist eine klassische Musical-Tanznummer seiner Zeit; aus einem nichtigen Anlass heraus beginnen mit einem Mal sämtliche in der Szene anwesenden (und auch nicht anwesenden) Statisten, in einen ausufernden, perfekt durchchoreographierten Tanz auszubrechen – es ist gerade die Situation, die in Verwünscht so allerliebst persifliert wird.
mary-poppins-disneyscreencaps.com-12932 Aber schon auf den zweiten Blick wirkt die Dachfirsttanz-Szene ein wenig seltsam und will sich nicht ganz in das bekannte Tanzschema einfügen. Da ist zum einen die Farbgebung der Szene: Statt des zu erwartenden bunten Augenschmauses ist die Szene bemerkenswert dunkel gehalten; wir sehen schwarze Tänzer auf grau-schwarzem Hintergrund, und selbst der Abendhimmel, der wenige Szenen zuvor noch in den spektakulärsten Rottönen geglüht hat, hat nun eine schmutzig-blaue Farbe angenommen. Der einzige Farbklecks, der die gesamte Szene durchdringt, ist Mary Poppins selbst in ihrem leuchtend roten und offensichtlich Ruß-abweisenden Mantel.
Ebenso fällt der Text des Liedes auf, der in einem simplen Kinderreim-Schema gehalten ist und damit so vollkommen aus der Riege der sonst so komplex geschriebenen Sherman-Lieder fällt. Genau genommen hat „Schritt und Tritt“ genau einen einzigen Reim, der jede einzelne „Strophe“ bestreitet, und dieser Reim geht auf Englisch ausgerechnet auf „Never need a reason, never need a rhyme!“ – Schnörkellosigkeit in Reinformat.
mary-poppins-disneyscreencaps.com-13070 Dieser bewusste Minimalismus hebt die Szene stark von allen bisherigen Zauber-Abenteuern ab. War es zuvor immer eine Welt der Farben, in die das zauberkräftige Kindermädchen seine Schützlinge entführt hat, so ist es nun die schmutzigste, einfarbigste Umgebung überhaupt.
Und wirklich war es dieses Mal ja nicht einmal Mary Poppins selbst, die Jane und Michael auf die Dächer von London gebracht hat; der schmutzige Schornstein, verbunden mit dem wilden Wind war es, der die Kinder entführt hat – und das noch ehe Mary Poppins überhaupt die Szene betrat. Es ist, als wäre dieses Zauberabenteuer das erste, das nicht von Mary Poppins‘ geborgener, sicherer Magie ausgeht, sondern von einem anderen, dunkleren Zauber der Schornsteinfeger-Welt. So ist Mary Poppins während ihres Ausflugs über die Dächer auch viel mehr Zuschauer als Anführer, und wenn alleine ihre Anwesenheit auch genügt, der Szenerie jeden Schrecken zu nehmen, so bleibt dieses Segment doch das mit Abstand düsterste und gleichzeitig erhabenste Abenteuer der Kinder.

Ich finde, die filmische Atmosphäre von „Schritt und Tritt“ lässt sich besonders gut im Vergleich mit der Bühnenversion herausstellen:

Auf der Bühne wird die Tanznummer ganz als das inszeniert, was sie zu sein scheint: Eine fröhliche, überschwängliche Shownummer der Schornsteinfeger, bei der Mary Poppins, Jane und Michael begeistert zuschauen. Ein paar Minuten unschuldiger Spaß auf den freundlich-blauen Dächern, Tanz und Gesang, ehe man sich wieder den Sorgen des Alltags zuwenden muss.

DCIM100MEDIAIch finde, dass die Filmszene bei aller rauen Fröhlichkeit einen anderen Eindruck macht. Das Farbschema ist dunkler, die Bilder minimalistischer, und selbst Mary Poppins wirkt hier oben nicht ganz so entspannt und selbstsicher, wie man sie sonst kennt.
Wenn es darum geht, die Dachfirsttanz-Szene charaktergetreu in ein anderes Medium zu verschieben, so war die einzig würdige Adaption meiner Meinung nach die „Step in Time“-Szene in der Urversion von Disney Dreams! in Disneyland Paris – ein wunderbar düsterer, atmosphärischer Einschub, der leider dank der fehlenden Popularität des Liedes von absehbar kurzer Dauer war.

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Und am Ende ist es eben genau diese Atmosphärik, die dem Lied doch seine Berechtigung und seine Notwendigkeit für die Handlung des Films verleiht. Gerade durch die so bewusst simple Inszenierung, die schwermütige Ausstrahlung die sich seltsamerweise wunderbar mit der albernen Tanznummer kombiniert, führt dieses, und eben genau dieses Lied, perfekt in die nächsten Szenen, hin zum dunklen Leidensweg von Mr. Banks und schließlich zu seiner an Wahnsinn und Selbstaufgabe grenzenden Epiphanie.
mary-poppins-disneyscreencaps.com-14470 Diese nächsten Szenen sind definitiv harter Tobak. Angefangen bei der melancholischen Reprise von „Mein Leben, das ist lebenswert“, über den kongenialen, von einer brillanten Orchesterversion von „Füttert die Vögel“ unterlegten Gang zur Bank, bis hin zu Mr. Banks mittelalterlich anmutender Quasi-Exekution vor dem Tribunal seiner Oberen bieten die nächsten Minuten einen langen, düsteren Leidensweg eines einsamen Mannes. Und dass dieser Mann den bisherigen Film über als zwar gutmeinender, aber doch fehlgeleiteter Vater charakterisiert wurde, gibt seinen Gang zum übertragenen Schafott eine nur noch stärkere Signifikanz.
Ich behaupte, dass diese Szenen in keinem anderen Zusammenhang in den Film hineingepasst hätten. Wäre dieser finale Kampf nach dem bunten Pferderennen, oder nach der albernen Teeparty an der Decke erfolgt, so wäre die Szene unglaubwürdig erschienen, bestenfalls melodramatisch und schlimmstenfalls absolut ungeeignet für einen Kinderfilm.
Aber so, nach den Dächern von London, wo das Farbschema über viele Szenen hinweg Stück für Stück abgedunkelt wurde, wo eine dunkle Szenerie geschaffen wurde, in der trotzdem noch fröhliche Tanznummern erlaubt bleiben, wird der Übergang zu dem wahren Drama auf die richtige Weise vorbereitet. Erst dadurch, dass in diesen Szenen schon eine durchgreifend verstörende Atmosphäre aufgebaut wurde, ohne dass der (kindliche) Zuschauer sein Vertrauen in die Allmacht von Mary Poppins verliert, ist es möglich, die volle Schwere des folgenden Gangs von Mr. Banks nachzufühlen, eines einsamen Gangs, ohne jedes schützende und beistehende Kindermädchen.

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Für mich liegt der Grund, weshalb es mich immer wieder zu Mary Poppins zurückzieht, nicht in den bunten Spektakel-Nummern und nicht einmal in der wunderschönen „Füttert die Vögel“-Szene. Was mich wirklich dazu bringt, den Film in regelmäßigen Abständen wieder und wieder aus dem Regal zu holen, ist das gesamte letzte Stück, angefangen mit der schwermütig-tapferen Reise über die Dächer, bis hin zu Mr. Banks erlösendem Ausbruch vor seinem Chef. Und es ist sicher kein Zufall, dass gerade in dieser Szene alle großen Lieder des Films wieder aufgenommen werden; die beiden großen Moll-Nummern „Chim Chim Cheree“ und „Füttert die Vögel“ bilden den musikalischen Hintergrund, während die Reprisen von „Ein Löffelchen voll Zucker“ und „Mein Leben, das ist lebenswert“ erst im Zusammenspiel ihre volle Wirkung entfalten. Und natürlich ist es gerade das Wort „Supercalifragilisticexpialigetisch“, dass Mr. Banks schließlich ganz unerwartet in eine neue Geisteslage katapultiert.
mary-poppins-disneyscreencaps.com-13553 Während dieser langen, in sich zusammengehörigen Szene, ist „Schritt und Tritt“ das einzig neue Lied, und damit wird ihm eine ganz spezielle Funktion inne; es muss den Bogen schlagen zwischen Fröhlichkeit und Düsternis, zwischen Zauberwelt und dunkler Realität. Das Lied hat wenig Bedeutung für sich alleine, und das eben deshalb, weil ihm bereits so viel Bedeutung als Bindeglied zwischen den verschiedenen Teilen des Films zukommt – nicht auf eine offen ausgesprochene, klar ersichtliche Weise, sondern schlicht in seiner Funktion als Atmosphäre-schaffendes Zwischenstück zwischen den Dächern und den Straßen von London. Es ist die eine übernatürlich angehauchte Nummer, die sich bis vor die Augen des gestrengen Hausherrn zieht und ihn selbst nachhaltig beeinflusst – auch wenn, oder gerade weil er es erst einige Zeit später wirklich erkennt.

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Ich denke, der Dachfirsttanz ist ein wirklich essenzieller Teil des filmischen Aufbaus von Mary Poppins, und das auf eine Weise, die unerkannt und unterschwellig bleiben muss. Wenn er im allgemeinen Bewusstsein eher in der Bedeutungslosigkeit versinkt, hat er in dieser Hinsicht sein Ziel wohl erreicht – auch wenn ich persönlich das Lied und die gesamte umgebende Szene als das schätze und liebe, was sie eigentlich ist: ein wunderbarer Spagat zwischen Licht und Dunkelheit, der damit stellvertretend ist für das gesamte, perfekt abgestimmte filmische Meisterwerk.