Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, dass auch der Disney-Klassiker Mary Poppins seinen Weg auf die Musical-Bühne finden würde. Seit Der König der Löwen 1997 als Bühnenshow unerwartete Erfolge zeichnete sind die Musical-Adaptionen der großen Disneyfilme zu einem nicht unerheblichen Standbein der Studios geworden – auch wenn seither keine Produktion an die Kreativität und die künstlerischen Ambitionen der aufwendig konstruierten Löwen-Puppen heranreichen konnte.
Gerade im Vergleich zu Zauberei- und Effekt-lastigen Filmen wie Die Schöne und das Biest oder Arielle, die Meerjungfrau muss Mary Poppins als ideale Vorlage für eine Bühnen-Adaption erscheinen. Seit nunmehr fünfzig Jahren einer der ganz großen Disney-Klassiker gilt der Film nicht nur als musikalischer Geniestreich, es handelt sich auch um einen Spielfilm, der in seiner bunten, aufwändigen Darbietung geradezu danach verlangt, für eine Live-Performance umgewandelt zu werden. Es wäre wirklich ein Leichtes gewesen, den Film so wie er ist zu nehmen, und in Stil und Handlung eins zu eins für die Bühne zu adaptieren – doch so einfach haben die Disney-Studios es sich nicht gemacht.

Mary Poppins

Die Bühnenfassung von Mary Poppins stellte von Anfang an ein absolutes Herzensprojekt von Produzent Cameron Mackintosh dar. Schon 1993, lange bevor Disney selbst die ersten Schritte im Musical-Sektor unternahm, traf Mackintosh sich mit Pamela Lynwood Travers, der Autorin der Mary-Poppins-Bücher, um mit ihr über eine mögliche Bühnenfassung ihrer Werke zu reden.
Travers, die bekanntlich nicht allzu viel von der Disney-Verfilmung ihrer Bücher hielt, wünschte sich eine eigene, originalgetreue Show mit neuer Musik. Mackintosh hingegen war klar, dass die Disney-Lieder längst viel zu sehr im allgemeinen Bewusstsein verankert sind, als dass man sie mit einer neuen Fassung schlicht ersetzen könnte, und so überzeugte er Travers von seiner Vision, die Lieder des Disneyfilms als Rohfassung zu benutzen, um die eigentliche Geschichte der Bücher zu erzählen.
Das Ergebnis, das 2004 in London auf die Bühne kam, ist eine nie gesehene Symbiose aus Film und Büchern. In der Show, die Travers leider nicht mehr miterleben konnte, wird das Handlungsmaterial aus dem Disneyfilm nahtlos mit den Originalgeschichten verwoben, und die bekannten Lieder der Sherman-Brüder wird in einen anderen Kontext gesetzt, um Travers eigene Vision des magischen Kindermädchens neu zu erzählen. Es ist ein durch und durch neues, eigenständiges Werk, dem es trotzdem gelingt, sowohl den Büchern, als auch dem (charakterlich stark abweichenden) Film treu zu bleiben.

Von dem ersten Erscheinen von Mary Poppins auf der Bühne an ist klar: Dieses Kindermädchen ist anders, als wir es aus der Filmversion gewohnt sind. Ihre hochgereckte Nase, die gestrenge Haltung, ihr überkandideltes, anstrengendes und doch faszinierendes Wesen – all das stellt von Anfang an ohne Zweifel Mary Poppins‘ Buch-Charakter dar. Und von ihrem ersten (neugeschriebenen) Lied „Völlig ohne Fehler“ an wird klar, dass die runde, abgeschliffene Figur des Films hier wieder ihre markanten Ecken und Kanten zurückerlangt hat. Und das ist auch nötig, denn in dieser Fassung der Geschichte sind Jane und Michael bei weitem nicht die Musterkinder, die wir aus dem Film kennen. Sie streiten und schlagen sich, kämpfen um ihre Spielsachen und geben dem Zuschauer erstmals einen Eindruck, weshalb es überhaupt so schwierig ist, ein geeignetes Kindermädchen für die beiden zu finden.
„Völlig ohne Fehler“ war das erste Lied, das für das Musical neu geschrieben wurde, und ebenso wie die anderen Ergänzungen fügt es sich von seinem Stil her nahtlos zwischen die bekannten Klassiker ein. Ob das eher düstere „Spielt euer Spiel“, das absurd überzogene „Krautsaft und Fischöl“ oder der neue Showstopper „Alles, was wir wollen, kann passieren“, die neuen Lieder haben kaum Schwierigkeiten, sich gegen die altbekannten Klassiker zu behaupten.
Wenn man an dieser Stelle etwas bemängeln kann, so ist es eher der deutsche Umgang mit den Filmliedern. Dass hin und wieder einzelne Liedzeilen abgewandelt und „verbessert“ werden, ist man in den deutschen Fassungen der Disney-Musicals bereits gewohnt, doch wenn ein Lied wirklich von Grund auf neu übersetzt wird, sollte sich lieber ein guter Grund dafür eröffnen. Ich persönlich finde die Neuübersetzung von „Ein Löffelchen voll Zucker“ höchst bedauerlich:
„Mit nem Teelöffel Zucker rutscht die bittre Medizin, und dann schmeckt sie wunderbar“ ist um keinen Deut originalgetreuer als die alte Fassung „Wenn ein Löffelchen voll Zucker bittre Medizin versüßt“, aber dafür holpert das „bittre Medizin“ an seiner neuen Stelle im Rhythmus auf ärgerliche Weise, ganz zu schweigen von dem Unmut, eines der bekanntesten Lieder des Films in einer ungewohnten Version hören zu müssen.

mary-poppins-disneyscreencaps.com-6484Natürlich haben all die großen Lieder aus dem Disneyfilm auf die eine oder andere Weise ihren Weg in das Musical geschafft, ganz gleich, ob sie nun direkt auf einer Szene aus den Büchern basieren, oder nicht. Die weltbekannten Klassiker der Sherman-Brüder sind längst viel zu sehr mit der Idee Mary Poppins verknüpft, als dass man sich ein Musical ohne sie vorstellen könnte. Aber statt zu Fuchsjagd und Pferderennen erklingt die Musik hier in einem neuen Zusammenhang, eben um originale Aspekte der Bücher zu untermalen. Eine kluge Entscheidung, gerade da der spezielle Charme der eingefügten Zeichentrick-Sequenzen sowieso nicht auf die Bühne übertragbar wäre.
Mrs Corry und ihre Töchter, die im Film von Bert nur mit einem Nebensatz erwähnt werden, erhalten hier wieder ihre eigentliche Rolle als Verwalter und Verkäufer von Sternen-Lebkuchen, die sie, wie die Kinder erfahren, einst schon deren Vater verkauft haben. Dass sie nun zusätzlich auch für den Verkauf von Wörtern und Silben verantwortlich sind, ist eine passende Hinzufügung, die den Klassiker „Supercalifragilisticexpialigetisch“ auf elegante Weise ins Rampenlicht bringt.
Und so geht es weiter. Die Aspekte des Films, die sich nicht mit der Buchversion kombinieren lassen, wurden umgeschrieben, die Lieder wurden so weit wie möglich in einen neuen Kontext gesetzt. Der Besuch von Mary Poppins im Park findet statt, doch statt der Cartoon-Pinguine sind es nun die Statuen, die mit den Kindern tanzen. „Mit nem Teelöffel Zucker“ wird gesungen, während Mary Poppins und die Kinder die Küche des Hauses aufräumen, während ihnen der wiedereingefügte Küchengehilfe Robertson Ay fassungslos zuschaut.

Mary Poppins

© Deen van Meer

Eine wohl eher kontroverse Entscheidung der Adaption ist die Streichung von fünfen der Filmlieder. Gerade das Lied „Ich lach‘ so gern“ und die dazugehörige Szene um Onkel Albert scheint mir hier besonders fragwürdig – immerhin ist die Szene, wenn auch mit stark abgewandelter Stimmung, direkt aus dem Buch übernommen. Ich denke, es wäre möglich gewesen, eine derart effektlastige Szene für die Bühne zu übernehmen, und zu gerne hätte ich die Teegesellschaft an der Decke in dieser Live-Umsetzung gesehen.
Doch wie zum Ausgleich für diesen Verlust spart die Bühnenshow ansonsten nicht mit Effekten. Speziell erwähnenswert ist Berts Solo-Nummer während des (großartig inszenierten) Dachfirsttanzes, wenn er leichtfüßig einmal kopfüber quer an der gesamten Bühnendecke entlangspringt. Aber auch Mary Poppins‘ verschiedene Tricksereien sind wunderbar auf die Bühne gebracht, von dem Zauber ihrer schier bodenlosen Tasche, bis hin zu den hochfliegenden Auf- und Abgängen, über die Köpfe des Publikums hinweg.

Mary Poppins BuchDass Mary Poppins gleich mehrfach an Schirm oder Drachenschnur über die Bühne fliegen darf, liegt wiederum an dem Einfluss der verschiedenen Buchvorlagen. Denn nicht nur das erste Buch, Mary Poppins, wurde als Vorlage für das Musical verwendet, sondern auch die Fortsetzung Mary Poppins kommt wieder. Wie im Buch kehrt das Kindermädchen nach kurzer Abwesenheit an der Drachenschnur zu den Banks-Kindern zurück, und auch die Episode mit Mrs Andrews, Mr. Banks schreckenverbreitendem Kindermädchen, ist direkt aus dieser Fortsetzung übernommen.
Gerade dieser Zusatz, der mit dem Lied „Krautsaft und Fischöl“ plus Reprise einen nicht unwesentlichen Teil des zweiten Aktes ausmacht, dient noch einem anderen Zweck als nur der reinen Buchtreue. Zusammen mit einigen anderen neueingefügten Liedern und Szenen wird hier Mr Banks eine neue, sehr viel detailliertere Charakterisierung gegeben, als er sie in Buch oder Film bisher hatte. Statt der eher nebensächlichen Charakterisierung der Buchfigur oder der etwas flachen, plakativen Darstellung des Films wird Mr. Banks bewusst als mehrdimensionale Figur gezeichnet, als hart arbeitender Familienvater, dessen erste Aufgabe es ist, seiner Familie einen festen Stand zu bieten. Die Probleme, die sich in seiner Familie auftun, kommen nicht allein durch seine Borniertheit oder Kurzsichtigkeit zustande, sondern im Gegenteil eher dadurch, dass er sich zu viele Sorgen um das Wohl seines Haushaltes macht und seine Prioritäten falsch verteilt.
mary-poppins-disneyscreencaps.com-14091 Ich nehme an, dass es Teil dieser leichten Neuausrichtung ist, dass „Mein Leben, das ist lebenswert“ für die Bühnenversion verloren ging, doch ich muss zugeben, dass ich dieses Lied von allen Streichungen am meisten vermisse. Auch wenn Mr. Banks sich hier sehr einseitig und festgefahren zeigt, kann man dadurch doch erst abschätzen, wie sehr sein Leben am Ende durch Mary Poppins‘ Einfluss aus den Fugen geraten ist. Gerade die Reprise des Liedes, die Mr. Banks auch in der Bühnenfassung gemeinsam mit Bert singt, lebt doch erst von dem düsteren Widerhall der zuvor so fest und sicher vorgebrachten Worte.

Auch der Charakter von Mrs Banks ist nun mehrdimensionaler gezeichnet und ihre Rolle ist stärker darauf ausgelegt, die Beziehung zwischen den Eheleuten realistisch darzustellen. Sie ist nicht mehr das brave und verschüchterte Gegenstück zum cholerischen Vater, sondern eine eigenständige Person, die ihren Platz in diesem konfusen Haushalt erst mühsam finden muss. In diesem Zusammenhang halte ich es auch für eine gesunde Entscheidung, das pseudo-feministische „Schwester Suffragette“ zu streichen und Mrs Banks stattdessen eine sehr viel ehrlichere Hintergrundgeschichte als ehemalige Schauspielerin zu geben.
Das Ergebnis ist eine Familie, die in ihrer Charakterisierung so bunt und so lebendig dargestellt wird wie ihr filmisches Gegenstück, dabei jedoch den bodenständigen Realismus des Buches behält. Es ist ein spannender Kompromiss, der insgesamt sehr gut funktioniert, auch wenn dabei notgedrungen ein Großteil der ins Groteske gehenden Absurdität des Films verloren geht.

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Die Kehrseite dieser realistischeren Figurenzeichnung liegt wie zu erwarten darin, dass viele Momente einfach nicht so stark wirken, wie sie es in dem sehr viel überzogeneren Film können. Das betrifft die ruhigeren Momente wie die Reprise von „Mein Leben, das ist lebenswert“, aber gerade auch die großen Schlüsselszenen, vor allem das gesamte Finale mit Mr. Banks Auftritt bei seinen Vorgesetzten in der Bank.
Im Film wird die gesamte Welt der Bank durchweg negativ dargestellt, und das auf eine so umfassende Art, dass klar ist, dass die Vorwürfe nicht persönlich gemeint sind. Was verurteilt wird, ist hier nicht das Bank- oder Finanzwesen selbst, sondern einfach die kalte, geschäftsmäßige Welt, in der sich Erwachsene gerne vor ihren Kindern verstecken. Es ist Mr. Banks Angewohnheit, „nicht über seine Nasenspitze hinaus“ zu sehen, die Mary Poppins ankreidet, und die in dem marmornen Bankgebäude nur ihre Personifizierung findet. Das Gegenkonstrukt zu ebendieser blinden Geschäftigkeit ist Mary Poppins‘ Ansatz, die kleinen Dinge des Lebens zu beachten, insbesondere die alte Vogelfrau, die ihrerseits Mary Poppins‘ Denkansatz personifiziert.
mary-poppins-disneyscreencaps.com-15234 Erst als am Ende alles verloren scheint und Mr. Banks als geschlagener Mann vor seinen Vorgesetzten steht, erkennt der Vater, was er eigentlich an Schätzen besitzt. Er hat eine liebende Frau, zwei „entzückende Kinder“, und bei allem Verlust reichen ihm doch zwei Penny, um den Drachen seiner Kinder zu flicken und mit ihnen in den Park zu gehen. Erst der absolute Verlust, zusammen mit der tiefsten Demütigung erwecken in Mr. Banks den Trotz und die Unbeschwertheit, dem Bankkomitee ein lachendes „Supercalifragilisticexpialigetisch“ entgegenzuwerfen.
Als sich am nächsten Tag beim Drachensteigen dann doch alles zum Guten wendet, ist die Szenerie eine absolute Groteske. Wir sehen die werten Herren mit ihrem Drachen im Park, wir hören, wie Mr. Banks unverhofft den höchsten Bankposten erhält, und wir akzeptieren die Szenerie schlicht deshalb, weil wir sie glauben wollen. Es ist kein realistisches Happyend, sondern eine reine Farce, die nur funktioniert, weil die Szenerie am Abend zuvor sich umso realer angefühlt hat.

Mary Poppins

© Deen van Meer

Im Musical dagegen ist die gesamte Szenerie sehr viel realistischer, durchdachter und auch moralischer. Die Bankwelt an sich ist nicht böse, sondern wird durchaus mehrdimensional gezeigt, im Widerstreit zwischen blindem Profitdenken und zukunftsträchtigen Investitionen. Und gemäß allem moralischen Denken zahlt sich zweiteres am Ende aus; im entscheidenden Moment wird Mr. Banks darüber informiert, dass sich seine (durch Mary Poppins beeinflusste) Entscheidung als die richtige herausgestellt hat und dass er das Bankhaus somit gerettet hat. Die klare, eindeutige Moral „Tu das Richtige, es wird sich am Ende auszahlen“ ersetzt das absurdere, aber vielleicht realitätsnähere „Nimm’s leicht“ des Films. In dieser Situation hat Mr. Banks leicht lachen; sein „Supercalifragilisticexpialigetisch“ wird zu einer reinen Banalität im Bewusstsein seines Sieges.

mary-poppins-disneyscreencaps.com-9852Auf der gleichen Linie liegt auch die subtile, aber bewusste Veränderung, die die Bedeutung der Vogelfrau zwischen Film und Musical durchgeht.
Im Musical ist sie ein reines Symbol für die Menschlichkeit, für die Aufmerksamkeit anderen gegenüber und die Barmherzigkeit. Als Mr. Banks der Vogelfrau auf seinem Weg zur Bank begegnet und ihre Reprise von „Füttert die Vögel“ hört, gibt er ihr die zwei Penny seiner Kinder und bittet sie, die Vögel für ihn zu füttern – es geht ganz klar nicht um den Akt des Fütterns an sich, sondern um die Geste, um das Geld, das der alten Frau zugutekommt.
Im Film sieht das anders aus; hier benutzt Mr. Banks zwei Penny, um Michaels Drachen mit Zeitungspapier zu flicken. Der selbstlose, wohltätige Aspekt ist im Charakter der Vogelfrau sicher noch vorhanden, aber mehr noch geht es um etwas anderes: Die Vogelfrau ist genau wie der Drachen und der Löffel Zucker nur ein Symbol für die Unbeschwertheit, die kleinen Freuden im Leben, für die Mary Poppins steht. Es ist eine egoistischere Botschaft, die damit verknüpft ist, aber auch eine lebensfrohere.

Mary Poppins

© Deen van Meer

Das Musical Mary Poppins ist von seiner Idee und Umsetzung her ein wirklich spannendes Projekt. Man hätte den Film sicher mit sehr viel weniger Aufwand eins zu eins auf die Bühne übertragen können, doch dann hätte sich zurecht die Frage gestellt, worin der Mehrwert einer so wörtlichen Umsetzung läge.
Was nun herausgekommen ist, ist eine neue Version der Geschichte, ein neues Konzept, das frische und unverbrauchte Denkanstöße bietet – eine Show, die weder Buch noch Film vorlagengetreu umzusetzen versucht, sondern die stattdessen eine neue, kreative Adaption bietet.
Mary Poppins ist ein Bühnenmusical, das den altbekannten Film nicht absetzen oder ersetzen will, sondern das stattdessen einen Zusatz darstellt, ein Musical, das trotz großer Vorlagen auf eigenen Beinen stehen kann. Und ich bin mir beinahe sicher, dass diese Version ihrer Bücher auch Pamela Lynwood Travers gefallen hätte.