Während L. Frank Baums Der Zauberer von Oz in Amerika einen der unverzichtbaren Grundsteine der Kinderliteratur darstellt, ist das Buch bei uns nicht unbedingt Pflichtbestandteil jeden Kinderzimmers. Dass das Märchen von Dorothy und ihrer Reise in das Zauberland Oz auch hierzulande weithin bekannt ist, ist eher der populären Verfilmung von 1939 zu verdanken, der mit grünen Hexen und roten Schuhen wohl eindeutig die definitive Version der Geschichte geprägt hat.
Andere Adaptionen sind neben verschiedenen Fortsetzungen vor allem Gregory Maguires Buch Wicked und das darauf basierende Musical und demnächst wohl auch Disneys neue Bearbeitung des Stoffes in Die fantastische Welt von Oz. Doch von all diesen Werken traut sich keines, die Verbindung zu dem Judy-Garland-Film offen zu kappen und eine wirklich eigenständige Version von Oz zu erschaffen – im Gegenteil; das neueste Webber-Werk The Wizard of Oz ist wenig mehr als eine Erweiterung der Film-Lieder zu Musical-Länge, womit das ehemalige britische Musical-Wunder wohl endgültig kreativen Bankrott angemeldet hat.

Aber was sich keine große Produktion traut, das findet man in einem weithin übersehen französischen Musical von 2009: Dothy et le Magicien d‘Oz. Dieses bewusst für Kinder ausgelegte Werk scheut sich nicht, die großen Fußstapfen, in denen es steht auf eigenwillige Art auszufüllen – und ich persönlich muss sagen, dass mir diese Version der Geschichte weit mehr gefällt als sein älterer und ungleich bekannterer Bruder. Die Tatsache, dass sich das Stück als Kindermusical verkauft, sollte dabei nicht abschreckend wirken. Im Gegensatz zu so vielen einfach zusammengeschusterten Abspeisewerken handelt es sich durchaus um eine professionell aufgezogene Produktion, deren DVD alles bietet, was man sich in Sachen Musical-Aufnahmen wünschen kann.

Da die Präsenz des alten Filmes zu stark ist, um ihn wirklich aus den Gedanken auszublenden, ist es wohl das Einfachste, die beiden musikalischen Adaptionen direkt zu vergleichen. Und dabei fällt als Erstes auf, dass sich die französische Produktion wirklich in keiner Weise an dem Film orientiert; sowohl Musik, als auch Inszenierung sind stilistisch vollkommen eigenständig.
Was die Lieder anbelangt, so bietet dieses Musical nichts, was die melancholische Tiefe von „Somewhere over the Rainbow“ erreicht; stattdessen hat die Musik eine luftig-leichte Qualität, die dem Stück guttut und den Ton des Buches perfekt trifft. Die Lieder sind originell und jedes einzelne hat Ohrwurm-Potential, so dass man darüber leicht übersieht, dass dem Musical, um wirklich perfekt zu sein, doch noch das eine oder andere wirklich großartige Stück fehlt. Das offizielle Musikvideo „Vert“ („Grün“) eignet sich wunderbar, um den Ton des gesamten Werkes zu veranschaulichen:

Was den Inhalt angeht, so bewegt sie sich nahe genug am Buch, so dass auch Nicht-Französischsprachige kein Problem haben sollten, der simplen Geschichte zu folgen. Die Änderungen sind geringfügig, und da die meisten Figuren schon von ihrer Idee her ja nur Stereotypen darstellen, haben sie kein Problem, sich durch jeweils ein Lied ausreichend zu definieren.
Dothy – die hier benutzte Variation für Dorothy – bekommt durch ihre Ballade „En Fermant les Yeux“ („Wenn ich die Augen schließe“) noch etwas Charakterentwicklung dazu, und auch der Zauberer erhält durch sein tragisch-melancholisches Lied „Je suis juste un homme“ („Ich bin nur ein Mann“) eine zusätzliche Dimension, die ihn nicht nur als charmanten Schwindler darstellt, sondern zu einem durchaus ernstzunehmenden Charakter ausweitet.
Eine geringfügige Veränderung des Buches besteht darin, dass es im Musical nur eine böse Hexe gibt, die durch das herabfallende Haus am Anfang nur verletzt wurde und daher auf Rache sinnt. Generell ist die Hexe des Westens hier ein standardmäßiger Bösewicht; nur in einem ihrer Lieder, „L‘Artiste du Mal“ („Die Künstlerin des Bösen“), blitzt für kurze Zeit eine andere, tragischere Seite auf, die auch ihr zumindest ansatzweise etwas wie Vielschichtigkeit verleiht.
Außerdem ist anzumerken, dass beide Hexen – die Gute, wie die Böse – von derselben Sängerin gespielt werden. Der Hauptgrund besteht wohl einfach darin, dass sich beide Rollen in ihren Auftritten nicht überschneiden und eine gleiche Stimme erfordern, aber dennoch hat diese Parallele der Figuren eine seltsame und nicht uninteressante Implikation inne.

Was die Inszenierung des Musicals angeht, so ist sie eher modern und frisch gehalten, hat aber dennoch einen passend märchenartigen Charme inne. Die Kostüme und Kulissen sind bewusst abgehoben, und obwohl sie genauso bunt und fantasievoll aussehen wie im Film, bieten sie statt dessen „realistischer“ Fantasy einen völlig eigenen, eher stilisierten Stil. So ähnlich müsste es aussehen, wenn Lady Gaga ein Kindermärchen inszenieren würde.

Meine Gesamtwertung ist erstaunlich gleichförmig:

Musik                  2/3
Geschichte          2/3
Inszenierung      2/3

Auch wenn der Funken zu Genialität fehlt, handelt es sich bei Dothy et le Magicien d‘Oz alles in allem um eine absolut solide Produktion, die sich nicht hinter ihrem Kinderstück-Status zu verstecken braucht. Neben allen anderen Musical-Liebhabern ist das Stück vor allem eine wunderbare Alternative für Interessierte einer „etwas anderen“ Version des Zauberers von Oz.