Der Erfolg von Disneys Eiskönigin hat längst sämtliche Erwartungen gesprengt. Jüngst wurde der Film mit zwei Oscars ausgezeichnet, er hat die Milliarden-Dollar-Grenze überschritten und ist letzte Woche zum erfolgreichsten Animationsfilm aller Zeiten aufgestiegen. Und speziell das Oscar-prämierte „Lass jetzt los“ bewegt das Internet wie selten ein Disneylied zuvor: Das Lied dient als Material für ungezählte Memes, wieder und wieder werden neue Coverversionen online gestellt und kurz gesagt kann „Lass jetzt los“ schon heute als neue Hymne des Hauses Disney gelten. Wie lässt sich ein so unwahrscheinlicher Erfolg erklären?


Nun, zum einen scheint „Lass jetzt los“ wirklich eine außergewöhnliche Identifikationswirkung zu haben. Anders als die typischen Ich-will-Lieder früherer Disney.Heldinnen, die immer von einem speziellen Wunsch gesungen haben – der Traumprinz, die fremde Welt, das große Abenteuer – ist Elsas Selbstbetrachtung gleichzeitig spezieller und allgemeiner: Sie beschließt einfach, von nun an ihren eigenen Kräften zu vertrauen und ihren ganz persönlichen Weg einzuschlagen. Oder anders gesagt, „Lass jetzt los“ hat eigentlich nicht viel mit dem klassischen Disney-Prinzessinnen-Lied zu tun.
Und das ist an sich nicht verwunderlich; trotz des deutschen Filmtitels ist die eigentliche Heldin und Protagonistin der Eiskönigin immer noch Anna. Ihre Ziele sind nach Disney-Maßstäben klassisch genug – sie will einen Mann, etwas Abenteuer, und dann vor allem ihre Schwester retten – und sie hat mit „Zum ersten Mal seit Jahren“ ihr eigenes, ziemlich typisches Ich-will-Lied. Und ja, auch Anna erfreut sich in Fankreisen einer gewissen Beliebtheit, doch kann sie dabei doch in keiner Weise mit ihrer großen Schwester mithalten. Wer an den Film denkt, der denkt an Elsa in ihrem Eispalast, und so wundert es auch keineswegs, dass der Film selbst in den meisten Übersetzungen nach Elsa benannt worden ist. Eher ist hier und da ein gewisser Ärger zu spüren, dass Elsa nicht vollkommen zur Hauptfigur befördert wurde.

Aber wenn „Ich lass los“ nicht das typische Ich-will-Lied klassischer Disneyfilme darstellt, welche Rolle nimmt es dann ein? Schauen wir uns den Aufbau einmal genauer an:
Elsas Lied beginnt sehr still, mit einem langsamen, eher nachdenklichen Einstieg. Die Stimmung ist zu Beginn schwankend, unsicher. Dann sehen wir eine spürbare Entwicklung in Musik und Inhalt, der Klang wird heftiger, während Elsa sich die eigene Situation wirklich klarmacht. Endlich, mit dem Beginn des Refrains, erreichen wir den ersten Wendepunkt des Liedes: Elsa hat sich entschieden, sie weiß nun, wie sie weiterzugehen hat, um mit sich und ihrer Rolle ins Reine zu kommen. Es ist ein starker persönlicher Wendepunkt, und das gesamte Lied ist eigentlich nur dazu da, genau diesen Punkt zu unterstreichen. Der Rest des Liedes besteht aus einer fulminanten Selbstdarstellung, aus dem Austesten des neuen Selbstbildes und der Festigung der neugefundenen Einstellung. Elsa ist glücklich; sie hat ihr Problem für sich gelöst und fühlt sich zum ersten Mal wirklich befreit.
Das Lied wird häufig mit Elphabas Hymne „Frei und Schwerelos“ aus Wicked verglichen, und die Parallelen sind offensichtlich. Nicht nur handelt es sich auf Deutsch wie auf Englisch um die gleiche Sängerin, es ist vor allem eine sehr ähnliche Stimmung in der sich Elphaba und Elsa befinden als sie beschließen, ihre Zauberkräfte endlich frei zu nutzen – und nicht zuletzt ist die Bildsprache der beiden Szenen gut vergleichbar. Andere vergleichen das Lied aus ähnlichen Gründen mit „Gutes tun muss man büßen“, ebenfalls eine verständliche Assoziation. „Gutes tun“ ist schließlich in vieler Hinsicht die Kehrseite von „Frei und Schwerelos“, der zweite und weitaus dunklere Teil von Elphabas Entwicklung.
Aber irgendwie treffen beide Vergleiche nicht den eigentlichen Kern – vielleicht weil „Lass jetzt los“ eben genau eine Kombination der beiden Charaktermomente der Bösen Hexe des Westens darstellt. Doch wären „Frei und Schwerelos“ und „Gutes tun“ zu einem Lied kombiniert (was inhaltlich sehr gut vorstellbar scheint), so müsste dieses Lied um einiges härter erscheinen; es würde stark am nun so positiven Bild Elphabas kratzen. Der Grund ist einfach: In „Frei und Schwerelos“ ist der Zuschauer voll und ganz auf ihrer Seite, er erlebt ihre Befreiung mit, in „Gutes tun“ dagegen bringt der Zuschauer zwar Mitleid und Verständnis für ihren zynischen Ausbruch auf, doch er bleibt persönlich distanziert. Befreiung und Verhärtung bleiben zwei unterschiedliche Charaktermomente, die zwei deutlich unterschiedliche Lieder für sich benötigen – ganz anders dagegen in „Lass jetzt los“.
Elsas Lied hat also nicht wirklich Ähnlichkeit zu der Selbstreflexion der missverstandenen Antiheldin – es gehört viel eher zum Typus des klassischen Bösewicht-Lieds.

Ich würde „Lass jetzt los“ gerne mit einem der dunkelsten Disney-Lieder überhaupt vergleichen: „Das Feuer der Hölle“. Frollo steht zu Beginn des Liedes alleine da, im stillen Kampf mit seinen Seelenschmerzen und uneingestandenen Selbstzweifeln, und sucht nach einer Antwort. Doch was beginnt wie ein ruhiges, hilfesuchendes Gebet wandelt sich und wird zur Manie. Der gerichtete Richter putscht sich im Verlauf des Liedes immer weiter selbst auf, bis er im Höhepunkt des Liedes endlich eine Antwort findet, die ihn zufriedenstellt. Das ist der Beginn für eine neue innere Ausrichtung, der Anfang eines neuen, verstärkten Selbstverständnisses.
Auch im Glöckner von Notre Dame stellt dieses Lied den Höhepunkt dar, es ist die Hauptmelodie, die ersten und die letzten Noten des Films, die sich durch alles hindurchziehen – eine ungekannte Ehre für ein Bösewicht-Lied.
Dieser ins Extrem geführte Aufbau des Liedes bringt gewisse Risiken mit sich: Es ist für einen Film nicht ungefährlich, ein so tiefschürfendes Verständnis für den Bösewicht zu schaffen. Bei Frollo mag genau dieser Ansatz nötig sein. Er ist der womöglich dämonischste, weil realistischste Disney-Bösewicht; er würde zu einer reinen Parodie verkommen, wenn sein Innenleben nicht offen dargelegt würde.
Ein anderes Beispiel für einen Liedaufbau, der dem von „Lass jetzt los“ ähnelt – oder genau genommen zwei davon – sind in Nightmare before Christmas zu finden. Natürlich ist Jack Skellington die eindeutige Hauptfigur des Films, doch ist wohl ebenso unbestritten, dass es sich um eine bemerkenswert düstere Disneyfigur handelt. Nicht nur passt Jack in seiner Funktion als Kürbiskönig von Halloween besser in die Riege der Schurken als irgendwo sonst hin, er nimmt auch den gesamten Film über eine zwar wohlmeinende, aber ganz eindeutig destruktive Rolle ein.
Und diese Rolle beginnt genau mit dem ersten seiner beiden Aha-Momente des Films, dem Finale des Liedes „Was ist los mit Jack?“, als er sich nach langer Überlegung endlich entschließt, das Weihnachtsfest an sich zu reißen. Das zweite Lied dieser Art „Armer Jack“, in dem Jack sich am Ende wieder für seine eigentliche schaurige Bestimmung entscheidet, erfüllt quasi eine Umkehrfunktion zu dem ersten – doch beide Lieder sind gleich darin, dass Jacks innerer Entschluss, der seine Selbstzweifel beendet, als schaurig-schöne, klar düster besetzte Entscheidung empfunden wird. Eben ein klassisches Bösewicht-Lied.

Und natürlich ist genau das, diese Funktion als Bösewicht-Lied, auch der eigentliche Ursprung des nun so strahlenden „Lass jetzt los“. In den verschiedenen Stadien des Films war die Schneekönigin – Elsa – die meiste Zeit als klassischer Bösewicht geplant, ähnlich ihrer Darstellung in Andersens Märchen. Wie Regisseurin Jennifer Lee es ausdrückt: „The Snow Queen was sort of spinning in this one-dimensional chaos of evilness.“

Doch irgendwann wurde klar, dass Elsa nicht nur böse sein würde; es wurde zu einem wichtigen Plot-Element, dass sie am Ende von Anna erlöst werden sollte.
„We knew that Anna was going to save Elsa. We didn’t know how or why. And it was more of a redemption story at the time because Elsa was evil.“
Genau deshalb war schließlich klar, dass Elsa ein gut ausgearbeitetes Bösewicht-Lied brauchen würde, um den Zuschauern ihr Innenleben nahezubringen – und geschrieben wurde „Lass jetzt los“.
Und auf einmal war alles ganz anders.

Es war genau dieses Lied, dass Elsas eigentliche Rolle im Film erst herausgebildet hat. „Lass jetzt los“ wurde geschrieben, um die Zuschauer Elsas Inneres verstehen zu lassen, und das Ergebnis war, dass Elsa die Filmemacher selbst überzeugen konnte. So stark war die Wirkung dieses Liedes, angefangen von seinem ersten Demo.
Und das Faszinierende ist, dass das Lied trotz allem immer noch ein Bösewicht-Lied ist. Ob Elsa auf Englisch singt „No right, no wrong, no rules for me“, oder auf Deutsch die Kernzeile „Die Kälte, sie ist nun ein Teil von mir“ wieder und wieder wiederholt – wovon das Lied handelt, ist ganz klar die Entwicklung zum rücksichtslosen Bösewicht.
Nur, dass Elsa eben gerade das nicht ist.
Elsa selbst ist nicht bewusst, dass sie in diesem Moment nur eine Maske aufsetzt, dass ihre eigene Befreiung nur Schein bleibt. Sie will sich befreien – und schließt sich in die Abgeschlossenheit ein. Und auch der so selbstbewusste Text, ihr geschmettertes „You‘ll never see me cry“ bleibt reine Fassade, denn abgelegt hat sie ihre Gefühle noch lange nicht. Im Finale des Films ist es ja gerade ihre Träne, die die tiefe, nie unterbrochene Liebe zu ihrer Schwester ausdrückt.

Das gesamte Lied ist in seiner Stimmung eigentlich zweifach verschoben. Es ist nicht das positive, grandiose Befreiungslied, als das es scheint, doch die Zuschauer merken es nicht – und das ist kein Wunder, denn Elsa selbst bemerkt es erst recht nicht. Sie glaubt ja ehrlich, sie hätte sich mit ihrer Entscheidung endgültig befreit.
Und das ist vielleicht der entscheidende Unterschied zu „Das Feuer der Hölle“ und „Was ist los mit Jack?“: In beiden Fällen ist dem Zuschauer die Selbsttäuschung von Frollo und Jack Skellington allzu deutlich bewusst. Es besteht eine aktive Spaltung zwischen Darsteller und Zuschauer; wir können mit den Sängern mitfühlen, und sehen doch, dass ihr Weg nicht der richtige ist.
„Lass jetzt los“ dagegen ist so überzeugend, dass das Lied nicht nur Elsa selbst täuscht. Die Hymne hat erst die ganze Filmcrew mitgerissen und jetzt das gesamte Internet. Alle lieben das Lied – nicht für das, wofür es eigentlich steht, nicht für das, was es im Film reell bedeutet, sondern alleine dafür, was Elsa selbst in diesem Moment fühlt.
Ihre langersehnte Befreiung, wenn sie auch fehlgeleitet ist, hat genügt, um uns allesamt zu täuschen und in den Triumphklang mitzureißen.