Vor einigen Jahren gab es in der Fernsehbranche einen minderen Eklat, als der selbsternannte Literaturgott Marcel Reich-Ranicki während der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises den ihm zugesprochenen Ehrenpreis live ablehnte, mit der Begründung, er „gehöre nicht in diese Reihe“ und fände es „schlimm, dass ich das hier viele Stunden ertragen musste. Diesen Blödsinn, den wir hier zu sehen bekommen haben.“.
Als Reaktion auf Reich-Ranickis ostentative Ablehnung bat ihn daraufhin der Moderator Thomas Gottschalk, mit ihm zusammen eine Diskussionsrunde zum Thema Fernsehen zu führen. Und wirklich wurde eine Woche später das Gespräch der beiden modernen Fernseh- und Literaturikonen ausgestrahlt, unter dem Titel „Aus gegebenem Anlass – Marcel Reich-Ranicki im Gespräch mit Thomas Gottschalk.“.

Ich war vom Verlauf dieses Gespräches, sagen wir mal, nicht unbedingt begeistert.
Gottschalk und Reich-Ranicki haben sich in diesen dreißig Minuten sehr wortgewaltig über das Wohl und Wehe der deutschen Fernsehlandschaft ausgelassen, und ihre initialen Standpunkte waren unterschiedlich genug, dass wirklich eine ausgewogene Diskussion zustande kam. Und die zentrale Fragestellung, um die das Gespräch immer wieder kreiste, bestand dabei grob darin, ob es nötig ist, dem einfachen Volk eine kulturell ausgerichtete Fernsehunterhaltung quasi gegen den eigenen Willen aufzuzwingen (Reich-Ranicki), oder ob solche Bemühungen sowieso fruchtlos sind, und man den niederen Massen eben ihren qualitativ niederen Willen lassen muss (Gottschalk).
Mein Problem mit dieser Diskussion: Für beide Gesprächspartner schien während des gesamten Gespräches nie die Option zu bestehen, dass die breiten Massen ganz einfach auch an Kultur – an gut gemachter Kultur! – interessiert sein könnten.
Nein, für diese beiden Koryphäen der Fernsehunterhaltung gab es nur die Möglichkeit „zwingen wir ihnen Shakespeare auf“ oder „lassen wir sie mit höherer Kunst in Ruhe“. Stattdessen einfach gute Shakespeare-Verfilmungen zu senden, und zwar nicht auf den so pseudo-kulturell bemühten Öffentlich-Rechtlichen Sendern, sondern auf den Privaten, wo sich das Fernsehprogramm noch selbst beweisen muss, oder gar im Kino, das schien für die beiden absolut keine Option zu sein. „Die Leute wollen ja von sich aus keine Kultur sehen“, das war für beide Gesprächspartner ein so selbstverständlicher Ausgangspunkt, dass ein Hinterfragen gar nicht zur Rede stand.

Nun ja, ganz offensichtlich sind weder Gottschalk noch Reich-Ranicki in irgendeiner Weise mit den Hollywood-produzierten Klassiker-Verfilmungen der letzten Jahre vertraut. 1996 erschien Baz Luhrmanns Romeo + Julia, eine modern inszenierte Shakespeare-Adaption, die einer ganzen Generation das klassische Drama mit seinen Original-Texten nahebrachte. Drei Jahre später wurde mit 10 Dinge, die ich an dir hasse Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung als flotte und doch beeindruckend originalgetreue Teenie-Komödie zum Überraschungserfolg.
Ob nun die neuste Version von Stolz und Vorurteil, die bombastische Les-Misérables-Musical-Verfilmung, oder auch Eiskalte Engel, die moderne Fassung von Gefährliche Liebschaften, von der ich schon geschrieben habe, stetig kommen neue Filmproduktionen ins Kino, die es auf sich nehmen, die großen Klassiker auf verschiedenste Weise einem heutigen Publikum zu präsentieren – und das mit andauerndem Erfolg! Von Filmen wie Shakespeare in Love oder Black Swan, die ein klassisches Stück nutzen, um es in einem neugeschaffenen Kunstwerk in einen größeren Meta-Zusammenhang zu stellen, will ich hier gar nicht reden.

Nein, es wäre wirklich unmöglich, hier sämtliche Beispiele aufzuzählen, bei denen klassische Werke auf verschiedenste Weise aufbereitet und dem modernen Massenpublikum präsentiert werden. Und das ohne jeden moralapostolischen kulturellen Missionierungshintergrund, sondern in dem einfachen Bestreben, damit gute Unterhaltung, gute Kunst, und – Gott bewahre – jede Menge Geld zu machen.
Und ja, natürlich höre ich jetzt schon die Antwort, die jeder ach-so-kulturell-besorgte Deutschlehrer darauf geben könnte: Das hätte ja nichts mehr mit dem Original zu tun, das sei ja alles nur noch Popkultur. Zum einen ist darauf zu antworten, dass wir in einer kulturell so ausnehmend luxuriösen Zeit leben, dass wir heute Zugriff auf quasi jede kulturelle Leistung der Vergangenheit haben. Ist einem 10 Dinge, die ich an dir hasse zu weit von Shakespeares Original entfernt, so braucht es nur wenige Klicks, um an die wunderbar klassische Verfilmung von Der Widerspenstigen Zähmung mit Elizabeth Taylor zu kommen. Wer mit Moulin Rouge nun wirklich nichts anfangen kann, der mag sich an eine der zahlreichen La-Traviata-Verfilmungen halten, oder gleich an Die Kameliendame mit Greta Garbo. Und, Überraschung: All diese klassischen Verfilmungen waren ihrerzeit auch große Publikumsschlager, produziert, um Geld zu verdienen, und folglich um dem Publikum zu gefallen.

Und das bringt mich zu meiner anderen Antwort an die besorgten Kulturhüter: Wer meint, Kultur sei nur das, wozu man die Menschen mühsam anregen müsse, der hat den Sinn von Kunst imo nicht verstanden.
Was genau ist denn dabei, wenn sich die Kunst, wenn sich die Kultur im Verlauf der Zeiten ändert? Wie kann eine heutige Shakespeare-Verfilmung zu populistisch sein, wenn Shakespeares Werke selbst ausschließlich für das Volk geschrieben wurden – um zu gefallen?
Jeder Griechischlehrer, der Troja in Grund und Boden stampft, weil hier im Vergleich zu der Ilias ein Krieg zu kurz dauert und dort ein König zu früh stirbt, der scheint zwei grundlegende Punkte nicht mitbekommen zu haben: zum einen, dass auch Homer einst einfach nur ein guter Geschichtenerzähler war, und zum anderen, das Brad Pitt hier eine ganze Generation Jugendlicher zumindest drei Stunden lang für griechische Geschichte interessiert.
Und ich gehe noch einen Schritt weiter: Selbst Thor, eine Marvel-Superhelden-Comicverfilmung, ist nichts als die konsequente Weiterführung eines jahrhundertealten Sagenuniversums. Und selbst wenn diese Version nur noch sehr wenig mit den nordischen Göttermythen gemein hat (und gar so wenig ist es bei genauerer Betrachtung gar nicht), so waren die Geschichten von Thor, Odin und Loki doch zu jeder Zeit genau das: Geschichten, Mythen, die nur durch das Weitertragen und Weiterspinnen über die Jahrhunderte hinweg überlebt haben – bis hinein in die heutige Zeit.

Die klassischen Werke überleben, und das ganz ohne Kulturzwang und Subventionierung, stattdessen mit dem frischen Atem von Lebendigkeit und Neuadaption, den nur eine in irgendeiner Weise zeitgenössische Umsetzung einhauchen kann. Und genau deshalb finde ich es nicht nur absurd, dem heutigen Massenpublikum eine kulturgemäße Unterhaltung zwangsweise unterjubeln zu wollen, ich bin generell gegen jede Form der kulturellen Subventionierung.
Die Erfahrung von Jahrhunderten und Jahrtausenden zeigt deutlich genug: Was gut ist, das überlebt. Denn was ist unsere so behütenswerte Kultur denn anderes als schlicht die alten Werke, die die Zeiten überdauert haben – ganz alleine, ohne fremde Hilfe?
Ja, Mozart und Shakespeare haben zu ihrer Zeit für das einfache Volk geschrieben, und über Jahrhunderte hinweg haben ihre Werke Anklang gefunden. Sie haben es schlicht nicht nötig, von einer bemühten Missionarsriege behütet und bewahrt zu werden, und sie haben auch kein übergeordnetes Recht darauf, weitergetragen zu werden – nichts, als ihre eigenen Qualitäten, die ganz offensichtlich ausreichend sind.
Klassiker besitzen kein inhärentes Recht, zu überleben; sie überleben, weil sie genial sind, und genau das macht sie zu Klassikern. Denn man kann zu Kultur sagen, was immer man will – im Überleben ist sie wirklich gut.