Auch wenn jede heutige Verarbeitung des Prinz-und-Bettelknabe-Themas an Mark Twains Roman angelehnt ist, so war das doch sicher nicht die erste Version einer derartigen Verwechslungsgeschichte. Schon 1837 in Albert Lortzings Oper Zar und Zimmermann wird ein ganzes Städtchen samt mehreren ausländischen Gesandten in Verwirrung gestürzt, über die Frage, welcher von zwei russischen Zimmerleuten nun der Zar im inkognito ist, und welcher nur ein gewöhnlicher Deserteur. Hier wird allerdings nicht einmal die konstruierte Ähnlichkeit der beiden zum Grund für die Verwirrung; es ist alleine der gemeinsame Name der beiden – Peter – der für Verwechslung sorgt.

Zar und Zimmermann ist eine wirklich nette Geschichte, die die historische „Große Gesandtschaft“ des Zaren Peter I in ein ganz mondänes Umfeld in einem flandrischen Städtchen einbettet. Stil und Musik der Oper passen sich ganz dem einfachen Stil an, und so könnte man das Ergebnis wohl eher als Operette denn als Oper verbuchen – ein weiteres Beispiel, wie verwischt die Abgrenzung zwischen den beiden Begriffen wirklich ist.
Diese Oper ist eine nicht unbedingt intuitive Wahl für einen Film, dafür scheint sie auf den ersten Blick zu leicht und geradezu unbedeutend. Aber auf der anderen Seite bietet sie auch heute noch gut verständliche Musik mit einer Reihe von netten Ohrwürmern, und auch sonst handelt es sich um ein gut verfilmbares Stück, mit interessanten, einprägsamen Figuren, die sich gerade auch auf der Leinwand wunderbar ausspielen lassen.
So habe ich mir die Verfilmung von 1969 also gespannt angesehen – und war positiv überrascht, wie gut die Oper mit einfachsten Mitteln für den Film umgesetzt wurde.

Die Filmsets sind allesamt sehr simpel gehalten, vergleichbar mit den älteren Verfilmungen von Der Freischütz und Der Fliegende Holländer. Es handelt sich ganz offensichtlich um klassische Opernkulissen, die hier in ein größtenteils leeres Filmstudio verfrachtet sind – das Ergebnis ist der Eindruck einer typischen Operninszenierung, nur eben mit frei beweglicher Kameraausrichtung. Es ist eine einfache, bodenständige Stilentscheidung, die aber in diesem Zusammenhang wohl nicht die schlechteste Wahl darstellt.
Auch bei den Darstellern handelt es sich durchweg um klassische Opernsänger, wobei sie sich allerdings durchgehend auch als bemerkenswertfähige Schauspieler erweisen. Alle Sänger sind in ihrem Spiel voll engagiert dabei, gerade wie es für eine derart operettenhafte Oper nötig ist. Und wenn sich hier und dort auch eine gesprochene Szene etwas hölzern anfühlen mag – gerade Witwe Browe zeigt sich hier wirklich schmerzhaft – so ging es ganz allgemein auch beim Dreh ganz offensichtlich um den Spaß an der Sache.
Das Spiel zwischen dem Zimmermann Peter Iwanow und seiner heißbegehrten Marie ist herrlich. Man nimmt ihnen die frisch Verliebten hundertprozentig ab, und wenn sie streiten, so scheinen echte Funken zu fliegen. Auch die drei Gesandten sind genau, wie sie sein müssen; sie zeigen sich betont ernsthaft und funktionieren gerade deswegen wunderbar in ihrer absurden Umgebung.
Auch die Besetzung des Zaren ist gelungen. Ja, Peter I könnte wohl noch etwas mehr Charakter und Gravitas zeigen – seine Rolle gibt es in Liedern wie „Einst spielt‘ ich mit Szepter“ zweifellos her. Aber andererseits handelt es sich doch vom Kern her um eine klassische Operette, und dafür ist Peters Darstellung perfekt. Er gibt sich gerade als den nötigen Fels in der Brandung der Kleinstadt-Verrücktheit.
Und dann ist da natürlich van Brett, Bürgermeister des Städtchens und der inoffizielle Star der Oper. Bei dem pompösen Amtsknecht handelt es sich um eine klassische Opera-buffa-Figur, der es gelingt, selbst in dieser Umgebung noch herauszustechen.
Bedenkt man diese Rollendefinition, so ist van Bretts Besetzung im Film durchaus ungewöhnlich. Das Äußere des Bürgermeisters ist seriös gehalten, weder von seinem Gesicht noch vom Umfang her entspricht er der klassischen Darstellung der Gestalt, und selbst in seinem Spiel zeigt sich der Sänger eher verhalten. Van Brett ist eine Figur, die man ohne Probleme gnadenlos überziehen kann – hier dagegen steht von seinem ersten Auftritt mit „Oh Sancta Justitia“ an die bombastische Musik in einem spürbaren Kontrast zu dem gesetzten Spiel des Sängers. Es ist eine Interpretation, an die man sich durchaus erst gewöhnen muss.

In der Tat ist es die Kamera, die für die Figur des Bürgermeisters die Hauptarbeit übernimmt. Im Gegensatz zu den klassischen, schlichten Kulissen ist die Kameraarbeit in diesem Film wirklich großartig gemacht. Sie ist nicht so überbordend, dass es ins Lächerliche gehen würde, sondern gerade aktiv genug, um die Handlung an jeder Stelle genau richtig zu unterstreichen.
Ob es nun das Zwischenspiel der Liebenden ist, bei dem die Kamera schnippisch hin und her fährt, die großen Arien, die durch langsame Bewegung unterstrichen werden, oder eben die Auftritte des Bürgermeisters, immer geht die Kameraarbeit gerade einen Schritt weiter, als es die Schauspieler selbst tun können oder wollen. Und gerade die eher dezente Darstellung des Bürgermeisters wird hier geradezu verklärt; während van Brett selbst stillsteht, übernimmt es die Kamera, ihn zu umgarnen, ihn einzuschmeicheln und sein eigenes Selbstbild von Kopf bis Fuß offensiv darzustellen.

Ich würde nicht sagen, dass es sich bei diesem Film um ein großes Meisterwerk handelt – das ist schon die Oper selbst nicht. Aber die Verfilmung hält genau, was die Oper verspricht: eine nette, wunderbar unterhaltsame Farce mit hübschen satirischen Einschüben. Das Ganze ist sehr passend eingefangen und wird insbesondere durch die grandiose Kameraregie gerade richtig über den Durchschnitt erhoben. Insgesamt einfach ein schöner Opernfilm.