Engelbert Humperdincks Kinderoper Hänsel und Gretel ist in vieler Hinsicht ein einzigartiges Werk. Alleine in ihrem Status als Oper, die vorwiegend an Kinder gerichtet ist, spielt sie in der Opernwelt eine besondere Rolle, und erfreut sich gerade als Einstieg ins Operngenre bis heute größter Popularität.
Die gesamte Oper ist durchkomponiert, aber auch ohne Sprechzeilen ist der Inhalt des Stückes auch für Kinder wunderbar zu verstehen – was sicher nicht zuletzt daran liegt, dass sich die Oper sehr genau an das Grimm’sche Märchen hält. Bis auf wenige Unterschiede wird das Märchen direkt nacherzählt; die Oper widersteht der Versuchung, die simple Geschichte unnötig aufzublähen, und setzt stattdessen eher auf Stimmungsaufbau und Märchenromantik.
Das Ergebnis ist ein durchaus komplexes Werk, das sowohl für Erwachsene als auch gerade für Kinder wunderbare Unterhaltung verspricht, und sich dabei nicht hinter den „großen“ Opern vergleichbarer Komponisten wie Wagner zu verstecken braucht. So erfreut sich die Oper verdientermaßen auch bis heute gerade zur Weihnachtszeit großer Beliebtheit, und wenn ich auch erleben musste, dass manche Inszenierungen einen Teil der Musik zugunsten neuer Sprechpassagen unterschlagen, so bleibt ein derartiges Sakrileg dankenswerterweise in der Minderheit. Es ist schließlich nicht so, als wäre Humperdincks Musik nicht kindergerecht genug – einige der Lieder aus der Oper wie „Brüderchen, komm tanz mit mir“ oder „Abends wenn ich schlafen geh“ haben sich zurecht zu allgemein bekannten Volksliedern entwickelt.

Alles in allem handelt es sich bei Hänsel und Gretel wieder einmal um eine Oper, die sich ideal für szenische Verfilmungen handelt. Und da die Vorlage selbst schon eines der berühmtesten Märchen überhaupt ist, scheint es kaum verwunderlich, dass mehr oder weniger freie Verfilmungen in Fülle zu finden sind. Speziell nennenswert sind unter anderem die Stop-Motion-Adaption von 1954 und die Version der Regensburger Domspatzen, in der Hänsel endlich einmal von einem Jungen dargestellt wird – Gretel nur leider auch.
Doch die Version, die wohl am ehesten die Bühnenoper in Filmform einfängt, ist der Film von 1981, eine reine, klassische Opernverfilmung, die das Werk in seiner traditionellen Bühnenform auf die Leinwand zu übertragen sucht.

Diese Verfilmung macht von Anfang an kein Hehl aus ihrer Bühnenhaftigkeit. Im Gegenteil: Während der Ouvertüre wird ein nur leicht verfremdetes Opernhaus gezeigt und wir sehen, wie eine Schar Kinder ihre Plätze einnimmt. Der Vorhang hebt sich, die Bühne wird sichtbar – und verwandelt sich in den szenischen Wald, durch den die Kamera nun zu dem Haus des Besenbinders fährt.
Die gesamte Inszenierung ist in einer derartigen märchenhaften Zwischenwelt zwischen Film und Oper verhaftet. Große Teile des Filmes könnten so eins zu eins auf einer klassischen Opernbühne spielen, doch dann wird – genau in den richtigen Momenten – der Zauber des Films genutzt, um dem Märchencharakter der Oper gerecht zu werden. Gerade das Orchesterzwischenspiel „Der Hexenritt“ und natürlich „Der Abendsegen“ werden so durch einfache Zeichentricksequenzen und subtile Filmeffekte auf genau die Stufe unwirklicher Filmrealität gehoben, die dieses Stück braucht.
Der einzige Wermutstropfen bei dieser Art der halbrealen Inszenierung sind die Kinder im Publikum, die gerade zu den unpassendsten Gelegenheiten eingeblendet werden, doch auch das kann den simplen Zauber dieser Phantasiesequenzen nicht wirklich beeinträchtigen. Das Ergebnis bleibt eine kindliche Vermischung von klassischer Oper und einfachen Filmeffekten, die sich schließlich für diese Art von Geschichte als gerade richtig erweist.

Die Besetzung der Rollen ist in diesem Film ebenfalls klassisch gehalten: Hänsel und Gretel werden von zwei erwachsenen Frauen dargestellt, die sich bemühen, in ihrem Zusammenspiel und gerade auch im Spiel gegen Mutter und Hexe das junge Geschwisterpärchen überzeugend genug zu verkörpern.
Und die beiden Schauspielerinnen machen ihre Sache wirklich so gut, wie man es unter den Umständen nur erwarten kann. Sowohl Edita Gruberova als auch Brigitte Fassbaender gelingt es trotz ihres Alters überzeugend, die übermütigen Kinder darzustellen. Natürlich geht das nicht ohne die entsprechende Bereitschaft des Zuschauers, sich auf die Scharade einzulassen, aber das ist eine Grundhaltung, die bei klassischen Operninszenierungen sowieso Pflicht ist. Während man sich bei Gretel nun noch leicht an der properen Figur und dem doch sehr reifen Gesang aufhängen könnte, gibt es bei Hänsel keinerlei Vorbehalte. Die immerhin über 40-jährige Brigitte Fassbaender stellt den frechen Knaben mit einer Selbstverständlichkeit und einer Leichtigkeit dar, die ihre Mitspielerinnen immer wieder mühelos überstrahlt.
Die Darstellerin von Gertrud, der Mutter, gibt eine solide Performance ab, die der Rolle angemessen ist, und auch die Hexe reizt ihre ikonische Rolle erstaunlich wenig aus – sie spielt ihren Part, und damit hat sich die Sache. Gerade diese beiden Frauenfiguren leiden auch besonders unter der ausgesprochen schlechten Synchronisation des Filmes. Es handelt sich wieder einmal um eine Studio-Aufnahme, die am Set mehr schlecht als recht nachgespielt wurde, von Sängerinnen, die im Playback-Singen offensichtlich wenig Erfahrung haben. Doch besonders sticht diese Synchronarbeit dadurch heraus, dass die Darsteller wohl nicht einmal versucht haben, den Schein des Singens zu wahren; gerade bei den höheren Partien ist nur zu offensichtlich, dass die entsprechenden Mundbewegungen ohne Mitwirken von Hals oder Kehle nur „nachgesprochen“ wurden. Ich muss annehmen, dass es sich dabei um eine bewusste künstlerische Entscheidung des Regisseurs handelt – anders ist ein solcher Patzer kaum zu erklären.
Der heimliche Star der Oper ist aber der einzige Mann unter den Sängern: Herman Prey als Peter, der Vater der beiden Kinder. Schon die Rolle an sich ist in der Oper höchst dankbar angelegt; der Vater ist die einzige durchweg positive Erwachsenenfigur und die Gegengestalt zu der strengen Mutter. Er ist es, der die Hexe von Anfang an durchschaut und seiner Frau Vorwürfe macht, dass sie die Kinder in den Wald geschickt hat. Er stellt eine beinahe auktoriale Stimme der Vernunft dar, und bietet damit auch den Zuschauern mit ihrem überlegenen Vorwissen eine Identifikationsfigur.
Dem Darsteller gelingt es nun, diese Rolle voll und ganz auszuspielen, und sowohl die komödiantische als auch die geradezu sozialkritische Seite ganz herauszubringen. Der Besenbinder wird eingeführt als fröhlicher, aber doch regelmäßiger Trinker, der über sein eigenes Elend lachen kann, gleichzeitig aber wohl auch schon die Hand gegen seine Frau erhoben hat. Doch trotz aller Fehler zeigt sich Peter als ein liebevoller, gottesfürchtiger Familienvater, der hart arbeitet, um seine Familie durchzubringen. Er erscheint gerade dem (eher wohlhabenderen) Publikum gegenüber als Beispielbild für den armen Arbeiter, und spricht die Zuschauer so auch direkt an: „Ja, ihr Reichen könnt euch laben. Wir, die nichts zu essen haben …“. Selbst der unerwartete Geldsegen, mit dem er in seinem ersten Auftritt aufwarten kann, trägt klar sozialkritische Züge. Der Grund, weshalb das Besengeschäft mit einem Mal boomt, sind die Feste der reichen Leute, und das nun mehr Besen gebraucht werden, um die großen Häuser sauberzumachen. Die Familie des Besenbinders lebt buchstäblich vom Dreck der Reichen.
Alles in allem gelingt es Herman Prey, sowohl als Sänger, als auch als Schauspieler in dieser Rolle zu brillieren. Der Vater wird äußerst sympathisch dargestellt, mit genau der richtigen Mischung aus Bauernschläue, Vernunft, und simpler Trunksucht. Er ist der geheime Star der Oper – und das mit einem einzigen eigenen Lied.

Insgesamt handelt es sich bei dieser Version der Oper um eine grundsolide Verfilmung eines wunderschönen Stücks. Es gibt sicherlich noch mehr Verfilmungen von Hänsel und Gretel, und womöglich sind auch erzählerisch bessere darunter. Doch diese Version stellt die „klassische“ und heute gängige Aufführungsart der Märchenoper wunderbar dar, und bietet somit eine wunderbare Standardaufführung, die nicht zuletzt zwei große Diven der Opernbühne auf so ungewöhnliche wie entzückende Art verewigt.