Über die neuste Verfilmung von Webers Freischütz habe ich vor einiger Zeit hier schon etwas geschrieben. Unter anderem habe ich mich dabei darüber gewundert, dass es so lange gedauert hat, bis diese romantischste aller Opern eine richtige Verfilmung erfahren hat – und dabei war mir nicht bewusst, dass es einen solchen Film längst gibt. Ein großer Fehler, denn gerade diese alte Verfilmung bietet den ultimativen Vergleich für jede andere Adaption.

Schon 1968 wurde Der Freischütz auf die Leinwand gebracht, in einer klassischen Inszenierung, die sich bemüht, den Kern der romantischen Oper genau zu treffen. Das heißt gar nicht unbedingt, dass es die „perfekte“ Verfilmung ist, dass es keine andere Möglichkeit gäbe, die Oper umzusetzen. Aber es ist eine Inszenierung, die den Weg, den sie einschlägt, wirklich ganz zu Ende geht – und das im besten Sinn.
Der Film macht von Anfang an klar, dass es sich um eine absolute Operninszenierung handelt. Die Kulissen sind klare Theaterkulissen, alles wirkt klein, gerade wie auf der Bühne. Der Film schämt sich nicht dafür, dass es sich um die Adaption eines Bühnenwerkes handelt, sondern er steht offen zu seiner Stilistik. Schon während der Ouvertüre wird dieser Opernstil offen genutzt: Die Protagonisten werden als Papierfiguren vorgestellt, die auf einer Miniaturbühne auftreten. Passend zu Webers romantischer Musik setzt diese Visualisierung gleich den richtigen Ton; die Ouvertüre ist wunderschön, atmosphärisch auf eine altmodisch-klassische Weise.

Und genauso zeigt sich die gesamte Verfilmung. Kostüme, Schauspieler, alles stellt das Idealbild einer klassischen Freischütz-Inszenierung dar.
Kasper bietet auf den ersten Blick das Urbild des verruchten Jägerburschen, bleich, dunkelhaarig mit schwarzem Backenbart, durchweg teuflisch. Und wo wir davon reden: Samiel, der „Dunkle Jäger“, zeigt sich als klassische Teufelsgestalt, und schafft es dabei, den perfekten Mittelweg zwischen altdeutscher Sagenfigur und ernstzunehmender Gefahr einzuschlagen.
Die beiden Mädchen dagegen sind zart, schön, schauspielerisch geradezu ideal für ihre Rollen, während sie gleichzeitig wunderbare Singstimmen bieten. Ännchen ist ein allerliebster Blickfang und brilliert während jedem ihrer Lieder – ohne dabei ihrer Freundin und eigentlichen Hauptfigur den Fokus zu stehlen. Denn im Zusammenspiel wird klar, dass Agathe der wahre Anziehungspunkt für die Jägerburschen sein muss, eine reine Jungfer, die sich ideal für ihre Rolle zeigt. Gerade ihre große Arie „Leise, leise, fromme Weise“ erklingt in einem wunderschönen Rahmen, in gleicher Weise zart und leidenschaftlich.

Die einzige Besetzung, die sich nicht ganz perfekt in das Ensemble einfügt, ist Max. Der liebeskranke Jägerbursche zeigt sich weder jung, noch allzu anziehend – wie im Übrigen die wenigsten Darsteller, die ich bisher in der Rolle gesehen habe. Auch sein Spiel ist szenenweise extrem bieder, gerade in seinem an sich so emotionalen Gespräch mit Kasper. Max‘ Gesang ist tadellos, sein Aussehen und Spiel ist eben in Ordnung.
Ansonsten ist das Schauspiel generell auf gutem Niveau. Es ist klar, dass es sich mehr um Opernsänger handelt als um Schauspieler, doch sie sind allesamt überzeugend und fühlen sich passend, organisch an. So wie eben die ganze Aufnahme: Es passt alles zusammen, es ist ein so klassisches wie überzeugendes Zusammenspiel.

Das absolute Highlight des Films ist wie zu erwarten die Wolfsschluchtszene, das Herzstück der Oper. Zum einen ist diese dramatische Szene wunderbar inszeniert, und das alleine mit den Mitteln einer klassischen Aufführung. Doch anders als die meisten Theaterinszenierungen hält sich der Film an die Angaben des Librettos, und bietet damit ein so grandioses Kugelgießen, wie ich es noch nie gesehen habe. Um Samiel und die verschiedenen Erscheinungen ins richtige Licht zu setzen, wurden im Film die Trickmöglichkeiten der Zeit genutzt – gerade genug, um den unheiligen Zauber perfekt einzufangen, aber nicht so viel, dass es vom Stil der Oper ablenken würde. Die Szene ist stimmungsvoll, atmosphärisch, ganz genau so, wie sie es sein sollte!

Dieser Freischütz ist insgesamt ein wunderbarer Opernfilm – mit der Betonung auf Oper, nicht auf Film. Wie gesagt, ich sage nicht, dass es nicht anders oder auch besser ginge, die Oper für die Leinwand umzusetzen. Man könnte natürlich einen „echten“ Film daraus machen, oder einfach eine andere, genauso gute Inszenierung. Die Verfilmung von 2010 hatte zweifellos ein völlig anderes Ziel als dieser Film – aber dieser alte, theaternahe Film hat in seiner Zielsetzung mitten ins Schwarze getroffen.
Hierbei handelt es sich für mich um einen perfekten, romantischen Freischütz, der nicht nur an sich wunderbar funktioniert, sondern auch die ultimative Vergleichsversion für jede andere Inszenierung darstellen sollte. Sie will gar kein Film an sich sein, doch als das, was sie ist, ist diese Version ideal: eine grandiose Adaption einer grandiosen Oper.