Seit seiner Uraufführung 1821 genießt Der Freischütz, die wohl berühmteste Oper Carl Maria von Webers, ein außergewöhnliches Ansehen sowohl im höheren Kulturbereich als auch im allgemeinen Bewusstsein der Bevölkerung. Die Geschichte des Jägerburschen Max, der dazu verleitet wird, einen Bund mit dem Bösen, dem Wilden Jäger zu schließen, um nicht Gefahr zu laufen, seine geliebte Agathe zu verlieren, ist ein romantischer Sagenstoff, der Webers Oper weithin den Titel „erste deutsche Nationaloper“ einbrachte. In seiner schwelgerischen, legendenhaften Art scheint Der Freischütz ideales Material für eine großangelegte Verfilmung zu sein, und man kann sich beinahe wundern, dass eine der bekanntesten deutschsprachigen Opern so lange auf eine Kinoadaption warten musste.

Der Film, der nun 2010 in begrenztem Rahmen auf die deutschen Leinwände kam, ist sich seines Status‘ durchaus bewusst und versucht, etwas wie eine „definitive“ Version von Webers Meisterwerk zu bieten. Anders als manche geringer budgetierten Opernverfilmungen fühlt er sich an wie ein vollwertiges Filmerlebnis in realistischer Erzählweise. Schon von Beginn der Ouvertüre an bemüht sich die Inszenierung, die märchenhafte Geschichte in den historischen Kontext der Napoleonischen Kriege einzufügen und zu einem lebendigen Erlebnis zu verarbeiten.
In einer seltsamen Entscheidung wird diese realistische Darstellung allerdings immer wieder bewusst in Frage gestellt, sei es durch den noch vor der Ouvertüre eingefügten Puppenspiel-Prolog, oder die Akteinblendungen, in denen Ännchens Hand selbst die Noten der Partitur umblättert. Es scheint, als wäre die Inszenierung selbst nicht sicher, inwieweit sie auf die Selbstständigkeit der Oper vertrauen kann, und spätestens wenn Ännchen im dritten Akt selbst mit den Puppen des Prologs zu spielen beginnt, scheint eine mehr als sonderbare Meta-Ebene in den Film einzuziehen.
Doch abgesehen von diesen wenigen Momenten bleiben die Lieder noch realitätsverhafteter, als sie es gewöhnlich auf der Bühne sind. So wird gleich das erste Stück „Schau der Herr mich an als König“ als reell gesungenes Lied inszeniert, dass die Bauern selbst auf ihren Instrumenten begleiten und dessen Klänge je nach Position der Kamera lauter und leiser ertönen.
Gerade im ersten Akt, der vom Spiel zwischen Max und Kasper dominiert wird, nutzt die Verfilmung die Möglichkeiten einer realen Kulisse perfekt aus und legt starke Betonung auf das intime Spiel der beiden Sänger. Wenn Kasper sein unheiliges Trinklied „Hier im ird‘schen Jammertal“ in einem offenen Grab sitzend anstimmt oder sich bei „Schweig, schweig“ zwischen den Kreuzen des Waldfriedhofes windet, scheint es eindeutig, dass dies die einzige Umgebung ist, die dieser naturbehafteten Oper wirklich gerecht werden kann.
In diesem Sinne verwundert es nicht, dass die Szenen in Agathes Kammer dagegen weit weniger Möglichkeit haben, Gänsehaut zu erzeugen – wie schön er auch hergerichtet ist, der Saal des Waldschlösschens bietet nun einmal lange nicht so viel Potential für eine freie Inszenierung wie die Außenszenen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Agathes Arie „Leise, leise, fromme Weise“ zu einer Traumszene umgedeutet wurde, auch wenn diese Entscheidung kaum Sinn zu ergeben scheint – immerhin beginnt das Lied mit Agathes Seufzer, dass sie nun unmöglich würde einschlafen können.

Man würde erwarten, dass die darauf folgende Wolfsschluchtszene als Höhepunkt der Oper nun auch das Glanzstück des Filmes darstellen würde; genügen Möglichkeiten sind in der dramatischen Szenerie, die in die Anrufung Samiels und dem Gießen der Freikugeln gipfelt sicherlich vorhanden. Doch leider ist gerade diese Szene nicht in der Lage, auch einen Bruchteil ihres Potentials zu nutzen und sie stellt in jeder Hinsicht eine schmerzlich verpasste Gelegenheit dar.
Dass der Wilde Jäger selbst nicht in Erscheinung tritt, ist eine noch vergleichsweise verständliche Entscheidung – zu leicht könnte der Auftritt des Teufels in Menschengestalt zu einer theatralischen Farce werden. Aber auch ansonsten nutzt der Film keine der so bildhaft beschriebenen mitternächtlichen Visionen; von dem Wilden Heer ist nichts zu sehen, und nicht einmal der Geist von Max‘ Mutter beziehungsweise der verzweifelten Agathe werden gezeigt. Stattdessen stellt sich die teuflische Gießaktion als reiner CGI-Hokus-Pokus heraus, der abgesehen von seiner mittelmäßigen Umsetzung eher in einen Fantasy-Streifen zu passen scheint als in diese Romantik-Legende im historischen Kleid. Gerade die ansonsten so realistische Umsetzung der Oper hätte den perfekten Rahmen für traditionellere Schauerbilder gegeben, die die Wolfsschlucht mit echtem Leben anstatt mit unfreiwillig komischen Lichtgebilden gefüllt hätten.
Neben bei ist zu bemerken, dass die Gelegenheit, diese Musik mit sämtlichen Soundeffekten in 5.1 zu hören, durch die grausamste DVD-Quälerei gestört wird, die ich je erlebt habe – wer kommt auf die Idee, den Layerwechsel mitten in einem brausenden Orchestercrescendo anzulegen?

Neben der Inszenierung ist wohl die interessanteste Frage zur Bewertung des Filmes die der Schauspieler – oder besser gesagt, der Sänger. Von Anfang an wird klar, dass man sich beim Casting entschieden hat, die Betonung auf die Gesangsqualitäten zu legen und die Rollen folglich mit Opernsängern besetzt hat, deren schauspielerische Fähigkeiten hierbei eher zweitrangig waren. Da Der Freischütz eine der Opern mit dem größten Sprechanteil ist, fällt diese mangelnde Schauspielerfahrung schnell auf, doch sie stört dennoch erstaunlich wenig – wer die Oper schon das eine oder andere Mal live gesehen hat, ist die hölzernen Sprechpassagen bereits gewohnt genug, und an der Darbietung der Arien gibt es in gesanglicher wie schauspielerischer Hinsicht nichts auszusetzen.
Weit störender zeigt sich dagegen ein anderes Stereotyp der klassischen Opernbesetzung: Obwohl der Film sich durchweg bemüht, in seiner Kameraarbeit nahe an den Personen zu bleiben, wurde bei der Besetzungsfrage solchen Punkten wie Aussehen oder Alter der Sänger offensichtlich wenig Bedeutung beigemessen. Es wäre kaum schwierig gewesen, für dieses Projekt Opernsänger zu finden, die die Hauptrollen auch äußerlich überzeugend darstellen können, aber stattdessen wird vom Zuschauer einiges an Vorstellungskraft verlangt, um sich hier unter Max und Agathe ein junges, unschuldiges Liebespaar vorzustellen. Max, der „vorbildliche“ der Jägerburschen, läuft mit ungepflegt langem Haar und Bart herum und sieht aus, als habe er bei weitem mehr Zeit in den Tavernen verbracht als Kasper, Agathe dagegen scheint die vierzig lange hinter sich gelassen zu haben und macht eher den Eindruck von Ännchens Mutter als von ihrer jungfräulichen Jugendfreundin.
Die Nebenrollen dagegen sind mit einem wundervoll unschuldigen Ännchen und einem gänsehauterzeugenden Kasper dagegen perfekt besetzt – eine Tatsache, die den Umstand, dass diese beiden Figuren weit mehr Charakter zu haben scheinen als das zentrale Liebespaar, nur noch stärker hervortreten lässt. Die Emotion, die Kasper in jedes seiner gesungenen Worte legt, ist atemberaubend, umso mehr, da er stärker als alle anderen von den filmischen Kameramöglichkeiten profitieren darf. Und Ännchens Verspieltheit scheint in dieser Inszenierung mehr als kindliche Sorglosigkeit zu sein; sie ist ein durch und durch elfenhaftes Geschöpf, das in jeder realistischen Erzählung den Männern weit mehr den Kopf verdrehen dürfte als die allzu grüblerische Agathe.

Wie zu Beginn gesagt, es ist nicht zu übersehen, welcher Ehrgeiz und welche Menge an Arbeit insgesamt in dieses Filmprojekt geflossen ist – und es ist nicht so, als könnte sich das Ergebnis nicht sehen lassen. In der Tat ist Der Freischütz alles in allem zweifellos eine gute Opernverfilmung. Doch zu sehen, wie wenig es bedurft hätte, aus diesem guten Film einen nahezu perfekten zu machen, ist geradezu schmerzhaft. Eine andere Besetzung der beiden Hauptrollen und eine stimmungsvollere Wolfsschluchtszene, und der Film hätte ein der Oper wahrhaft würdiges Meisterwerk werden können.