Mit Carmen hat Georges Bizet 1875 nicht nur eines der bis heute ikonischsten Opernwerke geschaffen, gerade die zwei bekanntesten Lieder, die Habanera und „Toréador, en garde!“ („Auf in den Kampf, Torero!“) sind trotz ihrer französischen Natur längst zum Inbegriff spanischer Lebensart geworden. Es ist die Geschichte von Carmen, einer Zigeunerin, für die die Liebe ein reines Spiel darstellt – wenn auch eines, das nach todernsten Regeln geführt wird – und von dem Soldaten Don José, der an ebendiesem Spiel zerbricht.

Der Film von Francesco Rosi von 1984 gibt sich alle Mühe, die dramatische Oper so realitätsgetreu wie möglich zu verfilmen. Schon von der mit Stierkämpfen und düsteren Prozessionen angefüllten Ouvertüre an wird klar, dass ein ganz besonderer Fokus auf den Aufbau der richtigen Stimmung gelegt wird; es wurde an Originalschauplätzen in Spanien und Andalusien gedreht und die gesamte Besetzung hilft, die Szenerie der südländischen Tragödie auf grandiose Weise einzufangen. Und genau auf dieser Linie steht auch das absolute Glanzstück des Films: die untypische Besetzung der Carmen mit Julia Migenes-Johnson.
Auf der Bühne ist man in dieser Rolle eine typische Opernsängerin gewohnt, mit perfekter klassischer Stimme und nicht ganz so perfektem Äußeren. Meist sind es leicht übergewichtige, ältere Damen, die durch Kostüm und Schminke auf die durchschnittliche Zigeunerschönheit hergerichtet werden, vollkommen gleichgültig, ob sie diesem Typus auch nur ansatzweise entsprechen.
In dem Film dagegen ist die Carmen-Darstellerin eine Schauspielerin durch und durch. Sie nimmt die Rolle vollkommen für sich ein und mit ihrer uncharakteristischen Schönheit schafft sie es, das rassige Zigeunerweib ganz neu für sich zu definieren. Und auf der gleichen Ebene glänzt auch ihr Gesang. Migenes-Johnsons Stimme hat wenig mit dem seelenlos-perfekten Klang gewöhnlicher Carmen-Interpretationen gemein; stattdessen gelingt es ihr, ihre geniale Stimme als Werkzeug zu benutzen, dass das Spiel der Rolle unterstützt, statt es beiseite zu drängen. Das Ergebnis ist eine Darbietung, in der sich Schauspiel und Gesang zu der perfekten Einheit verweben, die diese anspruchsvolle Rolle verdient hat.

Auf diese Weise gelingt der Sängerin auch der Drahtseilakt, Carmen nicht als die reine Männerfresserin darzustellen, zu der sie so leicht werden könnte. Ihr Handeln wirkt durchweg verständlich und zu einem guten Grad nachvollziehbar. Es wird klar, dass sie nicht eigentlich grausam ist: Carmen muss so handeln, wie sie es tut, denn ihre absolute Freiheit bedeutet ihr mehr als alles andere. Und auch wenn sie sieht, wie sich die Tragödie vor ihr auszubreiten beginnt, ist es ihrer Natur schlicht nicht möglich, ihren Stolz zu überwinden und etwas dagegen zu unternehmen.

Die beiden männlichen Gegenparts machen ihre Sache gut und liefern solide Arbeit. Es hat einen gewissen Charme, Ruggero Raimondi, den Hauptdarsteller der Don Giovanni-Verfilmung, als den neuen Liebhaber der Zigeunerin zu erleben, in einem geradezu legendären Zusammentreffen der beiden berüchtigten Verführer-Gestalten von Carmen und Don Juan.
Doch vor allem Plácido Domingo macht seine Sache wunderbar. Er verleiht dem tragischen Helden Don José Gefühl und Charakter, und gerade bei dieser Darstellung wird klar, dass José die eigentliche Hauptfigur dieser zum Scheitern verurteilten Liebesgeschichte ist.
Wie definierend Carmens Rolle auch sein mag, am Ende ist nicht sie es, die im Laufe der Oper eine Veränderung durchgeht oder eine wahre Entscheidung zu treffen hat – sie präsentiert vielmehr die feste, überlebensgroße Figur, an der José schließlich zerbrechen muss. So stellt auch das unvermeidliche Ende nur für ihn eine „echte“ Tragödie dar. Carmen hat zu diesem Zeitpunkt längst mit ihrem Schicksal abgeschlossen; sie ist bereit, ihr eigenes Leben ihrem Stolz und ihrer Freiheit zu opfern. Es ist José, der am Schluss noch wirklich etwas zu verlieren hat, der Opfer bringen kann und will, und der durch seine eigene Entscheidung schließlich alles verliert.

Die Verfilmung bietet nicht mehr und nicht weniger als ein grandioses Drama. Gerade die kleinen Details, wie die realistische Inszenierung und die (vom Komponisten gewünschten) wieder eingefügten Sprechstellen lassen das Ergebnis mehr als Film denn als reine „verfilmte Oper“ erscheinen, und das im allerbesten Sinne. Das Ergebnis ist gewaltig, gefühlvoll, schwelgend und dramatisch. Es handelt sich wahrlich um eine große Opernverfilmung in ihrer vollendeten Form.