Sir James Barrie hat ein ganz besonderes Händchen für herausstechende Theater- oder Romanfiguren. In seinem berühmtestem Buch Peter Pan ist es schwer, eine Figur zu finden, die nicht durch ihre denkwürdige Charakterisierung mittlerweile zu einer allgemeinen Ikone geworden ist – und dass so sehr, dass ihre Persönlichkeiten in den meisten Fällen sogar die Flut an mehr oder weniger getreuen Adaptionen überstanden haben.
Doch solange man sich rein an der Buchversion orientiert, bleibt für mich die vielschichtigste Gestalt des Werkes der Schwarze Pirat selbst: Kapitän Jas. Hook.

Alleine ein Blick auf die äußerlichen Beschreibungen innerhalb des Buches macht klar, dass Hook für den Autor mindestens so teuer war wie Peter selbst: Keine der anderen Figuren wird in ihrer Gestalt mehr als oberflächlich definiert und alles, was man über Peters Aussehen erfährt, sind seine Kleidung, seine Milchzähne und seine Ähnlichkeit mit einem Lächeln. Hook dagegen erfährt eine seitenlange Beschreibung, die von den schwarzen Korkenzieherlocken über die Doppelhalter-Zigaretten bis hin zu seiner ungewöhnlichen Blutsfarbe alles Nennenswerte über diesen ungewöhnlichen Freibeuter berichtet. Auch sonst erfährt Hook von seinem Schöpfer eine gesonderte Behandlung: Ihm wurde bei der Gestaltung der Erstausgabe der Ehrenplatz auf dem Rücken zuteil und nicht zuletzt trägt Hook denselben Vornamen wie James Barrie selbst – ein nicht allzu seltener Name, aber dennoch sicher keine zufällige Wahl.
Wenn Barrie eine gewisse Vorliebe für den Schurken seines Romans gefasst hat, so spiegelt sich das in der zutiefst ausgearbeiteten Persönlichkeit des Piraten wider. Hooks Charakter ist eine unvergleichliche Mischung aus kaltblütiger Mordlust und der für den Roman so treibenden Rachsucht auf der einen Seite, während er andererseits als feinsinniger Mann mit künstlerischen Neigungen und einer Vorliebe für das Cembalo beschrieben wird (besonders beeindruckend, bedenkt man seinen Haken), und seine wichtigste Eigenschaft, die sich durch jede seiner Taten bis hin zur Todesszene zieht, ist ein ausgeprägter Sinn für Guten Stil.

Es gibt eine Menge verschiedener Interpretationen dieser Gestalt, die ihn allesamt in einem etwas unterschiedlichsten Licht darstellen; von den verschiedenen Adaptionen des Originals zu freieren Film- und Buchbearbeitungen wie in Hook als alternder Gentleman, in Peter and the Starcatchers als ungebildeter Haudegen, in Peter Pan in Scarlet als Intrigant, in Neverland gar als Peters Mentorfigur, und vor allem in J. V. Harts Capt. Hook – The Adventures of a Notorious Youth
Gerade Letzteres stellt eine Liebeserklärung an den Piraten dar, die Barries Schöpfung wirklich Genüge tut. Das Buch erzählt von Hooks einschneidender Rolle während seiner Schulzeit in Eton, von seiner ersten Seereise und der Bekanntschaft mit Smee, bis zu seinem ersten – selbstverständlich widerrechtlich erworbenen – Kapitänsrang. Doch noch viel interessanter als dieses Buch ist für den Puristen die Quelle, aus der Hart seine Inspiration geschöpft hat: Es war Barrie selbst, der in Eton am 7. Juli 1927 mit „Captain Hook at Eton“ einen ausführlichen Vortrag über den berüchtigtsten Sohn der Schule und seine frühen Jahre gehalten hat.

Hook (was damals natürlich noch nicht sein Name war), hatte laut Barrie eine höchst interessante Laufbahn auf der Schule und verkörperte die seltsame Kombination aus einem Rebell, der mit seinem gelben Blut die älteren Schüler in Schrecken versetzte, und einem vorbildlichen Etonier und sogar Pop – wobei die Wahl zu Letzterem wohl nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann.
Die Ansprache endet mit der ausführlichen Beschreibung eines Ereignisses, das Barrie, wie er sagt, von dem ehemaligen Schüler Etons Mr. Jasparin erzählt bekommen hat: Dieser habe gesehen, wie der erwachsene Hook auf dem Höhepunkt seiner Piratenlaufbahn zurückgekehrt sei und seiner ehemaligen Schule einen nächtlichen Besuch abgestattet habe. Besonders erwähnenswert ist, dass Hook einem zufällig vorbeikommenden Polizisten gegenüber nicht nur Gnade hat walten lassen, sondern seine eigenen Bande zu der Schule verleugnet hat – unvorstellbar für einen ehemaligen Etonier – und somit die Ehre der Schule über seinen eigenen Stolz stellte.
Barrie schließt mit der Vermutung, dass der mittlerweile durch seinen kindlichen Widersacher ausgelöschte Pirat sein so geschätztes Eton zweifellos als Geist weiter heimsuchen wird.

Die ganze Rede macht deutlicher als irgendetwas sonst, wie sehr Barrie seine Figur schätzt und wie viel Leben er ihr eingehaucht hat; er verrät neue und teilweise unerwartete Seiten des Piraten, die seinen dunklen Charakter aber in jeder Hinsicht perfekt ergänzen. Es besteht kein Zweifel, dass diese Quelle die wesentliche Vorlage für Hart war, der Barries kurzgefasste Beschreibungen zur ersten Hälfte seines Buches Capt. Hook ausgearbeitet hat – das leider seit Jahren auf die versprochene Fortsetzung warten lässt.
Aber vielleicht ist dieses Fehlen eines weiteren Bandes auch kein wirkliches Übel. Barrie beweist mit seiner Rede, dass Rückblicke in die Kindheit für einen Bösewicht wie Hook und seinen Ruf nicht schädlich sein müssen, aber ein wichtigstes Detail in dessen Laufbahn hat er wohl absichtlich ausgelassen: die Frage, wie aus dem Jugendlichen ein Mann und aus dem farbenfrohen Rebell der Schwarze Pirat wird.

Manche Geheimnisse sollten am Ende vielleicht gewahrt bleiben …