Es gibt ein weitverbreitetes Konzept an Märchengeschichten meist für Kinder, das sich stark mit der Frage der eigenen fantastischen Welt auseinandersetzt. Ein Kind – meistens ein Mädchen – gerät durch eigene oder fremde Umstände in ein magisches Zauberland; dort muss sie sich beweisen, eine bedeutende Aufgabe erfüllen oder schlicht sich selbst finden, ehe ihr die Rückkehr in ihre Welt gestattet ist. Oft ist diese Rückkehr mit der Versuchung verbunden, für immer in dem Fantasie-Reich zu verweilen, doch wenn sie ihre Lektion gelernt hat, wird sie bereitwillig und glücklich nach Hause zurückkehren.
Die Frage, ob das Ganze Wahrheit ist oder ein Traum, wird unterschiedlich behandelt – eindeutig bejaht, verneint, oder einfach nicht angesprochen. Für mich am Interessantesten der Ansatz, der in der originalen Buchfassung von Peter Pan dargestellt wird. Dort ist es völlig eindeutig, dass Peters Welt real ist und die Reise der Kinder wirklich stattgefunden hat. Gleichzeitig wird allerdings auch gesagt, dass Nimmerland eine extrem persönliche Erfahrung sei und jeder Besucher seine ganz eigene Insel entdecken wird. Es ist das Land, was sich jedes Kind schon immer erträumt hat, seine persönliche Welt, die nun für sie real geworden ist.
Meiner Meinung nach liegt diese Interpretation auf einer Linie mit dem, was der Löwe Graógramán in der Unendlichen Geschichte zu Bastian sagt: „Von dem Augenblick an, da du ihm seinen Namen gabst, Herr, hat er seit jeher bestanden.“
Die Unendliche Geschichte ist generell eine faszinierende Ausprägung dieses Grundkonzeptes. Michael Endes Buch ist in Wirklichkeit extrem vergeistigt und genau durchdacht – wenn man Bastians Reise als Kind geliebt hat, lohnt es sich auf jeden Fall, sie noch einmal mit erwachseneren Augen zu lesen.
Ein anderes spezielles Beispiel ist Pans Labyrinth – nicht nur, weil der Film definitiv keine Kindergeschichte ist, und es dem Zuschauer absolut offen lässt, ob Ofelias Erlebnisse nun wahr sind oder nicht (auch wenn jeder dazu wohl seine eigene Meinung hat). Aber vor allem das Ende geht mutige und eigene Wege: Neben dem Jungen Peter Pan selbst ist dies einer der einzigen Fälle, in dem das Kind am Ende in seiner eigenen Welt bleiben will und darf – zum Preis des alten, irdischen Lebens.

Abgesehen davon, dass diese Sparte von Geschichten – beinahe schon ein eigenes Genre – mir einen guten Teil meiner liebsten Filme und Bücher beschert hat, finde ich das gesamte Thema gerade vom psychologischen Ansatz her unglaublich faszinierend. Denn was könnte mehr über einen Menschen und gerade ein Kind aussagen, als seine selbsterschaffene Welt?
Man könnte sich über jede der genannten Geschichten sicher lange ausführen, aber für dieses Mal habe ich einen ganz speziellen Fall im Kopf: Die Reise ins Labyrinth. Es ist ein Film, der heute zwar den Status eines Kultklassikers innehat, aber dennoch so obskur ist, dass er bei einer entsprechenden Aufzählung in den meisten Fällen wohl eher unter Tisch fallen würde. Schon zur Zeit seiner Erstaufführung im Kino war das Einspielergebnis mehr als mager, und es war erst die Verbreitung durch Heimvideos, die dem Film seine heutige Position bescherte.

Die Geschichte spinnt sich um die Suche der jungen Sarah nach ihrem Bruder, der ihr durch einen unbedachten Wunsch vom Koboldkönig Jareth genommen wurde und den sie nur retten kann, wenn sie innerhalb von dreizehn Stunden das Schloss im Zentrum des Labyrinths erreichen kann. Das Baby, das im Film kaum wenige Minuten zu sehen ist, dient dabei nur als MacGuffin um Sarah einen Grund zu geben, sich auf die Wanderung zu machen – eine Wanderung ganz im Stile der Klassiker Alice im Wunderland und Der Zauberer von Oz, die man zu Beginn auf ihrem Nachttisch sehen kann. Sarahs Reise selbst stellt den eigentlichen Antrieb des Films dar, es ist eine Reise in ihre eigene Psyche und es ist kein Zufall, dass Jareth die gesamte Zeit über das Ziel dieser Reise ist.
Der Film ist in seiner Ausführung, zwei menschliche Antagonisten in einer Welt voll überdrehter Puppen interagieren zu lassen, in vielerlei Hinsicht vergleichbar mit der Muppets Schatzinsel. Aber anders als dort, wo man Mensch und Muppet nach kurzer Zeit kaum noch bewusst unterscheidet, stechen in der Reise ins Labyrinth die menschlichen Schauspieler deutlich heraus und man hat jederzeit das Gefühl von zwei verschiedenen Welten, die sich nur oberflächlich vermischen wollen.
Der größte Teil des Films, der Sarahs Reise und ihre Begegnungen mit den verschiedenen Labyrinthbewohnern zeigt, hat nicht den Anspruch, mehr zu sein als ein lustiges Puppenabenteuer. Die Beziehung von Sarah und Jareth ist dagegen um einiges schwerer zu definieren – handelt es sich um eine Parabel für Sarahs sexuelles Erwachen? Um einer Stalker/Horror-Geschichte für Kinder? Oder gar um ein unterschwelliges Liebesdrama? Wikipedia beschreibt die Beziehung der beiden wertungsfrei als „antagonistic, yet strangely flirtatious relationship“.
Wenn Jareth Teil von Sarahs Fantasie ist – jemand, den sie quasi „erraten“ hat, wie Bastian es in der Unendlichen Geschichte ausdrückt – was sagt das dann über sie und ihre eigene Psyche aus?

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man denken, Sarah sei ein typisches, fantasiereiches Mädchen, für die nur aus Marketinggründen eine zu alte Schauspielerin gecastet wurde. Doch ihr postpubertäres Alter, das in direktem Kontrast zu ihrem kleinmädchenartigen Kinderzimmer steht, ist Dreh- und Angelpunkt der Beziehung, die Sarah zu ihren eigenen Träumen hat. Ihre Eltern haben für Sarahs kindische Spielereien kein Verständnis und fordern sie auf, sich endlich ein Date zu besorgen – doch genau das ist es, was Sarah schließlich im Labyrinth tut, sie sucht ihren Dunkeln Prinzen, den sie „fürchten und lieben“ kann.
Zu Beginn des Films erschafft Sarah sich eine durch und durch kindliche Welt, bevölkert von jeder Menge bunter Fantasiegeschöpfe und beherrscht von einem eindeutigen, klassischen Schurken. Doch im Verlauf des Films verwandelt sich dieses einfache Szenario in etwas sehr viel Erwachseneres; der Bösewicht wird zum Verführer.
In diesem Sinne ist es mehr als passend, dass Jareth im Film spürbar aus all dem Puppen-Klamauk heraussticht. Schon zu Beginn des Films wird deutlich, dass all die bunten Wesen, die das Labyrinth bevölkern, durch Spielsachen in Sarahs Zimmer inspiriert sind – alle außer Jareth, dessen Entsprechung in der echten Welt die Eule ist, der Sarah ihren Text in der ersten Szene aufsagt. Damit beruht Jareth als Einziger auf einem echten, lebendigen Tier, und nicht nur einem beliebigen, sondern gerade der Eule – seit jeher Symbol für Wissen und Selbsterkenntnis.
Wenn Jareth aber wirklich mehr ist als eine reine Wunschvorstellung, dann stellt sich die Frage, was seine eigene Position wirklich darstellt. Während der finalen Konfrontation zwischen den beiden sagt der Koboldkönig eindeutig, was er von Sarah verlangt und wünscht: „Just fear me, love me, do as I say and I will be your slave.“ Er stellt klar, dass er sich großzügig verhalten habe, indem er allen ihren Erwartungen entsprach – alles was Jareth verlangt, ist Sarahs Glauben an ihn und seine Macht.
Diese Sichtweise erinnert an das, was man von dem Alten Volk, den Feen und Naturgeistern erzählt: So stark sie auch scheinen, sind sie doch angewiesen auf den Glauben und die Furcht der Menschen, um ihr Reich bestehen zu lassen. Und auch die Abwehrformel, mit der Sarah den Zauber schließlich brechen kann – „Du hast keine Macht über mich!“ – zeigt genau dies: Jareth ist von ihrem Glauben abhängig und er besitzt gerade so viel Macht, wie Sarah ihm zugestehen will.

Am Ende kann Sarah sich und ihren Bruder retten, indem sie Jareth zurückweist und seine Macht bricht. Sie kehrt zurück in ihre Welt, benimmt sich verantwortungsbewusst und überlässt dem Kind schließlich in einer symbolhaften Geste ihren Teddybären. Doch so harmonisch dieser Schluss auch ist, so beinhaltet er zum Glück keine platte Moral, bei der klar wird, dass Sarah nun erwachsen wird – im Gegenteil: Das augenzwinkernde Ende macht klar, dass sie mit diesem Abschied weder ihre Fantasie noch die im Labyrinth gewonnen Freunde aufgeben muss.
Und schließlich hat auch Jareth in Gestalt der Eule noch einen letzten Auftritt – denn ganz so einfach wird Sarah den Koboldkönig schließlich doch nicht los …