In gewisser Weise stellt der Film Hook ein Gegenstück zu der Masse an Prequels dar, die sich gerade in den letzten Jahren darangemacht haben, den Mythos Peter Pan zu hinterfragen – und wie die meisten freieren Adaptionen fußt auch er darauf, dass man sich aus Barries Werk genommen hat, was man brauchen kann, nur um den Rest geschickt zu ignorieren. Ich spreche dabei nicht von den einzelnen Schicksalen der Figuren wie Hook oder Glöckchen (die am Ende des Buchs beide sterben), sondern von der großen Grundidee. Es mag nur ein Satz des Buches sein, doch es ist der letzte, und gleichzeitig ein weitreichender Ausblick in die Zukunft: „und so wird es weitergehen, solange es Kinder gibt, die fröhlich sind, und unschuldig und herzlos.“


Natürlich ist der Gedanke, was wohl geschieht, wenn Peter Pan doch erwachsen werden sollte, faszinierend, gerade weil er so verboten scheint – aber andererseits stellt sich die Frage, ob er nicht aus gutem Grund verboten ist. Es ist immer verführerisch, eine Ikone zu hinterfragen, doch selten ist das Ergebnis den Sturz des Mythos wirklich wert.

Dabei ist Hook von seiner Konzeption eigentlich weit tiefgreifender, als man auf den ersten Blick glauben mag. Der Film macht es sich zum Ziel, das Gegenstück des eigentlichen Peter-Pan-Themas auszuleuchten, nämlich die Frage des Alterns, und damit schafft er eine andere, reale Tiefe, wo im Original keine war. Wie auch in Peter Pan geht es um den Kampf zwischen Peter und Käpt‘n Hook, doch nun ist es nicht mehr der Kontrast, der die beiden zu Gegnern macht, sondern vielmehr ihre Parallelen.
Sie beide sind nun alternde Männer, deren glorreiche Tage weit hinter ihnen liegen. Hook hat alles erreicht, wonach er gestrebt hat, nur um nun gar nichts mehr zu haben, Peter hat in ganz anderer Hinsicht in seinem Leben alles erreicht, doch nichts davon bedeutet ihm etwas. Nun stehen beide wieder am selben Punkt wie vor so vielen Jahren und versuchen, im gemeinsamen Kampf ihre vergangene Glanzzeit wiederzuerwecken.
Doch für diesen melancholischen Realismus, der mit einem Mal im Nimmerland eingekehrt ist, opfert der Film zur gleichen Zeit die fantastische, surreale Tiefe, die doch eigentlich den Mythos Peter Pan erst ausmacht. Seine ikonenhafte Sonderrolle, seine Unvergänglichkeit und auch seine nur angedeutete Assoziation mit dem Thema Kindstod und Weltflucht werden hier ignoriert, um eine sehr viel menschlichere Gestalt zu schaffen, mit deren Hilfe Probleme erörtert werden, die erwachsener sind als alles, was sich James Barrie wohl für sein Nimmerland erdacht hatte.
Genau das ist der Grund, warum Hook für mich als Alternative zu Peter Pan gut funktioniert, als abstraktes Was-wäre-wenn, das verschiedene Ideen auslotet, aber auf keinen Fall als „offizielle“ Fortführung des Originals. Peter selbst stellt in sich einen ewigen und unwandelbaren Fixpunkt dar, um den sich die gesamte Welt des Buches dreht, und damit ist es kein Problem, zu einzelnen Figuren weitere, auch freie Geschichten zu erschaffen – doch wenn an Peters Status selbst gerüttelt wird, so fällt diese ganze Welt in sich zusammen.

Hook gilt als Gedankenkind Steven Spielbergs, doch eigentlich war es Drehbuchautor James V. Hart, der versuchte, die Idee eines erwachsenen Peter Pan zu Ende zu denken – der gleiche Autor, der ein Jahrzehnt später in seinem (von mir hier betrachteten) Buch Capt. Hook – The Adventures of a Notorious Youth begann, die Vorgeschichte Käpt‘n Hooks zu Papier zu bringen. Wie dieser Roman, so zeichnet sich auch das Drehbuch von Hook durch eine Masse an Anspielungen auf Peter Pan aus, die von einem großen Respekt und einer Verehrung für Barries Original zeugen.
Für mich persönlich ergibt sich durch diese Kombination eine gewisse Problematik, was die beiden Werke angeht: Da es weder direkte Hinweise noch offene Widersprüche gibt, ist kaum zu sagen, ob Capt. Hook und Hook in derselben Zeitlinie angesiedelt sein sollen. Und da eine direkte Fortsetzung zu dem Buch bislang noch auf sich warten lässt, klafft zwischen den beiden so oder so eine allzu große Lücke, um den Bogen, den Hart mit Hooks Charakter schlägt, wirklich zu Ende zu denken.
Nimmt man jedoch das, was offen dargestellt wird – ein Junge, der entschlossen ist, seine Träume von Größe und ewiger Jugend zu verwirklichen, und ein alter Mann, der verzweifelt nach seiner vergangenen Glorie giert – so ist die Tragik der Figur in der Kombination beider Teile erst vollendet.

Im Übrigen ist zu bemerken, dass auch Peters eher klischeehafte Charakterisierung in Hook um einiges interessanter ist, bedenkt man, wie die Figur Peter Pan von Anfang an eigentlich definiert ist. Die Dinge, die ihn als „erwachsenen“, lieblosen Vater charakterisieren, sind sein Egoismus, die Unzuverlässigkeit, mit der er die Bitten seiner Kinder vergisst, und vor allem das Brechen von Versprechen – allesamt Eigenschaften, die von Anfang an maßgeblich zum Charakter des jungen Peter Pan gehörten. Selbst Wendys nachdenkliches „Peter, du bist am Ende Pirat geworden!“ erinnert daran, dass es in Barries Roman nur sie ist, die Peter davon abhält, nach Hooks Tod sofort selbst zum Seeräuber zu werden.
Natürlich wollen diese Punkte in Hook nicht auf diese Weise gelesen werden – zumindest nicht oberflächlich. Doch wo der Film auf der einen Seite das allzu typische Bild eines schlechten Vaters zeichnet, scheint er gleichzeitig leise daran zu erinnern, dass der wahre Peter Pan auf einer ganz anderen, weit weniger verkitschten Ebene arbeitet.

Hook funktioniert ganz offensichtlich als typischer Nostalgie-Film, ein Werk, dessen Schwächen jeder kennt, aber dass doch jeder mit großer Liebe zu verehren scheint; ganz im Sinne der eher ungewöhnlichen Kritik, die der Nostalgia Critic zu dem Film abgegeben hat. Doch es bleibt die Frage, wodurch der Film diese Stellung behaupten kann – es kann wohl kaum alleine an den farbenfrohen Kulissen und hübsch choreographierten Schwertkämpfen liegen.

Ich denke, das Geheimnis von Hook liegt darin, dass es ein Film hat, der Tiefgang und eine immanente Trauer besitzt, diese aber sehr gut zu verbergen weiß. Ähnlich wie Peter Pan selbst ist der Film erfüllt von Melancholie und unerfüllbaren Sehnsüchten – aber im Unterschied zu Barries Original hat Hook keine Probleme, diese Themen hinter einer zuckrigen Hollywood-Fassade zu kaschieren. Gerade das Ende des Films versucht mit aller Kraft, jeden negativen Gedanken mit einem breiten Lächeln auszuwischen, und beendet die Geschichte dabei doch auf eine Weise, die je nach Einstellung von hoffnungsvoll bis zu tiefmelancholisch gewertet werden könnte.
Generell jongliert der Film andauernd mit seinen unterschiedlichen Elementen: dem Comedy-Anteil der Verlorenen Jungen, der Melodramatik von Hook und dem Drama, dass aus Glöckchens Hingebung zu Peter notgedrungen folgen muss. Selbst die weithin verurteilte Szene, in der Glöckchen mit einem Mal in Menschengröße erscheint und Peter einen Kuss stiehlt, mag albern sein, aber sie verdeutlicht wieder die neue Ebene, auf die Hook sein Ursprungsmaterial hebt: Glöckchens unerwiderte Liebe zu einem Jungen ist zur Liebe zu einem bereits verheirateten Mann geworden. Erst war Peter für die Liebe der Elfe zu frei, jetzt ist er für sie nicht mehr frei genug.
Und die Szene, in der Glöckchen sich schließlich zum letzten Mal von Peter Pan verabschiedet, stellt für mich nebenbei bemerkt eine der traurigsten Filmszenen überhaupt dar.

Andere unterschwellige Punkte des Films sind wiederum nur für Kenner des Buches oder gar des Theaterstückes überhaupt erkennbar. Gerade die Gegenüberstellung von Tod und Leben, die beiden möglichen Abenteuer, die es zu bewältigen gibt, sind eine ganz direkte Anspielung an das Stück Peter Pan: „Zu sterben wird ein furchtbar großes Abenteuer“ sagt Peter nach dem Kampf mit Hook, mit sicherer Erwartung des Todes, und „Zu leben wäre ein furchtbar großes Abenteuer“ denkt er, während er die Heimkehr von Wendy und ihren Brüdern beobachtet – doch der Gedanke ist nicht genug, ihn zum Bleiben zu bewegen.
Auch in Hook ist es der Kampf mit dem Piraten, der Peter sagen lässt „Der Tod wäre mir ein großes Abenteuer“, doch der Satz „Das Leben wird ein furchtbar aufregendes Abenteuer“ am Ende hat hier gerade die gegenteilige Bedeutung: Nun ist Peter wirklich geblieben und hat dem Nimmerland Lebwohl gesagt. Und die Entscheidung scheint Sinn zu machen; im Gegensatz zu der entsprechenden Situation des Theaterstücks ist Peter nun offensichtlich zufrieden.
Das Ende will ganz offensichtlich die Moral verkaufen, dass die Realität und somit das Leben mehr wert sei als jedes Traumland – die Frage ist nur, ob das der Zuschauer wirklich schluckt. Es ist kein Zufall, dass das letzte Bild des Filmes nicht der lächelnden Familie gewidmet ist, sondern Tootles, der glücklich in  Richtung von Nimmerland entschwebt.

Man kann Hook als einen sehr einfachen, oberflächlichen Film betrachten. Dann ist er nicht mehr als eine aufwändige Hollywood-Schnulze mit Bonbon-Optik, und ich bin heilfroh, dass Spielberg nicht Peter Pan selbst in diesem Stil gedreht hat. Doch worin der Film gut ist, ist etwas anderes: Sieht man ihn nicht als Fortsetzung, sondern als eine Variation auf das Thema Peter Pan, so nimmt er eine ganz andere, eigenständige Bedeutung an. Nicht die Jugend wird hier betrachtet, sondern das Alter; es geht nicht um Träume, sondern um das Leben selbst. Und ich würde so weit gehen, zu sagen, dass der Film sich auf dieser Ebene das Prädikat „Drama“ verdient hat.