Schindlers Liste ist sicherlich kein leicht verdaulicher Film. Doch es gibt eine bestimmte Szene, die den Zuschauer auf ganz besondere Weise mitnimmt – und das, obwohl sie sich relativ weit am Ende des Filmes befindet. Nun, was kann den Zuschauer nach all dem Grauen, nach all dem Sterben und dem Leid noch mitnehmen?
Es ist die Grausamkeit enttäuschter Hoffnung.

Wenn der Zug mit den Jüdinnen, die in Schindlers Fabrik gebracht werden sollten, durch ein reines Versehen nach Auschwitz fährt und den Frauen klar wird, wo sie sich befinden, ist dies unerträglich, eine Erkenntnis schlimmer als jedes andere Leiden. Das liegt nicht etwa an der Verbundenheit des Zuschauers mit diesen Frauen, die man bis dahin kaum kennengelernt hat. Alles was man weiß, ist, dass sie darauf vertraut hatten, zu Schindler zu kommen, und diese Enttäuschung erscheint einfach unerträglich.

In der nächsten Szene, in der Schindler sich bemüht, „seine“ Jüdinnen freizukaufen, ist es ihm extrem wichtig, dass es wirklich dieselben Frauen sind – „Ich möchte diese!“. Objektiv gesehen könnte man sich fragen, warum das so eine Rolle spielt – am Ende wäre schließlich jeder gerettete Mensch eine Errungenschaft, und immerhin gibt es einen anderen Zug mit Frauen, die nun durch Schindlers Entscheidung in Auschwitz bleiben werden.
Aber wieder geht es um die Hoffnung, die er ihnen, und ihnen speziell, geschenkt hatte – diese Hoffnung darf Schindler einfach nicht verraten.

Das Thema von Hoffnung und Enttäuschung wird auch an anderer Stelle im Film aufgegriffen, auf eine Weise, die nicht so ernst ausgespielt wird, aber trotzdem höchst aussagekräftig ist. SS-Hauptsturmführer Göth ist ein absolutes Ekel, er wird dem Zuschauer als widerlichster Abschaum präsentiert – und diese Darstellung ist umso grauenvolle, weil sie in seinen Taten real ist; Göth ist kein Comic-Bösewicht, sondern er hat so wirklich gelebt. Aber es gibt eine feste Grenze, die gerade er nicht überschreitet.
In der Szene, in der Schindler, Göth und einige andere SS-Männer zuschauen, wie die Juden in ihrem Zug in der glühenden Hitze vergehen, macht Schindler sich auf, um den Wartenden mit einem Feuerwehrschlauch Wasser zuzuspritzen. Göth hält seine Idee für eine Grille und er lässt ihn gewähren, doch trotzdem macht er Schindler einen Vorwurf: „Es ist ganz schön grausam, was du da tust – du machst ihnen Hoffnung! Das solltest du nicht tun. Das ist grausam!“
Trotz allen Spaßes ist klar, dass Göth es mit seiner Aussage ernst meint. Er hat den Juden das Wasser sicher nicht aus Gutmenschentum verweigert, aber dennoch: Dass Schindler falsche Hoffnungen weckt (die in diesem Fall wohl mit Sicherheit falsch sind), ist für Göths Empfinden eine Grausamkeit, die all das übersteigt, was er selbst getan hat.
Nicht umsonst war es zu Kreuzigungs-Zeiten eine Methode, die Qual zu erhöhen, wenn man den Verurteilten noch ein schmales Podest zum Abstützen ans Kreuz hinzufügte.

Morgen Abend feiert ein Großteil der Welt das, was wir den Heiligen Abend nennen, und wenn man sich in unserer Kultur umschaut, so ist dies sicher das größte jährliche Volksfest unserer Zeit. In diesem Zusammenhang ist es wohl überflüssig zu sagen, dass die heutigen Ausprägungen von Weihnachten mit irgendeiner „eigentlichen Botschaft“ nicht allzu viel zu tun haben.
Aber ungeachtet dessen kann man sich fragen: Warum konzentriert sich all das Feiertagsdenken derart auf die Weihnachtszeit – anstatt zum Beispiel auf Ostern? Nach der kirchlichen Rangfolge sollte das Österliche Triduum vor Weihnachten stehen, und diese Reihenfolge macht Sinn, bedenkt man, dass Weihnachten die der Menschheit geschenkte Hoffnung verkörpert, während das Osterfest die Erlösung selbst darstellt.
Aber sobald die Menschen in der Entscheidung ihrer Feste nicht mehr von der Kirche reguliert werden, machen sie sich ihre eigene Reihefolge – die, nebenbei bemerkt, nicht an der Kommerzialisierung des Festes liegt, denn Ostern hätte man genauso zum Geschenkemarathon ausschlachten können. Nein, ob nun bewusst oder unbewusst, ist diese neue Rangfolge doch eine willentliche Wahl.

Ungeachtet der offiziellen Regeln steht für den Menschen selbst die Hoffnung über allem; das Versprechen ist wichtiger als seine Einhaltung. Schließlich war ja schon zu biblischen Zeiten die geschenkte Hoffnung für Hirten wie für Könige ein Grund zum Jubeln, während die Erfüllung schließlich in der Menge nur Hassschreie provoziert hat.
Es gibt nichts Stärkeres als die menschliche Vorstellung, die jeden Gedanken nach ihren eigenen Wünschen verarbeitet und so die Hoffnung – auf was auch immer – zur völlig eigenen Sache macht, eben weil der Mensch ohne Grund zur Hoffnung nicht leben kann. Mag sein, dass die Weihnachtliche Hoffnung heutzutage kaum mehr ist als die Vorfreude auf Geschenke, einen schönen Abend und ein friedliches Beisammensein, aber immerhin – auf diese Weise ist uns wohl zumindest ein Funken des eigentlichen Festes geblieben.