William Goldings Meisterwerk Herr der Fliegen ist ein grausames Buch. Es ist eine Erzählung von der Brutalität der Kinder, von Verrohung und Entmenschlichung und von dem Verlust der Unschuld.
Herr der Fliegen zeichnet ein Bild der Menschheit anhand einer Gruppe Kinder, die auf einer einsamen Insel gestrandet sind. Während die sechs bis zwölfjährigen Jungen zu Beginn noch fest vorhaben, eine geordnete Gesellschaft aufrechtzuerhalten, kippt das mühsam erhaltene Gefüge allzu bald ab: Die Kinder wenden sich gegeneinander, die kulturelle Erziehung fällt Stück für Stück zusammen und bald herrschen auf der Insel nur noch Gewalt und das Gesetz des Stärkeren.
vlcsnap-2015-09-24-10h11m46s221 Diese Geschichte könnte wohl alleine durch die dargestellte Grausamkeit wirken, doch die Genialität von Herr der Fliegen liegt darin, dass das Buch bei weitem mehr tut. Wenn es dem Buch heute noch genauso wie vor fünfzig Jahren gelingt, seine Leser zu schockieren und fassungslos zurückschrecken zulassen, so liegt das nicht an der Gewalt, die die jungen Hauptfiguren wirklich auswirken. Es ist viel mehr der Bruch zum Anfang des Buchs, als alle Jungen noch gemeinsam dabei sind, eine funktionierende Gesellschaft aufzubauen und zusammenzuarbeiten, und die Darstellung dessen, wie diese anfängliche Zusammenarbeit mehr und mehr auseinandergerissen wird. Die Kinder werden vom Herrn der Fliegen, von ihrer eigenen inneren Bestie, immer weiter zerrissen und korrumpiert. Es ist eine Geschichte von Zivilisation und Ordnung, und davon, wie zerbrechlich diese kulturellen Konstrukte wirklich sind.

Herr der Fliegen entstand als bewusste Antithese auf die fröhlichen Jugendbücher und Abenteuerromane des neunzehnten Jahrhunderts. Vorlage war insbesondere Die Koralleninsel, ein Jugendroman von 1858, der von den Abenteuern einer Gruppe alleine ausgesetzter Jungen erzählt und davon, wie sie trotz aller Widernisse zusammenhalten und ihre „überlegene“ westliche Kultur aufrechterhalten.
Herr der Fliegen macht es sich zum erklärten Ziel, solche Abenteuergeschichten wie Die Koralleninsel oder auch Die Schatzinsel zu subversieren, ihre Aussage in Frage zu stellen und ihnen ein fatalistischeres, sehr viel düstereres Menschenbild entgegenzusetzen. Hier kommt die Gefahr nicht von außen, es sind keine Seeräuber und keine Wilden, die die Kinder bekämpfen müssen, sondern alleine die Bestie, die in jedem von ihnen selbst schlummert.
vlcsnap-2015-09-24-09h50m15s102 Man könnte nun meinen, eine dieser „klassischen“ Abenteuergeschichten, die in Herr der Fliegen subversiert und angeprangert wird, sei auch James M. Barries Peter Pan. Schließlich ist die Geschichte von dem Jungen, der nicht erwachsen werden will, geradezu der Inbegriff eines fröhlichen Abenteuerromans, bei dem eine Gruppe Kinder auf einer einsamen Insel dabei sind, Abenteuer zu erleben und gegen Piraten zu kämpfen. Die Definition der Kinder, die Peter Pan ins Nimmerland folgen, lautet nach dem Buch „fröhlich und unschuldig und herzlos“. Ist nun diese naiv-unschuldige Darstellung nicht das absolute Gegenbild zu den vergrausamten Kindern in Herr der Fliegen?
Die Antwort ist ein klares Nein – gerade das Gegenteil ist der Fall. Herr der Fliegen ist nichts anderes als die konsequente, realistische Fortführung des Abenteuer- und Kinderbildes, das in Peter Pan gezeichnet wird.
Aber für diese Überlegung ist erst eine andere Frage wichtig: Wie sieht es denn mit der Unschuld der Kinder in Herr der Fliegen aus? Wann genau ist der Moment, an dem Jack und seine Anhänger ihre Unschuld verlieren?

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Herr der Fliegen endet abrupt mit der „Rettung“ der Kinder, als die tödliche Jagd auf Ralph, den ehemaligen Anführer der Gruppe, unerwartet durch die Ankunft eines englischen U-Boots unterbrochen wird. Manche sagen, dass der ankommende Soldat einen unnötigen Deus ex Machina darstellen würde – dabei könnte die Wahrheit nicht weiter entfernt liegen.
Die letzte Szene ist trotz – oder gerade wegen – der unerwarteten Auflösung des Konflikts und der Rettung der Kinder eine düstere Szene, die das Buch mit einem dumpfen Schaudern beendet. Eine Erklärung dafür liegt ganz klar auf intellektueller Ebene: Der Erwachsene, der die Kinder rettet, ist ein Soldat, sein U-Boot ist eine Kriegsmaschine. Es ist klar, dass die Kinder ihrer eigenen tödlichen Schlacht nur entkommen, um gleichzeitig in den genauso tödlichen Krieg der Erwachsenen mit hineingezogen zu werden. Wie es der Autor des Buches selbst ausgedrückt hat: „Die Erwachsenen retten die Kinder, aber wer wird die Erwachsenen retten?“

vlcsnap-2015-09-24-10h14m00s15Aber für mich liegt das eigentliche Schaudern in dieser Szene auf einer anderen, sehr viel emotionaleren Ebene.
Die Kinder sind im Verlauf des Buchs einen weiten Weg gegangen. Sie haben sich erst an der Pflanzenwelt der Insel vergriffen, dann an den Tieren, und schließlich an ihren eigenen Mitgenossen. Zwei der Kinder sind bereits von den anderen getötet worden, auf den dritten ist gerade eine systematische, blutige Jagd im Gange.
Aber in all der Zeit haben sich die Jungen niemals wirklich ihre Verbrechen zugestanden. Alles, was sie gemacht haben, geschah ihrer eigenen Meinung nach in bester Absicht und in einem unausgesprochenen Einverständnis. Den Mord an Simon haben die Jungen allesamt auf die eine oder andere Weise verdrängt; die beiden Leichen, die ins Meer hinausgeschwemmt wurden, haben im gleichen Moment für die Kinder aufgehört, zu existieren.
vlcsnap-2015-09-24-09h52m18s54 Die Jungen haben ihre Taten verleugnet und verdrängt, und damit ihre eigene Unwissenheit bewahrt – auf die gleiche Weise, wie Peter Pan, der sich zum Wohle des Spiels oft selbst gegen seine Verlorenen Jungen wendet, nur Kind und unschuldig bleiben kann, weil er ständig vergisst. Genau wie er haben die Kinder in Herr der Fliegen wenn nicht ihre Reinheit, so doch ihre Unschuld durch dieses bewusste Verdrängen bewahrt. Vielleicht mit der Ausnahme von Ralph sind sie alle mehr und mehr verwildert, ohne sich selbst je darüber bewusst zu werden, was mit ihnen geschieht.
vlcsnap-2015-09-24-10h16m31s230 Nun taucht der Soldat auf der Insel auf – eben in dem Moment, da das tödliches Spiel so weit wie nie zuvor gegangen ist, da die Jungen vorhaben, einen von ihnen in vollem Bewusstsein zu jagen und abzuschlachten wie eine Sau. Und mit einem Mal sehen sich die Kinder selbst in den Augen dieses fremden Erwachsenen; sie sehen das, was er für ein Spiel halten muss – und wissen selbst, dass ihr kindliches Spiel in Wahrheit tödlicher Ernst bedeutet.
Nicht vor dem Erwachsenen, sondern vor sich selbst stehen die Jungen nun bloß und entlarvt dar, zum ersten Mal voll und ganz dessen bewusst, was auf der Insel aus ihnen geworden ist. Das ist der Moment, als Jack und die anderen endgültig ihre Unschuld verlieren. „Fröhlich und unschuldig und herzlos“ – mit einem Schlag trifft keines dieser Kindheits-Attribute mehr auf Jungen zu.
Diese Endszene des Buchs ist in keiner Weise überflüssig oder auch nur beliebig. Es wird deutlich, dass die Kinder mit einem Mal wissen, was sie alle getan haben, und was auch geschieht, sie werden nun auf irgendeine Weise damit klarkommen müssen. Diese Szene ist die notwendige Auflösung des gesamten Romans.

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Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der Insel in Herr der Fliegen und Nimmerland: Im Gegensatz zu Peter Pan kommen die Jungen in Herr der Fliegen nicht darum herum, zu wachsen und sich zu verändern.
Sie haben zwei tote Jungen verleugnet und vergessen. Sie hätten es vielleicht auch geschafft, den Mord an Ralph zu vergessen – auch wenn das schwerer sein wird, wenn der Kopf ihres Opfers auf einem Stock aufgespießt hängt, als wenn die Wellen den Körper einfach mitnehmen. Aber ob nun durch die Ankunft des Erwachsenen, oder durch irgendeinen anderen Trigger: am Ende müssen die Jungen erwachsen werden. Sie müssen ihre Herzlosiggkeit in gleichem Zuge wie ihre Unschuld für immer verlieren.