Die Nachricht, dass ausgerechnet Disney sich daran macht, Into the Woods zu verfilmen, hat von Anfang an für verwirrte Blicke gesorgt. Immerhin bietet Sondheims Märchenmusical nicht die charmante Art von Märchensubversionen, die Disney selbst in letzter Zeit so gerne benutzt. Nein, Into the Woods nimmt die Grimm’schen Geschichten, so originalgetreu wie Disney es sich sonst niemals trauen könnte, und geht damit noch einige Schritte weiter. Pädophilie, Verstümmelungen und Ehebruch sind nur einige der Themen, die dabei ganz direkt behandelt werden.
Doch wie sich im fertigen Film herausstellte, ist Disney auf ungewohnte Weise über seinen Schatten gesprungen. Ja, man hat sich geweigert, mit Rapunzel die jüngste Disney-Prinzessin in einer selbstmörderischen Rage der Riesin zu opfern, doch das wohl eher aus firmenpolitischen Gründen. Der Rest des doch eher dunklen Stückes ist durchaus originalgetreu umgesetzt, und alleine durch das sehr viel direktere Medium Film wirken die eine oder andere Szene noch um einiges brutaler als auf der Bühne.

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Alles in allem hat sich die Wahl des Studios sicher nicht als schädlich für die Verfilmung herausgestellt. Das Ergebnis ist atmosphärisch, großartig anzuschauen, und mit einer meisterhaften Schauspielriege besetzt.
Man sollte meinen, dass all diese Bestandteile, zusammen mit einer grandiosen Musical-Vorlage einen wirklich guten Film erzeugen sollen – und doch ist dem irgendwie nicht ganz so. Das Resultat all dieser Bemühungen hat am Ende doch zu große strukturelle Mängel, zu viele Unstimmigkeiten gerade im letzten Drittel, um sich wirklich als guter, einheitlicher Film anzufühlen. Eine spannende Visualisierung des Musicals? Sicher. Ein großartiges musikalisches Erlebnis? Auf jeden Fall! Aber ein guter Film? Hmm – nicht ganz.

vlcsnap-2015-02-27-14h14m19s48Wenn ich mich nun frage, wie man diese Probleme des Films hätte beheben können, führt das direkt zu der Überlegung, ob Sondheims Musical überhaupt das Potenzial zu einer guten Verfilmung bietet.
Wie die meisten Sondheim-Musicals ist Into the Woods eher schwer verfilmbar. Das Stück lebt ja gerade von seiner sehr speziellen Struktur, von seinem Zusammenspiel mit der Theater-Bühne. Nur auf der Bühne kann eine Gestalt wie der Erzähler derart direkt in das Geschehen eingreifen, so dass es sich zwar absurd, aber doch nie wirklich konstruiert anfühlt. Kein Wunder, dass die Erzähler-Figur das Erste war, was in der Verfilmung weichen musste.
into-the-woods_550eed Aber es geht ja noch sehr viel tiefer; bis hin zur innersten Struktur dieses Stückes. Into the Woods ist ganz klassisch in zwei Akte unterteilt, und diese harte Unterteilung ist hier mehr als reine Notwendigkeit des Musical-Theaters – sie definiert auf gewisse Weise das Stück. Der erste Akt, der oft als reiner verlängerter Prolog bezeichnet wird, erzählt schlicht die vier Märchen von Rotkäppchen, Aschenputtel, Hans und die Bohnenranke und Rapunzel, zusammengehalten durch die handlungstreibende Suche des Bäckers und seiner Frau. Wenn an diesen Märchen irgendetwas ungewöhnlich ist, dann höchstens, dass sie so originalgetreu erzählt werden, wie sonst selten außerhalb des Märchenbuches. Aschenputtels Schwestern sind hier wirklich bereit, sich Ferse und Zeh abhacken zu lassen, der dunkle Symbolcharakter des Wolfs wird so offensichtlich, wie er es im Märchen sein sollte. Doch alle Geschichten enden gut – zumindest für unsere Protagonisten – und das Ende des ersten Aktes besteht aus einem fröhlichen Fest, bei dem die Figuren ihr „Happy Ever After“ gebührend feiern können.
Dann folgt auf der Bühne die Pause, und durch die gesamte äußere Struktur besteht kein Zweifel; nun kommt der zweite Teil. Es ist ein harter Schnitt, der die gesamte Vorstellung teilt, und somit werden in den Zuschauern ganz klare Vorerwartungen geschaffen, worauf sie sich nun einzulassen haben.
Der zweite Akt startet wieder mit dem „I wish“ der verschiedenen Figuren, es ist das gleiche Grundgerüst wie zu beginnt des Stückes. Es wird klar, jetzt kommt ein neues Abenteuer, eine neue Geschichte, für die das Happyend der klassischen Märchen nur die Grundvoraussetzung darstellt. So wird der Grund gelegt für einen zweiten, dunkleren Akt, der den konservativen Märchenprinzipien nicht mehr ansatzweise folgt. Wenn wenige Szenen später der Erzähler selbst der wütenden Riesin geopfert wird, so ist das nur die finale Bestätigung, dass von nun an alles anders läuft, und dass alle klaren Richtlinien verschwunden sind.
Es ist eine zweiteilige Struktur, aufgeteilt in zwei sehr unterschiedliche Erzählweisen. Und nur die klaren Impulse, die im Theater für diesen Bruch gesetzt werden, sorgen dafür, dass die Zuschauer diesen Wechsel ganz natürlich mitmachen können. Implizit ist ihnen in der Pause klar, was sie nun zu erwarten haben, dass die Märchengeschichten zu Ende sind und nun eine neue Erzählung beginnt. Und genau diese Impulse sind es, die nun in der Filmversion völlig fehlen.

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Die Herausforderung, die Gegebenheiten der Bühne für den Film umzumünzen, ist im Bereich der Verfilmungen an sich ja nichts Neues. Gerade Musicals haben ja immer eine klare Zwei-Akt-Struktur, mit einem großen Finale am Ende des ersten Aktes, auf das erst einmal eine Pause folgen sollte. Außerdem können sich Bühnenshows generell sehr viel größere Freiheiten leisten, mit den Zuschauererwartungen und der vierten Wand zu spielen.
Ähnliche Probleme, ein Sondheim-Musical in eine filmische Form zu verpacken, hatte Tim Burton ja schon vor einigen Jahren mit Sweeney Todd. Auch das basiert auf einer extrem bühnenlastigen Show, das Stück arbeitet mit theatralischen Chören, nutzt stark ironische Zwischentöne, und erlaubt eine sehr direkte Arbeit zwischen den Sängern und dem Publikum.
In jenem Fall hat Burton es geschafft, dieses eher spezielle Bühnenstück zu nehme und einen vollwertigen, genialen Film daraus zu erschaffen. Der Film ist anders als die Show, er bietet einen anderen Aufbau, ein anderes Feeling – aber am Ende funktioniert das Ergebnis perfekt, gerade so wie es ist, und man könnte sich keine andere Struktur für den Film vorstellen.
Wieso ist dieses Kunststück nicht auch im Fall von Into the Woods gelungen?

into-the-woods_fd96dbAn sich ist es der gleiche Ansatz, der in beiden Fällen angewandt wurde. Man hat sich die Bühnenshow angeschaut, und sie dann strukturell völlig auseinandergenommen. Alle Teile, alle Aspekte, die nicht ideal für den Film funktionieren, wurden entfernt – ob der geniale Geisterchor bei Sweeney Todd, oder das bewusst ironisierende Spiel mit den Märchenerwartungen in diesem Fall. Man hat quasi das Musical genommen und auf seinen nackten Kern heruntergebrochen und zusammengeschnitten, so weit, dass eigentlich nur die strikte Idee übrig geblieben ist. Und dann hat man von dieser Idee her die Filmversion neu aufgebaut, mit neuen Bilder, Rückblicken und Kulissen, mit Sängern, die musikalisch vielleicht nicht einwandfrei, aber als Schauspieler dafür grandios sind. Man hat ein eigenes Feeling geschaffen, weniger verspielt als auf der Bühne, dafür aber reicher und um einiges dichter als zuvor.
Das Ergebnis ist im Falle von Sweeney Todd ein prächtiges Meisterwerk, mit einer so düsteren wie grandiosen Bildsprache, und einem Stimmungsaufbau, der in Film und Theater seinesgleichen sucht.
Und auch bei Into the Woods hat dieser Ansatz durchaus gute Ergebnisse erzielt, gerade was den ersten Akt des Filmes angeht. Der Weg hinein in die Wälder ist düster, märchenhaft, und szenisch wunderbar aufgebaut. Die Stimmung, die einzelnen Figuren mit ihren jeweils charakterisierenden Liedern, alle wichtigen Punkte kommen zusammen zu einer fesselnden Inszenierung. Allerdings ist gerade der Anfang des Musicals auch wirklich nicht schwer zu übernehmen, im Gegenteil. Es ist ein montageartiges Gruppenlied, das mit vielen Schnitten und Überleitungen kinematographisch ideal umsetzbar ist. Die Probleme des Films beginnen genau in dem Moment, wo das Bühnenstück bewusst an seine Grenzen kommt.

into-the-woods_f820ebDer erste Akt des Musicals besteht aus vier Märchen, die sich gegenseitig überkreuzen – aber nur zwei davon spielen eigentlich im Wald. Die wichtigsten Szenen in Aschenputtel spielen sich daheim und auf dem Ball des Prinzen ab, und Hans‘ Abenteuer beginnen erst richtig im Reich der Riesen.
Aber es geht hier natürlich nicht eigentlich um diese Märchen; nicht Cinderella/Aschenputtel oder Jack/Hans sind hier die Hauptfiguren, sondern die Wälder, und der Einfluss, den sie auf die dort herumirrenden Menschen nehmen. So sind die nötige Schnitte in den beiden Märchen auf der Bühne vollkommen vertretbar und fühlen sich passend an. Es geht um den Wald, hier spielt die gesamte Handlung, und nur was hier geschieht, kann der Zuschauer überhaupt mitbekommen.
Der Film dagegen hat andere Möglichkeiten; hier wäre es prinzipiell kein Problem, nach Belieben zwischen den Standorten hin und her zu schneiden. Natürlich war daher die Versuchung groß, diese Freiheit auch entsprechend zu nutzen. Das Problem ist nur, dass damit die eigentliche Struktur des Stückes stark beschädigt wird – und der Film es verpasst, einen neuen homogen wirkenden Ersatz anzubieten.

Soweit ich sehe, hätte man bei der Adaption zwei Wege einschlagen können, um die entsprechenden Szenen – sprich, Aschenputtels Ball und das Land der Riesen – überzeugend umzusetzen. Man hätte sich trotz allem an die Beschränkungen des Waldes halten können und die szenischen „Mängel“ zu einem eigenen Stilmittel umdeuten können. So hätte man den Wald als natürliche Beschränkung akzeptieren können, als allumgreifende Macht, dem sich nicht einmal die filmische Inszenierung entziehen kann. Die andere Möglichkeit wäre es gewesen, alle Einschränkungen fallen zu lassen, und dem Zuschauer alles an Bildern zu bieten, was er sich von diesen Märchen nur wünschen könnte.
Doch wofür der Film sich schließlich entscheidet, ist ein knapper Zwischenweg. Wir sehen, wie Aschenputtel auf den Ball geht, wir hören die Musik und wir erleben ihre Flucht. Wir sehen die Bohnenranke, wie sie nachts heimlich in den Himmel wächst, bekommen sogar noch die Reaktion von Hans‘ Mutter darauf mit – und die nächste Szene zeigt Hans, wie er mit seinem goldenen Fund stolz durch den Wald rennt.
Auf diese Weise werden die Fehlstellen der Erzählung nicht nur offensichtlich, das Augenmerk wird sogar ganz bewusst auf die fehlenden Erlebnisse gelenkt.

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Bei Aschenputtel funktioniert dieser Ansatz noch gut. „On the Steps of the Palace“ wird hier wirklich auf die pechverschmierte Treppe verlegt, und das Lied bietet eine großartige Inszenierung. Es geht hier um die Stufen, um die Frage der Flucht, und so wird keiner in diesem Moment den Ballsaal selbst vermissen. Dazu kommt, dass das Schloss immer aus derselben Außenperspektive gezeigt wird – ganz so, als ob das hier gerade noch der Teil wäre, der vom Wald aus zu sehen ist, quasi der äußerste Posten.
into-the-woods-movie-screenshot-daniel-huttlestone-jack-and-the-beanstalk-5 Wenn Hans dagegen von seiner Riesin singt, und alles was wir zu sehen bekommen die Bohnenranke selbst ist, so wird das Fehlen der entsprechenden Szenen überdeutlich. Der Schnitt, die gesamte Struktur um das Wachsen der Bohnenranke und Hans‘ Lied herum machen klar, dass eine gen Himmel gereckte Ranke eben alles ist, was sich der Film in seiner Umsetzung noch leisten wollte.
So gering diese Schwachstellen scheinen mögen, so finde ich sie doch schlichtweg schade. Es bleibt ein Gefühl des Verlustes, der Eindruck, dass man die Vorlage eben doch nicht ganz hat ausschöpfen können. Es ist für mich der einzige Wermutstropfen in einer ansonsten wunderbar atmosphärischen Märchenverfimung – und nichts anderes stellt der erste Akt des Musicals, die ersten zwei Drittel des Filmes schließlich dar.
Die Märchen gehen zu Ende, Zauber werden gebrochen, Prinzen und angehende Prinzessinnen finden sich. Und dann kommt der Bruch, das Disaster, das den Beginn des zweiten Aktes anzeigt.

vlcsnap-2015-02-27-14h15m34s73Ich glaube, die Struktur des Musicals hätte auch als Filmversion funktionieren können, wenn der Bruch zwischen den Märchenenden und dem Beginn eines neuen Abenteuers nur deutlicher gewesen wäre.
Im Musical ist wie gesagt das allgemeine Happyend das Finale des ersten Aktes, direkt vor der Pause – klarer kann ein Bruch zwischen den beiden Teilen nicht sein. Und um die zweifache Struktur vollkommen deutlich zu machen, beginnt der zweite Akt auf der Bühne mit einem neuen Prolog. „So Happy“ spiegelt ganz unverkennbar das Anfangslied „Into the Woods“ wieder; es gibt neue Probleme, einen neuen Aufbruch in den Wald, eine neue Geschichte. Eine zweite Geschichte, auf die das Publikum nun mit völlig neuen Erwartungen herangehen kann.
Ebendieser Bruch wurde nun im Film so gering wie möglich gehalten. Eben hatten wir noch die fröhliche Feier der frisch Verheirateten, dann ein Donnerschlag, der den zweiten Riesen ankündigt, und ohne weitere Umstände befinden sich die Hauptfiguren wieder im Wald, alleine durch das Schicksal einhellig zusammengeführt, um mit ihrem Abenteuer weiterzumachen. Und an dieser Stelle hat der Film ein klares strukturelles Problem.
Der Zuschauer wird völlig ohne Überleitung in das neue alte Setting hineingeworfen, direkt aus der „Und sie lebten glücklich …“-Stimmung vor die Füße eines Riesen – und es ist unmöglich, auszumachen, was diese Veränderung nun für den weiteren Verlauf des Filmes bedeutet. Ist es ein kurzer, nachgezogener Endkampf, der nun noch fehlt? Beginnt ein neues Abenteuer, und wenn ja, worauf läuft es hinaus? Geht es darum, die Riesin schnell zu besänftigen, sie zu besiegen, oder fängt die eigentliche Geschichte jetzt erst an?
Dadurch, dass die Struktur dieses zweiten Teils so unklar ist, fehlt dem Zuschauer jeder mögliche Bezugspunkt. Die Aufgaben, die zu Beginn des Filmes gestellt wurden, sind offensichtlich nicht mehr relevant, und um sich auf diese neue Aufgabe – den Kampf gegen die Riesin – einzulassen, fehlt aufgrund der unklaren Struktur das Vertrauen. Der Zuschauer muss wissen, worauf er sich einlässt, er muss wissen, welche Parameter in einem fiktiven Werk einem „Gewinn“ gleichkämen, um überhaupt erst auf diesen Gewinn hinzufiebern. Und es dauert viel zu lange, bis sich in der zweiten Hälfte von Into the Woods die veränderten Parameter entsprechend etabliert haben, um das Zuschauerinteresse dauerhaft zu halten.
Das Ergebnis ist, dass sich der Bruch des Films nicht wie auf der Bühne einfach nach einem Bruch anfühlt, sondern nach einem völligen Fokusverlust, der den Zuschauer viel zu nahe an den Punkt bringt, wo er jedes Interesse für den Fortlauf der Geschichte verliert.

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Wie ich zu Beginn gesagt habe; der Ansatz für diese Adaption lag offensichtlich darin, erst einmal alles irgend Unnötige aufzuräumen und aus den Resten einen neuen Film zu schaffen. Es ist nicht verwunderlich, dass dabei die große Zweiteilung des Werkes, das Ende des ersten Aktes und der Anfang des zweiten verschwinden mussten. Aber ganz offensichtlich ist es nicht möglich, aus den Überbleibseln einen einzigen, kohärenten Spannungsbogen zu erzeugen – der Bruch ist schlicht und einfach ein essenzieller Teil des Stückes.
Für mich war Into the Woods alles andere als ein schlechter Film. Die Adaption ist frisch, witzig, wunderbar anzuschauen, und hat sich offensichtlich alle Mühe gemacht, dem Bühnenmusical eine würdige Verfilmung zu bieten. Es ist ihr schlicht nicht gelungen, insgesamt ein in sich guter Film zu sein, und dabei glaube ich, es hätte wirklich nicht viel gefehlt. Ein paar anders gesetzte Schnitte hier, ein größerer Schockmoment dort, vielleicht eine zusätzliche Titelkarte „Ein Jahr später“ und das Lied „So Happy“, und Into the Woods hätte wirklich ein großartiger Film sein können.
Was bleibt, ist einer der fesselndsten Musicalfilme der letzten Jahre, und ein Werk, an dem sich eine zukünftige Wicked-Verfilmung wird messen lassen müssen.