Ich hatte erwartet, dass Maleficent schlecht sein würde. Ich hatte auch erwartet, dass der Film erfolgreich wird. Was ich nicht erwartet hatte, war, dass er den Leuten gefallen würde. Ja, während die Kritiker eher zweifeln und die offensichtlichen Probleme herausstellen, zeigen sich die Zuschauer allgemein absolut überschwänglich.
Ich weiß nicht, woran das liegen könnte. Ist es die beeindruckende Optik des Films, der für Disneyfans nicht unerhebliche Nostalgie-Faktor, oder einfach generell die momentane Antihelden-Stimmung? Ich selbst fand den Film jedenfalls zum größten Teil schauderhaft – merke, nur zum größten Teil. Denn da gab es trotz allem immer wieder diesen Funken, dieses besondere Etwas, dass die Frage aufstellt, ob der Film über die böse Fee aus Dornröschen jemals hätte funktionieren können.

Wenn ich sage, dass Maleficent keine besondere Enttäuschung war, so liegt das alleine daran, dass meine Erwartungen entsprechend gering lagen. Maleficent ist das jüngste (und mit Sicherheit nicht das letzte) Produkt einer neuen Reihe aus dem Hause Disney: die Wiederverwertung alter (meist Disney-) Klassiker zu aktuellen Fantasy-Blockbustern. Wir hatten schon Alice im Wunderland und Die fantastische Welt von Oz, und für die nächsten Jahre sind Bearbeitungen von Cinderella, Cruella de Vil aus 101 Dalmatiner und Die Schöne und das Biest in Planung.
Die Kunst hierbei liegt offensichtlich darin, den Nostalgiefaktor anzusprechen und die Fans der Klassiker nicht zu vergraulen, während gleichzeitig die alten Geschichten mit einem neuen Twist versehen werden, der auch ein heutiges Publikum ansprechen kann. Hinzu kommt etwas leichter Zynismus den alten Werken gegenüber, wiederum gerade das richtige Maß – und nicht zu vergessen, jede Menge fantastischer 3D-Augenschmaus, um für die Ahs und Ohs im Publikum zu sorgen.

Im Vorlauf zu Maleficent gab es im Internet ein langes Beben der Fans, oder zumindest derer, die die Hoffnung auf den Film nicht gänzlich aufgeben wollten. Angefeuert wurde die Diskussion durch ein online gegangenes vorläufiges Skript von Linda Woolverton (hier zu finden), der Autorin, die schon das Drehbuch zu Alice im Wunderland verfasst hatte. Ich selbst hatte dieses von den Fans verabscheute Skript damals nicht gelesen, ich habe es mir erst jetzt, nach Sichtung des Films, zum Vergleich angeschaut. Und ich verstehe es schlichtweg nicht: Wie können die gleichen, die dieses Skript gehasst haben, den Film selbst jetzt mögen?
Ja, das Skript hat sich geändert und vor allem der erste Akt ist grundlegend umgeschrieben. Aber ob wirklich zum Besseren? In der alten Fassung ist die Hintergrundgeschichte (ja, dort gibt es eine echte Hintergrundgeschichte) von Stefan und Maleficent sehr viel genauer ausgeführt. Die zwei wachsen zusammen auf, sie sind beide nur zur Hälfte feengeboren und damit Außenseiter in der Feenwelt. Daher ergibt sich ihre Freundschaft und Romanze sehr viel natürlicher, und auch die Abwendung Stefans von der Feenwelt an sich macht mehr Sinn.
Dann hat dieses Skript Maleficent wenigstens ansatzweise die Möglichkeit gegeben, in den Augen der anderen Feen und auch nach eigener Ansicht wirklich böse zu sein – im Gegensatz zu dem jetzigen Film, wo gerade der gesamte Anfang eine reine Zuckerarie ist.
Auf der anderen Seite habe ich mich gewundert, wie viel sich im Film gerade im zweiten Akt, während des Heranwachsens von Aurora, zum besseren gewandelt hat. Womöglich ist dies der Hauptgrund, dass das alte Skript eher verschrien ist: Die Beziehung von Aurora zu der „bösen Fee“ ist dort diabeteserregend erzwungen. Die anderen Feen sind nicht einmal niedliche Tollpatsche, sondern nur noch rein nutzloser Ballast, während Maleficent praktisch vom ersten Tag an rein um das Wohl des Kindes besorgt ist.
Es ist nicht viel, was in diesen Szenen geändert wurde, aber für mich ist es ein wunderbares Beispiel, wie viel ein paar kleine Anpassungen hier und dort ausmachen können. Mit ein wenig Fingerspitzengefühl hat sich dieser Teil für mich von potenziell unerträglich zum womöglich einzigen Highlight des Films gewandelt.
Aber wie gesagt, die Änderungen sind wirklich nur tendenziell; insgesamt ist es jetzt immer noch der gleiche Film, von dessen Skript man im Internet das letzte Jahr über gebetet hat, dass es ein Fake sein möge. Es sind sie gleichen unmotivierten Handlungen, die gleichen unerträglichen Figuren, die sich völlig sinnlos benehmen und das gleiche oft schmerzhaft unpassende Timing. Insgesamt ist für mich einfach das gesamte Feeling absolut unausgegoren.
Und der Hauptteil des Problems liegt für mich darin, dass dieser Film Wicked sein will, ohne dass man den Reiz von Elphabas Geschichte wirklich verstanden hätte.

Das Buch Wicked ist ja absolut kein Kindermaterial; es wäre unmöglich für Disney, diese Version originalgetreu zu verfilmen. Elphaba wird das gesamte Buch über nur von außen beschrieben und im späteren Teil nur noch „die Hexe“ genannt. So wird eine ganz bewusste Entfremdung zum Leser aufgebaut, und die Geschichte macht keinen Hehl daraus, dass Elphaba zumindest zutiefst sozial antagonistisch, wenn nicht wirklich böse handelt. Am Ende bleibt es alleine Sache des Lesers, sich selbst eine andere Meinung über die unwahrscheinliche Hauptfigur aufzubauen.
Natürlich sieht das alles im Musical etwas anders aus; diese Version liegt sicher sehr viel näher an Disneys Spielwiese. Aber auch hier funktioniert die süßere Mischung, weil die drohende Kulisse des Buches immer noch zu spüren ist. Auch im Musical ist die Stimmung durchweg düster, die Figuren sind hart und die Erzählweise oft unangenehm. Doch auf den ersten Blick sieht das womöglich anders aus: Schaut man sich das Musical Wicked an, so sieht man als Erstes die farbenfroh erzählte Geschichte einer unverschuldeten Außenseiterin. Elphaba ist die ganze Zeit über gut, es sind nur Missverständnisse und die Umstände, die sie zur „bösen Hexe“ gemacht haben.
Aber so funktioniert es nicht!
Es genügt nicht, einfach klassischen Bösewicht zu nehmen und den Zuschauern zu verkünden „Hört zu, in Wirklichkeit war sie die gesamte Zeit über gut – ist das nicht tragisch und wunderschön?“ Wenn das Publikum sich die Geschichte einer bösen Fee anschaut, dann will man im Allgemeinen auch sehen, wie diese Figur böse ist.
Dabei gibt es quasi zwei interessante Möglichkeiten: Man kann die Figur gut anfangen lassen und dann ihren Weg zum Bösen hin zeigen. Oder man präsentiert eine scheinbar böse Gestalt, die dann von den eigenen positiven Gefühlen überrumpelt wird. Für Maleficent wäre beides gut möglich gewesen, doch vor allem der zweite Ansatz hätte meiner Meinung nach wunderbar zu der jetzt vorhandenen Struktur der Geschichte gepasst: Sie hätte zu Beginn wirklich eine „böse Fee“ sein können, die dann durch den Charme der jungen Aurora eine unerwartete Veränderung durchläuft.

Ein wunderbares Beispiel, wie eine Bösewicht-Perspektive für Disney gut funktioniert, ist Serena Valentinos Fairest of All, die Hintergrundgeschichte der bösen Königin aus Schneewittchen. Diese Erzählung erinnert von ihrem Aufbau stark an Maleficent: Auch hier haben wir eine junge, in ihrer Rolle noch nicht gefestigte Königin, die eine unerwartet innige Beziehung zu der eigentlich hassenswerten Stieftochter aufbaut. Aber hier lässt sich die Königin durch die Magie korrumpieren; sie wird böse. Es geht so weit, dass sie schließlich praktisch gegen den eigenen Willen versucht, Schneewittchen umzubringen, dass sie dabei selbst umkommt und so für ein bittersüßes Ende sorgt.
Und gerade im Vergleich mit diesem Buch wird auch das allergrößte Problem von Maleficent offensichtlich: Die Geschichte um den Bösewicht braucht ein tragisches Ende!
Es ist eine Lektion, um die man sich bei der Musical-Version von Wicked noch einigermaßen hat drücken können, aber selbst da ist die Stimmung des Finales bittersüß bis tragisch. Wenigstens eine Träne am Ende ist einfach essentiell, um die gesamte Geschichte und das Drama um den klassischen „Bösewicht“ ernstzunehmen. Stattdessen bietet Maleficent ein überschwängliches Märchenende, das nicht nur in sich absurd ist, sondern vor allem den (sowieso nur schwach etablierten) Charakter der Hauptfigur gänzlich verblassen lässt.

Und um noch einen ganz anderen Punkt anzusprechen: Gerade in Sachen Ernstnehmen hat die deutsche Synchronisation dem hiesigen Publikum so einiges eingebrockt. Der verzweifelte Versuch, den Film cool zu gestalten, in dem man alle Namen im englischen Original belässt, endet in der deutschen Version in einem peinlichen Disaster.
Als vor einigen Jahren für die deutsche Disney-Division die Frage aufkam, wie man das Tinkerbell-Franchise nun auf Deutsch nennen sollte, da konnte ich die Synchronstudios noch verstehen. In diesem Fall hatte man eben bereits vor 60 Jahren den Fehler gemacht, Peter Pan eine so unangenehme wie originalferne Synchronisation zu verpassen, und daher stand man jetzt vor der Wahl, die kleine Elfe blindlings weiter Naseweis zu nennen, auf das völlig unetablierte Glöckchen umzuschwenken, oder eben einfach das Original benutzen – und hier macht Letzteres definitiv Sinn.
Was Maleficent angeht, so sehen womöglich einige die Lage ähnlich, immerhin ist der deutsche Name der Fee, Malefiz, bei uns weithin als Name für ein Gesellschaftsspiel bekannt. Aber es ist doch nicht so, als hätte Disney nicht die Möglichkeit, diesen Namen neu für sich zu etablieren – als hätten sie genau das nicht mit jedem Märchen getan. Es ist einfach eine Frage des fehlenden Mutes, dass man für ein deutsches Märchen nicht den sehr viel passenderen, deutsch klingenden Namen wählt.
Aber diese Entscheidung ist nichts im Vergleich zu dem Namensdisaster der anderen Figuren. Während im englischsprachigen Original ganz bewusst europäische Namen für die Figuren gewählt wurden, um eine klassische Märchenstimmung zu erzeugen, quält sich die deutsche Synchro mit der schweren Aufgabe ab, Namen wie Stefan und Phillip mit einem englischen Akzent auszusprechen. Und nicht nur das; es geht so weit, dass nicht einmal von dem König die Rede ist, sondern von King Stefan – ein Punkt, der zumindest in meinem Kino für einige ungewollte Lacher gesorgt hat.
Wenn im letzten Satz des Filmes schließlich noch der deutsche Originalname des Märchens, Dornröschen, untergebracht wird, so macht das in diesem Zusammenhang absolut keinen Sinn. Eine mutige Synchronisation hätte sich an dieser Stelle vielleicht sogar getraut, Aurora durchgehend durch den deutschen Namen der Prinzessin zu ersetzen. Aber stattdessen wird der Name Aurora nicht nur behalten, sondern krampfhaft auf eine Weise ausgesprochen, die für deutsche Ohren wie reines Gegurgel klingt.

Maleficent ist wieder einmal ein Film, der mich wütend zurücklässt – nicht nur weil er schlecht ist, sondern vor allem weil er immer wieder die Gelegenheit nutzt, für kurze Szenen gut zu sein. Ja, dieser Film hätte theoretisch funktionieren können, aber nicht auf der Ebene, auf der er sich jetzt bewegt. Dafür wäre wirklich ein völlig anderer, mutigerer Ansatz nötig gewesen, mit echter Charakterentwicklung und ausgebauter Dramatik. Schließlich hatte Disney es sich bei Fairest of All auch getraut …
Nun, wir werden sehen – es ist ja nicht so, dass es für Disney nicht noch genug Gelegenheiten gäbe, ihr Konzept weiter auszubauen und die nächste Klassiker-Adaption zu einem wirklich großen, durchdachten Werk auszuarbeiten.
Oder sie könnten sich natürlich einfach weiter auf den Weg verlassen, der sich als dauerhaft verlässlicher Goldesel herausgestellt hat.