Die Zeichentrickfilme aus dem Hause Disney bewegen sich gewöhnlich in einem bewusst nicht-religiösen Bereich. Es gibt ein paar seltene Figuren wie Schneewittchen, Penny oder Lilo, die beim direkten Gebet gezeigt werden, doch in diesen Fällen geht es nicht um das Gebet an sich, sondern nur darum, die Reinheit und Unschuld der Figuren zu unterstreichen.
Allerdings gibt es im Meisterwerke-Kanon von dieser Maxime eine ganz deutliche Ausnahme: Der Glöckner von Notre Dame. Die Kathedrale Notre-Dame de Paris steht bereits im Namen des Filmes, und das zu Recht. Vom ersten bis zum letzten Bild spielt die gewaltige Kirche eine zentrale Rolle der Handlung, sie wird von den Figuren immer wieder direkt angesprochen und bietet den Schauplatz für beinahe den gesamten Film. Folglich sind in diesem Fall auch religiöse Bilder überall vorhanden, und auch wenn das Thema Christentum selbst nicht allzu deutlich in den Vordergrund gestellt wurde, so weicht der Film der Thematik selten offen aus. Eine nennenswerte Ausnahme ist sicher die Änderung, aus dem Dompropst Frollo einen weltlichen Richter zu machen – eine Entscheidung, die zwar neue Handlungsmöglichkeiten, aber auch einige Logikprobleme öffnete.

In diesem Zusammenhang gibt es übrigens Interpretationen, nach denen der Erzdiakon im Film selbst nur eine Manifestation von Frollos Innerem darstellt, sein Gewissen, das ihn ab und an noch zur Räson bringen kann, bis er es am Ende schließlich ganz aussperrt. Zwar spricht die Darstellung des Erzdiakons im Finale gegen diese Theorie, aber dennoch halte ich es für eine sehr interessante Betrachtungsweise.

Auf jeden Fall bleibt die religiöse Umgebung der Kathedrale allgegenwärtig, und mehr als einmal wird die Kirche implizit mit ihrer Namensgeberin, der Jungfrau Maria gleichgesetzt. Wenn man es genau betrachtet, sind gerade die zwei stärksten Lieder des Filmes, „Das Feuer der Hölle“ und „Gott, deine Kinder“, beides Gebete an die Madonna, die stellvertretend an die Kathedrale selbst gerichtet sind.
Klassischerweise gilt nun eher Quasimodos sehnendes „Das Licht des Himmels“ als Gegenstück zu Frollos Lied. Die Namen der beiden Lieder sind gerade spiegelbildlich angelegt und die Lieder liegen im Film direkt hintereinander – auf der Soundtrack-CD bestehen sie sogar aus einem einzelnen Track. Und auch Quasimodos Lied hat ja eine gewisse Gebets-ähnliche Qualität; genau wie Frollo reflektiert er über seine Lage und ersehnt eine für ihn unmögliche Liebe.
Und dennoch bin ich der Meinung, dass „Gott, deine Kinder“ einen sehr viel passenderen Kontrapunkt zu „Das Feuer der Hölle“ darstellt. Es sind die beiden stärksten Lieder des Filmes (vielleicht abgesehen von „Die Glocken Notre Dames“, was allerdings selbst stark auf der Melodie von „Das Feuer der Hölle“ basiert). Es sind die selbstreflektierenden Momente von zwei der interessantesten Disney-Figuren überhaupt. Und es sind beides ganz klare Gebete, an die Jungfrau Maria und ihre Kathedrale gerichtet.

Esmeraldas Gebet beginnt so ungewöhnlich, wie es passend ist: mit einer Mischung aus tiefem Zweifel und blindem Vertrauen. Esmeralda hat ganz offensichtlich keinen religiösen Hintergrund, es scheint gut möglich, dass sie sich zum ersten Mal in einem Gotteshaus befindet, und was sie in die Kirche getrieben hat war der reine Zufall äußerer Umstände. Sie wird durch die Situation, durch ihre aufgebrachten Gefühle und durch die Stimmung des Gebäudes zu diesem Gebet gebracht, womöglich dem ersten ihres Lebens.
So spricht sie im englischen Original Gott selbst auch nicht direkt an – die Zeile „God help the outcasts“ lässt sich zwar mit „Gott, hilf den Ausgestoßenen“, aber eher noch mit „Gott helfe den Ausgestoßenen“ übersetzen. Und zu Beginn, als Esmeralda sich hilfesuchend an eine Statue wendet, ist es keine Christusdarstellung, sondern Maria, deren Augen der Zigeunerin verwandt erscheinen.
In ihrem Gebet sucht Esmeralda nichts als etwas Nähe und Mitgefühl. Sie betont, dass sie nichts für sich selbst erbittet, doch für andere verlangt sie auch nichts Spezielles. Ihr Gebet ist weder Vorwurf noch Wunsch, es ist nur eine leise Erinnerung an die Leiden der Menschen. Esmeralda verlangt nichts und wird somit auch nicht enttäuscht, sie sucht nicht mehr als einen Gesprächspartner, der ihre Sorgen versteht.

Das Gebet von Frollo dagegen baut auf einem völlig anderen Selbstverständnis auf. „Das Feuer der Hölle“ beginnt mit dem gregorianischen Chorgesang der Mönche, und so wird vom ersten Ton an klar, dass es sich hierbei für ihn um eine feste Einrichtung handelt, um die Tradition und die Symbolik des Gebetes mehr als um das Gespräch selbst. Entsprechend beginnt Frollo selbst sein Gebet auch mit einer reinen Selbstbestätigung, einer Erklärung seiner Tugend und Fehlerlosigkeit. Erst im Verlauf des Gebetes selbst wird ihm mehr und mehr klar, dass ein tiefes Seelenleid in ihm schwärt und dass er den himmlischen Beistand bitter nötig hat.
Aber auch Frollo sucht nicht nach direkter Hilfe. Die Antworten auf seine Fragen meint er doch alle schon selbst zu kennen, und so ist die einzige Frage, die er wieder und wieder stellt, nur die nach dem Warum. Er versteht nicht, warum er leiden muss, obwohl er doch ein so guter Diener der gerechten Sache ist, und geht so weit, Gott selbst schließlich anzuklagen: „You made the devil so much stronger than a man!“
Im Gegensatz zu Esmeralda findet Frollo eine Lösung – doch es ist nicht die erhoffte himmlische Antwort auf seine Fragen, sondern seine eigene Überlegung, die ihn zu einem finsteren Schluss führt. Esmeralda geht dagegen ohne reelle Hilfe aus ihrem Gebet, ohne höhere Weisheiten, aber dennoch durch das Gespräch sichtlich gestärkt. Und diese Stärke nutzt sie eine Szene darauf, um Quasimodo zu helfen und ihm in seiner Einsamkeit Trost zu spenden.
Am Ende haben die beiden Gebete zwei Wirkungen, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Selbst in ihrer Bildsprache lässt sich der Kontrast ablesen: Beide Szenen spielen stark mit der Symbolik von Feuer und Kerzenschein. Doch während Frollo sich von dem höllischen Feuer verzehren lässt und das Ziel seiner Leidenschaft noch mit sich mitreißen will, so badet Esmeralda aufrecht im Licht der Kirchenfenster.

Gegeneinandergestellt geben die beiden Lieder, die beiden Gebete ein wunderbares Bild des Themas Glauben ab. Trotz seines religiösen Rahmens hütet sich der Film sorgsam, eine klare Meinung zu den Fragen von Religion oder Christentum zu vertreten. Es ist eine Menge an eindeutiger Bildsprache und Symbolik zu sehen, doch gleichzeitig ist Der Glöckner von Notre Dame eines von wenigen Disney-Meisterwerken, das keine übernatürlichen Elemente besitzt (abgesehen von den Wasserspeiern, die meiner Meinung nach klar Quadimodos Fantasie entspringen). Der Film zeigt kein göttliches Eingreifen und gibt keine deutliche Stellungnahme ab, und gerade dadurch, dass sich alle Hauptfiguren auf die eine oder andere Weise religiös zeigen, ist das Ergebnis dankenswert neutral gehalten. Jede der Parteien wähnt sich im Recht, jeder meint, Gott sollte auf seiner Seite stehen.
Nein, wir sehen im Film kein direktes göttliches Eingreifen – was wir vielleicht spüren können, ist die Reflexion der göttlichen Präsenz auf die verschiedenen Figuren. Wir sehen Frollo, der unter seiner nicht eingestandenen Schuld fast erstickt. Wir sehen Esmeralda, die nichts erbittet und nichts empfängt, und doch gestärkt weitergeht.
So groß die Rolle der Kathedrale Notre-Dame im Film auch ist, so subtil ist doch die dargestellte religiöse Ausrichtung. In diesem Fall ist jede Stellungnahme am Ende wirklich der eigenen Interpretation überlassen – und das ist vielleicht die allergrößte Stärke des Films.