Wenn man in unserer Zeit von Vergnügungs- oder Freizeitparks spricht, so steht im allgemeinen Disneyland irgendwo im Hintergrund als allmächtiges Beispiel. Egal von welchem der weltweit eröffneten Disney-Freizeitparks die Rede ist, seit Disneyland 1955 in Anaheim eröffnet wurde, spielen die Disney-Parks in einer ganz eigenen Liga. Schon damals war ja gerade das die eigentliche Intention Walt Disneys: Er wollte mit seinem Disneyland eine eigene Welt schaffen, in der sich Erwachsene und Kinder gleichermaßen in Träumen verlieren können – abseits der dreckigen Jahrmärkte und der Fahrgeschäft-Zusammenschlüsse, die zu jener Zeit die einzige Alternative darstellten.
Und in der Tat sind die Disney-Parks in ihrer Qualität lange Zeit einzigartig geblieben. Mit den Imagineers gibt es eine höchst gefragte eigene Berufssparte innerhalb des Disney-Komplexes, die sich nur mit der Weiterführung und immer weiteren Perfektionierung der Parks beschäftigt, und die Patente und aufsehenerregenden Erfindungen, die alleine für Disneyland entwickelt wurden, sind kaum zu zählen. So ist es auch kaum verwunderlich, dass die Disney-Parks einem Qualitätsstandard genügen, von dem die große Mehrzahl gewöhnlicher Vergnügungsparks nur träumen kann. Die Folge ist eben, dass Disneyland immer als ein Qualitätsvorbild im Hintergrund steht, mit dem sich andere Parks nicht nur vergleichen müssen, sondern zu dem sie auch was die Entwicklung neuer Fahrtgeschäfte angeht neugierig emporschauen.

Gerade wenn man solche Freizeitpark-Riesen wie den Europapark anschaut, fällt schnell auf, wie viel schon alleine im Aufbau des Parks hier Disneyland geschuldet ist. Der Eingang, der erst einmal auf eine längere Einkaufsstraße führt, danach die Verzweigung, die allgemeine Aufteilung in viele thematische Länder, in denen die Fahrtgeschäfte nach Thema und Stimmung sortiert sind – all das ist eine sehr sinnvolle Art und Weise, einen Themenpark aufzubauen, doch es ist beileibe nicht die einzige (oder auch nur beste) Möglichkeit. Alleine die Entscheidung, nur einen Eingang zuzulassen ist etwas, das in Disneyland strukturell stark begründet ist, doch im Europapark mit seiner weitgefächerten Grundfläche eigentlich keinen Sinn mehr macht.
Auch die Entscheidung, den Park mit jeder Art von Maskottchen zu befüllen, mit Vorliebe im Tier- und Prinzessinnen-Outfit, ist eine neuere Entwicklung, die ein sehr exklusives Disney-Merkmal auf geradezu erbärmliche Weise nachzuahmen versucht. Während die Disney-Parks von Haus aus auf einen weitreichenden Fundus bekannter und beliebter Figuren zurückgreifen können, die eben auch in den Parks Merchandise-technisch voll ausgeschlachtet werden, so versuchen Europapark, Phantasialand und Co. auf peinliche Weise, ihre eigenen Park-Maskottchen zu denkwürdigen Figuren zu stilisieren und die kleinen Mädchen unter den Besuchern mit hübschen Damen in bunten Kleidern zu begeistern.

Doch die eigentlich interessante Frage ist doch, wie es im Bereich der Attraktionen in den verschiedenen Parks aussieht – und gerade hier wird das allmächtige Erbe von Disneyland absolut offensichtlich. Ob es die Weltraum-Achterbahn im Dunkeln ist, oder die wilde Minenbahn durch den Wilden Westen: Es gibt einige Schemata, eine klassische Achterbahn zu thematisieren, die heute quasi selbstverständlich in jedem Freizeitpark zu finden sind. So selbstverständlich, dass man beinahe vergisst, dass es sich dabei eigentlich um Disneyland-Originale handelt.
Und während die Idee eines Geisterhauses allgemein genug ist, um nicht als Nachmache zu gelten, so gibt es heute doch wenig Geisterhaus-Adaptionen, die nicht ganz eindeutig auf den Effekten in Disneys Haunted Mansion aufbauen. Von klaren und unverschämt schlechten Reproduktionen der Bahn, so wie es sie im Europapark gibt, ganz zu schweigen.

Neben dem Geisterhaus, das in seiner Grundidee wirklich Allgemeingut ist, findet sich auch in erstaunlich vielen Freizeitparks das Prinzip einer Piraten-Bootsfahrt. Das ist nun wirklich ein derart spezielles Thema, dass man sich wundern mag: weshalb gerade Piraten? Es gäbe ja nun wirklich genug völlig unverfängliche Bereiche, zu denen sich eine interessante Themenfahrt überlegen ließe – Fahrten, die sich dann nicht automatisch mit dem Klassiker Pirates of the Caribbean vergleichen lassen müssten.
Gerade in diesem Fall finde ich die Wahl, Disneyland zu kopieren, wirklich absonderlich. Denn natürlich werden diese Bahnen verglichen, und natürlich halten sie dem Vergleich nicht stand. Weshalb also überhaupt erst in den Wettstreit eintreten?
Eine dieser Bahnen, I Corsari im italienischen Gardaland, zeigt den Besuchern erst zu Ende ganz unfreiwillig, was sie eigentlich kann. Denn während die gesamte Fahrt eine zweitklassige Erinnerung an die Disney-Piraten liefert, ist alleine das letzte Segment neu und kreativ: Das Boot der Zuschauer ist „untergegangen“ und nun fährt man durch eine surreale Unterwasserwelt, die irgendwo zwischen Traum und Realität liegt. Und diese Szene, die einzige, die kein direktes Disney-Vorbild hat, ist auch die einzige Szene der Bahn, die wirklich beeindruckend gemacht ist und mit einem völlig eigenen, aber in sich stimmigen Stil aufwarten kann.

Es ist in meinen Augen ja nicht prinzipiell schlimm, sich an guten Vorbildern zu orientieren – es muss nicht einmal schlimm sein, direkt zu stehlen. Wenn das neue Produkt sich an den Stärken seiner Vorgänger bedient und so zu etwas Neuem, noch besseren wird, so sehe ich Nachmache und Diebstahl als völlig legitime künstlerische Mittel an. Aber in der Realität sieht es eben viel zu oft anders aus: Die nachgemachten Bahnen sind billig und lieblos hingeklatscht, ein Erfolgsprinzip wurde kopiert, ohne dass man verstanden hat, wodurch das Original eigentlich funktioniert hat, und das Ergebnis ist nichts als eine enttäuschende Arme-Leute-Kopie einer eigentlich genialen Bahn. Gerade der Europapark hat in dieser Hinsicht eine unrühmliche Historie, Disney-Markenbahnen auf beleidigend direkte Art zu kopieren.
Dabei ist es ja nicht so, dass gerade der Europapark, dessen Disney-Einfluss sich bis hin zur Halloween-Hintergrundmusik erstreckt, nicht auch eigene genial thematisierte Bahnen entwickeln kann. Auch wenn viele der gerade neueren Achterbahnen hier beinahe ganz ohne Thema auskommen, so gibt es doch immer wieder Schätze wie Poseidon oder Wodan, die in ihrer Detailverliebtheit wahrhaft zu begeistern wissen, und die auch den so angestrengt nachgeahmten Disney-Parks zur Ehre gereichen würden.

Also, ist es unumgänglich, dass heute jeder größere Freizeitpark auf die eine oder andere Weise dem Stil der Disney-Freizeitparks nacheifert, und in ihnen wenn nicht eine reine Ideenquelle, dann doch ein großes Vorbild sieht?
Gerade wenn man sich die Anfänge vieler Vergnügungsparks anschaut, so wahren sie zu ihrer Entstehungszeit doch weit davon entfernt, sich am Stil von Disneyland zu orientieren. Oft genug liegen die Ursprünge in kleinen, charmanten Kinderbahnen und Märchentableaus, ohne jeden Ehrgeiz, sich auch nur mit einer größeren Kirmes zu messen. Das Phantasialand zum Beispiel ist hervorgegangen aus einer exotischen Marionettensammlung, die der Besitzer einem weiteren Publikum zugänglich machen wollte.
Doch solche Ursprünge sind im Allgemeinen schnell vergessen, wenn der Park sich erst einmal aus dem absoluten Nischendasein befreit. Alte, simpler gehaltene Bahnen werden nicht mehr gepflegt oder müssen aus Platzgründen den neuen Achterbahnen weichen. So wird manch ein Park mit der Zeit charakterlich in sich zerrissen, wenn die neueren Attraktionen immer spektakulärer werden und sich immer mehr in die Richtung des Disney-Vorbildes entwickeln.
Und was sollte ein „altertümlicher“ Park auch tun, wenn das Publikum nun einmal immer wildere Fahrgeschäfte haben will? Marionetten und Rutschbahnen können heutzutage nun einmal kaum die kleineren Kinder noch wirklich begeistern. Ist es also für einen Freizeitpark unumgänglich, sich dem Zeitgeist zu beugen, und die eigene Identität zugunsten der neueren Entwicklung fallen zu lassen?

Meine Antwort darauf besteht in einem klaren Nein, und als Beleg möchte ich Tripsdrill aufführen – einen Park, der einen so eigenen und eindeutigen Charakter besitzt, wie man es sich nur denken kann.
Auch dieser Park hat bescheiden angefangen, mit einer simplen Rutsche – der Altweibermühle – und einigen bewegten Figuren, die das schwäbische Erbe in aller Selbstironie feiern. Aber der Park ist nicht nur bemüht, diese alten Attraktionen zu behüten und pflegen, er schafft sich bis heute seine gesamte Identität aus diesem charmanten Erbe.
Die alten Teile des Parks sind durchweg simpel gehalten, einfache Puppen und liebevolle Witzeleien, so charmant, dass sie auch heute noch das Publikum halten können. Die neueren Bahnen liegen heute auf der gleichen Linie – nur sich es aufregende Achterbahnen und Wasserbahnen, in denen das ländliche Erbe des Parks gefeiert wird. Ob im Waschzuberrafting, in der Badewannenfahrt zum Jungbrunnen oder in der Sägewerk-Holzachterbahn Mammut, überall gelingt es dem Park, großartige Attraktionen mit der eigenen, altertümlich-verschrobenen Parkidentität zu verbinden. Dieses Beispiel zeigt unter anderem auch, dass ein einziges, übergeordnetes Thema einen gesamten Freizeitpark gut tragen kann.
Von der alten Rutsche zur kühnen Achterbahn passt hier alles zusammen und fügt sich zu einer homogenen Einheit, in einer Vielfältigkeit der Fahrgeschäfte, von denen andere Parks nur träumen können.

Um zum Fazit zu kommen: Es besteht für mich keine Frage, dass ich Disneyland liebe und die Disney-Parks in ihrer Gesamtheit für die besten Freizeitparks überhaupt halte. Aber das heißt nicht, dass ich in jedem Freizeitpark einen zweitklassigen Disney-Clon sehen möchte. Wenn mir der Sinn nach der Disney-Qualität steht, dann besuche ich das Original – und ich bin überglücklich, wenn die anderen Parks dagegen ihren eigenen Charakter und eigene Ideen pflegen. Erst dadurch werden ja Europapark und Co. für mich interessant; nicht durch die nachgemachten Disney-Bahnen, sondern durch einzigartige Kunstwerke wie Poseidon, Black Mamba oder schlicht Tripsdrill.