Seit seinem Entstehen stellt das Internet eine Bastion der freien Meinungsäußerung und Weitergabe dar, ohne eine allgemeine Zensur oder Korrektur. Natürlich kann es dabei nicht ausbleiben, dass auch viele Fundstücke dabei sind, die den Leser nur den Kopf schütteln lassen – Dokumente von Ignoranz und Diskriminierung oder schlicht Manifeste für eine so engstirnige Sichtweise, dass es dem freiheitlichen Charakter des Mediums Internet zu spotten scheint. Würde man sich die Mühe machen, sich über jede kurzsichtige oder bornierte Stellungnahme zu erhitzen, so käme man wohl in seinem Leben zu nichts anderem mehr.
Aber bei aller Abstumpfung finden sich im World Wide Web doch immer wieder Seiten, bei denen dem unvorbereiteten Leser eigentlich nur noch die Tränen kommen können. Grund dafür kann neben dem hanebüchenen Inhalt vor allem die zutiefst überzeugte Grundhaltung des Autors sein, und die Menge an Menschen, die sich davon bewegen lassen. Ein perfektes Beispiel für solch eine zum Selbstläufer werdende Stupidität ist wohl diese Online-Petition:
Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens

Es handelt sich hierbei um einen Protest gegen den neuen Bildungsplan, der in Baden-Württemberg ab 2015 in Kraft treten soll; um genau zu sein, gegen das angestrebte Prinzip der „Akzeptanz sexueller Vielfalt“. Wie es Petitionsschöpfers Gabriel Stängle ausdrückt „soll dies so aussehen, dass Schülerinnen und Schüler die verschiedenen Formen des Zusammenlebens von/mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender, Transsexuellen und Intersexullen [sic] (LSBTTI) kennen und reflektieren sollen, wie schwule, lesbische, transgender Kultur und deren Begegnungsstätten. Die Pläne schießen über das Ziel hinaus“

Diese Petition hat gerade in den letzten Tagen für einigen Aufruhr gesorgt. Sie wird auf der Homepage selbst heftig diskutiert, hier gibt es seit kurzem eine erfolgreiche Gegenpetition, und am Freitag erschien in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel Wider die Toleranz ein umfassender Artikel über die Hintergründe und Motivationen. Wie schon gesagt, ist das Erschreckende der Petition gar nicht die diskriminierende Engstirnigkeit des Autors, sondern den weitreichenden Anklang, den seine Aktion zu finden scheint. Ich weiß nicht, ob jeder der Unterzeichnenden den gesamten, vor offener Intoleranz und Diskriminierung strotzenden Text wirklich gelesen hat, oder ob sie einfach nach einer kurzen Zusammenfassung schnell beigestimmt haben – und ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich beschämender fände.

An sich sollte ja schon der Name der Petition stutzig machen. Es ist die Rede von „der Ideologie des Regenbogens“ – als wären es gerade die Schwulen, die dafür bekannt sind, harte Ideologien vor sich herzutragen und gegen Toleranz und freie Persönlichkeitsentfaltung anzukämpfen.
Und auf ebendieser Linie strotzt die gesamte Beschreibung vor ideologischen Argumenten und volkstümlichen Vorurteilen. Die Petition wirkt durch und durch von einer Panik durchdrungen, die Toleranzbewegung könnte am Ende zu viel vom moralischen Kuchen der Kindererziehung abbekommen. Aus Sätzen wie „Die Eckpunkte einer neuen Sexualethik meinen (…) eine Infragestellung der heterosexuellen Geschlechter von Mann und Frau“ spricht eine kopflose Angst vor einer sich öffnenden Gesellschaft. Und noch in gleichem Absatz wird das Grundgesetz selbst frei uminterpretiert:
„Lehrkräfte sollen die nächste Generation mit dem Anspruch, sämtliche LSBTTIQ-Lebensstile seien ohne ethische Beurteilung gleich erstrebenswert und der Ehe zwischen Mann und Frau gleichzustellen, an eine neue Sexualethik heranführen. Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgt noch nicht, dass jedes Verhalten als gleich gut und sinnvoll anzusehen ist.“
Der Mensch ist also gleich – außer er folgt einem Lebensstil, der zwar niemanden negativ beeinträchtigt, aber immerhin Herrn Gabriel Stängle nicht ganz zu passen scheint? Diese Argumentation ließe sich wohl auf sehr viele „unterschiedliche Verhalten“ anwenden; man könnte argumentieren, dass ein unterschiedlicher Kleiderstil, Musikgeschmack oder einfach Beruf in gleicher Weise als „nicht gleich gut und sinnvoll anzusehen ist“ und damit trotz Grundgesetz problemlos zu diskriminieren wäre.
Und dass der Autor wirklich kein Problem in offener Diskriminierung sieht, geht aus diesem Vorwurf hervor:
„Eine so genannte „sexuelle Identität“, wie z.B. die Transsexualität soll baden-württembergischen Schülerinnen und Schülern als Ausdrucksform von gesellschaftlich gewollter Sexualität vermittelt werden.“
Dies ist eine offene Beschwerde dagegen, dass nach dem neuen Lehrplan beispielsweise Transsexualität als gesellschaftlich akzeptabel dargestellt würde! Ganz offensichtlich stehen für Gabriel Stängle nicht die Menschen selbst mit ihren jeweiligen Persönlichkeiten und Unterschieden im Vordergrund, sondern hauptsächlich die Frage, welche Art von Sexualität wohl „gesellschaftlich gewollt“ sein mag.

Aber der wohl erschreckendste und vernichtendste Punkt dieser Petition ist der, wie argumentativ mit der höheren Suizidgefährdung von homosexuellen Jugendlichen umgegangen wird. In der Beschreibung fallen Zitate wie:
„In „Verankerung der Leitprinzipien“ fehlt komplett die ethische Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils, wie die höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, (…) die deutlich geringere Lebenserwartung homo- und bisexueller Männer, das ausgeprägte Risiko psychischer Erkrankungen bei homosexuell lebenden Frauen und Männern.“
Ganz offensichtlich nimmt Gabriel Stängle diese Daten vollkommen unreflektiert an, ohne auch nur darüber nachzudenken, was der Grund für die psychischen Probleme von Menschen einer ungewöhnlichen Sexualität in der heutigen Gesellschaft sein könnte. Dass es mangelhaftes Wissen der Mitmenschen und daraus folgend fehlende Toleranz und Einfühlungsvermögen sein könnten, die gerade Jugendliche in Depressionen stürzen – also genau das, wogegen sich der neue Lehrplan bemüht, vorzugehen – ist für den Autor wohl von Anfang an ausgeschlossen, denn:
„Zugleich ist das Hauptargument der LSBTTIQ-Akzeptanz-Kampagne die Reduktion der hohen Suizidgefährdung bei homosexuellen Jugendlichen. Es gibt aber keinen empirisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen Suizidgefährdung und Diskriminierung, der dies aufgrund nicht akzeptierender Einstellung im Bereich jugendlicher Homosexualität erklären kann.“
Wer käme schon auf die Idee, dass ein in Schule und sozialem Umfeld gemobbter junger Mensch, der seiner eigenen Sexualität noch unsicher ist und auch von niemandem darin bestärkt wird, daraus gewisse psychische Probleme erfahren könnte?! Im Gegenteil; wenn es nach dieser Petition ginge, dann sollten ja gerade derartige „Begleiterscheinungen“ wie Suizidgefährdung stärker thematisiert werden. Ein Ansatz, der den schon geplagten Jugendlichen sowohl innerlich, als auch was den Druck von außen angeht, sicherlich keine Erleichterung wäre.

Nach all dem stellt sich nun die Frage, was denn überhaupt das langfristige Ziel dieser Petition und der angestrebten Rückänderung des Lehrplanes sein soll. Selbst wenn man Gabriel Stängles Gedankengang folgen und annehmen würde, dass es inhärente Nachteile hätte, schwul zu sein – warum wäre dies nun ein Argument für weniger Toleranz und Aufklärung in den Schulen?
Die einzige Erklärung ist doch die, dass wir es hier wieder mit der altbekannten These zu tun haben, Homosexualität oder generell sexuelle Neigungen seien in irgendeiner Weise antrainiert oder eingeübt. Anders gesagt, wir müssen unsere Kinder davor „schützen“ nicht aus Versehen schwul zu werden.
Was soll ich sagen? Diese Sichtweise ist nicht nur respektlos; um ihre Absurdität zu sehen, muss jeder Einzelne sich nur vorstellen, wie es wäre, sich in seiner Sexualität einfach „umzuentscheiden“. Ich denke, ein derartiger Willensakt wäre wahrhaft beeindruckend. Und dennoch, mit derart hanebüchenen Theorien und Ängsten müssen homosexuelle Menschen seit Jahrhunderten fertigwerden. Sie mussten sich einsperren lassen und selbst heute noch müssen sie fortwährend für ihre Gleichheit der Rechte kämpfen – auch wenn klar ist, dass dies nach dem Grundgesetz in unserem Land längst keine Frage mehr sein sollte.

Wer füttert diese Ungleichbehandlung? Was sind es für Menschen, die eine derartige Panik davor haben, mit alternativen Lebensstilen auch nur in Berührung zu kommen?
Dass Gabriel Stängle selbst schlichtweg keine Ahnung vom heutigen Schulalltag hat, ist übrigens auszuschließen; er ist von Beruf Realschullehrer und damit höchstpersönlich für die Ausbildung und auch die Erziehung junger Menschen zuständig. Damit ist er in genau der Position, in der er den Jugendlichen eine moralische Stütze sein könnte – oder eben eine zusätzliche Bürde, wenn er mit intoleranten Gegenansätzen noch weiter zu ihrer Ausschließung beiträgt.

In unserer heutigen, sich gerne als aufgeklärt bezeichnenden Welt sollte jeder verantwortungsbewusste Mensch froh über die Möglichkeit sein, Kinder tolerant und offen zu erziehen. Und genau darum geht es in dem neuen Lehrplan, um Toleranz und Offenheit, nicht mehr und nicht weniger. Es ist kein Trick, um unschuldige Kinder zur Homosexualität umzuerziehen, es ist ein Versuch, die Vorurteile und Grausamkeiten Heranwachsenden gegenüber wenigstens ein Stück weit abzumildern.
Wir müssen diesen Weg weitergehen. Und das allen Menschen zum Trotz, die  Angst haben, dass ihre Kinder ein aufgeschlosseneres Weltbild beigebracht bekommen, als sie selbst es innehaben.