Wenn man sich eine bildliche Darstellung Gottes vor Augen rufen will, so wird man wohl unweigerlich auf Die Erschaffung des Adam von Michelangelo stoßen, den zentralen Teil des Deckenfreskos der Sixtinische Kapelle. Das Bild ist so ikonisch wie kaum ein religiöses Gemälde sonst, und als die Darstellung der Erschaffung des Menschen an sich hat es sich längst im allgemeinen Bewusstsein verewigt.

Von daher ist dieses Gemälde ideal für jede Art von übertragener Nutzung oder auch symbolischer Verwendung, gerade auch in abgewandelter Form. Ob es nun um eine „offizielle“ Darstellung des Spaghettimonsters oder um ganz simple Parodien oder Hommagen an den christlichen Glauben geht, Michelangelos Bild ist stets ein Garant für einen allumfassenden Wiedererkennungswert des Originals.
Unter den endlosen Wiederverwendungen und Verfremdungen des Gemäldes habe ich persönlich zwei ganz klare Favoriten, nämlich die Nutzung der Erschaffung des Adam in der Rocky Horror Picture Show und in dem (sicherlich von ersterem inspirierten) Der Tod steht ihr gut – zwei filmische Werke, die Michelangelos Meisterwerk auf nahezu identische Weise einsetzen.
Während The Rocky Horror Picture Show einen absoluten Kultklassiker darstellt (über den ich auch an anderer Stelle schon etwas geschrieben habe), ist Der Tod steht ihr gut eine mittlerweile eher in Vergessenheit geratene Komödie – und das trotz seiner mindestens ebenso illustren Cast. Alleine der Anblick von Meryl Streep in der Rolle einer talentlosen Schauspielerin und Diva, und Bruce Willis als alternder Leichenbestatter, der sich von Frau und Freundin gnadenlos ausnutzen lässt, ist den Film allemal wert.

Die beiden Filme sind sich in ihrer Handlung zwar nicht besonders ähnlich – es wäre auch kaum möglich, den Irrsinn der Rocky Horror Show in irgendeiner Weise zu reproduzieren. Aber was beide Filme verbindet, ist die Personifizierung des Magischen oder Übernatürlichen, die dem eher gewöhnlichen Protagonistenpärchen erscheint; in der höchst sexualisierten Form von Tim Currys Dr. Frank’N’Furter, beziehungsweise Isabella Rossellinis Lisle von Rhoman.
Beide Gestalten sind Momente des Magischen, die die unbescholtenen Hauptfiguren zu sich locken, ihnen versprechen, ihr Leben zu verändern, und das mit mehr als unerwartete Folgen. Sie sind beide Ausländer, mit noch sehr viel fragwürdigerem realen Hintergrund, sie leben jeweils in einem schlossartigen Anwesen, das so gar nicht in die mondäne amerikanische Umgebung passt. Umgeben von halbnackten jungen Männern, die dort Tag und Nacht zu ihrer Verfügung stehen, regieren sie als Herr bzw. Herrin ihrer eigenen kleinen Welt, die nur für sie ein ewiges Fest abhält. Dort warten Frank und Lisle wie eine Spinne auf ihre unbescholtenen Opfer, die notgedrungen zu ihnen finden, um ihnen ein ganz besonderes Geschenk zu verleihen: neue Kraft und Sexualität.

Während es bei Frank’N’Furter um die erste Begegnung mit dem Thema Sexualität geht, zu der er seinen Gästen gerne auch gegen deren Willen persönlich verhilft, ist es bei Lisle die Wiedergewinnung verlorener Jugend, die sie mittels eines Zaubertrankes an alle Suchenden verkauft. Am Ende stellt sich die neugewonnene Gabe in beiden Fällen als ein höchst zweifelhaftes Geschenk heraus, doch fest steht, dass Frank und Lisle jeder auf seine Weise die Fähigkeit haben, ein neues Leben zu verteilen.
So ist es kaum verwunderlich, dass auch beide im Herzen ihres Anwesens über das gleiche Symbol verfügen; ein Schwimmbad – sicherlich als eine Art Jungbrunnen zu verstehen – dessen Boden bzw. Decke Michelangelos Erschaffung des Adam zeigt. Mit einer wichtigen Anpassung: In beiden Fällen berühren sich in dieser Version des Bildes die Finger von Gott und Adam. Der Mensch ist neu erschaffen, jede Grenze wird gebrochen.

Soweit zu den Parallelen der beiden. Doch alleine schon die eigene Selbstdarstellung von Frank und Lisle zeigt, was ihrer beider Gaben von Grund auf unterscheidet. Sie beide haben ein Faible von Auftritten und wissen genau, wie sie sich ihren Gästen gegenüber präsentieren möchten. Bei Frank ist es die unsterbliche Sweet-Transvestite-Nummer, in der er sich Brad und Janet vorstellt, seinen Mantel lüftet und zur allgemeinen Schockierung ein äußerst aufreizendes Strapsen-Outfit präsentiert. Lisle zeigt sich Ernest gegenüber in ihrer ersten Begegnung ebenfalls sehr ungeniert; unbekleidet kommt sie aus dem Bad heraus und lässt sich erst vor seinen Augen in einen weiten Mantel hüllen. Und genau das ist der Unterschied: Frank zeigt sich, indem er sich enthüllt, Lisle indem sie sich verhüllt. Wo Lisles Auftreten ein ständiges Verbergen bedeutet, stellt Frank eine andauernde bewusste Entblößung dar.
Auch die neu auferweckten Jünger durchlaufen in beiden Fällen nach der jeweiligen Gottesberührung eine große Verwandlung, die sich zuallererst äußerlich bemerkbar macht: Brad und Janet finden sich in Korsage, Strapsen und aufwändigster Gesichtsbemalung auf einer Bühne wieder, Madeline kann mit eigenen Augen die Rückverwandlung ihres Körpers zu jugendlicher Frische mitverfolgen. Doch genau hier liegt wiederum der Unterschied. Während Janet diese Transformation zuerst äußerst unfreiwillig unternimmt, so fühlt sie sich doch in dem Moment, als sie aufwacht, auf seltsamste Weise befreit. „I feel released“, singt sie, und „Reality is here“. Jetzt erst sieht sich Janet als die, die sie wirklich ist; erst mit Franks Hilfe konnte sie sich von moralischem Muff und Konventionen befreien. Nun erst ist sie nicht mehr verkleidet, sondern ganz und gar sie selbst. „Don’t dream it – be it“ – es ist nicht nur der Refrain des Liedes, sondern das Motto der gesamten Show selbst. Lebe deinen Traum.
Bei der durch Lisle ausgelösten Verwandlung sieht das etwas anders aus. Sie gibt ihren Kunden ihre Jugend zurück und gleichzeitig das ewige Leben – so sie denn entsprechend auf ihren Körper achten können. Es ist eine Maske, die Helen und Madeline anlegen, eine krampfhaft erzwungene Rückbesinnung auf längst vergangene Jugendzeiten. Und dieses Geschenk ist ebenso kurzlebig wie zweischneidig. Natürlich können die beiden Frauen eben nicht genug auf ihren künstlich verjüngten Körper achtgeben, und so wird aus der zurückgewonnenen Schönheit schnell eine groteske Maske des Zerfalls. Keine Rede ist hier mehr von wahrer Selbstentfaltung oder Auslebung, und Lisles Wahlspruch „Lebe ewig!“ entpuppt sich allzu bald als morbider Fluch. Ernest, der schwache, nicht allzu helle Gegenpol zu den beiden Frauen ist der einzige, der dieses Schicksal als das erkennt was es ist – und so ist er derjenige, der die Glaskuppel sprengt und Lisles gepflegtes Selbstbild als Finger Gottes zum Zerbersten bringt.

Ich finde es schlicht unglaublich interessant, diese beiden schillernden Gestalten in ihrem Selbstbild und in ihrer Wirkung auf andere zu vergleichen. Frank’N’Furter und Lise von Rhoman sind zwei Filmgestalten, die sich gerade in ihrem eigenen Filmuniversum gegen alle Regeln stellen und als Ausnahmecharaktere etablieren. Umso spannender finde ich es, zu sehen, dass die beiden in ihrer Bedeutung gerade gegensätzliche Funktionen einnehmen – Frank die der Offenlegung und der Kultivierung des wahren Selbst, und Lisle die der dauerhaften Maskierung und Verschleierung. Und das, obwohl sie den Menschen in ihrer Umgebung am Ende das gleiche Geschenk machen wollen: Kraft und Schönheit, die endgültige Berührung des Göttlichen.
Am Ende bleibt die Berührung der Finger von Gott und Adam eine Vision, die niemals wahrhaftig erreicht werden kann.