Es gibt immer wieder den allgemeinen Vorwurf, jede fiktive Literatur sei eine Form von Eskapismus. Und je nachdem, wie man diesen Begriff definieren will, könnte man es sicherlich so ausdrücken. Jede Art Fiktion, ob nun in Buch oder Film, ja, jede Art von Kunst ist schließlich dazu geschaffen, den Rezipienten fortzutragen und ihm ein Erlebnis zu bieten, das jenseits der direkten, erfahrbaren Realität liegt.
Natürlich gibt es bei genauerer Betrachtung dann doch die unterschiedlichsten Impulse, die zum Schaffen von Kunst führen. Es gibt Kunst, deren Zweck es weniger ist, die Menschen aus der realen Welt fortzuführen, als vielmehr, sie dazuzubringen, nachzudenken, und ihre eigene Welt neu zu erfahren. Gerade im Bereich von Buch und Film genügen sich viele Werke auch darin, den Zuschauern eine simple Moral in hübscher Verpackung vorzustellen; einen Leitfaden, den man so oder so ähnlich auf das eigene Leben anwenden könne.
Aber unter all den Formen, die gerade moralisch angehauchte Kunst haben kann, gibt es dann doch immer wieder einen Bereich, der nicht anleiten oder gängeln will, sondern der sich darin genügt, seinen Zuschauern ein schönes, angenehm-gemütliches Bild zu bieten von einer Welt, in der am Ende schon alles gut werden wird. Eine Welt mit der einfachen Aussage: „Wenn es dir heute auch dreckig geht, morgen sieht sicher alles wieder besser aus.“

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Ich sage nun nicht, dass das eine falsche oder gar gänzlich unrealistische Botschaft sein muss. Aber wenn ein Werk augenscheinlich kein anderes Thema hat als dass, dass sich unglückliche Situationen am Ende in Glückseligkeit auflösen werden, so stellt sich doch die Frage, wo der tiefere Sinn oder gar der Ansporn hinter einer solchen Aussage steckt. Und doch gibt es eine Unzahl von klassischen Werken gerade der an Kinder gerichteten Bücher und Filme, die nicht viel mehr Inhalt haben als den, dass die anfangs verachtete Hauptfigur sich am Ende glücklich und zufrieden wiederfindet, und das meist gerade aufgrund der „Mäkel“, die sie zu Beginn als Außenseiter markiert haben.
Rudolph-the-Red-Nosed-Reindeer-christmas-movies-3172545-1080-720 Die Beispiele reichen von klassischen Märchen wie Das hässliche Entlein oder Aschenputtel, über modernere Kinderklassiker wie Rudolf, das Rentier mit der roten Nase oder Dumbo, bis hin zum Anfang der gesamten Harry-Potter-Saga. Und diese Allgemeingültigkeit ist nicht verwunderlich. Gerade im Kindes- und Jugendlichenalter fühlen sich die meisten Menschen auf die eine oder andere Weise als Außenseiter; jeder hat seine Eigenheiten, die ihn von den anderen abzuspalten scheinen und in eine eigene Ecke drängen. Die Aussicht, dass gerade die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten – die in Wahrheit ja meist nur die persönlichen Charakterzüge jedes Einzelnen sind – einen irgendwann an die umjubelte Spitze tragen könnten, muss da notgedrungen wie ein befreiender Erlösungsspruch klingen. Es ist also nur natürlich, dass dieser Ansatz in Geschichten sich seit jeher großer Beliebtheit erfreut und einen allgemeinen, ewigwährenden Nerv trifft.

Meine Überlegung ist nun folgende: Wieso finde ich manche dieser Geschichten charmant und reizvoll, während mir andere nur ein müdes Lächeln entlocken?
Ich mag die verschiedenen Aschenputtel-Variationen immer wieder gern, ich liebe Dumbo und schätze diesen kleinen, gerne übersehenen Film als einen von Disneys schönsten Filmen, doch Das hässliche Entlein hat mir noch nie besonders zugesagt und die Geschichte von dem Rentier mit der roten Nase finde ich schlichtweg albern. Wieso diese auf den ersten Blick völlig wahllosen Vorlieben?
Einen ersten Ansatz dazu bietet mir Brechts Gedicht Die Seeräuber-Jenny. Dieses Lied, gesungen von einem Abwasch-Mädchen in einer Hafenkneipe, erzählt von ihrer Erwartung, einst von Piraten errettet zu werden und ihre gesamte Heimatstadt dann dem Untergang preiszugeben. Was dabei nicht klar wird, ist, ob Jenny Grund zu dieser Vermutung hat, oder ob das Lied eine reine unerfüllbare Wunschfantasie bleibt. Und gerade in dieser Frage liegt für mich der gesamte Unterschied.

Wenn Jenny wirklich die Ankunft der Piraten erwartet, so hat das gesamte Lied einen völlig anderen Kontext. Sie hat eine Vorgeschichte mit den Piraten, gehört höchstwahrscheinlich selbst dazu, und hat sich alleine dadurch die drohende Rache hart erarbeitet.
Wenn es sich allerdings um reine Tagträumerei handelt, so ist diese zwar verständlich und gut nachvollziehbar – aber doch gänzlich unverdient. Niemals wird ein Piratenschiff kommen, um das arme Schankmädchen Jenny zu retten, und zwar deshalb, weil Jenny nicht getan hat, was eine solche „Errettung“ begründen würde. Sie ist unglücklich, doch außer sich in Träumereien zu verlieren tut sie nichts, um ihrem tristen Schicksal zu entkommen.
Und genau von diesem Punkt hängt es ab, ob ich Sympathien für die Figur entwickele; von der Frage, ob sie selbst etwas getan haben, oder auch nur den Versuch gestartet haben, etwas zu tun, um ihr Leben zu verändern.

cinderella-disneyscreencaps.com-6075Cinderella bemüht sich, alles in ihren Mitteln zu tun, um den königlichen Ball zu besuchen. Sie hat keine großen Möglichkeiten zum Kampf, doch was ihr an Optionen bleibt, nutzt sie voll und ganz aus. Wie genugtuend ist es also, sie mit einem Kleid beschenkt und vor den Augen der Stiefschwestern mit dem Prinzen tanzen zu sehen.
Dumbo hat es noch schwerer; seine großen Ohren sind nun einmal da, und er hat keinerlei Möglichkeit, irgendetwas dagegen zu tun. Und trotzdem bemüht er sich (mit tatkräftiger Hilfe von Timothy Maus), das Beste aus seiner Situation zu machen; er arbeitet dafür, auch trotz der zu großen Ohren auf die Zirkusbühne zu gelangen und nutzt jede potenzielle Möglichkeit, sei sie auch so abwegig wie der Zauber einer magischen Feder. Kein Wunder, dass ich mitjubele wenn sich diese äußerste Anstrengung gegen alle Wahrscheinlichkeit am Ende doch bewährt.
Rudolph-the-Red-Nosed-Reindeer-christmas-movies-3174652-1080-720 Was dagegen Rudolf oder das hässliche Entlein angeht, so tun diese Figuren nicht allzu viel, um ihre beklagenswerte Position zu verbessern. Das Entlein sucht zwar nach einer Mutter, doch weicht diese scheinbar vergebene Mühe schnell dem reinen Versuch, irgendwo zu überleben – verständlich, aber alles andere als heroisch. Und das Rentier tut nichts, um sich von selbst zu beweisen; erst, als sich die Umstände ganz unerwartet ändern und sein geheimer Wert erkannt wird, zeigt er sich dankbar für diese ganz unerwartete Fügung des Schicksals.
Was Harry Potter angeht, so bin ich in den Büchern nicht deshalb auf seiner Seite, weil er das Glück hat, als Zauberer geboren zu sein, oder weil er der Junge ist, der überlebte. Das sind Rahmenumstände, die mit seinem eigentlichen Wert nicht viel zu tun haben. Die Harry-Potter-Reihe ist dann spannend, wenn sie sich auf die Fähigkeiten ihrer Hauptfiguren beruft; wenn es darum geht, was Harry, Ron und Hermine gemeinsam erreichen können und nicht, wenn auf Harrys lange und vorahnungsreiche Herkunftsgeschichte gepocht wird.

Ein anderes Lied, das in gewisser Weise an Seeräuber-Jenny erinnert, ist Der Zauberer und ich aus Wicked. Auch dieses Lied stellt eine reine Wunschfantasie dar; die Hoffnung der jungen Elphaba, dass sich ihr Leben durch eine glückliche Fügung mit einem Mal völlig umkehren könnte. Und dieses Lied verfehlt seine Wirkung nicht: Die Kombination aus der jugendlichen, hoffnungsvollen Charakterisierung Elphabas, zusammen mit der unausweichlichen Tragik des Liedes – „so glücklich, dass ich beinah schmelz!“ – haben eine wahrhaft herzzerbrechende Wirkung inne.
Doch auch dieses Lied steht eben nicht ohne Kontext da. Es ist nicht die hoffnungsvolle Richtung dieser Szene, aus der Wicked seine Kraft bezieht, im Gegenteil: Erst als Elphaba ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, als sie aktiv wird und ebendie Träume, die Der Zauberer und ich verkörpert gänzlich loslässt, erst dann wird sie zu der starken, eigenständigen Heldin, der das Musical gewidmet ist. Der Zauberer und ich mag ein rührendes, ein schönes Lied sein – Frei und Schwerelos dagegen ist wahrhaft groß.

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Ich denke, genau das ist der Grund, weshalb dieses Thema einer einfachen, zum Großteil unverdienten Wunscherfüllung beinahe ausschließlich in Kinderliteratur zur Anwendung kommt. Einem Kind, gerade einem kleinen, genügt es, wenn die Sachen, die es sich wünscht ihm einfach in den Schoß fallen. Doch irgendwann setzt die Erkenntnis ein, dass es nicht reicht, auf die Geschenke des Schicksals zu warten, dass es eben notwendig ist, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen. Und ob in der Kunst oder in der Realität; es sind die Menschen, die sich die Mühe machen, für ihr Glück zu kämpfen, die am Ende nicht beneidet, sondern ehrlich beglückwünscht und bewundert werden.