Dass Fifty Shades of Grey nicht zur Krone der großen Literatur gehört, muss nicht extra erwähnt werden. Bei den Büchern handelt es sich um schlechte BDSM-Fanfic zu einer sowieso schon schlechten Vampirbuchreihe. Und im Gegensatz zu den Twilight-Büchern gibt es bei Fifty Shades of Grey auch kaum Verfechter der Serie. Trotz des unwahrscheinlichen Erfolgs der Bücher scheint es niemanden zu geben, der sie wirklich für qualitativ gut hält.

Natürlich wird ein derart unerwarteter Erfolg irgendwann zum reinen Selbstläufer. Auch ich habe die Bücher gelesen, zum einen aus Neugier, und zum anderen weil ich gerne bescheid weiß, ehe ich mich über ein Machwerk öffentlich auslasse. Ich fand den ersten Band erträglich und stellenweise ganz amüsant, den zweiten und dritten dagegen nur noch schmerzhaft langweilig.
Den Film, der dieses Wochenende angelaufen ist, werde ich nebenbei bemerkt mit Sicherheit nicht anschauen. Ich finde die Einstellung eines Hauptdarstellers äußerst fragwürdig, der nach einem Besuch in einem SM-Club öffentlich Kommentare bringt wie „Ich dachte: ‚Kommt schon, Jungs, ich weiß, ich zahle nicht dafür, aber ich erwarte eine Show.‘ Es war ein interessanter Abend. Danach zu meiner Frau und meinem neugeborenen Kind zurückzukommen … Ich habe lange geduscht, bevor ich die beiden berührt habe.“ Natürlich erwartet niemand, dass Jamie Dornan auch in seinem Privatleben irgendeine Affinität zum BDSM-Bereich zeigt. Aber eine sexuelle Ausrichtung, die er selbst nun in einem Hollywood-Blockbuster öffentlich vertreten soll, derart abwertend zu betrachten, hat mit beruflicher Professionalität nicht viel zu tun.

Aber zurück zu den Büchern. Jeder belächelt sie, jeder liest sie – ganz gleich ob innerhalb oder außerhalb der BDSM-Szene. Woher kommt diese so allgemeingültige wie paradoxe Einstellung?
Es gibt viele Erklärungsversuche, wie Fifty Shades of Grey zu einem so durchschlagenden Erfolg werden konnte. Von der simplen Wahl des Covers – familienfreundlich, buchhandelsgeeignet, und gerade ein klein wenig verrucht – bis zum „Ich will auch wissen, worüber alle da reden“-Effekt.
Aber noch spannender finde ich die Frage, wie sich das Buch überhaupt einen so umfassend schlechten Ruf aufbauen konnte. Ob auf BDSM-Partys, in öffentlichen Lesezirkeln, oder auf Mutters Kaffeekränzchen, die allgemeine Haltung zu diesem Machwerk scheint aus jeder Perspektive gleich zu sein. Das heißt allerdings nicht, dass die Vorwürfe selbst die gleichen sind, die gegen die Bücher vorgebracht werden: Aus öffentlicher, „unbelasteter“ Sicht hört man immer wieder, dass Fifty Shades of Grey antifeministisch sei, die Darstellung einer missbräuchlichen Beziehung, auf sträfliche Weise romantisierend verklärt. Von BDSM-lern selbst sehen die Vorwürfe sehr viel trivialer aus; es geht schlicht darum, dass die Bücher langweilig sind und keine „wirkliche“ SM-Beziehung darstellen.

Und genau in diesem Widerstreit liegt meiner Meinung nach das eigentliche Problem der Bücher: Es wird niemals eindeutig klargestellt, ob Christian Grey und Anastasia Steele nun eine vollwertige, konsensuale BDSM-Beziehung eingegangen sind oder nicht. Ist Anastasia wirklich klar, worauf sie sich hier einlassen will? Nutzt Christian ihre Verliebtheit aus, oder wirft sie selbst sich an den Hals, ohne die Konsequenzen genau genug abzuwägen?
Es ist das Problem des Meta-Konsens, das hier offenbar wird. Die Frage, ob zwei Personen in ihrer Beziehung ein Einvernehmen jenseits ihrer aktuellen Willensbekundung getroffen haben, ist niemals einfach, aber in dieser schwammigen Grauzone ist sie geradezu unmöglich zu entscheiden.
Generell wird in unserer Gesellschaft das Prinzip des Meta-Konsens eher sehr zurückhaltend bis negativ betrachtet. Und das nicht ohne Grund: Sobald man davon ausgeht, dass die direkte Willensbekundung eines Beziehungspartners auf Grund von äußeren oder umfassenden Umständen ignoriert werden darf (oder gar sollte), ist der Willkür und jeder Form von häuslicher Gewalt Tür und Tor geöffnet. Aber dennoch kann man dieses Prinzip deswegen doch nicht ignorieren. Es gibt nun einmal Beziehungen – innerhalb, so wie außerhalb des BDSM-Bereichs – in denen Meta-Konsens als Konstrukt nicht nur funktioniert, sondern einen der Grundpfeiler der Beziehung ausmacht. Ja, es gibt glückliche, gesunde Beziehungen, in denen einer der Partner die vollständige Macht innehat, wo er oder sie tut, was immer er will – auch und gerade gegen den offenen Protest des anderen. Das hat nichts mit einer missbräuchlichen Beziehung zu tun, genauso wenig wie eine leidenschaftliche SM-Session ein Beispiel für häusliche Gewalt darstellt.
Ja, es gibt ungesunde Beziehungen, in denen ein Partner gegen seinen Willen gedemütigt, verletzt und unterdrückt wird. Dieses äußerst reelle Problem will ich hier absolut nicht kleinreden. Aber ebenso muss man sich im Klaren sein, dass die Realität manchmal auch anders aussieht; auch außerhalb von festen Regeln und einer klaren SM-Szene gibt es in Beziehungen implizite, niemals ausgesprochene Abmachungen, die für einen Außenstehenden unbegreiflich bis gar gefährlich wirken können.
Eines der anschaulichsten Beispiele für diese Art von metakonsensualem Handeln liegt für mich in Vom Winde verweht, in der Szene, in der Rhett Scarlett in einem Anfall von Rage die Treppe hinaufschleift, um seine Rechte als Ehemann gewaltsam einzufordern. Rhett handelt in dieser Szene ganz klar gegen Scarletts erklärten Willen – ebenso klar, wie es genau das ist, was Scarlett sich schon lange von ihm ersehnt hat, was sie tief im Innern brauchte.
Es ist ein Prinzip, das wir in unserer Gesellschaft nur mehr gefühlsmäßig begreifen und akzeptieren können, ohne verstandesmäßig erklären zu können, wieso diese Art von Zwang und Gewalt nun auf einmal erlaubt sein sollte.

Aber natürlich ist solch ein impliziter Konsens, vor allem wenn sich die Situation derart fließend und undefiniert darstellt, ein unglaublich schwieriges Thema – gerade weil es durchaus Fälle von echtem Missbrauch gibt, bei denen sich der Mann genau diese Situation einredet. Ob in der Außenbetrachtung oder in der Beziehung selbst, es ist schwierig, ein solch instabiles Gleichgewicht auf steter Ebene gesund zu halten. Und Fifty Shades of Grey liefert nun ein perfektes Beispiel für einen Fall, bei dem der implizite Konsens beider Partner nur ansatzweise definiert ist, und die gesamte Beziehung damit gerade auf der Kippe zwischen gesund und missbräuchlich zu baumeln scheint.
Aus BDSM-Sicht kann mal als Leser davon ausgehen, dass eben dieser Meta-Konsens zwischen den beiden vorhanden ist. Auch ohne eine genau abgesprochene Definition ihrer Beziehung verhalten sie sich entsprechend, und die gesamte Beziehung scheint genau auf dieser Ebene abzulaufen: Christian tut Anastasia auf eine Weise Zwang an, die ihr insgeheim gefällt (was ja auch sehr deutlich klargemacht wird), und die daher den Regeln ihrer Beziehung entspricht.
Das Problem ist nur, dass die Romanze nach diesen Maßstäben durchgehend eher altbacken bleibt. Verglichen mit dem Kitzel einer „echten“ SM-Beziehung ist der Roman schlichtweg langweilig. Christian weiht Anastasia ein in die Welt des kinky Sex, aber weder auf SM- noch auf DS-Ebene wird das Zusammenspiel der beiden je wirklich spannend; niemals werden echte Grenzen auch nur ansatzweise erreicht.
Die einzige Ausnahme dafür ist der Eklat, der das Ende des ersten Bandes beschließt – aber gerade in dieser Situation, als Christian Anastasia zum ersten und einzigen Mal wirklich wehtut, wird von beiden sofort scharf zurückgerudert. Es wird klar, dass sie in dieser Szene bereits viel zu weit gegangen sind.
Der Rest besteht aus lächerlich genau definierten Listen und Abkünften, aus übersteigerter Porno-Erotik und aus einer Romanze, die in kürzester Zeit geradezu unerträgliche Kitsch-Grade anzunehmen vermag.

Wenn man das Buch nun andererseits ohne die Grundvoraussetzungen einer BDSM-Beziehung im Hinterkopf liest, dann ist es gut möglich, dass sich die Geschichte völlig anders darstellt. Anastasia und Christian haben nie eine wirklich klare, fest definierte Abmachung, was in ihrer Beziehung nun erlaubt ist. Und aus dieser Sicht heraus lässt sich Christians Handeln nun rein destruktiv umdeuten: Er vergewaltigt Anastasia, er tut ihr weh und er schränkt sie in ihrer persönlichen Freiheit ein. Dass dieses Handeln sie nun innerlich zutiefst befriedigt, muss für diese Sicht keine Rolle spielen, im Gegenteil. Die Beziehung zwischen den beiden wird zu einem schlimmen Fall von Missbrauch, der in dem Buch nun noch aufs sträflichste romantisiert wird. (Eine Sicht, die nebenbei gesagt genauso auf die Twilight-Romane anwendbar ist, nur dass sich in diesem Fall kaum eine andere Lesart finden ließe.)
Gerade das Ende des ersten Bandes stellt sich so als eine echte Problemstelle dar: Ein Mann schlägt seine Freundin, soweit bis sie es nicht mehr erträgt und ihn verlässt. Daraufhin tut er alles, um sich zu entschuldigen und sie zurückzuholen, mit den tiefsten Versprechungen, dass so etwas nie wieder vorkommen wird, bis sie ihm schließlich glaubt. Es liest sich wie ein Paradefall in einem klassischen Missbrauchschema.
Bis eben darauf, dass nun gerade diese Szene hundertprozentig abgesprochen und in beidseitigem Einverständnis geschieht. Christian hat genau abgesprochen, was er tun wird, Anastasia hat zugestimmt und sich bereiterklärt. Ein Safeword war abgesprochen – nur dass Anastasia „nicht daran gedacht“ hat, es auch anzuwenden. Dass sie nun eine Szene macht und Christian die Schuld an ihrem Zusammenbruch gibt, ist so kindisch wie verantwortungslos von ihr.

Diese Szene – immerhin das Finale des ersten Buches – ist also aus beiden Sichtweisen heraus zu verurteilen, nur die Gründe dafür sind gerade gegensätzlich. Und dieses Schema lässt sich auf alle drei Bücher anwenden: Für jeden ist etwas dabei, dass die Bücher ärgerlich und in ihrer Darstellung lächerlich wirken lässt – aber eben gerade noch lesbar.
Am Ende schaffen es die Fifty-Shades-Bücher, sich derart zwischen den Stühlen zu platzieren, dass sie bei jeder Leserschaft gerade noch durchkommen können. Sie werden überall zum Stein des Anstoßes, dafür wecken sie aber auch auf jeder Seite Interesse – gerade genug, um den Hype mit stetem Feuer zu versorgen.

Sieht das traurige Resultat nun so aus, dass „saubere“, allgemeinverträgliche BDSM-Literatur nur erfolgreich sein kann, wenn sie schlecht ist?
Ich möchte nicht an so ein Fazit glauben. Ob nun in literarischer Form, ob als Schlafzimmer-Erfahrung oder als ganz offene Party, es gäbe sicher Möglichkeiten, Erfahrungen zu schaffen, die für beide Welten spannend sein können – für alteingesessene SM-ler wie für neugierige Fremdlinge. Große Kulturklassiker wie Der Widerspenstigen Zähmung haben seit jeher bewiesen, dass auch BDSM-Werke das breite Publikum ansprechen können, solange sie nur allgemein als Kunst angenommen sind.
Es könnte wirklich spannend sein, zu sehen, was sich sonst an kulturellen Errungenschaften auf diesem Gebiet noch etablieren könnte. Und wenn Fifty Shades of Grey auch nur geholfen hat, eine Tür weiter einzubrechen, so sei ihm der Erfolg alleine dafür meinetwegen gegönnt.