Ich bin im Allgemeinen kein großer Krimi-Fan; es ist neben Science-Fiction das einzige Genre, mit dem ich generell wenig anfangen kann. Von dieser Regel gibt es jedoch zwei große Ausnahmen: die Sherlock-Holmes-Bücher von Sir Arthur Conan Doyle und die Kriminalromane von Friedrich Dürrenmatt. Es handelt sich bei den beiden Autoren um die absoluten Enden des Spektrums; sie spannen grob gesagt alles auf, was als Krimi denkbar scheint.
Bei Sherlock Holmes kann ich zugeben, dass ich die Geschichten alleine wegen der Gestalt von Holmes mag, einer Figur, die egal in welcher Ausprägung immer faszinierend bleibt. Aber unabhängig davon stellen die Geschichten um den Londoner Privatdetektiv für mich den Inbegriff des klassischen Detektivromans dar. Holmes ist in seinen Schlussfolgerungen nahezu fehlerlos und seine Arbeitsweise ist absolut brillant. Alleine durch exaktes Beobachten und Folgern kommt er jedes Mal auf das richtige Ergebnis – auf eine Weise, die vom Autor absolut konstruiert, und gerade deswegen grandios zu lesen ist. Und auch wenn Holmes selbst gerne betont, dass er selbst kaum perfekt ist, so ist er, was ansatzweise realistische literarische Figuren angeht, doch die Perfektion im Reinformat; eine kühl durchkalkulierende Denkmaschine.

Am anderen Ende des Spektrums liegt wie gesagt Dürrenmatt. Der Schweizer Dramatiker hat neben seinen Komödien, Tragödien und Grotesken auch eine Reihe von Kriminalromanen geschrieben, und diese Romane beschäftigen sich in ihrem Kern immer mit ihren allzu menschlichen Figuren und insbesondere deren Fehlbarkeit. Bei Dürrenmatt wird dem Leser schnell klar, dass er nicht einen flüchtigen Ratekrimi, sondern ein Stück Literatur in Händen hält. Und nirgends ist diese Abgrenzung so deutlich, wie in Dürrenmatts Das Versprechen – einem Roman, dessen eigener Untertitel lautet Requiem auf den Kriminalroman.
Dieses Buch ist in seinem Schaffensprozess einen sonderbaren Weg gegangen. Berühmter als der Roman an sich ist wohl der Heinz-Rühmann-Film Es geschah am hellichten Tag, zu dem auch Dürrenmatt das Drehbuch verfasst hat. Allerdings handelt es sich bei dem Film nicht wie man erwarten würde um eine etwas freiere Verfilmung des Buches. In der Tat war das Drehbuch zu dem Film eine reine Auftragsarbeit für Dürrenmatt. Der Film selbst erschien im Sommer 1958, während Dürrenmatts Roman zu dieser Zeit erst entstand, um dann im Herbst desselben Jahres herauszukommen – quasi wirklich als „Buch zum Film“.
Diese ungewöhnliche Reihenfolge macht den Vergleich zwischen Film und Buch für mich nur spannender – und in der Tat gibt es hier einiges zu vergleichen. Der größte Unterschied betrifft sicherlich das Ende der Geschichte, aber es ist sicher nicht der Einzige. Denn wenn Buch und Film im Großen und Ganzen auch dieselbe Geschichte erzählen, so fühlen sich die beiden Versionen doch grundlegend unterschiedlich an.

Das beginnt bereits beim Titel der Werke: Während der Film unter dem reißerischen Namen Es geschah am hellichten Tag erschien, hat Dürrenmatt für seinen Roman den sehr viel schlichteren, ernsteren Titel Das Versprechen gewählt – wie gesagt verbunden mit einem aussagekräftigen Untertitel. Der Titel des Buches wird übrigens bereits im Vorspann des Filmes erwähnt, ein Umstand, der andeutet, wie sicher sich Dürrenmatt schon frühzeitig in seiner Entscheidung der Namensänderung war. Und ja, der Name des Films war einer der Punkte, gegen den sich Dürrenmatt stark gewehrt hatte. Zwei seiner eigenen, sehr viel unkonventionelleren Vorschläge lauteten „Gott schlief am Vormittag“ und „Schrott geht bummern“. Zugegebenermaßen nicht die intuitivsten Namen für einen publikumswirksamen Fernsehkrimi …
Aber der Romantitel, den er schließlich gewählt hat, ging dann doch in eine ganz andere, sehr viel zurückhaltendere Richtung. Ich denke, es macht Sinn, dass Das Versprechen nun ganz speziell der Name des Buches und nicht des Films ist. Natürlich kommt die namensgebende Szene auch im Film vor, als die Mutter des ermordeten Mädchens Kommissär Matthäi das Versprechen abringt, dass er den Mörder finden wird – „bei Ihrem Seelenheil“. Aber was für den Film nur eine kurze Episode ist, um die emotionale Intensität zu steigern, stellt im Buch ein grundlegendes Handlungselement dar. Durch Matthäis Innenperspektive wird von Anfang an klar, was dieses Versprechen für ihn bedeutet, und wie mühsam er es sich abringt. Es ist gerade dieses Versprechen, das ihn dazu bringt, über alle Wahrscheinlichkeit hinaus weiter nach dem Täter zu suchen, und diesem Ziel erst seine eigene Karriere, dann die Sicherheit eines anderen kleinen Mädchens und schließlich sein gesamtes Leben zu opfern. Es ist dieses Versprechen, das den Kommissär am Ende in der Verzweiflung versumpfen lässt, unfähig, seine längst nutzlos gewordene Suche aufzugeben. Wie sein Vorgesetzter im Roman sagt: „Es ging uns jetzt eigentlich nicht mehr um das Kind und nicht mehr um den Mörder, es ging uns um Matthäi, der Mann mußte recht behalten, an sein Ziel kommen, sonst geschah ein Unglück; wir fühlten es alle“

Aber fangen wir von Anfang an.
Dürrenmatts Romanversion beginnt mit einer Rahmenerzählung, in der sich der ehemalige Chef der Kantonspolizei Zürich über die romantisierende Kunst beschwert, und darüber, dass das Lösen eines Kriminalfalls in Detektivgeschichten immer fehlerfrei und stringent funktionieren würde, losgelöst von einer Wirklichkeit, in der die Arbeit eines Polizisten lange nicht so einfach sei.
Schon dieser Prolog sollte für den Leser den Ton der Geschichte setzen. Ob er den Film nun kennt oder nicht, auf jeden Fall wird klar, dass man es hier mit einer grundlegenden Dekonstruktion zu tun haben wird.
Es geht weiter damit, dass der Polizist den Erzähler zu einer abgelegenen Tankstelle führt, die von einem alten Säufer bedient wird. Im angrenzenden Lokal sehen sie neben der älteren Wirtin ein schlampiges Mädchen mit ungepflegter Erscheinung, das dort als Kellnerin arbeitet. Und spätestens jetzt sollte jedem Filmkenner klar sein, dass hier ganz fundamental etwas nicht stimmt. Die schöne, saubere Welt des Films wurde genommen und entzweigebrochen; der Leser ist gezwungen, sich den deutschen Saubermann Heinz Rühmann als alten Säufer vorzustellen.
Es ist ein genialer Anfang, gerade wenn man die ungewöhnliche Reihenfolge von Film und Buch bedenkt. Der Prolog gibt nichts preis, er verrät dem unbedarften Leser nichts, aber für die Zuschauer des Filmes wird direkt dafür gesorgt, dass keine falschen Erwartungen aufkommen sollten. Für sie ist es gerade noch Zeit, das Buch aus der Hand zu legen, wenn sie das desillusionierende, den Film negierende Ende nicht ertragen wollen.

Dann wird die eigentliche Geschichte erzählt, die zum größten Teil genau dem Film folgt – zumindest was die reine Handlung anbelangt. Denn die Stimmung des Romans ist um einiges düsterer; alleine ja schon dadurch, dass von Anfang an klar gemacht wird, was am Ende kommt. So nimmt Matthäis Versprechen sofort eine schwere, bedeutungsschwangere Note an, und der gesamte Weg, den der Kommissär geht, um den Mörder zu finden, wird zu einem düsteren Pfad, von dem der Leser gleich wissen muss, dass er in die Irre führt.
Es ist genau das, was Dürrenmatt beabsichtigt; es ist gerade der Grund, weshalb er den Roman geschrieben hat. Dürrenmatt hat das Drehbuch zum Film als reine Auftragsarbeit geschrieben, aber dabei wurde ihm schnell klar, dass die Handlung zu süß, zu fabelhaft passend verlaufen würde. So hat er denn die Gelegenheit ergriffen, gleichzeitig einen eigenen Roman zu schreiben, in dem Bestreben, seine eigene Version der Geschichte noch einmal unverfälscht auszuführen. Dürrenmatts Das Versprechen ist kein Kriminalroman, es ist eine schaurige Charakterstudie, deren Ende schließlich so depressiv wie unausweichlich verläuft.

Warum muss denn der Ermittler in einem Krimi immer Erfolg haben? Wie realistisch ist ein Ende, in dem das Gute immer siegt, und in dem jede kluge Schlussfolgerung unweigerlich ins Schwarze trifft? In Das Versprechen hat Dürrenmatt ein Buchende geschaffen, das nicht nur düster ist, sondern sich in der Ironie des Schicksals geradezu suhlt.
Oft genug ist es in einem erfolgreichen Krimi nur ein kleiner Zufall, der schließlich auf richtige Spur führt, und dem Ermittler hilft, den Täter zu fassen – und auch in Es geschah am hellichten Tag sind mit schokoladeessenden Flugzeugnachbarn und angelnden Jungen genügend solcher Zufälle vereint. Aber was der Roman nun tut, ist mehr, als diese Zufälle auszublenden und so ein realistisches Ende zu schaffen. Dürrenmatt erschafft ganz bewusst einen neuen unrealistischen, absurden Zufall, der nur dazu dient, ein glückliches Ende abzuwenden. Das Einzige, was Matthäi am Ende davon abhält, den Mörder zu fassen, ist ein simpler Unfall, bei dem Schrott sich selbst zu Tode bringt. Der Mörder ist aufgehalten, das Mädchen ist vor der akuten Gefahr geschützt – und doch kann diese Tatsache Matthäi selbst nicht retten. Sein Leben ist zerstört, und so wird er sich den Rest seiner Tage quälen müssen, weil er das Versprechen einer Mutter nicht erfüllen konnte.
Und nicht nur ist es ein geradezu absurder Zufall, der alle Arbeit des Kommissärs zunichtemacht. Es geschieht auch durch reinen Zufall, dass Matthäis Chef viele Jahre später überhaupt von diesem Hintergrund erfährt, durch die Totenbeichte eines alten Mütterchens, das von den Taten ihres Mannes berichtet. Die Beichte kommt zu spät, um Matthäi zu retten – er befindet sich längst jenseits aller Hilfe – aber sie kommt gerade rechtzeitig, um den alten Polizeichef höhnisch zu verlachen und ihn an der Grausamkeit des Schicksals teilhaben zu lassen.

Und so endet das Buch damit, dass Dürrematt auf selbstironische Weise seinen eigenen Film verlacht. Wenn er den Polizeichef bis ins kleinste Detail ausführen lässt, wie aus dieser Geschichte ein wunderbar moralischer Film entstehen könnte, ist es selbstverständlich sein eigenes Werk, das der Autor dabei anprangert.
Dabei war Dürrenmatt mit dem Film an sich gar nicht so unzufrieden. Es ist seine Arbeit, und er hat dieses sein Werk nie wirklich verleugnet. (Ich persönlich bin mir sehr unsicher, ob Dürrenmatt die buchgetreue Verfilmung Das Versprechen mit Jack Nicholson wirklich vorziehen würde.)
Nein, Dürrenmatt steht zu seinem klassisch-schönem Fernsehkrimi mit dem zufriedenstellenden Ende. Das alles geht so weit in Ordnung, solange der Autor noch die Möglichkeit hat, sein Werk selbst richtigzustellen. Solange er mit seinem eigenen Buch klarstellen kann, dass die Wahrheit anders aussieht, dass der Zufall ebenso oft für wie gegen die Menschen arbeitet – und dass wir mit aller hehren Anstrengung Zufall und Schicksal doch niemals gefügig machen können.