Wenn mein liebstes Stück Zeichentrick die Nussknacker-Suite (insbesondere Der Tanz der Zuckerfee) in Fantasia ist, so ist das meiner Meinung nach beste Stück Animation überhaupt im selben Film zu finden: Es ist das letzte Segment, Mussorgskis Eine Nacht auf dem kahlen Berg.
Der Film Fantasia ist an sich ja schon ein reines Fest der Zeichentrickkunst. Der gesamte Film ist pure Poesie; eine aus dem Besten der Musik erschaffene Bildkunst. Und wenn die nachfolgenden Package-Filme auch einige nette Ideen beinhalten und der Nachfolger Fantasia 2000 seine ganz eigenen Vorzüge hat, so kann man doch feststellen, dass ein solch ambitioniertes Projekt seither nicht wieder in Angriff genommen wurde.

Ich habe über die äußeren Umstände und Fakten zu dem Stück in meinem Im-Schatten-der-Maus-Artikel schon genug geschrieben, so dass ich mich hier auf die reine Animation des Stückes beschränken kann. Es geht um die ungeheure Kunstfertigkeit, die in diesen wenigen Minuten Zeichentrick stecken – und ich behaupte, dass jeder, der sich Eine Nacht auf dem kahlen Berg mit offenen Augen anschaut, von dieser Kunst überwältigt sein muss.

Das beginnt schon beim allerersten Bild, wenn der einsame Berg von nächtlichen Wolken umgeben erscheint. Und sofort folgt der erste musikalische wie zeichnerische Höhepunkt: Der dunkle Gott Chernabog entfaltet sich aus der felsigen Bergspitze heraus und spreizt seine Flügel.
Es besteht kaum ein Zweifel über die Erhabenheit von Chernabogs Animation. Vom ersten Moment seines Erwachens an, wenn er in finsterer Freude den Totentanz eröffnet, bis hin zum Ende, wenn Chernabog sich in der Qual der Verdammten vor der Kirchenglocke windet, handelt es sch um Animations-, um Beseeligungskunst im Reinformat.
Aber dieses Segment erstrahlt nicht alleine durch die zeichnerischen Qualitäten der Animateure; es sind gerade auch die grandiosen Spezialeffekte, die den dunklen Hexensabbat zu einem einmaligen Werk machen. Wenn Chernabogs Schatten sich über die Häuser legt, um die düstere Seele der Stadt aufzuwecken, wenn die Geister und Skelette aus ihren Gräbern zurückkehren, um dann in einem wilden Hexenritt den Weg hinauf zur Bergspitze anzutreten, so ist der Gesamteffekt schlichtweg berauschend. Jedes Bild wirkt hypnotisierend, es sind Animationseffekte, wie man sie sonst nie gesehen hat – und dabei nutzt hier jede kleine Szene unterschiedliche Mittel, um den jeweils gewünschten Effekt zu erzeugen. Das heißt nicht, dass die Spezialeffekte die eigentlichen Zeichnungen in den Schatten stellen; das Ergebnis ist durch die unkonventionelle Kombination nur unendlich erhöht.
Und dann folgt der eigentliche Hexesabbat, und zeigt, dass auch ganz konventionelle Animation eine übersteigerte, hypnotisierende Wirkung entfalten kann. Da ist der Einsatz der Farben, die sich in den krassesten, ungewöhnlichsten Kombinationen entgegenstehen, um dennoch ein homogenes Ganzes zu bilden. Die Schattierungen, die Bild für Bild in unendlicher Mühe von Hand hinzugefügt wurden, um die Bewegungen und die Dreidimensionalität der Gestalten zu erhöhen. Bis hin zur farblichen Untermalung der Glockenschläge, die die verdammten Dämonen schmerzlich zusammenzucken lässt: Alles hier ist ungewöhnlich, provokativ, und stimmt doch perfekt überein, um einen nie gesehenen Gesamteffekt zu komponieren.
Zwischendurch wird das laute Spektakel für kurze Zeit unterbrochen durch die unvermutete Subtilität der drei Grazien; weibliche Formen, die sich im Feuer winden, klar ersichtlich und doch nie greifbar. Ein derartiger Effekt wäre mittels Computeranimation undenkbar, aber auch als Zeichentrick ist es der Gipfel der Kunst. Die Sinnlichkeit, das schmerzliche Flehen, das alleine aus dem Tanz der Mädchen heraus spricht, und im nächsten Moment die grässlichste Verwandlung und die gierige Freude des dunklen Gottes – es ist eine einmalige Szene.
Wenn am Ende des Stückes die Kirchenglocke aus der Stadt ertönt und die Geister wieder in ihre Gräber zurückkehren, so wirkt diese Szene wie ein vollkommener Bruch zu allem, was bisher war. Hier ist es gerade die konventionelle, schnörkellose Animation der Erscheinungen, die dieser Szene einen herzzerreißenden Unterton geben. Ja, gerade der grandiose, effektbeladene Anfang des Stückes sorgt dafür, dass am Ende nun mit klassischer Zeichnung der allergrößte Effekt erreicht werden kann.

Wenn ich etwas zu Eine Nacht auf dem kahlen Berg schreibe, sollte ich auch ein paar Worte auf das direkt darauf folgende Schwesterstück Ave Maria verwenden. Nach dem größten Tumult, der tiefsten Hölle, führt dieses Stück die Zuschauer zurück in sphärische Höhen, und das mit einem Minimalismus, der den idealen Kontrapunkt zu dem erlebten Hexensabbat bildet. Eine Steigerung des gerade Gesehenen wäre an dieser Stelle nicht mehr möglich – aber als bombastischer Abschluss des Filmes ist Eine Nacht auf dem kahlen Berg viel zu stark. Ave Maria übernimmt an dieser Stelle die Funktion, die heute dem Abspann in vielen Filmen zukommt. Das Stück fängt die Zuschauer ein und wiegt sie zur Ruhe, ehe der Film nach diesem Stück ohne weiteren Kommentar wirklich endet.

Das Segment Eine Nacht auf dem kahlen Berg ist schlichtweg grandios; eine einmalige Mischung von höchster emotionaler Zeichentrickkunst und nie wieder dagewesenen Effekten. Und gerade zweiteres ist wohl vor allem den äußeren Umständen zu verdanken, die zu diesem Werk geführt haben. Zur Entstehungszeit von Fantasia war der Zeichentrick eine sehr junge Kunst, die den Weg in die eigenen Kinosäle gerade erst gefunden hatte. Es war die Zeit des Ausprobierens, als Walt Disney bereit sein konnte, großzügig in neue Formen und Ausprägungen dieser Kunst zu investieren. Dieses geradezu neugierige mit-den-Möglichkeiten-Herumspielen ist in Fantasia überall zu sehen, und unter anderem die Toccata und Fuge und Das Frühlingsopfer quellen von dem Gebrauch der neuentwickelten Spezialeffekte nur so über. Und doch, nirgends zeigt sich diese Entdeckungsfreude so gekonnt wie in Eine Nacht auf dem kahlen Berg, wenn zum Teil jede kleinste Szene mit unterschiedlichsten Effekten aufwarten kann, die nur entwickelt wurden, gerade dieses Element noch stärker herauszubilden.
Vergleicht man die Spezialeffekte mit neuartigen Animationsversuchen unserer Zeit, so wird der Unterschied schnell deutlich. Der vergleichsweise junge Disney-Kurzfilm Paperman beispielsweise spielt stark mit seiner neuentwickelten Animationsform, einer Kombination aus klassischem Zeichentrick und modernster CGI-Animation. Allerdings ist das auch alles, worum es in dem Film geht – es ist offensichtlich, dass der ganze Film nur existiert, um eben diese Kunst zu vervollkommnen und zu präsentieren. Die Effekte in Eine Nacht auf dem kahlen Berg dagegen sind nicht um ihrer selbst willen vorhanden; jede neuartige Entwicklung ist rein zweckgebunden, um genau diese Stelle des Werkes bestmöglich zu unterstützen.
Sollte ich ein anderes Projekt nennen, bei dem neue Effekte auf vergleichbare Weise entwickelt wurden, nicht um die Effekte herauszustellen, sondern um sie im Gegenteil so gut wie möglich im Gesamtwerk aufgehen zu lassen, so wüsste ich nur ein einziges Beispiel fern der Animationskunst: Disneys Haunted Mansion. Nur diese – interessanterweise ähnlich schaurig gelagerte – Disneyland-Attraktion besitzt einen vergleichbaren Fundus an neuentwickelten Methoden und Kunstrichtungen, die jeden Teil des Gesamtwerkes auf ganz eigene Weise präsentieren und unterstützen.

Wenn ich mir vorstelle, wie sich die Kunst des Zeichentricks hätte entwickeln können, hätte der experimentelle Ansatz von Fantasia Erfolg gezeigt, so wird mir schwindelig. Zum einen die Möglichkeiten, die sich ergeben hätten, wenn die Effekte der Nacht auf dem kahlen Berg weiterentwickelt und perfektioniert worden wären, und zum anderen die Masse an Pfaden, die auf diesem Gebiet mit genügend Geld und Experimentierfreude noch hätten beschritten werden können – es ist ein ganz neues Spektrum an Möglichkeiten, das sich dieser Kunstrichtung hätte öffnen können. Was bleibt ist ein Animationsstück, das die Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung standen, zur Völle ausgeschöpft hat.
Eine Nacht auf dem kahlen Berg bleibt das Glanzstück nicht nur von Fantasia, sondern von einem gesamten Genre. Es ist der fulminante Höhepunkt eines einzigartigen Films, ein Meisterstück, dass es vorher so nicht gab, und auf dessen Niveau es nie wieder etwas Vergleichbares gegeben hat.