Lars von Triers Dogville ist ein seltsamer Film, egal, welche Definition man ansetzen will. Und ich will hier gar nicht anfangen, über den eigentlichen Stil zu reden; über die auf den Boden gezeichneten Kulissen, die (ganz im Sinne Brechts) selbst für eine Theateraufführung bemerkenswert minimalistisch wären. Nein, mich interessiert hier vor allem die Handlung des Films und die Vermischung verschiedener Vorlagen – diese Herkunftsgeschichte ist an sich schon sonderbar genug.
Dogville erzählt die Geschichte eines winzigen Bergdorfes, dessen Bewohner unverhofft mit der Aufgabe konfrontiert werden, einer jungen, vor der Mafia flüchtenden Frau Unterschlupf zu gewähren. Nach anfänglichem Zögern entschließt sich die Dorfgemeinde schnell, Grace in ihrer Mitte aufzunehmen und der Einsamen die Möglichkeit zu geben, ein neues Leben anzufangen. Doch mit der Zeit kehrt sich die schützende Stimmung der Dorfbewohner immer weiter ins Gegenteil, sie beginnen, Grace physisch und sexuell auszunutzen, bis sie schließlich, an ein Wagenrad gekettet, als Sklavin des gesamten Dorfes ihr Leben fristen muss. Als selbst das nicht mehr ausreicht, wird endlich der Entschluss gefasst, das Mädchen doch noch an den Mafiaboss zu verkaufen – der sich allerdings als Graces Vater herausstellt, und auf den Befehl seiner Tochter hin blutige Rache an dem gesamten Dorf verübt.

Der Film basiert frei auf zwei einigermaßen verschiedenen Werken; auf Dürrematts Theaterstück Der Besuch der alten Dame und auf Brechts Ballade Die Seeräuber-Jenny.
Wie auch im Besuch der alten Dame wird in Dogville der Absturz einer kleinen Stadt erzählt, der Weg ihrer Bewohner, die um der Versprechen von Geld und Annehmlichkeiten Willen Stück für Stück ihr gesamtes moralisches Fundament zu vergessen bereit sind. Im Angesicht der Versuchung und der gleichzeitig versprochenen Straflosigkeit werden die Menschen zu Tieren und machen sich daran, ein zuvor geehrtes Stadtmitglied langsam bei lebendigem Leibe aufzufressen.
Die Seeräuber-Jenny von Brecht ist im Gegenteil zu dem Besuch der alten Dame und zu Dogville nur ein vergleichsweise kurzes Gedicht. Sie erzählt von den Tagträumen eines kleinen Dienstmädchens (oder je nach Auslegung auch einer Hafenhure), die sich ausmalt, wie ein Seeräuberschiff die Stadt angreifen wird und sie selbst schließlich die alleinige Gewalt über die Menschen der Stadt erhält – um sie dann allesamt umbringen zu lassen.

Das Lied ist vor allem bekannt aus der Dreigroschenoper, wo es wahlweise der Bettlerstochter Polly oder der Hure Jenny zugerechnet wird. Aber auch alleine wird Jennys Geschichte öfters aufgegriffen, wie in Alan Moores Liga der außergewöhnlichen Gentlemen, wo Jenny die Tochter von Kapitän Nemo ist, und sich mit Hilfe der Mannschaft ihres Vaters an ihren Vergewaltigern und Unterdrückern rächt. Ob Jennys Lied und ihre Erwartung eine reine Wunschfantasie darstellt, oder ob sie realistisch ist, hängt also ganz von der Interpretation des Liedes ab – und das, obwohl dieser Unterschied die Bedeutung des Liedes an sich vollständig umkehrt.

Bei dem Vergleich dieser beiden Vorlagen, Der Besuch der alten Dame und Die Seeräuber-Jenny, fällt auf, dass die Werke für Dogville geradezu gegensätzlich aufgegriffen wurden. Beide Vorlagen erzählen die Geschichte einer verletzten Frau und ihrer blutigen Rache an ihrem Heimatstädtchen. Doch bei der Adaption der Seeräuber-Jenny wird Grace selbst zu dieser Frau, während bei der Adaption der alten Dame Grace eher die Rolle von Alfred Ill einnimmt, dem Ziel ebendieser Rache und Volksaufhetzung. So nimmt Grace in Dogville schließlich beide Rollen ein, die des geplagten Opfers, und die der mitleidslosen Rächerin.

Die Erklärung für diese zweigleisige Interpretation von eigentlich recht ähnlichen Ausgangswerken liegt für mich in der Überlagerung von innerer und äußerer Handlung. Rein äußerlich folgt gerade die zweite Hälfte von Dogville ganz dem Inhalt der Seeräuber-Jenny: das ausgenutzte Dienstmädchen, das sich schließlich mit Hilfe von ihr freundlich gesinnten Vigilanten an der gesamten Stadt rächt. Das geht so weit, das einer der prägnanteren Sätze des Gedichts, „Es wird keiner mehr drin schlafen in dieser Nacht“, direkt nach Dogville übernommen wurde.
Doch diese Ähnlichkeit ist wie gesagt rein äußerlich. Ob man Die Seeräuber-Jenny nun als Wunschfantasie auslegt oder als reellen Plan, in jedem Fall ist die Rache hier eine lange gehegte Überlegung, und der Groll gegen die Stadt steckt tief in Jennys Innerem. Grace dagegen verhält sich gerade gegensätzlich; wie ihr Name bereits andeutet, lebt sie in einem Zustand andauernder, übermenschlicher Vergebung und es gelingt ihr, jeden Gedanken des Zornes oder Rache ganz aus ihrem Denken zu verbannen. Die Ankunft der Mafia und die Hilfsbereitschaft ihres Vaters kommen für Grace vollkommen unerwartet, und so entspringt ihre Rache schließlich eines ganz abrupten Umschwunges ihres Weltbildes.

Stimmung und Gefühlswelt von Dogville haben also mit der Seeräuber-Jenny herzlich wenig gemein – dafür aber umso mehr mit dem Besuch der alten Dame.
So wie Dürrenmatts Theaterstück ist auch Dogville von einer harten, absoluten, ganz ins Extrem gesteigerten Stimmung erfüllt. Die eigentliche Hauptfigur von beiden Werken ist die Stadt mit ihren Bewohnern selbst; das Motiv der Versuchung und der Rache bietet nur einen Rahmen, in dem sich der Fall der Stadt produzieren kann. Dieser Fokus ist schon im Namen der beiden Stücke zu sehen. Es werden dabei keine Personen oder gar Namen in den Mittelpunkt gestellt, sondern es geht um den Besuch der Dame an sich, bzw. um die Stadt Dogville selbst.
Diese Darstellung der ins Absurde gesteigerten, zunehmend wahnsinnig werdenden Stadt funktioniert nur, wenn man sie als ein absolutes Extrem inszeniert. So sind Theaterstück wie auch Film klare Grotesken, die sich gar nicht bemühen, eine wirklich lebensecht anmutende Welt zu erschaffen. Wenn das bei dem Besuch der alten Dame noch durch sprechende Bäume und ins Stück hineingeschriebene Kulissen fest hineingeschrieben wurde, so konnte es sich von Trier bei Dogville noch leichter machen: Indem der Film als klares Theaterstück inszeniert wird, versucht er nicht eine Minute lang, dem Zuschauer eine wirklich reale Welt zu präsentieren. Es ist eine rein abstrakte Überlegung, die hier auf die Bühne bzw. auf die Leinwand gebracht wird; ein Exempel, das für den Zuschauer statuiert werden will.

Man kann nun feststellen, dass Dogville gerade zu Beginn in der Figurenentwicklung um einiges menschlicher und natürlicher erscheint als sein Vorgänger – eine Abwandlung, die dafür sorgt, dass die Veränderung des Dorfes den Zuschauer noch um einiges härter trifft. Gut möglich, dass diese Abwandlung gezielt in Hinblick auf das unterschiedlich betonte Ende konzipiert wurde. Während Alfred Ill sich am Ende vollends in sein Schicksal ergibt und durch die Hände der Güllener Bevölkerung untergeht, so wählt Grace nur scheinbar diesen Weg – ganz am Schluss, mit der unerwarteten Macht ihres Vaters in Händen, bäumt sie sich doch noch gegen ihre Unterdrücker auf und lässt sie allesamt umbringen, als Strafe für ihre bösartig-menschliche Schwäche.
Dieses Gespräch zwischen Grace und ihrem Vater über die Korrelation von Vergebung und Arroganz lässt sich wunderbar umdeuten als Gespräch zwischen Gott und dem Teufel – oder auch als theoretische Aussprache von Jesus mit seinem Vater, dem harten alttestamentarischen Gott. Nur gelingt es in diesem Fall Graces Vater, sie von seinem Stadtpunkt zu überzeugen; dass übersteigerte Gnade nur ein Zeichen von Arroganz darstellt, und dass die gerechte Bestrafung der Stadt nichts Amoralisches an sich hat.

Schaut man sich nun die finale Aussage von Dogville im Vergleich zum Besuch der alten Dame an, so scheint mir ein klares Urteil schwer zu fällen. In Güllen siegt klar die alte Dame, die Stadt zerfällt, die Menschlichkeit stirbt – es ist ein Sieg der kalten, unemotionalen Rache. Aber sieht es in Dogville nicht am Ende ganz genauso aus? Haben beide Städte – die eine reiche und florierend, die andere dem Erdboden gleichgemacht – schließlich dasselbe Schicksal erlitten?
Am Ende ist es genau das, was alle drei Werke gemein haben: Die Rache ist ausgeführt, in unbewegter geradezu toter Art – mit einem „Hoppla“, wie Jenny es ausdrückt – und der Nihilismus ist das Einzige, was am Ende bleibt. Dies scheint eben der Punkt zu sein, der diese drei ähnlichen, und doch unterschiedlichen Werke eint.