Ganz offensichtlich gelten englische Filmtitel in der heutigen Marketing-Branche als besonders sexy. Es ist klar zu beobachten, dass in der Filmbranche in den letzten Jahren ein gewisses Umdenken stattgefunden hat: Im Zuge der gleichen Entwicklung, in der alles was aus Amerika zu uns kommt als cool und stylisch gilt, werden ja ganz allgemein so viele Ausdrücke und Bezeichnungen wie möglich in ihrem englischen Original belassen.
Diese Entwicklung entbehrt nun nicht einer gewissen Ironie, bedenkt man, wie zögerlich ein großer Publikumsteil gleichzeitig ist, ganze Filme auf Englisch zu sehen. Deutschland ist und bleibt eines der Länder mit der größten Synchronisations-Kultur (und nebenbei auch mit der besten) – es sind nur die Titel der Filme, die immer mehr auch in deutschen Kinos auf Englisch dargestellt werden.

Dabei ist klar, dass die Übersetzung von Filmtiteln generell eine große strategische Komponente innehat; als Beispiel muss man sich nur die Namensgebung der letzten drei animierten Disney-Märchen anschauen. Nach dem Erfolg von Tangled wurden rasch auch die beiden Folgefilme gleichermaßen umbenannt, in Brave und Frozen. Im Deutschen dagegen wurden, auf Grund selbiger Erfahrung, alle drei Filme gleichermaßen mit einem klassischen Märchentitel versehen: Rapunzel, Merida und Die Eiskönigin.
Dabei ist Merida allerdings der erste Pixar-Film mit einer derart freien Namensübersetzung; gerade das so „coole“ CGI-Studio hat im deutschen bei mehr als einer Gelegenheit die Vermutung aufgestellt, dass englische Namen selbst bei Kindern einfach besser ankommen – und das bei so einfach zu übersetzenden Filmtiteln wie Toy Story und Cars.

Ja, es gibt Filmtitel, die schwerlich eins zu eins übersetzbar wären. Die etwas obskuren ein-Wort-Filmtitel der Christopher-Nolan-Filme kommen einem in den Sinn, oder auch mehrdeutige Begriffe wie Wicked. Die entsprechenden Titel im Zweifel einfach englisch zu belassen mag eine naheliegende Lösung sein, die dazu noch einen coolen Klang garantiert – allerdings bleibt die Frage offen, welcher Teil des Publikums Begriffe wie Inception am Ende überhaupt noch versteht. Und wenn es nicht darum geht, den Filmtitel zu verstehen, warum macht man sich dann eigentlich überhaupt noch die Mühe?
Gerade bei Wicked hat man das Problem in Japan auf ziemlich originelle Weise gelöst: Dort ist „Wicked“ schlicht der neue Name Elphabas, den sie sich nach ihrer Entwicklung zur „bösen“ Hexe selbst gibt. Eine womöglich sonderbare, aber doch sicher kreative Weise, um dem Namen auch einen gewissen Sinn zu geben.

Auf der anderen Seite des möglichen Titel-Spektrums stehen dann die eher ausufernden Titel: Namen, die an sich ganz einfach zu übersetzen wären, aber schon auf Englisch beinahe zu lang und verschroben sind, um zu funktionieren. Ein Großteil des deutschen Publikums würde heute sicher zustimmen, dass „Wie ich deine Mutter getroffen habe“ eine langwierige und eher absurd klingende Übersetzung von How I Met Your Mother wäre.
Ich würde dagegen nun als Argument anführen, dass solche Einschätzungen stark gewöhnungsabhängig sind, gerade wenn man an früher ganz selbstverständlich übersetzte Namen wie Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft denkt. Und schließlich hat auch ein englisches Publikum kein Problem mit dem genauso gestelzten Originaltitel.

Aber darin liegt ja die eigentliche Ironie des ganzen Themas: Wenn das deutsche Publikum in seinem Bestreben bestärkt wird, alles „so original wie möglich“ geliefert zu bekommen, dann wird ja gerade dieser Wunsch nicht erfüllt. Brothers Grimm ist nicht mehr und nicht weniger als die englische Bezeichnung für die Gebrüder Grimm; erst dadurch, dass der Titel auf Englisch belassen wird, erhält man im deutschen einen wirklich anderen Eindruck, als ihn das englische Publikum hat.
Und gerade bei derart einfach zu übersetzenden Namen, wird die Sinnlosigkeit dieser Entwicklung für mich überdeutlich. Wo liegt gefühlsmäßig denn der Unterschied zwischen The Others und „Die Anderen“? Wäre „Der sechste Sinn“ wirklich so viel schlimmer als das unaussprechliche The Sixth Sense?
Und es geht ja noch weiter: Meiner Meinung nach klänge „Mr. Morgans letzte Liebe“ um einiges flüssiger als Mr. Morgan’s Last Love. Hätte man sich getraut, Black Swan entsprechend zu übersetzen, dann hätten wir auf Deutsch die grandiose Alliteration von „Schwarzer Schwan“ dazugewonnen. Und schließlich: Wer um alles in der Welt ist auf die Idee gekommen, dass 127 Hours für ein deutsches Publikum interessanter klänge als „127 Stunden“? Wer auch immer es war, ich kann ihm versichern, dass die Mehrzahl der deutschen Zuschauer keine Ahnung haben, wie 127 auf Englisch korrekt ausgesprochen wird – ein Punkt, der nicht nur zu einem großen Gestotter an den Kinokassen gesorgt hat, sondern auf dazu führt, dass der Filmtitel in den Köpfen der deutschen Zuschauer aus einem obskuren mehrsprachigen Mischmasch besteht.

Interessanterweise sind es wirklich nur die neuen Medien – Filme, Serien, Computerspiele – die von dieser Entwicklung betroffen sind. Bei Büchern ist dieser Trend vielleicht im einen oder anderen Ausrutscher zu beobachten, aber ganz allgemein sind und bleiben Buchtitel doch deutsch – was in Fällen wie Into the Wild bzw. In die Wildnis wiederum zu einem Kontrast zwischen Buch- und Filmtitel sorgt.
Ich frage mich, ist es also wirklich der reine „Coolness-Faktor“, der die Synchronstudios zu dieser Übersetzungsfaulheit führt – ein Faktor, den Bücher traditionell sehr viel weniger nötig haben? Ist es eine Kettenreaktion, die nach dem Prinzip „Wir tun es wie alle anderen“ erfolgt? Und machen diese englischen Titel die Filme für ein deutsches Publikum wirklich interessanter? Oder doch einfach nur nichtssagender?